Furioser Start ins neue Jahr

Sieben Punkte wollte Präsident Kay Bernstein aus den ersten drei Spielen des neuen Jahres holen lassen. Das dürfte nach der 1:3-Niederlage in Bochum nur noch zu realisieren sein, wenn der DFB sich dazu entschließt, Hertha einen Bonuspunkt für die wiederholte Benachteiligung durch den VAR gutzuschreiben. Null Punkte, bei Gegnern wie Wolfsburg (6:0 gegen Freiburg) und Union (3:1-Sieger gegen Hoffenheim) wären sicher realistischer, um danach eichhörnchenmäßig Punkt um Punkt gegen den Abstieg zu erkämpfen.

Dass Hertha trotz des Ausfalls von vier hochkarätigen Stürmern (Lukebakio, Jovetic, Niederlechner und Ejuke) in Führung ging, störte die Herrn Schiedsrichter-Götter im Kölner Keller offenbar: Der VAR griff ein, obwohl eine neue Spielsituation nach einem vermeintlichen Aus-Ball entstanden war. Diese hätte nicht bestanden, wenn der Bochumer Spieler, der den Ball nach der Flanke erreichte, den Ball nicht kontrolliert hätte. Was bedeutet aber „kontrolliert“? Darf ein gegnerischer Spieler höchstens 10 Meter entfernt stehen? Oder fünf? Oder neben dem Spieler? Darf er ihn gar stören? Tatsache ist, dass der Bochumer den Ball mit mindestens einer Ballberührung von seinem Tor wegtrieb, bevor er ihn verlor, dann Flanke in den Strafraum, Hackenvorlage, Tousardt, Schuss in den Winkel, 0:1. Der VAR hat also nicht einzugreifen. Nur bei äußerst gedehnter Auslegung handelt es sich nicht um einen Verstoß gegen die eigenen Regeln. Abgesehen davon, dass kein Bild belegt, dass der Ball im Aus war, bevor ihn Richter nach innen brachte. Die Kameras standen 10 Meter von der Torlinie entfernt, sodass die Standbilder, die den Ball im Aus zeigten, nur für in zwei Dimensionen lebende Menschen aussagekräftig sind. Der ein Meter hochspringende Ball im angeblichen Aus sagt gar nichts! Wenn sich der Ball in 20 m Höhe befindet, kann man ihn auch 40 m von der Torauslinie entfernt im Aus zeigen. Alles eine Frage der (falschen) Perspektive. Der Linienrichter hat den Ball im Spiel gesehen, also weiterspielen und 1:0 für Hertha.

Dass Hertha das Spiel verlor, lag aber nicht nur an dieser Benachteiligung. Mit harmlosem Angriff trotz überlegenem Spiel mit viel Ballbesitz und billig geschenkten Toren (kein Druck auf den flankenden Spieler, kein Kopfballduell vor dem 1:0, keine Zuordnung beim Eckball vor dem 2:0 (wer müsste Schlotterbeck decken?) und Pech beim Konter vor dem 3:0. So kann man in Bochum nicht bestehen. Immerhin: Man gab sich nicht auf, schoss noch ein Tor, hatte Chancen für ein zweites.

Das Schöne am Fußball ist ja: Obwohl Hertha gegen Wolfsburg eigentlich keine Chance hat, können sie diese vielleicht trotzdem nutzen. Man wird doch noch hoffen dürfen…

Der Große Umbruch

Natürlich wird das Wort „groß“ klein geschrieben, aber diesmal handelt es sich nicht um einen Rechtschreibfehler, sondern um ein Ereignis, wie dazumal Maos „Großer Sprung nach vorn“.

In der letzten Transferperiode gab es bei Hertha ca. 30 „Bewegungen“, wie Kaufen, Verkaufen, Leihen und Verleihen, kurz gesagt also das Verhökern von Menschen (die allerdings von den goldenen Ketten massiv profitieren) zwischen verschiedenen Vereinen.

In dieser Winterperiode gab es auch schon wieder etliche Abgänge (Darida, Gechter, Selke, Lee, Zeefuik…) und Zugänge (Reese, Niederlechner, allerdings erst zur neuen Saison). Wahrscheinlich muss das alles so sein, um die Finanzlöcher, wenn schon nicht zu stopfen, so doch immerhin etwas zu verkleinern.

Erschreckend war allerdings die Ankündigung von Fredi Bobic am 7.12.2022 in einer Medienrunde, dass der Umbruch im kommenden Sommer ähnliche Ausmaße wie im letzten Jahr annehmen wird. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Bobic, der ja wahrscheinlich zum DFB wechseln wird, diesen Umbruch noch aktiv gestalten wird, allein die Ankündigung lässt einen schon mal erschauern. Wer sollen denn die 10 bis 15 Spieler sein, die den Verein dann verlassen sollten/wollen/müssen?

Sicher, von den „verliehenen“ Spielern wird sich der eine oder andere für einen endgültigen Wechsel entscheiden, bzw. dann auslaufende Verträge werden von Hertha nicht mehr verlängert werden. Aber wer von den jetzt im Kader befindlichen wird zur „Gestaltungsmasse“ gehören?

