Boykott boykottieren

Nie hat man weniger Lust gehabt, sich in vierwöchiges Koma zu versenken und von morgens bis abends Fußballspiele anzusehen, die einen normalerweise überhaupt nicht interessieren. Aber bei einer Fußball-Weltmeisterschaft gibt es eben keine uninteressanten Spiele. Auch aus einer Partie Marokko gegen Kroatien kann man Erkenntnisse gewinnen, egal welche.

Aber 2022 in Quatar?

Man sieht sich die Spiele lustlos an, sozusagen aus jahrzehntelang eingeübtem Pflichtgefühl. Selbst die Vorfreude auf das erste deutsche Spiel gegen Japan hält sich in engsten Grenzen, was wahrscheinlich weniger mit den Umständen dieser WM zu tun hat, als mit der Erwartungshaltung die deutsche Mannschaft betreffend: Auf Platz 11 der Weltrangliste scheint die Mannschaft realistisch eingeordnet, was also ein Ausscheiden im Achtelfinale bedeuten würde. Wundern würde es niemanden, ein Einzug ins Halbfinale, früher mal das Minimalziel deutscher Nationalmannschaften, käme einer Sensation gleich.

Und dann gibt es am gestrigen Nachmittag doch einen Moment der Freude, der glücklichen Erinnerung: In Mexikos Mannschaft steht ein Spieler mit Namen Guilliermo Ochoa im Tor, an dessen Spiel seines Lebens am 17.6.2014, als er gegen Brasilien mit unfassbaren Paraden ein 0:0 rettete, wir uns nur zu gerne erinnern. Und nichts von seiner Ausstrahlung, die so gar nichts machohaftes hat, sondern Ruhe, Weisheit und Überlegenheit an den Tag legt, hat er in den vergangenen acht Jahren verloren. Ochoa ist jetzt 37 Jahre alt, sieht immer noch aus wie zweiundzwanzig und spielt seine fünfte WM. Eine sechste in dreieinhalb Jahren in seinem Heimatland erscheint nicht unmöglich.

Ich verstehe jeden, der keine Lust hat, sich die Spiele dieser WM anzusehen. Aber diese Unlust als Boykott hochzujazzen, erscheint mir etwas übertrieben und mit zweierlei Maß gemessen. Alles was die Ultras am letzten Spieltag an Banneraufschriften in den Stadien gezeigt haben, stimmt.

Aber käme jemand auf die Idee, nicht mehr zu heizen, weil das Öl aus Saudi-Arabien, nicht gerade einem Hort der Menschenrechte, käme?

Verzichtet jemand auf den Kauf eines neuen Fahrrades, eines Computers oder einer Hose, weil mit Sicherheit ein Teil dieses Produkts aus dem Land des Lächelns, wie China fälschlicherweise noch immer genannt wird, stammt?

Aber weil vor zwölf Jahren eine Bande korrupter Funktionäre eine WM verkauften, soll man jetzt auf sein Lieblingshobby verzichten? Geht´s noch?

Jetzt aber wirklich…

Wenn jetzt nicht gegen Köln gewonnen wird, fällt Weihnachten schon mal aus und die Herthaspieler müssen Heiligabend zum Straftraining antreten. Nun gut, so schlimm wird`s nicht kommen, vielleicht wäre Helmut Kronsbein auf so eine Idee gekommen oder Felix Magath, aber beide sind ja momentan nicht als Trainer in der Bundesliga tätig und zumindest Kronsbein (mit 311 Spielen in 10 Spielzeiten Herthas Rekord-Bundesliga-Trainer) wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr werden. Allerdings könnte bei einem Unentschieden oder gar einer Niederlage gegen die unberechenbaren Kölner erstmals der Trainer angezählt werden, von wem auch immer. Dass Sandro Schwarz bisher ausgezeichnet arbeitet und völlig unaufgeregt seinem Job nachgeht, könnte dem einen oder anderen Boulevard-Journalisten oder sonstigen Besserwissern gegen den Strich gehen. Wenn man aber nicht nur auf die Punkte, sondern auf die Leistungen der Mannschaft blickt, müsste man mit Trainer Schwarz, wenn es ganz dicke kommt, und das Pech auch in der Rückrunde ständiger Begleiter der Blauweißen bleibt, notfalls auch in die zweite Liga reisen. Es soll ja so was schon gegeben haben, z.B. im Jahre des Herrn 2015, als ein gewisser SC Freiburg mit einem Trainer namens Christian Streich abstieg, um heute wo zu stehen?

