Wann kommt die erste Niederlage?

Die hundert Punkte, die die euphorisierten Hertha-Anhänger aufgrund des überragenden Saisonstarts im Blick haben, können auch nach dem 0:0 in Kiel noch erreicht werden, ebenso wie das „Ungeschlagensein“. Aber realistisch ist diese Variante des Saisonverlaufs natürlich nicht und die meisten Sänger sind sich dessen bewusst und singen den Song mit einer gewissen Selbstironie, einer Eigenschaft, die dem Fußballfreund normalerweise fremd ist.

In der ersten Liga hat Bayern München (natürlich !) einmal 91 Punkte erspielt und einmal 90 Punkte, genau wie Leverkusen in der Meistersaison. In der zweiten Liga hält Hertha selber den Rekord mit 76 „Punten“, wie der damalige Trainer Luhukay mit niederländischem Akzent formulierte. Die Frage, die sich stellt, ist also nicht ob, sondern wann Hertha das erste Mal verliert. Angesichts der letzten Leistungen, einem glücklichen 2:1 gegen spielerisch überraschend gute Fürther und einem etwas unglücklichen 0:0 in Kiel, nach zwar überlegenem aber doch nur durchwachsenem Spiel, scheint die Anfangs-Unbekümmertheit etwas gewichen. Kommt jetzt, angesichts realer Aufstiegsphantasien, wieder das typische Hertha-Syndrom, Drucksituationen nicht standhalten zu können? Wir werden es sehen.

Wundern würde es aber niemanden, wenn schon gegen Bielefeld, spätestens aber in Kaiserslautern oder allerspätestens gegen Wolfsburg das erste Spiel verloren ginge. Was auch keine Katastrophe wäre: Mit derzeit 22 Punkten nach 8 Spieltagen fehlen nur noch 18, um den Abstieg zu vermeiden, 29 Punkte, um mit 51 Punkten soviel zu holen wie in der vergangenen Saison mit allen Stars und vielleicht 42 Punkte aus 26 Spielen, um einen Aufstiegsplatz belegen zu können. Das wären 1,6 Punkte pro Spiel. In der letzten Saison holten die Männer unter Trainer Leitl 1,5 Punkte im Schnitt.. Eine Quote, die machbar erscheint.

Möglich ist mit der neuen Hertha also alles. Herthafreunde genießen den Augenblick, denn eins ist sicher: Selbst wenn gegen Bielefeld verloren werden sollte, Hertha bliebe auch nach dem neunten Spieltag Tabellenführer. Wer hätte das zu Saisonbeginn gedacht…

Mal so, mal so

Vier Punkte aus drei Spielen ist nicht das, was die Fußballnation nach der Installation von Wunschtrainer Klopp erwartet hatte. Das Problem scheint scheint tiefer zu liegen, als dass es durch ein neues Gesicht auf der Trainerbank behoben werden könnte, denn es sind leider immer noch die Spieler die in erster Linie für ein Ergebnis verantwortlich sind. Der Trainer hat nicht gesagt, dass sie langweiligen, pomadigen, ideenlosen Fußball gegen Griechenland spielen sollen, sondern das genaue Gegenteil davon. Da Kloppo aber nicht selber spielen kann, abgesehen davon, dass er es als Spieler nur zu mittleren Erfolgen in der zweiten Liga brachte, müssen die Spieler umsetzen, was der Meister fordert. Das gelingt nicht immer. Gegen Holland ganz ordentlich, gegen Griechenland überhaupt nicht und gegen Serbien durchaus sehenswert.

Aber auch früher, als laut Gary Lineker die Deutschen am Ende immer gewonnen haben, passte nicht alles:

In seliger Vorzeit schied man 1936 gegen Norwegen aus dem Olympischen Turnier aus. Hitler sah sich danach nie mehr ein Fußballspiel an, was allerdings niemanden störte.

1938 bei der WM schied man gegen die Schweiz aus, weil Deutsche und Österreicher (ausgerechnet Österreicher!) sich nicht mit einer politisch verordneten Zwangsgemeinschaft abfinden konnten.

1967 scheiterte der spätere Europa- und Weltmeistertrainer Helmut Schön mit einem 0: 0 in Tirana gegen Albanien, das damals, im Gegensatz zu heute, ein echter „Kleiner“ war, in der Europameisterschafts-Qualifikation.

