Bleibt Dardai noch lange Hertha-Trainer?

Der Zähler tickt und ist mittlerweile bei vier angekommen. Pal Dardai hat es selber so formuliert: Bei sechs Niederlagen in Folge bist du als Trainer weg! Das heißt, dass nach einer erwarteten Niederlage in Hoffenheim nur noch das anschließende Heimspiel gegen Hannover am Ostersonntag bleibt, um das Maß mit einer sechsten Niederlage hintereinander nicht vollzumachen. Wer aber Hertha auch nur marginal kennt, weiß, dass es der Verein ist, der Gegner, die einen schlechten Lauf haben, immer wieder aufgebaut hat. Da kam Köln in der vorigen Saison ohne Sieg ins Olympiastadion und fuhr mit dem ersten Saisonsieg nach Hause. Noch dazu im Pokal, was Herthas Ambitionen auf das Endspiel dahoam wieder einmal begrub (vor Jahren passierte Hertha gegen den gleichen Gegner das gleiche – Geschichte wiederholt sich eben manchmal doch. Leider!) Insofern kann man nur beten, dass Hannover am 29. Spieltag gegen Mönchengladbach gewinnt, damit es nicht Hertha wäre, die am darauffolgenden Spieltag mit tödlicher Sicherheit den unfreiwilligen Niederlagenserienkiller geben würde.

Wäre das das Ende der Ära Dardai (denn von einer solchen muss man natürlich schon reden, ist er doch jetzt bereits der Hertha Trainer mit den drittmeisten Spielen (145) nach Helmut Kronsbein (311) und Jürgen Röber (206))? Nicht zwingend, denn zum Einen ist der Hertha-Manager ein alter Spielerkumpel des Trainers und zum Zweiten wäre es absolut sinnlos, den Trainer vier Spieltage vor dem Saisonende hinauszuwerfen. Apropos hinauswerfen. Da Dardai laut Verein ja gar keinen begrenzten Vertrag hat, kann er auch nicht so ohne weiteres gekündigt werden. Wahrscheinlicher wäre es, dass Dardai selbst um die Versetzung in seine geliebte Nachwuchsabteilung bitten würde. Dann könnte mit Michael Hartmann oder/und Zecke Neuendorf gleich der nächste frühere Spieler der Liga zeigen, wie die Besetzung des Trainerpostens auch funktionieren kann.

Aber noch ist es zu früh zum Spekulieren: Hertha hat in Hoffenheim nicht die Spur einer Chance und gerade deshalb wäre ein Unentschieden gar keine so große Überraschung…

Erinnerungen an 1971…

Lutz Rosenzweig schrieb sinngemäß in der Nachbetrachtung zum Spiel Hertha BSC gegen Arminia Bielefeld am letzten Spieltag der Saison 1970/71, das die Ostwestfalen überraschend gegen den Tabellendritten Hertha mit 0 : 1 gewannen, dass man an ein verschobenes Spiel glauben könnte, wenn es nicht die Hochachtung gegenüber jedem einzelnen Sportsmann in den Reihen der Herthaner verbieten würde. Lutz Rosenzweigs düstere Ahnung trog nicht, wohl aber seine Einschätzung in Bezug auf die Charaktere der Spieler.

Das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf erinnerte auf merkwürdige Weise an die Vorkommnisse vom Mai 1971. Die Spieler haben sich damals wie heute ja nicht fünf Bälle selber ins Tor gelegt, sondern mitgespielt. Aber eben nicht richtig. Eher wie in einem Freundschaftsspiel oder im Abschlusstraining vor einer WM, in dem sich niemand mehr verletzen möchte. Auch wenn Trainer Dardai behauptet, dass alle Werte wie Laufleistung und Zweikampfführung für Hertha sprächen, kann man daran nur wieder einmal bestätigt sehen, wie Statistiken lügen können. Wenn in einem Spiel, in dem jeder Mitwirkende doppelt motiviert sein und wegen der 1:4-Hinspielniederlage und dem 0:5-Dabakel in Leipzig auf Wiedergutmachung brennen muss, bis auf Per Skjelbred alle Spieler wie sediert über den Platz schleichen, könnte man schon an Böses denken. Allerdings weiß heute jeder Bundesligaspieler, die ja im Durchschnitt über eine Million Euro (brutto) Jahreseinkommen haben, dass man auch in noch so tollkühnen Wettmanipulationen niemals ein Äquivalent für eine zerstörte Karriere gewinnen kann. Andererseits liegt der alte Skandal so viele Jahrzehnte zurück, dass es gar nicht überraschen würde, wenn einige ganz Dumme glauben, dass sie klüger als alle anderen sind, denn jede Generation macht ihre eigenen schlechten Erfahrungen neu…