Aber so weit ist es noch lange nicht. Wenn in der Hinrunde gegen Köln, in Bochum (heimstark!) und gegen Wolfsburg (letzte sieben Spiele nicht verloren!) fünf von neun Punkten geholt und in der Rückrunde dann solide 20 Punkte eingefahren werden, kann mit 36 Punkten der Abstieg wahrscheinlich vermieden werden. Aber die Relegation könnte es eventuell wieder werden, denn sehr viele Mitstreiter um den Abstieg hat Hertha nicht: Schalke, Bochum, Stuttgart und Augsburg stehen zur Debatte. Und vielleicht rutscht noch ein jetzt vermeintlich sich sicher Fühlender herunter, wie Köln, Mainz oder Bremen. Alles ist möglich. Unter Druck, und wenn niemand so richtig sicher war (vorige Saison 3:0 gegen Hoffenheim mit Fotheringham an der Seitenlinie), hat Hertha schon manchmal gut performt. Warum nicht auch diesmal?

Union benötigt noch 13 Punkte gegen den Abstieg. Am 18. Spieltag sollten sie keinen davon bekommen.

Die Lage ist ernst!

Elf Punkte nach 13 Spielen, wenn wir gegen Bayern die Niederlage schon mal einrechnen, sind ein Alarmsignal. Natürlich können gegen Stuttgart, Köln, Bochum und Wolfsburg (die beiden letztgenannten Spiele erst im nächsten Jahr) noch fünf bis sieben Punkte geholt werden, was für die Rückrunde alles möglich machen würde. Aber sicher ist das schließlich nicht.

Viel angespannter und wirklich bedrohlich erscheint momentan die wirtschaftliche Lage des Vereins: 13 Jahre nach Dieter Hoeneß` vorzeitiger Entlassung aus der Verantwortung, als Herthas Existenz mal wieder bei 50 Millionen Euro Schulden auf der Kippe stand, ist die Lage wieder genauso bedrohlich, als wenn das verdammte Murmeltier wieder grüßen würde, obwohl es sich noch gar nicht zum Winterschlaf hingelegt hat. Zum zweiten Mal hintereinander hat Hertha ca. 80 Millionen Euro Minus erwirtschaftet, wenn wir von Wirtschaft überhaupt sprechen wollen. Der auch so solide Herr Schiller, der jetzt das sinkende Schiff mit viel Lobgesang verlässt, hat dies sehenden Auges zu verantworten. Die Zahlen, die er jedes Jahr auf Mitgliederversammlungen präsentierte, waren immer das Gegenteil von Transparenz, nämlich stets betriebswirtschaftlich schöngerechnete Bilanzen. Auch wenn man ihm zu Gute halten muss, dass er in der Nach-Hoeneß-Ära zusammen mit Manager Preetz durch kluge Einkaufspolitik und Sparsamkeit stets die Lizenzen erhielt, teilweise sogar ohne Auflagen.

Und dass man mit relativ kleinem Etat (vor allem was die Spielergehälter betrifft) erfolgreich sein kann, zeigen nicht nur der 1.FC Union und der SC Freiburg, sondern zeigte auch Hertha, die Anfang des vorigen Jahrzehnts zweimal aufstieg (dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt das Beispiel HSV) und unter Dardai sogar zweimal europäisch mitspielte. Das ist noch gar nicht so lange her! Bis dann die Windhorst-Millionen offenbar sowohl Preetz als auch Schiller völlig von ihrem nicht schlechten Weg abkommen ließen, den Kopf vernebelten und größenwahnsinnig werden ließen.

