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Ultras – Die einzig wahren Fans?

Die Ultras sind im Fußballstadion eine relativ neue Gruppe. Einst in Italien in Mode gekommen, gibt es sie unter dieser Bezeichnung seit einigen Jahren auch in Deutschland. Sie bereichern die Stadionatmosphäre durch zum Teil witzige Choreographien und Gesang. So weit, so gut. Aber gab es früher, in den Sechziger- und Siebzigerjahren eigentlich keine Stimmung im Fußballstadion? Herrschte eine Konzertatmosphäre, bei der man das leise Hüsteln aus dem gegenüberliegenden Oberring schon als Ausbruch unkontrollierter Emotion empfand? Als jemand, der grundsätzlich, ohne nach Wetter, Gegner oder Sinn zu fragen, seit 1963 ins Stadion geht, egal ob 600 Zuschauer (Tasmania-Gladbach 0:0) oder 88.000 Zuschauer (Hertha-Köln 1:0) dabei sind, kann ich mit ruhigem Gewissen behaupten, dass Hysterie, Wahnsinn und Lärm auch ohne Ultra-Choreographie und hauptamtlichen Megaphon-Einpeitscher schon immer Bestandteil der Stadion-Atmosphäre waren. Ein nicht unwesentlicher Teil der Ultras scheint jedoch in Unwissenheit dieser Tatsachen sich und ihre Inszenierungen für das eigentliche Event und das nebenher ablaufende Fußballspiel nur als Aufhänger für die Darstellung ihrer eigenen Großartigkeit anzusehen. Dass es vielen gar nicht um Fußball geht, sieht man daran, dass die Einpeitscher oder Vorsänger 90 Minuten mit dem Rücken zum Spielgeschehen agieren. Kein Interesse oder sehen sie sich als Märtyrer („Einer muss es ja machen!“)? Riesige Fahnen, die nicht nur beim Torjubel, sondern teilweise während des gesamten Spiels geschwenkt werden, verdecken die Sicht für viele Fans. Ist die Sicht auf das Spielfeld egal, Hauptsache die Fahne weht im Wind? Bei Protesten, wenn es um die Sache aller Fußballanhänger (Anstoßzeiten) oder die eigenen Belange geht (Pyrotechnik, Kontrollen…) bestraft man die eigene Mannschaft mit Liebesentzug, indem man später ins Stadion strömt oder die Anfeuerung verweigert. Emotion nicht spontan, sondern als kopfgesteuerte Äußerung?

Die Ultras fordern den Dialog! Völlig in Ordnung – sprechen ist immer gut. Aber für wen sprechen die Ultras eigentlich? Doch nicht für die Mehrheit der Zuschauer. Die meist in den Kurven, bzw. hinter dem Tor stehenden Ultras (Kurven gibt es ja kaum noch), machen ungefähr ein Viertel der Zuschauer aus. Dieser Anteil bleibt in etwa gleich, denn dass es sooo toll mit der ewigen Treue von vielen Ultras nicht ist, sieht man daran, dass bei schlechtem Wetter, an verkaufsoffenen Wochenenden, wenn Sebastian Vettel in der Stadt ist oder der eigene Verein dreimal hintereinander nicht gewonnen hat („Scheiß-Millionäre“), nicht nur der „normale“ Zuschauer zu Hause bleibt, sondern auch die Zahl der Ultras dementsprechend abnimmt. Viele derjenigen, die in ihrem hormongesteuerten jugendlichen Überschwang der Gefühle (Ultras sind in der Mehrheit unter 30 Jahren) ihrem Verein ewige Treue schwören, werden in zehn Jahren die Spiele, wenn überhaupt, nur noch sporadisch vor dem Fernseher auf der Couch verfolgen, weil die Familie…, der Beruf…, das Wetter…

Nicht jeder ist eben ein Fan im Hornbyschen Sinne, der sich seinen Verein nicht ausgesucht hat, sondern sozusagen mit dem Verein ganz selbstverständlich, wie mit dem jährlichen Weihnachtsbaum oder der Geburtstagsfeier mit Freunden, lebt, da sind die Ultras ganz normaler Durchschnitt. Beweis? Wenn’s anders wäre, läge das Durchschnittsalter der Kurvenfans nicht in den Zwanzigern sondern bei ca. 50 Jahren.