Um es klarzustellen: Für Wettbetrug gibt es nicht die geringsten Anhaltspunkte, bis auf das weichgespülte, uninspirierte Gekicke vom Sonnabend. Klar ist jetzt auch, dass das Saisonziel nicht mehr erreicht werden kann, denn der neunte Platz ist schon unerreichbar weit entfernt. Kann wenigstens die Rückrunde besser als im letzten Jahr absolviert werden? 19 Punkte holte Hertha im vorigen Jahr (Hinrunde 24), was 43 Punkte ergab. Auch in dieser Saison holte Hertha mit teilweise begeisterndem Fußball 24 Hinrundenpunkte. Um besser zu sein, müsste Hertha also noch 9 Punkte einfahren, was in der Addition 44 Zähler ergäbe. Bei Heimspielen gegen Hannover und Stuttgart und einem Auswärtsspiel gegen Augsburg (die sich gegen den Abstieg zerreißen werden) auf dem Papier machbar, wenn man davon ausgeht, dass in Hoffenheim und Frankfurt sowie beim traditionellen 2:6 zum Saisonabschluss gegen Leverkusen nichts zu holen sein wird.

Aber wer weiß: Vielleicht gibt es ja schon in Hoffenheim, wo nun wirklich alles für eine (hohe) Hertha-Niederlage spricht, eine positive Überraschung…Wie sagte einst Hall-of-Fame-Trainerlegende Sepp Herberger: „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht…“

Jogi Löws schwere Entscheidung

Auf der Pressekonferenz zum Serbien-Spiel sagte Bundestrainer Löw, dass ihm die Entscheidung, Hummels, Boateng und Müller aus der Nationalmannschaft zu eliminieren, persönlich sehr schwer gefallen sei. Ja, um Himmels Willen, warum macht er es dann? Niemand hat ihn gezwungen! Oder etwa doch? Gibt es hinter den Kulissen die Ansage, dass er Tabula Rasa machen muss, wenn sein Stuhl nicht wackeln soll? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass der Job des Bundestrainers nach dem Papst und dem/der SPD-Vorsitzenden der schönste der Welt ist. Und einer der sichersten noch dazu. Denn wurde ein Bundestrainer überhaupt schon mal entlassen?  Ja, Jupp Derwall, Berti Vogts und vor allem Erich Ribbeck unselig gingen nur auf größeren Druck der Öffentlichkeit und selbst Sepp Herberger war nach dem frühen Aus in Chile 1962 nach 28 Jahren als Reichs- und Bundestrainer nicht mehr ganz unumstritten. Aber entlassen? Der DFB ist doch nicht der HSV!

Also: Warum rief der gute Jogi seine Bayern-Weltmeister nicht einfach an und teilte ihnen mit, dass er mal die EM-Quali mit jüngeren Kräften beginnen wolle, dem Nachwuchs eine Chance u.s.w., dass würden sie doch sicher verstehen und sie sollten bitte, bitte nicht eingeschnappt sein. Wenn es mit dem Nachwuchs nicht klappe, würde er sich beizeiten wieder melden. Aber nun: Die Tür ist zugeschlagen und es gibt kein Zurück. Zumindest nicht ohne Gesichtsverlust. Und wenn sich nun Süle, Stark und Co. verletzen? Spielt Neuer dann nicht nur Libero, sondern auch Innenverteidiger?