Natürlich hat auch Corona zu den schlechten Zahlen beigetragen. Und zu investieren ist sicher nicht falsch. Nur muss man als seriöser Kaufmann auch die Folgekosten kalkulieren und das wurde hier sträflich versäumt. Hoeneß pokerte damals mit geborgtem Geld, um die Gelddruckmaschine Champions-League zu erreichen. Als das (nach dem ersten erfolgreichen Versuch) beim zweiten und dritten Mal misslang, weil einmal Bastürk fünf Minuten vor Schluss im letzten Saisonspiel gegen Hannover nur den Pfosten statt das Tor traf und das zweite Mal 2009 Hertha beim Absteiger Karlsruhe 0:4 verlor, weil man gegen Trainer Favre spielte, stand man ohne geplante Einnahmen aber hohen Ausgaben da. Genau wie heute, nur dass zwischendurch mal eben 375 Millionen Euro verbraten wurden.

Insofern muss man bei Manager Bobic Abbitte leisten: Seine 30 Transferbewegungen vor Saisonbeginn haben natürlich das Ziel den Kader zu verschlanken und zu verbilligen. Der einzig mögliche Weg wieder in die wirtschaftliche Spur zu kommen. Rein spielerisch hat die verordnete Schonkost bisher gut getan, jetzt müssen nur noch die fehlenden Punkte her.

Wenn Hertha absteigt, wird der sofortige Aufstieg diesmal nicht gelingen.

Übrigens: Union hat jetzt 26 Punkte. Es fehlen noch 14 Punkte bis zum Klassenerhalt. Könnte eng werden…

Alles läuft nach Plan…

Hertha hat momentan vier Punkte weniger als nach dem 10. Spieltag des Vorjahres. Nanu! Warum wird denn da der Trainer nicht angezählt, wie im Vorjahr? Als Pal Dardai nach mehreren unglücklichen Gegentoren in letzter Sekunde, für die kein Trainer der Welt verantwortlich ist, nach dem 14. Spieltag von Kontinuitäts-Monster Bobic gefeuert wurde, hatte Hertha immerhin schon 15 Punkte auf dem Konto, und zwar Pluspunkte! Wenn alles optimal läuft, könnte das diesmal auch gelingen. Die Prognosen des vorletzten Blogs haben sich auf wundersame Weise erfüllt: Gegen Hoffenheim und Freiburg wurde jeweils ein Punkt geholt, gegen Leipzig verloren, auch wenn in allen Spielen mehr drin war. Und das ist vielleicht der springende Punkt, weshalb niemand, wirklich niemand, selbst Manager Bobic nicht, den Trainer in Frage stellt. Sandro Schwarz hat bisher viel, wenn nicht sogar alles, richtig gemacht. Die Mannschaft hat in neun von zehn Bundesligaspielen ansehnlichen bis sehr guten Fußball gespielt. Im letzten Spiel, der Niederlage gegen Leipzig, nach vorher fünf nicht verlorenen Spielen, haben die Herthaner den Gegner in der zweiten Halbzeit an die Wand gespielt. Und darauf kommt es ja auch an: WIE man spielt, auch wenn die Ergebnisse nicht so ganz unwichtig sind, schließlich reicht eine Relegation alle zehn Jahre. Das Herz hält das schließlich nicht ständig aus und jünger wird man ja auch nicht.

Sehen wir in die nahe Zukunft: Um die 15 Dardaischen Punkte nach dem 14 Spieltag zu erreichen, muss jetzt gegen Gelsenkirchen gewonnen werden. Ein Punkt gegen nicht allzu heimstarke Bremer, die obligatorische Niederlage gegen Bayern (vielleicht mal wieder knapp, wie unter Dardai) und dann ein Sieg gegen Stuttgart. Schon wäre man halbwegs im Soll. Und wenn dann der Rückrundenfluch bekämpft wird, was man Trainer Schwarz auch durchaus zutrauen kann, müsste die 40-Punkte-Marke in erreichbare Nähe rücken. Eine Saison ohne Abstiegskampf wird es aber wahrscheinlich trotzdem nicht werden. Insofern läuft also wieder alles nach Plan…