 

Die Mehrheit der Zuschauer, die sich für das Spiel an sich interessiert, hat mit dem Ultras-DFL-Dialog wenig zu schaffen. Und wer legitimiert jemanden ultraintern, für den Rest zu sprechen? Hat der Lauteste, der Klügste oder der, der am längsten dabei ist, das Sagen? Demokratisch legitimiert scheint mir da niemand zu sein, und dass es schnell Zoff zwischen verschiedenen Fraktionen gibt, konnte man während der Spiele nach dem 12.12. feststellen, als die einen zaghaft anfeuerten und die anderen standhaft schwiegen. Von „Scheiß-Verrätern“ war schon die Rede. Hoffentlich wird durch die Winterpause das Mütchen soweit gekühlt, dass sich die verschiedenen Fraktionen nicht noch die Schädel einschlagen.

Insofern sollte man die Debatte wieder auf den Boden der Tatsachen holen: Die Ultras sind Anhänger/Fans, die, nur weil sie lauter und organisierter auftreten, nicht bessere Fans sind, als der Dauerkartenbesitzer in der Oberring-Geraden. Und wenn sich die Ultras darauf besinnen, dass es nicht um sie, sondern um das Fußballspiel geht, können auch wieder alle gemeinsam für (noch bessere) Stimmung im Stadion sorgen.

Gibt es Farben, die es nicht gibt?

Die Geschichte der Trikotmode ist so alt wie der Fußball selbst. In der neunundvierzig-einhalbjährigen Zeitspanne der Bundesligaexistenz haben wir an Formen und Farben alles sehen können, was das Herz begehrt und was es auf gar keinen Fall begehrt: Die goldenen Seidentrikots der Dortmunder Borussia in frühen Europapokalspielen gegen Benfica Lissabon, waren sicher ein Highlight. Die diagonal rot-weiß geteilten Hemden des 1.FC Köln waren modern, später fand man sie hässlich, heute sieht man sie als Retromode schon mal wieder. Schmale Streifen, breite Streifen, horizontal oder vertikal, runde Kragen, Schnürkragen, Borten, Bündchen, eng oder flatterig geschnitten, alles schon dagewesen!

Tiefpunkt der auch von der Werbung des Sponsors beeinflussten Trikots war der regenbogenartig-diagonale Faberlook des VfL Bochum und das schmutzige Camouflagehemd des FC St. Pauli. Das an die Müllabfuhr erinnernde Orange von Energie Cottbus nahm man vor etlichen Jahren gelassen hin, weil man von Cottbus eben nicht mehr erwartete. Dass dieses Orange auch mit Werdergrün korrespondieren könnte, war zwar theoretisch nicht vorstellbar, setzte sich aber in der Praxis überraschender Weise in den letzten Jahren durch.

Aber das Überschreiten dieser Grenze darf nicht hingenommen werden: Werder Bremen hat zum schmutzigen Orange das ehemalige Grün in einer Weise variiert, dass man dabei unwillkürlich an das Blut des gequälten Wiesenhof-Geflügels denken muss, in das die Hosen getaucht wurden und das durch Kapillarwirkung in die Hemden gezogen ist. Eine größere Beleidigung für das nicht farbenblinde Auge ist kaum vorstellbar und man fragt sich, ob es sich um fehlenden Geschmack, eine ehrliche Werbestrategie (wofür, wofür bloß…) oder die maßlose Sucht nach Neuem, egal um welchen Preis, handelt.