Eine fahrlässige, unnötige Entscheidung war es vom Jogi und vielleicht wird es ihm noch mal leid tun, wenn es gegen Weißrussland und die Nordiren nicht so läuft, in der EM-Qualifikation…Eins ist aber klar: Entlassen wird auch Jogi Löw nicht werden…

Hertha und die zwei Halbzeiten

1207 Spiele hat Hertha seit der Saison 1963/64 in der 1. Fußball-Bundesliga mal mehr, mal weniger erfolgreich absolviert. Davon gab es vielleicht ein Dutzend Spiele, in denen die Mannschaft von der ersten bis zur 90. Minuten begeisternden Fußball gespielt hat. Die Normalität des grauen Bundesliga-Alltags sieht anders aus: Hertha spielt eine Halbzeit grottenschlecht oder langweilig und eine Halbzeit passablen bis guten oder manchmal auch sehr guten Fußball. Nicht immer weiß man von vorneherein, ob die gerade gesehene sportliche Übung der blau-weiß-gestreiften Fußballer schon zur guten oder noch zur schlechteren Kategorie zählte. Die erste Halbzeit gegen Mainz war so ein Rätsel. Das uninspirierte Gekicke war kaum mit anzusehen, aber manchmal kommt es trotzdem noch schlimmer. Nicht so in diesem Spiel: Nach dem Eigentor unmittelbar nach der Pause ging doch noch so was wie ein Ruck durch die Mannschaft und auch ohne Weltklasseleistung gewann man noch, sodass der regelmäßig das kalte Olympiastadion Besuchende zufrieden den Heimweg antreten konnte, auch wenn er noch vor kurzem singend versprochen hatte, keinesfalls nach Hause zu gehen.

Ähnlicher Ablauf gegen Freiburg. Auch wenn die Breisgauer im Dreisamstadion schwer zu bespielen sind, ist es doch keine Übermannschaft und wenn man von vorneherein weiß, dass die Freiburger wie gedopt über den Platz rennen und pressen werden, müsste es möglich sein, dagegen ein Mittel zu entwickeln. Nichts davon in der ersten Hälfte. Dann aber, wie üblich, sah man die andere Seite von Hertha: Ansehnliches Offensivspiel, zwar kein überragendes Tempo, was auch schwer ist, wenn sich 21 Spieler in einer Spielfeldhälfte herumtreiben, aber folgerichtig das Ausgleichstor. Eigentlich hätte man nur bis zum Ende so weiterspielen müssen, um einen weiteren Auswärtssieg einzufahren, leider kam mal wieder ein Eigentor dazwischen. Pech!

In den nächsten beiden Spielen wird die Mannschaft mit nur einer guten Halbzeit nicht bestehen, denn Dortmund und Leipzig haben noch ein Ziel in dieser Saison, was man von Hertha eigentlich nicht behaupten kann. Es sei denn, der von Manager Preetz gewünschte einstellige (also neunte) Tabellenplatz wird als solches angesehen. Immerhin: Wenn man sich jedes Jahr um einen Platz steigern würde, könnten wir im Mai 2027 mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor flanieren…

Die Pressekonferenz, eine Zeitvernichtungsmaschine

Zeit, insbesondere die kurze Lebenszeit von uns Menschen, vergeht auch ohne große Anstrengung. Man kann die geringe Zeitspanne, die den Menschen schon bei der Geburt von seinem Tode trennt, sinnvoll verbringen (z.B. schlafen, essen, Quizduell spielen oder Fußballspiele ansehen) oder sinnlos vergeuden, z.B. sich Pressekonferenzen von Bundesligisten ansehen. Noch nie, seit die DFL in irgendeinem Kleingedruckten den Vereinen vorschrieb Pressekonferenzen durchzuführen, wurde auf einer solchen Veranstaltung auch nur ansatzweise eine vorher nicht bekannte Tatsache bekanntgegeben, mit Ausnahme vielleicht, dass ein Herr Struuunz eine leere Flasche sei, aber auch das wussten nicht nur Insider schon vorher. Für Fragen nach verletzten Spielern, der erwarteten Zuschauerzahl, ob die Mannschaft das Spiel eigentlich gewinnen wolle und ähnlichen geistvollen Ausbrüchen, benötigte man eigentlich keine Pressekonferenz, zumal die Antworten auf der Hand liegen: Der Kreuzbandriss ist nach drei Wochen noch nicht verheilt, es kommen so viele Zuschauer wie immer und das Spiel will man keinesfalls gewinnen, ein Unentschieden wäre das höchste der Gefühle. Auch die Frage nach der Taktik wird jedes Mal mit der alten Sepp-Herberger-Floskel beantwortet, dass der Journalist/die Journalistin (auch wenn keine Frau im Raum/der Räumin ist) doch bitte nach dem Spiel kommen solle, dann würde sie der Trainer gerne erklären.