Endlich wieder was los

Mit meiner Frau habe ich eine Wette zu laufen: Wann Lars Windhorst verurteilt und einfahren wird! Die Bandbreite reicht von optimistischen 2025 bis zu sehr optimistischen 2027 – optimistisch aus der Sicht von Lars Windhorst natürlich. Dass der Hertha-Mehrheitsaktionär um den Knast herumkommt, erscheint unwahrscheinlich, wenn man seine Geschichte, sehr gut im Spiegel Nr. 38 vom 17.9.2022 dargestellt, liest und sich die Zukunft halbwegs realistisch vorstellen kann. Hundert ineinander und übereinander verschachtelte Firmen, Konglomerate, Trusts oder Holdings, die geborgtes Geld und Schulden hin- und herschieben, bilden eine Blase, die über kurz oder lang platzen muss, wenn die Informationen stimmen. Wenn alles gelogen und Herr Windhorst der solide Geschäftsmann ist, der einstmals von Kanzler Kohl protegiert wurde, werde ich Abbitte leisten und das Gegenteil behaupten. Wenn nicht, und die Wahrscheinlichkeit liegt nahe bei 100 Prozent, fragt man sich immer noch, warum ein seriöser Finanzvorstand wie Ingo Schiller mit diesem schlitzohrigen Menschen Geschäfte machen konnte? Wir wissen zwar seit zweitausend Jahren, dass Geld nicht stinkt, aber allein auch nicht glücklich macht: Die Vorstände früherer Zeiten würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen könnten, wie die Seele des Vereins verkauft wurde, selbst wenn das Geld dringendst gebraucht wurde. Aber heiligt der Zweck wirklich alle Mittel?

Lars Windhorst hat eine Mehrheit von über 60 % der Anteile der ausgelagerten KgaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien), nicht aber, gemäß der 50+1-Regel im deutschen Fußball, die Mehrheit der Stimmrechte. Völlig unabhängig davon ist der Verein Hertha BSC e.V., der sich seit 1892 (wenn wir von der Unterbrechung von 1933 bis 1945, als in jedem Verein das Führerprinzip galt, mal absehen) als eingetragener Verein in den Händen seiner Mitglieder befindet, die mehrheitlich auf Mitgliederversammlungen entscheiden. Ein Mitglied – eine Stimme, so lautet die demokratische Formel. Herr Windhorst oder dessen Nachfolger, die die Hertha-Anteile aus der Insolvenzmasse der Tennor-Gruppe ersteigern werden, werden nie den Verein übernehmen, egal was mit den Anteilen in Zukunft auch geschehen mag.

Beruhigend zu wissen!

Die neue Hertha

Ein Unentschieden in Mainz! Das klingt gar nicht so schlecht, vor allem, wenn man an die vorige Saison denkt, als Hertha mit viel Glück nur 0:4 verlor, ein 0:8 wäre dem Spielverlauf und den Torchancen nach angemessener gewesen. Diesmal also 1:1, und man weiß nicht, ob man sich über einen nicht unbedingt einkalkulierten Auswärtspunkt freuen oder über den Ausgleich mit dem letzten Schuss des Spiels in der 94. Minute ärgern soll.

Es ist nicht mehr zu ändern und nach sieben Spieltagen stehen vor der Länderspielpause sechs magere Pünktchen auf der Habenseite. Im Vorjahr waren es nach sieben Spielen ebenfalls sechs Punkte, allerdings hatte man da schon zwei Desaster gegen Bayern und Leipzig erlebt und fünf Mal verloren (dieses Jahr erst dreimal) bei einem Torverhältnis von 8 : 20 ( jetzt 7 : 9). Andererseits kommen die Spiele gegen die „Großen“ wie Bayern und Leipzig, die momentan gar nicht so groß sind, erst noch, wahrscheinlich, wenn sich beide Mannschaften wieder in alter Form befinden.