Bundestrainer Jupp Derwall wollte 1982 von Gijon aus nach Hause wandern, wenn die Mannschaft Algerien im Auftaktmatch der WM nicht schlagen würde. Deutschland verlor 1:2 und Derwall wanderte nicht. Immerhin rappelte man sich und erreichte noch das Endspiel, das dann gegen Italien, um Gary Lineker Lügen zu strafen, mit 1:3 verloren wurde.

Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. In der deutschen Länderspielgeschichte gab es immer wieder Spiele, die langweilig, pomadig und ideenlos waren und das wird auch in Zukunft so sein. Der einzige Unterschied zu früheren Zeiten ist die schon einige Zeit dauernde Erfolglosigkeit bei großen Turnieren. Wenn es Klopp, nachdem er seine beiden Sichtungskader auf Normalmaß eingedampft hat, schafft, bei einer EM oder WM ins Halbfinale vorzudringen, wird man ihm auch das eine oder andere schwache Spiel verzeihen. Dass er im Vergleich mit Flick und Nagelsmann der bessere Motivator ist, wird niemand bestreiten. Und um Griechenland im Rückspiel in der Nations League auch auswärts zu schlagen, ist viel mehr als die richtige Einstellung nicht nötig. Schaun mer mal…

Spitzenreiter, Spitzenreiter…

Das ist nicht mehr mein Verein: Da herrscht bestes Fußballwetter, das Stadion ist (fast) voll und Hertha kann mit einem Sieg die Tabellenführung übernehmen. NIE in den letzten zwanzig Jahren hätte Hertha so ein Spiel gewinnen können. Und im September 2026, mit einer Mannschaft, die von Vielen eher im Abstiegskampf verortet wurde, weil sich die Verantwortlichen erstmals dem Wahnsinn mit jährlich 10 bis 12 Neuzugängen verweigert hatten (ob aus Einsicht oder dem notwendigen Sparzwang sei mal unbewertet)? Da gewinnt die „Rumpftruppe“ gegen eine starke Magdeburger Mannschaft, weil sie es wollte. Dem bedingungslosen Kampfgeist wurde zwar in der zweiten Halbzeit Tribut gezollt, als sich einige Spieler kaum noch auf den Beinen halten konnten (Eitschberger, Thorsteinsson…) aber mit etwas Glück wurde der Sieg über die Zeit gerettet. Immer in den letzten Jahren hätte Hertha in den Schlussminuten noch ein Gegentor bekommen. Aber in dieser Saison ist bisher alles anders. Wie gesagt, das ist nicht mehr mein Verein, sondern der, den man immer haben wollte.

Und der Berliner Weg? Mit Gersbeck, Eitschberger und Gechter, sowie den eingewechselten Dardai und Klemens und dem ausgewechselten Gouram machte der Berliner Anteil 35 % der Spielzeit aus. Welcher Profiverein kann da mithalten?

Wohin das alles noch führen wird, ist unklar. Man kann den derzeitigen Lauf auch negativ sehen und sagen, dass man 12 Punkte gegen den Abstieg geholt hat. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Mannschaft von Spiel zu Spiel an Selbstvertrauen gewinnt und sich im Idealfall lange in der Spitzengruppe festsetzen kann. Ob es am Schluss zum Aufstieg reicht, sei mal dahingestellt. Immerhin: 100 Punkte sind noch möglich…

100 Punkte…

Dass Hertha nach dem Absprung von sechs Stammspielern mit zwei Siegen in die neue Saison starten würde, hätten nicht einmal Ultras aus der Ostkurve nach dem Konsum eines überdurchschnittlichen Quantums berauschender Getränke zu hoffen gewagt. Noch viel weniger der gemeine Herthaanhänger, der sich selbst als Realist bezeichnen würde. Nun ist aber genau das passiert und alle drehen durch. Von 100 Punkten ist die Rede, die die neue, junge, kampfbereite Herthamannschaft holen wird oder zumindest holen soll. Ein ambitionierter, sicher nicht ganz ernst gemeinter Plan, bei 102 im Laufe der Saison zu vergebenden Punkten. Zumal unklar wäre, gegen wen denn bitteschön nicht gewonnen werden würde? Nach alter Hertha-Art natürlich gegen den dann real existierenden Tabellenletzten. Aber nichts ist in dieser Saison normal.