Bei Pal Dardai und Michael Preetz verhält es sich nicht anders. Woche für Woche die gleiche Bekanntgabe von Bekanntem und Ausweichen bzw. Antwortverweigern bei echten Fragen.

Aber neulich gab es eine Abweichung von der großen Leerstelle: Pal Dardai antwortete noch ernsthaft auf die für einen Fußball-Bundesligisten wichtige Frage nach dem Karneval in Ungarn (nämlich dass er nicht so ausgeprägt sei wie im Rheinland, eher etwas für Schulkinder sei). Anschließend war er kurz davor zuzugestehen, in der nächsten Pressekonferenz mit einer etwas schlüpfrigen Verkleidung aufzutreten. Unter zwei Voraussetzungen: Erstens muss er noch Monika fragen, ob er das darf, was nicht allzu schwierig sein dürfte und außerdem müsste Hertha am Wochenende „richtig“ gewinnen, was ja wohl ein Sieg mit mindestens drei Toren Differenz bedeutet. Daran wird es also leider scheitern, wenn man sich die 16 Ergebnisse der Hertha gegen Mainz im Olympiastadion ansieht: Zwar stehen acht Siegen fünf Unentschieden und nur drei Niederlagen gegenüber, aber in den letzten vier Heimspielen siegte Hertha lediglich zweimal, verlor aber auch zwei Spiele. Demnach wäre jetzt ein Sieg an der Reihe, der aber erfahrungsgemäß nur mit einem oder höchstens zwei Toren Unterschied ausfällt. Der 5:0 Heimsieg von Hertha gegen Mainz datiert aus dem Jahr 1994, da war wohl Eberhard Diepgen noch regierender Bürgermeister, auch wenn es zwischen beiden Tatsachen keinerlei kausalen Zusammenhang geben dürfte.

Fazit: Pal Dardai als Piroschka auf der nächsten Pressekonferenz dürfte ein heimlicher Wunschtraum bleiben…

Großzügige Hertha

Weihnachten ist schon lange vorbei und Ostern noch nicht annähernd in Sicht: Trotzdem meint man bei Hertha BSC, dass man sich Freunde schaffen kann, wenn man auch zwischendurch das eine oder andere Geschenk darreicht. Im Spiel gegen Werder Bremen waren es mal eben zwei Zähler, die in der 96. Minute verschenkt wurden. Erst ein überflüssiger Freistoß an der Strafraumlinie und dann ein Abfälschen von Lazaro, der wohl der einzige Mensch auf der Welt ist, der weiß, was er dort, fünf Meter vor dem eigenen Tor, gesucht hat. Im Interview erzählt er noch wutentbrannt, dass man beim Freistoß auch mal die Eier hinhalten muss, auch wenn’s weh tut. Was Eier auf dem Boden zu suchen hatten, wo der Ball lang flog, ist unklar, vielleicht dachte er doch schon an Ostern…

Die Geschenkeliste der Herthaner in dieser Saison ist lang:

In Wolfsburg am dritten Spieltag hat man kurz vor Schluss das 2:1 erzielt, um in der 90. Minute doch noch ein Tor mit Ansage zu kassieren: Zwei Punkte verschenkt.

In Düsseldorf hört man nach einem Platzverweis auf mitzuspielen, einen Punkt könnte man gegen einen damals so limitierten Gegner auch in Unterzahl holen.

In Stuttgart führt man und hat den Gegner so im Griff, dass beim Ringen längst abgebrochen worden wäre. Hertha verweigert die Arbeit im 2. Durchgang und verliert das Spiel noch: Drei weitere Pünktchen auf dem Silbertablett serviert. Dem Gegner hat’s geschmeckt.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, was Herthas sozial durchaus anerkennenswerte Spendierlaune angeht, sind das acht Punkte, die ohne Not weggeschenkt wurden. Bei also durchaus möglichen 40 Punkten (statt 32) stünde man einen Punkt hinter den Champions-League-Plätzen auf einem sicheren Euro-League-Platz an 5. Stelle.