Trotz allem: Die Spiele von Hertha sind in dieser Saison einfach sehenswert, es macht Spaß, den Blauweißen zuzusehen und man hat jederzeit das Gefühl, dass da was geht, weil die Spieler es wollen. Dazu kommt die wohltuende Ruhe, die vom neuen Vorstand ausgeht, der momentan, zumindest was nach außen dringt, nämlich nichts, alles richtig zu machen scheint. Ein ganz neues Hertha-Gefühl also.

Wenn jetzt noch bis zur WM-Pause im November ein paar Pünktchen eingefahren werden (nur gut spielen reicht auf die Dauer natürlich nicht), könnte der Weg ein gar nicht so langer werden. Kalkulieren wir mal vorsichtig: Hoffenheim 1, Freiburg 1, Leipzig 0, Schalke 3, Bremen 1, Bayern 0, Stuttgart 3, Köln 1. Das wären 10 Punkte, also 16 bis zur Winterpause, was mit 4 Punkten aus der Restvorrunde im Januar gegen Bochum und Wolfsburg 20 Punkte ergäbe. Ein guter Weg auf den angestrebten 40 Punkten, was a) sieben Punkte mehr als in der Vorsaison ausmachte und b) den Abstieg ausschlösse. Und darüber wäre man bei Hertha in den letzten Jahren schon froh gewesen.

Momentan kann man also optimistisch sein. Aber ist das eigentlich noch unsere Hertha?

Neue Besen kehren manchmal gut!

30 Transferbewegungen sind zumindest ein ordentlicher Arbeitsnachweis für den Sportdirektor, der ja nicht nach der Stechuhr arbeitet, sondern nach Notwendigkeit! Waren dreißig „Bewegungen“, wie Käufe, Verkäufe, Leihen und Ausleihen und was es sonst noch für Möglichkeiten einer Kaderveränderung gibt, wirklich nötig?

Von der Qualität der Spieler her gesehen sicher nicht, von der Qualität des Kassenstandes der Profi-Abteilung des Vereins Hertha BSC auf jeden Fall.

Insofern hat Bobic alles richtig gemacht, hat er doch die Vorgabe eines zweistelligen Transfer-Millionenüberschusses und einer gleichzeitigen Reduzierung der astronomischen Kaderkosten von 90 Millionen pro Jahr erfüllt und sogar übererfüllt.

Da Geld zwar nicht immer, aber doch oft auch Tore schießt, müsste nach Adam Riese die Leistung der Mannschaft schlechter als in der Vorsaison sein, wenn das überhaupt möglich sein sollte, da weniger als Nichts im Fußball eigentlich nicht geht, da ja keine Negativpunkte vergeben werden. Und obwohl in der vorigen Saison nach sechs Spieltagen sechs Punkte auf der Habenseite standen und diesmal nur fünf, ist ein geradezu außergewöhnlicher Leistungssprung nach oben zu beobachten, der optimistisch stimmt.

Die Mannschaft spielt länger als nur 20 Minuten, sie kämpft durchgehend und verrichtet meist mehr „Laufarbeit“ als der Gegner und sie bekommt (bisher) keine Klatschen (Vorjahr Bayern und Leipzig), sie verkraftet vor allem auch Rückstände ohne zusammenzubrechen. Kurzum: Man hat das Gefühl, dass da eine MANNSCHAFT auf dem Rasen steht und nicht elf Ich-AG´s. Mit Sicherheit Verdienst des neuen Trainers Sandro Schwarz, aber auch der Kaderzusammenstellung. Einige Individualisten gingen oder mussten gehen, einige solide Malocher kamen statt dessen. Halb so teuer im Gehalt und doppelt so wertvoll, denn wir kennen es ja nicht nur aus den Pokalspielen, dass die Einstellung (neudeutsch Mentalität) oft wichtiger als die individuelle Klasse ist.