Kommen wir mal alle runter und überlegen, was denkbar ist. Natürlich kann sich die Mannschaft, durch den Saisonstart beflügelt, im oberen Tabellendrittel festsetzen und später eventuell sogar um den Aufstieg mitspielen. Schließlich hat man mit Seguin, Brekalo, Zeefuik, Sessa (bisher die Überraschung der Saison!), Gersbeck, Dardai, Kolbe und anderen auch viele erfahrene Spieler in den Reihen, ohne die ein Aufstiegsrennen, besonders im letzten Saisondrittel, nicht erfolgreich durchgestanden werden kann. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Kader bisher (die Transferperiode schließt ja erst Ende August, es muss sich noch was tun!) zu dünn ist, um mehrere Ausfälle zu verkraften, selbst wenn andere Jugendspieler neben Gouram (Lum, Hidebrandt, Ndi…) einschlagen könnten.

Wenn aber der Hype nicht allzu lange anhält und sich die Mannschaft mittelfristig zwischen Platz 6 und 10 einpendeln sollte, darf man nicht den Stab über dem Team brechen und enttäuscht sein. Alles was besser wäre, käme einer Sensation gleich. Und gegen den Abstieg wird die Mannschaft, Stand heute, wahrscheinlich nicht spielen.

Und wie ist das mit den 100 Punkten? Seit Einführung der Drei-Punkte-Regel 1995/96 hatten die Meister der 2. Bundesliga wenigstens 61 Punkte (2 Mal) und höchstens 76 Punkte, nämlich Hertha BSC im Jahre 2013 mit Jos Luhukay als Aufstiegstrainer. Im Schnitt erreichte der Meister in 31 Jahren mit 67,5 Punkten sein Ziel. Und da bekanntermaßen auch der zweite Platz für den Aufstieg reicht, sind nicht mal diese 67 Punkte nötig.

Aber 100 wären schon besser…

Wo steht Hertha?

Zum 64. Mal begeht der Blogschreibende nach jenem August 1963, als es ein 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg gab, die mehr oder weniger feierliche Eröffnung einer neuen Saison. 40 Mal durfte in der 1. Liga angestoßen werden, heute zum 19. Mal in der 2. Liga, dreimal begann die Saison in der Regionalliga Berlin (damals 2. Liga) und zweimal in der Amateuroberliga Berlin, also drittklassig.

Seit dem Abstieg 2023 hat Hertha jedes mal, aus unterschiedlichen Gründen, den Saisonstart verpatzt. Da wäre es ein Wunder, wenn Hertha ausgerechnet heute Abend, nach dem Verkauf des halben Kaders mit einer verstärkten U19-Mannschaft und noch dazu in Bochum, mehr als einen Blumentopf gewinnen könnte. Während die Gesamtbilanz gegen Bochum mit 20 Siegen, 15 Unentschieden und 21 Niederlagen bei 92 : 94 Toren nahezu ausgeglichen gestaltet ist, siegte Bochum im heimischen Ruhrstadion in 18 von 28 Spielen bei 4 Unentschieden und nur 6 Herthasiegen. 37 : 63 Tore ergeben ein Durchschnittsergebnis von ca. 1:2 aus Herthasicht. Ob es ein bisserl mehr sein darf (siehe letztes Saisonspiel in Bielefeld mit 1:6) oder ob Hertha sensationell einen oder drei Punkte ergattern kann, wird man sehen. Jegliche Voraussage verbietet sich angesichts der Tatsache, dass Hertha schon immer eine Wundertüte war und in dieser Saison noch weniger als früher klar ist, wo die Mannschaft steht. Ausgeschlossen ist im Fußball ja gar nichts. Und bis 22.20 Uhr kann man immerhin noch hoffen. Zumindest einen Hinweis, wohin die Reise gehen wird, könnte es also geben. Im vorigen Jahr tippten die Experten auf einen Aufstieg und lagen krachend daneben. Diesmal rechnen viele mit dem Abstiegskampf und einem einstelligen Tabellenplatz als höchstem der Gefühle. Ich halte es nicht für unmöglich, dass sich wieder alle irren und eine neue Mentalität im Herthakader ein Mitspielen im oberen Tabellendrittel ermöglicht.

Schaun mer mal.