Wiesenhof als Trikotsponsor hat zu einigen Austritten von Vereinsmitgliedern geführt. Es scheint, dass der Kreator der neuen Farbe nur das Wort „Kot“ in Trikot gesehen hat. Werder, du warst mal Sympathieträger…

Vorfreude ist die schönste Freude

Hertha macht wahr, was Jos Luhukay, der Prophet, im August sagte: Sie sind schwer zu schlagen. Die unvermeidliche Folge ist mit Rang 2 ein direkter Aufstiegplatz. Das kann so bleiben, das kann sogar noch besser werden (Braunschweig wird wohl noch abbauen), aber was, wenn nicht? Dann könnte wahr werden, wovon alle Nicht-Herzkranken träumen: Zwei Relegationsspiele am Ende der Saison. Gegner? Zwei Lieblingskandidaten drängen sich auf:
Nach dem 12 Spieltag war es Fortuna Düsseldorf. Die schwanken um diesen Tabellenplatz 16 und peilen ihn realistischerweise an. Ich freue mich schon auf einen möglichen freundlich-friedlichen Platzsturm drei Minuten vor dem Ende. Damit der Schiedsgerichtsbarkeit des DFB keine Zweifel über den Charakter des Ereignisses kommen, werden vor Spielbeginn 70.000 smiley-Masken an die Zuschauer verteilt, die sie vor dem Sprung in den Innenraum aufsetzen müssen. Als Schiedsrichter könnte man vielleicht Babak Rafati zu einem Comeback überreden…
Als zweiter Wunschgegner und Kandidat auf Platz 16 drängt sich immer mehr die TSG Hoffenheim in den Vordergrund. Eine Relegation gegen eine von Markus Babbel betreute Mannschaft würde den einen oder anderen Herthaner nicht wenig ergötzen, sind doch noch diverse Rechnungen nicht beglichen. Einen Haken hat diese Wunschvorstellung: Bleibt Hoffenheim im Tabellenkeller, ist Markus Babbel im Mai dort nicht mehr Trainer. Schade eigentlich…

Wen die Götter lieben…

Wenn ich ins Stadion gehe, bin ich neunzig Minuten lang konzentriert bei der Sache. Ich beteilige mich nur halbherzig an Laolas, komme nicht zwölf Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit vom Bierstand und verlasse das Stadion auch nicht vor dem Abpfiff (seit ich 1980 drei Tore in den letzten fünf Minuten verpasst habe, das ist aber ein anderes Thema…).

Ich gebe aber zu, dass ich von dem Tor von Alex Alves nur die letzten drei Meter der 52m langen Flugbahn gesehen habe, weil ich durch ein anschwellendes Raunen im Stadion aus einer Diskussion über das unnötige 0:2 des 1.FC Köln gegen Hertha gerissen wurde. In unzähligen Wiederholungen habe ich aber später das Tor des Monats und des Jahres, unverschämter Weise direkt vom Anstoß aus erzielt, in voller Schönheit sehen dürfen.

Alex Alves befindet sich jetzt im brasilianischen Fußballhimmel, gemeinsam mit Garrincha und Socrates und kann sich mit den beiden ebenfalls viel zu früh gestorbenen, gescheiterten Fußballhelden über verprasstes Geld, die Probleme des Ruhms und Brasiliens Chancen bei der WM 2014 unterhalten.

Alex Alves wird von den meisten als ein besonders bizarres Element der scheinbar unendlichen Reihe teurer Fehleinkäufe von Herthas Ex-Manager Dieter Hoeneß angesehen. Er war jedoch alles andere als das. Er hat in 81 Spielen innerhalb von dreieinhalb Spielzeiten immerhin 25 Tore geschossen, womit er den 11. Rang in der Hertha-Bundesligatorschützenliste belegt. Seine Schusstechnik, bei der er das Schussbein kurz nach dem Ballkontakt stoppte, wodurch er auf merkwürdige Weise einen unglaublich starken Impuls auf den Ball übertrug, war einmalig und sensationell. Ebenso einmalig war sein weißer Fellmantel, mit dem er sich bei der stets verspäteten Rückkehr aus der Winterpause zu zeigen pflegte, sowie sein Copoeira-Tänzchen nach dem Torjubel, den er allerdings meist alleine zelebrierte, weil die Mannschaftskollegen Angst vor Kopfverletzungen hatten.