Im Einzelnen hat besonders Ejuke auf dem linken Flügel überzeugt, wenn er auch manchmal das Abspiel verpasst. Kenny als Rechtsverteidiger ist solide, ähnlich wie Pekarik, der aber bevor er 50 wird, irgendwann ersetzt werden musste. Im defensiven Mittelfeld ist Sunjic überzeugend, wenn auch nicht fehlerfrei. Er hat aber weniger Ballverluste als z.B. Ascacibar bei ähnlich vielen Balleroberungen. Uremovic spielte gegen Leverkusen erstmals überzeugend, ohne größere Fehler. Bisherige Leistung durchwachsen, aber auf seiner Position gibt es noch den neuen Rogel, Dardai und Gechter. Da sollte trotz des Weggangs von Boyata, Stark und Torunarigha nichts anbrennen, obwohl gerade der Verkauf von Torunarigha als echtem Berliner schmerzt.

Belfodil hätte man gerne noch ein Jahr bei Hertha gesehen, die anderen (Redan, Dilrosun, Ekkelenkamp, Piatek, Jastrzemski, sowie auch Löwen, Maier und Alderete) haben und hatten zwar Potenzial, konnten aber aus den unterschiedlichsten Gründen die Erwartungen nicht immer erfüllen.

Und diejenigen, die erst seit kurzem auch Stammspieler sind, wie Kempf und vor allem Christensen, der in der Strafraumbeherrschung eine Klasse besser als Schwolow ist, geben dem Team zusätzliche Sicherheit.

Es wäre schön, wenn Bobic im nächsten Jahr (von der Winter-Transferperiode wollen wir lieber nicht reden) statt 30 „nur“ 15 Bewegungen im Kader zu vermelden hätte, die Mannschaft dafür aber fünf Punkte mehr als in dieser Saison holen würde.

Wenn jetzt neben dem überzeugenden Spiel auch noch die Punkteausbeute stimmen würde, könnte man als Hertha-Anhänger beruhigt in die nächsten Monate sehen. Wenn gegen Mainz und Hoffenheim drei oder vier Punkte geholt werden würden, könnte man langsam die einstelligen Tabellenplätze anpeilen.

Union hat nach sechs Spieltagen 14 Punkte geholt. Laut Trainer Urs Fischer, der einen recht bizarren Sinn für Humor zu haben scheint, fehlen also noch 26 Punkte, um den Abstieg sicher zu vermeiden. Das könnte sogar gelingen. Vielleicht sogar bis zur WM in Katar…

Ende der Transferperiode

Au weia! Das erste Dardaische Viererkästchen ist gespielt und Hertha hat nur einen statt der mindestens erwarteten vier Punkte erzielt. Im nächsten Vierer gegen Augsburg, Leverkusen, Mainz und Hoffenheim müssen sechs Punkte her und erst bei neun liegt man im Soll, das 40 Punkte am Saisonende beträgt. Während Unions Trainerfuchs Fischer nicht müde wird, den running gag von den 40 Punkten gegen den Abstieg zu betonen, was er sich ja sicher selber nicht glaubt und was er auch noch mantraartig herunterbeten wird, wenn Union längst Meister geworden ist, erscheint diese Marke bei Hertha schon wieder als ambitioniert.

Nun gut, nicht jede Mannschaft ist so stark wie Dortmund und statt der Latte wird irgendein Herthaner auch mal das Tor treffen. Und Trainer Schwarz analysiert genau, wenn er die fehlende Präzision beim Passspiel bemängelt, ein Defizit, dass Hertha gefühlt seit den Siebzigerjahren mit sich herumträgt. Komisch: Im Training klappt das immer ganz gut. Da ist aber auch der böse Störenfried namens Gegner nicht dabei.

Eins kann man aber nach vier Spielen feststellen: Hertha hatte in jedem Spiel (außer natürlich gegen Union) die bessere Laufleistung als der Gegner. Das war in der vorigen Saison, bis Magath kam, selten der Fall. Auch die spielerischen Verbesserungen machen Mut, wenn auch keinen überschwänglichen. Sofern sich nicht wieder eine Abwärtsspirale entwickelt, in der nach Erfolglosigkeit durch fehlendes Selbstvertrauen ein Leistungsabfall folgt (und einen Trainerwechsel zur Folge hat), dürfte sich Hertha beginnend mit dem Augsburg-Spiel langsam in Richtung einstellige Tabellenplätze bewegen. Aber ein Sieg gegen Augsburg ist dazu natürlich Voraussetzung.