Vielleicht sind die Hertha-Spieler ja von der Bibel-Losung überzeugt, dass Geben seliger denn Nehmen sei. Sehr ehrenhaft. Eventuell hoffen sie auch, dass gutes Beispiel Schule macht und sie in entscheidenden Saisonmomenten vom Gegner auch mal beschenkt werden. Und wenn einem nichts mehr einfällt, kann man immer noch Sepp Herberger selig zitieren: „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt!“  In Zeiten des annähernd geldfreien Sports ist das sicher auch so gewesen. Toll, wie auch junge, tätowierte Hertha-Spieler mit modischen Frisuren die Traditionen der Fünfzigerjahre hochhalten…

 

 

Lusti geht

So ganz nebenbei und kaum wahrnehmbar wurde die Meldung veröffentlicht, dass Fabian Lustenberger Hertha im Sommer verlassen wird. Es wäre nicht mal den Stromverbrauch für den Computer wert, um über einen der vielen Spieler, die außer ihrer Karriere und dem Bankkonto nur wenig im Sinn haben, zu schreiben, wenn er einen Verein verlässt oder zu ihm kommt. Aber Lusti ist ja nicht irgendein Spieler. Er spielt momentan seine zwölfte Saison bei Hertha, und weil diese Zahl so ungewöhnlich ist, stellt man sie lieber in Buchstaben statt in Ziffern dar. Wie viele Spieler haben mehr Spielzeiten bei Hertha verbracht (wir zählen die Jahre in den Jugendmannschaften nicht mit) als Fabian Lustenberger? In der 56-jährigen Hertha-Geschichte seit Bundesliga-Gründung waren es genau DREI Spieler, die länger das blau-weiße Trikot getragen haben, nämlich Andreas Schmidt (15 Jahre), Christian Fiedler (14 Jahre), beides Berliner Jungs, die immer bei ihrem Verein blieben (und Andreas Schmidt, Lieblingsspieler von Trainer Röber, ist es im Aufsichtsrat ja noch heute) und Pal Dardai (14 Jahre). Wenn Lusti also von den 440 Spielern, die bis zum Beginn der laufenden Saison eingesetzt wurden, auch knapp die Bronzemedaille verfehlt hat, wird er im Olympiastadion eine Lücke hinterlassen und sei es nur beim Rufen des Namens, das mit „Lu-sten-ber-ger“ immer gerne viersilbig holprig zelebriert wurde. Wenn Lusti jetzt in die Schweiz zurückgeht, so ist das seine gute und weise Entscheidung, denn man sollte noch aus freien Stücken gehen und nicht warten, bis man vom Hof gejagt wird. Aber auch in der Schweiz, wenn er einstmals wieder ohne Gewissensbisse Skifahren kann, wird er immer ein Berliner bleiben, ob er das will oder nicht…

Wie schlägt man die Bayern?

Seit Jahren gehört sie ins Pflichtenheft für jeden Erst- und Zweitligisten: Die Rasenheizung! Gut bespielbare Plätze, unabhängig von der Jahreszeit, war die Idee, die zum verpflichtenden Einbau dieses Hilfsmittels gehörte. Dass das ein frommes Wunschdenken praxisferner Funktionäre blieb, liegt natürlich daran, dass gleichzeitig eine annähernde Komplettüberdachung der Stadien verpflichtend wurde, welche wegen der Verschattung das Wachstum des Rasens beeinträchtigt und so oftmals schon nach drei Regenspielen einen schlammähnlichen, seifigen Untergrund entstehen lässt, auf dem sich eher Rugbyspieler oder Wrestlingkämpfer*Innen wohlfühlen würden, als sensible Fußballtechniker.