Alex Alves hatte das Potential zum Weltklassespieler. Dass er jetzt mit nur 37 Jahren an Krebs gestorben ist, passt ins traurige Bild dieses Lebens, nachdem die Millionen, die er im kalten Deutschland verdient hatte, genauso schnell wieder weg waren, wie der deutsche Schnee in brasilianischer Sonne schmilzt. Die Goldmünze, die er für das Tor des Monats erhielt, sollte versteigert werden, um Behandlungskosten, die er selbst nicht aufbringen konnte, zu übernehmen. Wenn ihm sein reicher Bruder keinen Grabstein spendiert, könnte das Geld vielleicht dafür angelegt werden…

Fußball ist ein Mannschaftssport

Der Sport – und vor allem seine Berichterstattung – sind sehr anfällig für Floskeln und Phrasen. Ob der Pokal nun seine eigenen Gesetze hat oder die Zuschauer an den Hängen und Pisten standen:  Tausendmal gehört – tausendmal hat`s nicht gestört. Aber einer dieser ewig wiederholten Sprüche ist so absurd, so unsinnig und so falsch, dass ich laut aufzuheulen pflege und immer kurz davor bin, meinen hervorragenden 29 Jahre alten Grundig-Fernseher vom Balkon zu werfen (was meine Frau freuen würde, weil ich dann endlich dem Kauf eines großen Flachbildapparates zustimmen müsste).

Neulich, als Pizarro drei Tore gegen Lille schoss, hörte ich es wieder und am nächsten Tag war es natürlich schwarz auf weiß nachzulesen: „Pizarro hat Lille fast alleine besiegt!“ Ohne das Wörtchen „fast“ wird die Redewendung zwar noch häufiger benutzt, aber auch so zeugt sie entweder von mangelnder Kreativität des Schreibers, diesen wahrlich nicht besonders originellen Satz zu wiederholen, oder von unglaublicher Ahnungslosigkeit das Spiel betreffend. Denn alleine hätte Pizarro ca. 182:0 verloren, und auch, wenn er noch Manuel Neuer in Bestform als Unterstützer gehabt hätte, wäre ein 76:0 ein denkbares Resultat. Um diese wettbewerbsverzerrenden Ergebnisse auszuschließen, gibt es ja auch die Regel, dass mindestens sieben Spieler einer Mannschaft auf dem Platz sein müssen, d.h, wenn Herr Stark nach einer zünftigen Rauferei in einem außer Kontrolle geratenen Relegationsspiel fünf Spieler eines Teams vom Platz stellt, muss er abbrechen und kann nicht einmal nach anschließendem friedlichem Platzsturm weiterspielen lassen.

Dass selbst mit sieben gegen elf Spieler ein Match kaum gewonnen werden kann, weiß jeder, der schon mal einen Ball gesehen hat. Bei zehn gegen elf hilft manchmal die Psychologie, neun gegen elf kann man kaum gewinnen, ist aber schon vorgekommen, aber allein gegen elf…Moment, ich muss mal eben meinen alten Grundig…..

Jupp Heynckes für Joachim Löw?

 

Oft wird meine Angewohnheit belächelt, Zeitungen nach dem Weihnachtsbuchgeschenk-Prinzip zu lesen: Erst mal beiseite legen und irgendwann drin schmökern. Manchmal hat diese Marotte aber auch ihre guten Seiten. So konnte sich die Fassungslosigkeit über das 4:4 der deutschen Nationalelf gegen Schweden langsam legen und einer distanzierten Betrachtungsweise weichen. Diesen Vorteil hat Nik Afanasjew offensichtlich nicht genutzt, behauptet er doch im Tagesspiegel vom Freitag, den 19.10. über Jogi Löw: „Seine Zeit als Cheftrainer ist abgelaufen.“