Nach vier Niederlagen in der Vorsaison gewann man zwei Mal um sich dann, nach dem überflüssigen Wechsel von Dardai zu Korkut, mit 21 Punkten nach der Hinrunde ganz ordentlich aus der Affäre zu ziehen. Es folgte aber eine 12-Punkte-Rückserie, die schnurstracks in die Relegation führte. Dahin soll es doch bitte nicht wieder gehen.

In ca. 50 Stunden endet die Transferperiode. Man kann nur hoffen, dass das labile Mannschaftsgefüge, das sich langsam herausbildet, nicht durch drei Notverkäufe und fünf Schnäppcheneinkäufe wieder zunichte gemacht wird. Wie sagte doch Bobic auf seiner Antritts-Pressekonferenz: Kontinuität ist das Wichtigste!

Apropos: Wenn sich für Piatek kein Käufer findet, bleibt er dann während der Restsaison außerhalb des Kaders? Oder hält er sich bis Weihnachten in der U23 fit? Oder darf er auch mal spielen und treffen? Piatek ist der meistunterschätzte Spieler bei Hertha. Wenn das Spiel auf ihn zugeschnitten ist (wie z.B. auf Modeste bei Köln/Dortmund) macht er 10 bis 15 Buden pro Saison. Garantiert!

Geht doch…

Nach zwei Spieltagen liegt Hertha auf einem Tabellenrang, den sie wahrscheinlich auch am Ende belegen wird: Nicht weit von den Abstiegsrängen und meilenweit von der oberen Tabellenhälfte entfernt. Nach zwei Spielen hat man schon wieder zwei Punkte auf das vorgegebene Soll verloren, die man gegen Gladbach und Dortmund nun wieder einfahren müsste. Heißt auf deutsch: Ein Sieg muss in diesen beiden Spielen her, egal gegen wen.

Dabei war es doch ganz ansehnlich, was Hertha da in den ersten dreißig Minuten und auch nach dem 1:1-Tiefschlag gegen Frankfurt zusammenspielte. Es gab tatsächlich den einen oder anderen spielerischen Lichtblick, Kombinationen im Mittelfeld, die man lange nicht mehr gesehen hatte.

Im einzelnen: Christenden machte seine Sache gut, ein Fehler in der Anfangsphase und in der Schlussminute etwas Glück beim zurückgenommenen Elfmeter. Von zehn Schiedsrichtern entscheiden fünf auf Elfmeter und es wäre nicht mal eine Fehlentscheidung..

Lichtblicke in der Abwehr waren Mittelstädt, der in der ersten Halbzeit alles richtig machte (sich Mitte der zweiten aber einmal brutal ausspielen ließ, woraus eine Großchance für Frankfurt entstand) und rechts Jonjoe Kenny, der aufmerksam, bissig und dynamisch spielte und auch nur einmal in 90 Minuten überlaufen wurde (sich allerdings gegen Ende ein Dribbling erlaubte, das er in der eigenen Hälfte verlor). Kempf und Uremovic in der Mitte ließen nicht viel anbrennen, wenn da nicht der Aussetzer von Uremovic gewesen wäre, der 40 Meter vor dem eigenen Tor gegen zwei Frankfurter meinte SPIELEN zu müssen, prompt den Ball verlor und das 1:1 hinnehmen musste. Dieser Fehler kostete letztlich zwei wertvolle Punkte!

Im Mittelfeld wechselten bei Serdar und Tousard Licht und Schatten, sehr sicher und dynamisch allerdings Ivan Sunjic, der in Statur und Spiel einem Luca Modric ähnelt. Viel am Ball, großer Kämpfer, im Aufbau besser als Ascacibar. Der für ihn gekommene Boetius konnte noch nicht ganz überzeugen, ist aber auch erst wenige Tage im Kader.