Nach der WM – endlich Zweitligaalltag

Ein Glück: Die beste, größte und überhaupt WM aller Zeiten („ever“) ist, von einigen Kollateralschäden wie dem frühzeitigen Ausscheiden der deutschen Mannschaft abgesehen, ohne große Besonderheiten vorüber. Fast alles wie immer: Die Spanier gewinnen, die Argentinier treten nach allem, was sich bewegt und regen sich noch über den Schiedsrichter auf, die Engländer werden nicht Weltmeister und das panini-Sammelalbum ist trotz größter Anstrengung nicht vollzukriegen. Aber ein Licht erscheint am Ende dieses langen Sommertunnels: Die ganz normale Fußballsaison beginnt bald. Bayern München wird wieder Meister werden, die Aufsteiger werden anfangs für Furore sorgen, Freiburg wird wieder positiv überraschen und in der 2. Liga wird Hertha wieder nicht aufsteigen, wie es der Fußballphilosoph Pal Dardai nach dem Abstieg 2023 vorausgesehen hatte.

Geschäftsführer Sport Görlich reitet auf der Rasierklinge. Der Grat, auf dem er sich bewegt ist extrem schmal und ein Absturz kann jederzeit erfolgen: Verkauf von fünf Leistungsträgern (Ernst, Reese, Cuisance, Karbownik, Eichhorn) und der freiwillige Verzicht auf einen sechsten (Leistner), könnte einen Absturz in Richtung Abstiegskampf bedeuten. Abgesehen davon, dass die Transferperiode noch lange nicht beendet ist, und der Abgang von Dardai, Winkler, Gechter und Kolbe noch nicht ausgeschlossen ist.

Es kann aber auch der Aufbruch zu neuen Ufern werden, wenn die noch zu verpflichtenden Neuzugänge und die aus der Akademie kommenden Jungspunde (Heide, Berner, Hildebrandt, Ndi, Gouram, Telib und andere) einen neuen Fohlenfußball kreieren könnten. Dazu kommt noch der Kapitän der deutschen U19-Nationalmannschaft, gerade Vizeeuropameister geworden, Boris Lum. Wer da auf internationaler Ebene eine solche Führungsrolle innehat, sollte doch auch in der 2. Liga eine ernstzunehmende Größe werden können. Die Frage ist nur, ob Trainer Leitl, eher als konservativ bekannt, den vielen jungen auch genug Einsatzzeiten gönnt.

Die Mannschaft könnte folgendes Gesicht haben.

Tor: Gersbeck (oder Goller oder Heide oder ein Neuzugang)

Abwehr: Eitschberger, Dardai, Gechter, Kolbe (oder Zeefuik)

Mittelfeld defensiv: Sessa, Seguin (oder Jensen)

Mittelfeld offensiv: Lum, Gouram

Angriff: Winkler, Brekalo (oder Schuler, Grönning)

Dazu kommen Pascal Klemens, Jan Dagur Thorsteinsson, Oluwaseum Adewumi (bisher einziger Neuzugang), Niklas Hildebrandt, Jelani Ndi, Kian Todurovic und Gustav Christensen.

Mit zwei weiteren möglichen guten Neuzugängen braucht man bei diesem Kader trotz des großen Aderlasses eigentlich keine Angst zu haben. Wenn die Chemie innerhalb der Mannschaft stimmt und ein neuer Standardtrainer mehr Ideen hat als Patrick Ebert (wozu wenig gehört, weil Ebert überhaupt keine Ideen hatte) und Trainer Leitl etwas flexibler in der taktischen Ausrichtung sein könnte, dann kann auch diese Mannschaft vorne mitspielen. Der Aufstieg muss ja nicht unbedingt als Ziel hinausposaunt werden. Und selbst das übliche 0:4 in Bochum muss nicht der Anfang vom Ende sein.

Die WM der Kleinen?

Immerhin: Die sogenannten Kleinen, die es ja laut Fußball-Legende Hans-Hubert (genannt Berti) Vogts schon seit den Neunzigerjahren nicht mehr gibt, haben am Anfang der WM ganz schön viel Staub aufgewirbelt: Katar holte ein Unentschieden gegen die Schweiz, Australien schlug die Türkei, Curacao spielte Unentschieden gegen Ecuador, den Deutschland-Besieger ( womit das 7:1 der deutschen Mannschaft einen ganz anderen Stellenwert erhält), Ägypten und Iran ringen Belgien ein Unentschieden ab, Kap Verde spielt sensationell 0:0 gegen Spanien und 2:2 gegen Uruguay, die DR Kongo holt einen Punkt gegen Mitfavorit Portugal und Ghana, von den deutschen im Testspiel locker geschlagen, erkämpft ein 0:0 gegen England.