Immerhin hatte auch Herr Afanasjew ein bis zwei Tage Zeit, über seinen Artikel nachzusinnen, so dass nicht der gesamte Unsinn, den er schreibt, dem noch zeitnahen Eindruck der Vorkommnisse vom Dienstagabend im Olympiastadion geschuldet sein kann. Neben vielem anderen wirft Afanasjew Löw hauptsächlich die Titellosigkeit bei drei (mit 2006 vier) großen Turnieren vor, wofür eine „Atmosphäre der harmlosen Harmonie“ innerhalb der Mannschaft verantwortlich sei (leider geht`s bei uns nicht zu wie bei den Franzosen!). Nicht individuelle Fehler einzelner (Abwehr-) Spieler sondern die „schleichende Breisgauisierung der Nationalelf“ sei dafür verantwortlich, dass seit 1996 kein EM- oder WM-Titel mehr nach Deutschland geholt wurde. Gibt es in England eigentlich auch einen Breisgau, der für die 56-jährige Erfolglosigkeit des Nationalteams verantwortlich ist? Und herrscht in der Holländischen Elf zwischen blassen und dunklen Spielern zuviel Harmonie oder wie sonst ist deren Freiheit von großen Triumphen seit nunmehr 24 Jahren zu erklären?

Mit welcher penetranten Arroganz muss man eigentlich ausgestattet sein, um vor jedem Turnier Titel zu fordern? Können die anderen eigentlich nicht Fußball spielen? Gibt es einen Völkerrechtsparagrafen, nach dem jeder zweite Titel an Deutschland zu gehen hat? Bei den letzten vier Turnieren jeweils im Halbfinale gewesen zu sein (was nicht mal die Spanier geschafft haben): ist das kein Erfolg?

Titel bei einem Turnier kann man nicht planen; und schon Sepp Herberger erklärte uns, dass die Menschen nur deshalb zum Fußball gehen, weil sie das Ergebnis vorher nicht kennen.

Wenngleich man natürlich über die eine oder andere Aufstellung oder nicht erfolgte Einwechslung diskutieren kann – wir sind ja alle Bundestrainer – ist Herr Löw der letzte, dem man verpasste Titel vorwerfen kann.

Dass Afanasjew den Wechsel von Sammer zu Bayern als „Gleichschaltung der Nationalelf-Führungsebene“ sieht und allen Ernstes Jupp Heynckes, der besonders in den beiden letzten Jahren von Titeln förmlich erschlagen wurde, als Nachfolger von Löw vorschlägt, deutet allerdings darauf hin, dass es sich bei dem Artikel um eine genial konstruierte Satire handelt, deren Aussage ich nur nicht verstanden habe.

 

Klaus Becker

 

www.tiefedesraums.wordpress.com

Goldener Oktober

Der Oktober ist kein Monat, auf den man mit Spannung wartet, es sei denn, man ist jünger als dreißig und feiert seinen Geburtstag noch, weil das dicke Ende des Lebens das Bewusstsein noch nicht erreicht hat. Morgens ist es dunkel und falls man abends nach der Arbeit noch Sport treiben möchte, ist es schon wieder dunkel oder, wenn es noch hell sein sollte, regnet es oder es ist kalt oder windig, nein: den Oktober kann man vergessen (im Gegensatz etwa zum November, da gilt alles genauso, wie im Oktober, nur ein bisschen schlimmer, aber man kann sich wenigstens auf das bevorstehende Weihnachtsfest, den Beginn des neuen Jahres und den bald kommenden Sommer freuen).

 

Herthafreunde haben sich dieses Jahr ganz besonders auf den Oktober gefreut, kündigte doch der neue Trainer mit der verschatteten Oberlippe an, dass die Mannschaft ab Oktober unschlagbar sei! Das hatte er zwar nie gesagt und es war nur das übliche Wort-im-Mund-Verdrehen einer bestimmten Spezies von Journalisten, wurde aber von vielen für bare Münze genommen und bisher ist auch die verfälschte Prognose voll eingetroffen. Der 3:0-Sieg gegen 1860 München war der bisherige Höhepunkt einer sich müde dahinschleppenden Saison.