Im Angriff zeigte Lukebakio Zauberkunststücke und gab die Vorlage zum Führungstreffer. Trainer Schwarz scheint ihm genau das Richtige gesagt zu haben, wenn es sich nicht wieder als Strohfeuer herausstellen sollte. In der Form eine Bereicherung für die ganze Liga und aus der Stammelf von Hertha nicht wegzudenken. Ejuke auf links, im Bewegungsablauf an Cunha aus seinen Spielen vor der Berufung in die Selecao erinnernd, machte viel Wind und der bullige Kanga lief viel, machte Druck und wenn er den Ball aus fünf Metern zum 2:0 versenkt hätte, könnte man von einem Glücksgriff sprechen. Jovetic kam spät, vergab frei vorm Tor und rettete Frankfurt das Unentschieden, als er Serdars Schuss zur Ecke lenkte, zeigte aber gleich nach seiner Einwechslung Spielverständnis und verteilte klug.

Wenn man Christensen und Lukebakio mitzählt, standen zu Beginn sieben neue Spieler auf dem Platz. Ein Totalumbruch, der aber durchaus gelungen scheint. Das Konzept des Trainers: Frühes Pressing, schnelles Umschalten und ansonsten den Gegner ruhig den Ball hin- und herspielen zu lassen, war durchaus deutlich zu sehen. Nicht selbstverständlich in dieser frühen Saisonphase. Jetzt müssen nur noch die Ergebnisse stimmen. Vielleicht wird`s dann doch noch was mit der oberen Tabellenhälfte…

Mal wieder Murmeltier…

Die vier Experten der „Fußball Woche“ machen es sich wieder einmal einfach: Sie sehen Hertha am Ende der Saison 2022/23 auf den Plätzen 13, 13, 15 und 15 eintrudeln. Immerhin nicht auf einem Abstiegsplatz oder in der Relegation (einmal alle zehn Jahre reicht!), aber auch meilenweit entfernt von der oberen Tabellenhälfte, geschweige denn den Europapokal-Berechtigungs-Plätzen. Wie langweilig! Nicht einer der glorreichen Vier traut sich, Hertha eine Überraschungssaison zuzutrauen, langes Mitspielen unter den ersten drei nach dem grandiosen 4:0-Sieg zum Auftaktspiel in der Alten Försterei, als man für einen Spieltag sogar Erster war…

Nun gut, offensichtlich sitzen in der FuWo-Redaktion Realisten und keine blauweißen Tagträumer. Wenn man die Vorbereitungsspiele einschließlich des typischen Pokal-Aus` in Braunschweig und die bisherigen Transfers sieht, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es keinen großen Aufschwung geben wird. Denn was bedeutet Rang 13 bis 15? Dass man wieder bis mindestens zwei Spieltage vor Saisonende zittern muss, genau wie seit gefühlten Ewigkeiten, auch wenn es erst fünf Jahre her ist, dass Hertha die Saison unter Pal Dardai als Sechster abschloss.

Die in jeder Saison vorne mitspielende Überraschungsmannschaft muss ja nicht unbedingt Hertha sein. Da gäbe es schließlich Hoffenheim, Bremen und Schalke als Aufsteiger oder Mainz und Köln (Freiburg oder Union wären keine Überraschungsteams mehr). Aber Hertha? Eher nicht. Und wenn die Herthaner im Mai 2023 auf Platz 12 landen, dem Platz, den sie seit Jahren in der „Ewigen Tabelle“ einnehmen, wäre man als gestresster Anhänger doch schon zufrieden, wäre es doch eine Verbesserung um vier Tabellenränge im Vergleich zum Vorjahr. Und wenn man sich jedes Jahr so planmäßig steigerte, würde man 2026 endlich Meister. Vier Jahre vor dem 100-jährigen Jubiläum der ersten Meisterschaft. Vielleicht sollte man das Timing nochmal überdenken…