Nürnberg hat am vergangenen Wochenende angedeutet, dass man, wie so oft im Leben, aus der Not auch eine Tugend machen kann. Der eine Strafraum war im Spiel Nürnberg gegen Hertha, wohl durch den Ausfall der Rasenheizung in diesem Bereich, ordentlich mit Raureif überzogen, sodass alle Spieler dort Standprobleme hatten. Zwar fielen auf der grünen Seite drei von vier Toren, aber gerade das könnte ja ein Hinweis auf die Schwierigkeiten aller Spieler, also sowohl der Angreifer als auch der Abwehrspieler sein.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob ein Spiel auch stattfinden kann, wenn ein Spielfeld ganz oder teilweise nicht mehr den heute üblichen Ansprüchen genügt? Wenn die Rasenheizung einfach mal kurz vor Spielbeginn ausfällt. Z.B. am Tag vor dem Pokalspiel von Hertha gegen Bayern München? Wenn der Boden zu hart sein sollte, könnte man ja vorsichtshalber einige Schneekanonen, die in Tirol in diesem Winter wohl nicht mehr gebraucht werden, in den Katakomben des Olympiastadions deponieren, das Spielfeld am Vortag (oder besser in der Nacht, wenn niemand zusehen kann) mit einer schönen, zehn Zentimeter hohen Schneedecke verzaubern und den Bayern ihre spielerische Überlegenheit zwar beim Schneemannbauen gönnen, ansonsten aber mit Kampf und Einsatz die Roten bremsen, wenn die Schneeschicht den Ball nicht genug bremst.

Die Frage nach der Fairness solchen Handelns stellt sich insofern nicht, als Herr Hoeneß auch noch nie durch besondere Rücksichtnahme aufgefallen ist, wenn es galt, konkurrierenden Vereinen die besten Spieler wegzukaufen, um sie anschließend auf der Ersatzbank versauern zu lassen.

Vor dem Pokalspiel sollte allerdings geklärt sein, ob ein grüner Rasen, d.h., eine funktionierende Rasenheizung, heutzutage Pflicht ist. Ansonsten geht es den Herthanern mit Sicherheit so, wie im frühen Winter 1971 im Pokalspiel gegen Gelsenkirchen, als sie sich auch im Recht wähnten (und es auch vor ordentlichen Gerichten, nicht aber vor dem DFB-Sportgericht waren), und das Spiel am grünen Tisch verloren, weil sie einen angeblich nicht spielberechtigten Spieler, Zoltan Varga, einsetzten. Damals fand der 3:0-Sieg Herthas übrigens, wenn die Erinnerung nicht täuscht, auch auf Schneeboden statt. Ganz ohne Kanonen…

Macht eine Schwalbe schon den Sommer?

Endlich startet Hertha furios in eine Rückrunde, denken viele Fans nach dem souveränen Sieg beim 1. FC Nürnberg. Aber abgesehen davon, dass Hertha wieder den alten, oft gesehenen Fehler machte, sich nach einer Führung ausruhen zu wollen und den Gegner aufzubauen, muss man berücksichtigen, dass der Club keinesfalls Erstligaformat besaß. Selbst ein Zweit- und Drittligist kämpft im Pokal wenigstens und versucht das Spiel der technisch überlegenen Mannschaft zu zerstören. Davon war beim Club, für den jedes Spiel ja eine Art Pokalspiel mit k.o.-Charakter ist, nichts zu sehen. Man sollte sich also davor hüten, diesen Sieg überzubewerten. Erst wenn aus den nächsten drei Spielen gegen Gelsenkirchen, Wolfsburg und Mönchengladbach wenigstens vier Punkte geholt werden (im Vorjahr war es nur einer gegen diese Mannschaften) könnte man von einem gelungenen Rückrundenstart sprechen.