Soweit so überraschend, aber trotzdem schieden sieben Asiaten bereits in der Gruppenphase aus und schon im Sechzehntelfinale war für acht afrikanische Mannschaften Endstation.

Ab dem Viertelfinale dann alles wie immer: sechs europäische, und je eine afrikanische und südamerikanische Mannschaft waren unter sich. Trotz all der anfänglichen Furore: Als es drauf ankam, setzte sich die Erfahrung oder was immer es war, schließlich durch.

Dass die deutsche Mannschaft, der man das Viertelfinale ja eigentlich zugetraut hatte, schon früh ausschied, hatte sicher viele Ursachen. Immerhin hat man erstmals seit 12 Jahren wieder eine Vorrunde überstanden, was man ja auch mal lobend erwähnen darf. Und warum ging es nicht weiter? Versuchen wir, das mal aufzubröseln.

1) Die Nominierung von Neuer war für den Zusammenhalt der Mannschaft sicher nicht optimal, auch wenn er nur im bedeutungslosen Vorrundenspiel gegen Ecuador Fehler machte und alle Mitspieler (vor der Kamera) von seiner Ausstrahlung und Aura sprachen.

2) Die Verletzungen von Karl (Sané war zwar fleißig, seine große Stärke im eins gegen eins konnte er aber nie ausspielen, weshalb das Spiel immer wieder verlangsamt und zur Mitte verlagert wurde) und Schlotterbeck taten wahrscheinlich mehr weh, als befürchtet.

3) Die Formschwäche der beiden Kreativspieler Wirtz und Musiala konnte die Mannschaft nie kompensieren. Noch dazu, weil

4) Kimmich auf der Verteidigerposition zu weit weg vom Geschehen war und andererseits in der Defensive trotzdem die Schwachstelle darstellte.

5) Alles das hätte nicht für`s Ausscheiden gereicht, wenn eine absurde VAR-Entscheidung (die abgesehen vom falschen Eingreifen (KLARE Fehlentscheidung?) dem Schiedsrichter die falschen Perspektiven einspielte) nicht den Sieg vor dem Elfmeterschießen verhindert hätte.

Ob mit Klopp alles besser wird? Sein Sympatiepulver hat er durch rätselhafte Karriereentscheidungen (Brause-Sportvorstand) und peinliche Werbespots (Anhäuser Busch – ungenießbar!) beim Fanvolk weitgehend verschossen. Mit Siegen in der Nations-League, der Euro-28-Quali und der Europameisterschaft selber kann er verspielten Kredit zurückgewinnen. Dafür fehlen ihm nur noch die richtigen Spieler…

P.S.: Nach der WM ist vor der Zweitligasaison. Hertha geht wie üblich mit einem Rumpfkader in die ersten Spiele. Da man das aus den letzten drei Jahren ja gewohnt ist, ist es eigentlich kein Nachteil: Niemand erwartet im Eröffnungsspiel gegen Bochum mehr als eine klare Niederlage.

Ist Nagelsmann der Schuldige?

Das war den Besserwissern schon immer klar: „Weltmeister wird natürlich Deutschland“ (vor der WM) und „Konnte ja nichts werden!“ (nach dem Ausscheiden).

Ob Nagelsmann Fehler gemacht hat, wird man nie beweisen können, weil man ja die Spiele mit Undav in der Startelf und Kimmich im Mittelfeld leider nicht nochmal spielen kann. Vielleicht hätte Undav in der Startelf überhaupt kein Tor erzielt und vielleicht wären über die rechte Abwehrseite mit Anton drei Tore gefallen, wer weiß?

Angebliche Fehler in der Aufstellung sind immer so was wie Kaffeesatzlesen. Und alle, die es anders gemacht hätten, wofür es viele gute Gründe gegeben hätte, sind nicht so tief in der Materie drin wie der Bundestrainer und sein Team.