 

Was Luhukay wirklich gesagt hat, war, dass Hertha ab Oktober nur noch schwer zu schlagen sei. Diese Aussage sagt genau genommen nichts aus. Denn in der Abstiegssaison 2009/2010 war Hertha auch meist nur ganz schwer zu schlagen, was die vielen 0:1-Niederlagen zuhause eindrücklich beweisen. Aber da 0:1 immer als verloren zählt, auch wenn es dem Gegner sehr schwer gefallen ist oder die Niederlage hauptsächlich durch die  konsequente Arbeit der Anti-Hertha-Dreifaltigkeit Gagelmann/Kirchner/Rafati zustande kam: Schwer zu schlagen zu sein kann eben auch heißen, jedes Spiel zu verlieren. Insofern ist es der Boulevardpresse mit ihrer Sucht, aufgebauschte oder verfälschte Aussagen zu veröffentlichen, zu verdanken, dass  mit dem nichtigen Satz („schwer zu schlagen“) ein Ziel ausgegeben wurde („nicht zu schlagen“), das zwar den gesamten Saisonverlauf betreffend völlig unrealistisch ist, immerhin aber die Mannschaft unter einen Zugzwang gesetzt hat, der  offensichtlich leistungsfördernd wirkte. Es spricht für Jos Luhukays Arbeit, dass er diesen Druck in positive Energie umzuwandeln in der Lage war, denn wie wir alle wissen, kann Druck auch das Gegenteil bewirken.

Für alle Journalisten, die eine Schlagzeile brauchen, möchte ich hiermit ausdrücklich erklären: Bei gleicher Punktausbeute in den kommenden 25 Spielen (2,0 pro Spiel) ist Hertha nur schwer am Aufstieg zu hindern!

„50“ Jahre Bundesliga

 

Der Richter fragt den Zeugen vor Beginn der Befragung: „Wie ist Ihr Alter in vollen Lebensjahren?“, worauf meist einem ungläubigen Erstaunen ein Zögern, Nuscheln und in der Mehrzahl der Fälle trotz anwesendem Dolmetscher die Nennung einer falschen Zahl folgt (der Richter, dieser Scharlatan, fragt ja nicht, weil er nicht weiß, wie alt der zu Vernehmende ist, das hat er ja schwarz auf weiß vor sich liegen, sondern um ihn klein und unsicher zu machen).

 

Der Thailänder sagt von sich, wenn er zweiundvierzig ist, dass er dreiundvierzig ist, würde bei unserem Richter also auf gehörigen Widerspruch treffen („Wiiiieeee alt sind Sie?“), denn er (der Richter) kann ja nicht wissen, dass der Thailänder, wenn er geboren wird, schon ein Jahr alt ist, weil null Jahre (das sagt bei uns natürlich niemand, sondern vier Tage, sieben Wochen oder sechs Monate) eigentlich auch unsinnig, obwohl mathematisch korrekt ist. Wie kann ein Mensch null Jahre alt sein, dann existiert er doch gar nicht….

 

Wie dem auch sei: Dass mit unglaublichem Werbeaufwand (Extra-Logo der DFL!) der 50. Geburtstag der Bundesliga gefeiert wird, entspricht entweder Unverständnis gegenüber Zahlen oder demselben Wahnsinn wie beim Jahr 2000-Wechsel, nur dass diesmal nicht der Weltuntergang prophezeit wird und dass der Fehler eindeutig und offensichtlich ist: Zwar befinden wir uns tatsächlich in der fünfzigsten Bundesligasaison (hat schon mal jemand sein fünfzigstes Lebensjahr gefeiert?), der „50. Geburtstag“ der Bundesliga findet aber erst, wie jeder ohne Mobiltelefon aufgewachsene Fußballinteressierte weiß, im August 2013 statt, was ich zu schwören bereit bin, weil ich im August 1963 nämlich am ersten Spieltag im Stadion war und Hertha gegen den 1.FC Nürnberg 1:1 spielen sah (die Mannschaftsaufstellung weiß ich noch weitgehend auswendig: Tillich – Lothar Groß…)

 

All das Jubiläumsgetöse und Statistikgeprahle kann man getrost in der Pfeife rauchen oder als Nichtraucher wahlweise in die Tonne treten: Wiedervorlage in 11 Monaten und dann bitte richtig!