In der Saison 14/15 holte Hertha ganze 18 Punkte in der Hinrunde und dann 3 Zähler in den ersten vier Spielen der Rückserie, wovon zwei Spiele unter Dardai als Cheftrainer (der auf Luhukay  mit dem Auswärtssieg in Mainz folgte) stattfanden. 15/16 hatte Hertha 32 Punkte nach der Hinrunde, aus den ersten vier Rückrundenspieltagen wurden aber nur 3 Punkte geholt. 16/17 war das Verhältnis 30 Punkte und vier, 17/18 waren es 24 Punkte und drei. Wenn es in diesem Jahr sieben Punkte aus den ersten vier Spielen wären, könnte man davon ausgehen, dass die Rückrunde besser wird als in den bisherigen vier Serien unter Dardais Regentschaft. Auch wenn die Zahlen beim Blick in die Vergangenheit weniger wert sind, als die Prozentergebnisse der SPD unter Willy Brandt in den Sechziger- und Siebzigerjahren bei der Vorausschau auf die kommenden Landtagswahlen, kann ein gelungener Start doch so viel Selbstvertrauen freisetzen, dass eine Rückrunde mit 24 Punkten nicht unmöglich sein muss. Wenn dann nicht wieder der halbe Kader verletzt sein wird, könnte Hertha durchaus auf einen Platz in der Europa-League spekulieren. Auf die nächsten drei Spiele kommt es also an…

Wie wird Herthas Rückrunde diesmal?

In der letzten Fußball-Woche ist ein schönes Foto abgedruckt, das Salomon Kalou in einem Luftduell mit einem Gegenspieler zeigt. Wer das Spiel, aufgrund eines gehässigen Hinweises eines Freundes, am Fernsehapparat verfolgen musste, kann sich nicht erinnern, dass auch nur irgendein Herthaner einen einzigen Zweikampf in der 45-minütigen Spielzeit absolviert hat. War die erste Garnitur im sogenannten Telekom-Cup noch knapp gegen Gladbach unterlegen, so zeigte niemand, der im zweiten Spiel gegen Düsseldorf auf dem Platz stand, dass er ernsthafte Ambitionen hat, in der zweiten Saisonhälfte professionell Fußball zu spielen. Man kann nur spekulieren, woran es liegt, wenn Spieler, die doch so gerne Stunk wegen zu geringer Einsatzzeiten machen, nicht das Geringste dafür tun, um diesen Zustand zu ändern. Man kann doch nicht nur auf entsprechende Verletzungen von Mitspielern hoffen, oder, wie es Darida vorgemacht hat, durch robuste Zweikampfführung im Training, aktiv dazu beitragen. Vielleicht liegt die Nichtleistung auch am zu harten oder am zu laschen Vorbereitungstraining, wer weiß? Eventuell war das Trainingslager in der kalten Heimat Schuld. In früheren Jahren lag es allerdings an der Hitze in der Türkei, dass die Umstellung auf den deutschen Winter nicht gelang. Man kann nur hoffen, dass sich die alte Theaterweisheit von der schlechten Generalprobe und der guten Premiere bewahrheitet. So schlecht wie die Generalprobe war, müsste Hertha in Nürnberg allerdings schon zweistellig gewinnen, um die Redewendung zu verifizieren.

Wie sieht denn nun die ernsthafte Kaffeesatzleserei in Bezug auf die Rückrunde aus?

Wenn man die Vorsaison betrachtet, liegt Hertha gegen die gleichen Gegner (Absteiger gegen Aufsteiger ausgetauscht) mit acht Punkten im Plus. Würde Hertha die Ergebnisse der letzten Spielzeit wiederholen, müssten die Blau-weißen 30 Punkte holen, was dann 54 Zähler ergäbe und in jedem Fall einen Euro-League-Startplatz, im günstigsten Falle sogar ein Schnuppern an den Champions-League-Plätzen ermöglichte. Aber ist das realistisch? Dazu müsste erstmal in Nürnberg gewonnen werden, was bei aller fairen Aufbauhilfe Herthas für minderbefähigte Vereine in der Hinrunde nicht selbstverständlich wäre. Dortmund müsste zuhause geschlagen werden, Leipzig auswärts. Und in Frankfurt und heimwärts gegen Leverkusen gewinnt man auch nicht nebenbei. Es sieht also, nach objektivem Ermessen, eher nach 20 als nach 30 Punkten für die Rückrunde aus. Ein Glück nur, dass Fußball mit objektiven Maßstäben nicht zu fassen ist. Einigen wir uns gütlich in der Mitte, Hertha holt 25 Punkte und ist mit dann 49 Zählern am Ende deutlich besser als letztes Jahr. Und was will man mehr…