Nehmen wir es also hin, dass die Nationalmannschaft nicht mehr zur unmittelbaren Weltspitze gehört, bzw. nicht das nötige Glück früherer Turniere hat: 1954 im Viertelfinale war man Jugoslawien hoffnungslos unterlegen, gewann aber trotzdem 2:0, 1974 kam man (höchstwahrscheinlich) nur wegen der Sintflut in Frankfurt gegen Polen zu einem 1:0 und damit ins Finale, 1982 hätte Schumacher im Halbfinale natürlich vom Platz gestellt werden müssen, nachdem er Battiston ins Krankenhaus checkte. Ob Deutschland dann gewonnen hätte? 1986 war Mexiko hoch überlegen, aber Deutschland rettete sich zu einem 0:0 und siegte im Elfmeterschießen… Die Aufzählung wäre noch lange nicht beendet und die Schlussfolgerung könnte natürlich der alte Bayern-Spruch sein: “Immer Glück ist auch Können.“

Und jetzt ist seit einigen Turnieren das Glück nicht mehr auf deutscher Seite. Gegen Japan hätte man zur Halbzeit in Katar gerne 4:0 führen können, verlor aber nach zwei Kontern und schied aus. Bei der EM 2024 übersahen Schiedsrichter und VAR in trauter Zweisamkeit ein klares Handspiel und Deutschland schied wieder aus. Und nun wertete der VAR einen Rempler des paraguayischen Torwarts gegen Anton als Stürmerfoul und Deutschland flog aus dem Turnier. Kehren wir den Spruch um, dann lautet er allerdings „Immer Pech ist auch Unfähigkeit“, womit zwar nicht alles, aber doch einiges erklärt ist.

Die Welt geht auch ohne Deutschland im weiteren Turnierverlauf nicht unter und dass Holland auch den Heimflug antreten darf, lässt die Tränen deutlich schneller trocknen. Auch England und Belgien waren schon fast ausgeschieden. Mal sehen, wen es als nächsten erwischt. Und immer dran denken: Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Egal, ob der Bundestrainer dann Nagelsmann, Streich oder Klopp heißt…

Wie weit kommt Deutschland?

Gegen Ecuador zeigt die deutsche Nationalmannschaft mal wieder ihr dreckiges Gesicht. Alle Mannschaftsteil haben versagt oder waren zumindest nicht in WM-Form. Neuer im Tor war nicht der Gigant, gegen den sich Stürmer gar nicht zu schießen trauen, wie ein ZDF-Experte in der Vorschau verlauten ließ. Von wegen. Nicht nur, dass ein nicht unhaltbar scheinender Fernschuss („An einem besonders guten Tage…!) zum Ausgleich einschlug, nein, beim zweiten Tor, das zwar zum überwiegenden Teil auf Stellungsfehler der Feldspieler zurückzuführen war, hatte er den Überblick verloren und den hinter ihm stehenden Gegner nicht auf dem Schirm.

In der Abwehr war Tah noch der Beste, erst gegen Ende machte er auch Fehler, spitzelte Neuer den Ball aus der aufnahmebereiten Hand. Rüdiger war unauffällig, was schon einiges heißt. Kimmich glaubte auch als letzter Mann dribbeln zu können, weil er sich sowieso zur Weltklasse zählt. Und Raum auf der linken Abwehrseite machte alles falsch, was man falsch machen kann: Abspielfehler beim Aufbau, verlorene Zweikämpfe, schlechte Flanken, stets falsche Positionierung. Note 6. Entscheidend für die Niederlage war aber die Indisponierung der Mittelfeldspieler. Nmetcha, bisher der Fixpunkt der Mannschaft, stand völlig neben sich, Musiala und Wirtz waren, wie in den beiden Spielen zuvor, eigentlich nicht auf dem Platz (Musiala wurde allerdings mindestens zehn mal gefoult). Pavlovic ließ sich von seinen verunsicherten Mitspielern anstecken. Havertz konnte eigentlich nicht bewertet werden, weil er völlig in der Luft hing und Sané machte zwar das erste Tor, dem ein klares Foul voranging, und arbeitete viel nach hinten, konnte dem Spiel alleine aber auch keine Impulse geben.