Söldnertum, Kontinuität und Identifikation – Wie lange bleibt der Profi im Verein?

In meinem Fußball-Sammelalbum der ersten Bundesligasaison sind sie alle versammelt, von Egon Loy, Winfried Kohlars und  Leo Wilden bis zu Theo Redder, Uwe Seeler und Eberhard Borchert. Von Uwe Seeler mal abgesehen waren das eher Spieler aus der zweiten und dritten Reihe des Bundesligafußballs, der in seinen ersten Jahren eine Konstante hatte: Die Spieler stammten überwiegend aus der Stadt, für die sie spielten. Beim HSV liefen fast nur Hamburger Jungs auf und bei Hertha waren zum großen Teil waschechte Berliner am Ball. Ausländer wie Petar Radenkovic waren die absolute Ausnahme.

Wie wir alle wissen, änderte sich das insofern, als zuerst die deutschen Spieler dem Handgeld hinterher quer durch die Republik wanderten, bis nach dem Bosman-Urteil immer mehr Spieler durch (billigere?) Ausländer ersetzt wurden mit dem Höhe- bzw. Tiefpunkt, als Energie Cottbus ohne deutschen Spieler auflief.

Obwohl im Zahlenverhältnis Deutsche/Ausländer seit einigen Jahren eine gewisse Trendwende zu erkennen ist, muss man feststellen, dass der immer schnellere Wechsel der Spieler von Verein zu Verein (wahrscheinlich auch durch die unselige Existenz der Spielerberater, die an jedem Wechsel mitverdienen, forciert) nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel geworden ist. Undenkbar, dass ein Spieler heute ein Angebot von Real Madrid, wie einstmals Fritz Walter (Millionenangebot, umgerechnet nach heutigem Wert eine unfassbare Summe!) zugunsten lebenslanger Vereinstreue ausschlägt.

Aber zum Pferdesport gehören Ross und Reiter! Es sind natürlich nicht nur die geldgierigen Spieler, die gerne für ein Jahr im Hotel wohnen, um dann weiterzuziehen, nein, auch die Manager und Trainer sind ständig auf der Suche nach angeblichen oder tatsächlichen Verstärkungen und würfeln so ihre Mannschaften, teilweise auch von Medien und Fans auf der Jagd nach schnellem Erfolg getrieben, ständig durcheinander, den großen Vorteil einer eingespielten Truppe (aktuell: Eintracht Braunschweig!) außer Acht lassend. Im Gegensatz zur ständig beschworenen Kontinuität und dem soliden Aufbau der Mannschaft stehen die Fakten:

Im Mittel bleibt ein Bundesligaspieler nur ca. drei Jahre bei seinem Verein! Dieser Durchschnittswert (Angaben errechnet nach der Saison 2012/2013-Beilage von „11 Freunde“) wird noch durch Exoten wie Nikolov (seit 21 Jahren) oder Spielern, die kurz nach der Geburt in den Verein eintraten und ihm jetzt mit 22 schon 17 Jahre angehören, wie Diego Contento von Bayern, zum Längeren hin verfälscht.