Völlig falsch liegen allerdings die vielen Millionen Bundestrainer (laut BILD ja 84 Millionen, d.h. Frauen sind auch Trainer und nicht Trainerinnen und alle Menschen mit Migrationshintergrund trainieren auch die deutsche und nicht die türkische oder sonstige Nationalmannschaft), wenn sie die deutsche Mannschaft jetzt schon abschreiben. Das Sechzehntelfinale gegen (wahrscheinlich) Paraguay kann man durchaus überstehen, denn zwei Katastrophenspiele hintereinander gab es selbst bei den beiden letzten erfolglosen Weltmeisterschaften nicht (2018: gutes Spiel gegen Schweden, 2022: starkes Unentschieden gegen Spanien). Und im möglichen Achtelfinale gegen (wahrscheinlich) Frankreich muss nicht zwangsläufig Schluss sein. So gut der französische Angriff auch ist, so wackelig wirkte doch selbst gegen Norwegens B-Mannschaft die Abwehr. Ein Unentschieden und anschließender Sieg im Elfmeterschießen ist nicht völlig undenkbar. Nagelsmann kann ja die deutschen Tugenden offenbar ganz gut herauskitzeln (6:0 in der Quali gegen die Slowakei). Wie immer ist alles möglich. Die deutsche Mannschaft hat erst verloren, wenn der Bus den Parkplatz verlassen hat. Sagte wohl Gary Lineker. Und der hatte eigentlich immer recht…

Transferperiode während der WM

Die Zweitligasaison ist schon lange Geschichte und die WM hat ihre ersten Höhepunkte, wie das Unentschieden von Spanien gegen Fußballgroßmacht Kap Verde, bereits erlebt. Der eine oder andere Ex-Herthaner wurde mit ein wenig Wehmut gesichtet („Den kenn ich doch..?“).

Matheus Cunha, 12 Tore in 39 Spielen für Hertha von 2019 bis 2022, wird bei Brasilien gegen Marokko eingewechselt. Ebenso ein gewisser Ivan Sunjic, der 2022/23 bei Hertha 18 Spiele machte, ehe er von Trainer Dardai mit den Worten „Verpiss dich“ vom Trainingsgelände geschickt wurde. Dass ein Ibrahim Maza für Algerien bei der WM spielt, zeigt, dass er mit der Entscheidung gegen die deutsche Mannschaft zumindest auf den ersten Blick alles richtig gemacht hat. Diese drei Beispiele zeigen, dass auch in früheren Zeiten die Verantwortlichen in punkto Spielerverpflichtung nicht alles falsch gemacht haben können, von der Arbeit der Akademie ganz zu schweigen.

Und während sich in den USA, in Mexiko und Kanada die Ereignisse zu überschlagen beginnen („Es gibt keine Kleinen mehr“ stimmt mehr denn je, auch wenn es sich sehr nach Phrasenschwein anhört), beginnt sich das Transferrad auch im heimischen Berlin zu drehen. Obwohl das Geschäft noch gar nicht richtig begonnen hat, stehen bereits elf Abgänge bei Hertha fest: Reese, Eichhorn, Demme, Brooks, Hoffmann, Leistner, Karbownik, Roelke, Michelbrink, Dudziak und Krattenmacher spielen in der nächsten Saison nicht mehr bei den Blauweißen.

Brekalo, Klemens und Goller bleiben definitiv, Gouran und Özkanli aus der Akademie sind fest verpflichtet. Bei allen anderen Spielern steht ein kleines oder großes Fragezeichen im Raum, zumindest gibt es von Seiten des Vereins keine Wasserstandsmeldung: Schuler, Berner, Gersbeck, Lum und Heide werden wohl bleiben, Ernst, Dardai, Winkler, Kownacki, Grönning, Eitschberger, Gechter, Jensen und Thorsteinsson haben wohl gültige Verträge, was heutzutage aber nichts heißt. Hildebrandt, Ndi und Telik kommen wahrscheinlich aus der Akademie in den Kader und bei Christensen, Kolbe, Cuisance, Sessa, Zeefuik und Seguin ist die Situation nicht endgültig geklärt.

Fazit: Etliche Spieler des alten Kaders werden sicher bleiben, einige neue werden kommen, da durch die bisherigen Verkäufe von Reese und Eichhorn ein wenig Spielgeld in der Kasse ist. Eins ist sicher: Wenn die Saison im August beginnt, werden elf Herthaner zum ersten Spiel auflaufen.