Welcher Verein hat den schnellsten „Durchlauf“?  Nicht Magaths VfL Wolfsburg, der steht mit 2,46 Verweiljahren der Spieler auch gut im Kampf um die blecherne Anti-Kontinuitäts-Medaille da, nein, es ist Aufsteiger Fortuna Düsseldorf mit dem Wahnsinnsschnitt von 1,50 Jahren im Verein! Da wechselt ein Manager fast die ganze Mannschaft aus, die gerade erfolgreich aufgestiegen ist! Kann das gut gehen? Will der Fan das? Kann er sich mit der Söldnertruppe identifizieren? Die Zuschauerzahlen sagen zwar „ja“, nicht jedoch die Seele des Anhängers. Sollte Düsseldorf trotz des gelungenen Starts absteigen, muss sich niemand wundern.

Kontinuierlicher Aufbau heißt für mich nicht, 10 Spieler zu verhökern und 12 neue anzuheuern, sondern pro Jahr drei bis vier sorgfältig ausgesuchte zu verpflichten, von denen ein oder zwei den Sprung in die Stammelf schaffen. Dann hätte man einen Vereinszugehörigkeits-Schnitt von fünf bis sechs Jahren und der Fan müsste nicht halbjährlich Energie fürs Rückennummern-auswendig-Lernen des eigenen Vereins verbraten.

P.S.: Welcher Verein hat übrigens die höchste Kontinuität? Doch, doch: Bayern München mit 4,30 Jahren!

Übersicht über die durchschnittliche Vereinszugehörigkeits – Dauer in Jahren:

1) Bayern München 4,30
2) Bayer Leverkusen 4,03
3) Eintracht Frankfurt 4,00
4) Borussia Dortmund 3,89
5) Bor. Mönchengladbach 3,67
6) Hannover 96 3,59
7) SC Freiburg 3,03
8) Mainz 05 3,03
9) Werder Bremen 2,93
10) Schalke 04 2,79
11) VfB Stuttgart 2,67
12) HSV 2,62
13) Greuther Fürth 2,59
14) VfL Wolfsburg 2,46
15) FC Augsburg 2,13
16) 1.FC Nürnberg 2,07
17) 1899 Hoffenheim 1,86
18) Fortuna Düsseldorf 1,50

Was sind „Eigene Gesetze“?

20.8.2012

Was sind „Eigene Gesetze“?

Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne! So hat das Schlechte auch oft sein Gutes: Trotz einer gegen Null tendierenden Erwartungshaltung, musste ich anderthalb Stunden mit ungläubigem Erstaunen erleiden, wie Hertha BSC wieder einmal in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen einen mehrere Klassen tiefer spielenden Gegner ausschied. Auf dem Heimweg, bei 35 Grad auf dem Fahrrad vom gemeinsamen TV-Sehen heimwärts strampelnd, kam mir die Idee, aus der Not eine Tugend zu machen: Ich werde ein Buch schreiben mit dem motivierenden Titel: „Pleiten – Pech – Pokal, Herthas unendliche Geschichte eines fortgesetzten Scheiterns“.

Fast alle dieser Spiele durfte ich erleben, sei es im Stadion, in voller, quälender Länge live im TV oder gnadenreicherweise nur als kurze Zusammenfassung.

Eines werfe ich mir übrigens auch nach dreißig Jahren noch vor: Dass ich das wohl berühmteste aller Zeugnisse von Überheblichkeit, Nachlässigkeit und Arroganz, die Niederlage gegen TuS Langewehe in der Saison 81/82 (Uwe Klimaschewski war einen Tag später Ex-Herthatrainer),  fahrlässig versäumt habe: Es war mir zu kalt. Seitdem gehe ich auch bei minus zehn Grad ins Stadion, man weiß ja nie…

Dieses Buch darf auf keinem Geburtstags- oder Weihnachtsgabentisch, besonders von Schalke- und Union-Fans fehlen. Hertha-Anhänger sollten ein dickes Fell oder eine große Portion Gleichgültigkeit gegenüber den entscheidenden Dingen des Lebens mitbringen, wenn sie sich an die Lektüre heranwagen wollen.

Jetzt muss nur noch der Herbst kommen und ich setze mich sofort an die Recherche – momentan ist es einfach zu heiß zum Schreiben – und für Pokalspiele gegen unterklassige Vereine.