Boateng hört auf, wird vielleicht Nachfolger von Bobic, wobei wir hier nicht bewerten wollen, ob er neben dem Platz auch ein Leader sein wird, wie auf dem grünen Rasen.

Dardai will unbedingt, verständlicherweise, mehr Einsatzzeit, sollte unbedingt gehalten werden.

Jovetic ist wegen seiner Verletzungsanfälligkeit kein Muss im Kader.

Ob Lukebakio, wenn er weiter so trifft, überhaupt gehalten werden kann, ist zweifelhaft, außerdem würde eine Ablöse im 20-30-Millionen-Bereich dem Verein durchaus helfen.

Maolida muss wegen erwiesener Unfähigkeit weg.

Mittelstädt will sich verändern (Bremen), sollte gehalten werden, vor allem, wenn

Plattenhardt, warum auch immer nach neun Jahren, gehen muss.

Pekarik wird wohl seine Karriere in der Heimat oder Arabien ausklingen lassen. Schade, ein echter Herthaner, aber mal ist eben aus biologischen Gründen Schluss.

Uremovic war von Anfang an ein Wackelkandidat, der als Stark-Ersatz nie zu überzeugen wusste.

Nachwuchstalent Ullrich, der zwar noch nie gespielt hat, den aber die halbe Liga jagt, sollte ebenfalls überzeugt werden zu bleiben.

Da ist also einiges an Wechselbewegung zu erwarten ( mögliche Zugänge sind ja unbekannter Weise noch gar nicht aufgelistet), aber ob es wieder 30 Zu- und Abgänge geben wird, steht in den Sternen.

Einen Umbruch wird es geben, ob es der „Große“ wird? Hoffentlich nicht!

Die Stichworte sind und bleiben: Kontinuität und Identifikation!

Die Winter-Transferperiode

Eigentlich ist sie ja überflüssig wie ein Kropf: Die Wintertransferperiode. Sechs Wochen im Sommer, rechtzeitig endend vor Beginn der Saison, wären völlig ausreichend, um Kader aufzufüllen, zu verschlanken oder abenteuerlustigen, verarmten Spielern den Transfer nach China oder Arabien zu ermöglichen.

In diesem Jahr kommt ein zweites Transferfenster den Herthanern aber durchaus gelegen, muss doch der Verein seine 90 Millionen Jahresdefizit unbedingt gegen Null streben lassen, auch wenn das nur in Etappen gelingen wird. Immerhin: Der verliehene Frederik Björkan, Davie Selke, Dongjun Lee und Vladimir Darida spülen einige Euros Ablöse und/oder sehr viele Euros gespartes Gehalt in die klamme Vereinskasse (der überraschend gute Zuschauerschnitt der Hinrunde von mehr als 53.000 pro Spiel hat in heutiger Zeit leider nicht mehr allzu große Bedeutung, da die Ticketeinnahmen nur einen Bruchteil des Haushalts ausmachen. Aber nach wie vor macht Kleinvieh eben auch Mist). Einziger Wermutstropfen ist bisher die Ausleihe von Linus Gechter, einem der größten Hertha-Talente, nach Braunschweig. Aber vielleicht nützt die Spielpraxis auch für Herthas Zukunft, falls er denn wieder zurückkommt.

Der Kader umfasst, laut aktueller Website, noch 27 Spieler. Bei den drei Torhütern ist Jarstein noch dabei, wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen, obwohl er eigentlich (leider) kein Herthaner mehr ist. 10 Abwehrspieler, 5 Mittelfeldakteure und 9 Angreifer werden aufgelistet. Wenn noch Abnehmer für Zeefuik aus der Abwehr und Maolida aus dem Angriff gefunden werden, würde der Kader vorerst eine runde Sache sein, mit der man für den Rest der Saison auskommen und die Klasse halten kann.

Aber diese Veränderungen reichen natürlich noch lange nicht aus, die Fehler von Preetz und Schiller aus den letzten zwei Jahren ihrer Amtszeit zu korrigieren, als die Ausgaben ins unermessliche gesteigert wurden, die Einnahmen aber nur auf den Millionen von Windhorst fußten, die alsbald aufgebraucht waren. Die Ausgaben müssen weiter gesenkt werden. Besonders vor dem von Bobic aufgeblähten Stuff und den über 300 Angestellten ( man vergleiche doch mal die Zahlen mit denen anderer Vereine) darf nicht Halt gemacht werden. Auch wenn die acht derzeit ausgeschriebenen Stellen vielleicht nötig sein sollten. Vor allem auf die Anstellung eines Kochs (m/w/d) sollte man nicht verzichten: Nicht nur die Liebe, auch viele Bundesligapunkte gehen durch den Magen…

Jahresbilanz

Die Jahresrückblicke im Fernsehen sind alle längst gelaufen. Kurz vor Silvester 2022 also Zeit mal Bilanz zu ziehen und zu vergleichen: Wo stand Hertha eigentlich vor einem Jahr?

Nach der Hinrunde (es waren natürlich 17 Spiele absolviert) stand Hertha mit 21 Punkten auf einem akzeptablem 11. Platz, sechs Punkte hinter den „europäischen“ Tabellenplätzen. Der Trainer hieß Taifun Korkut, der Pal Dardai nach 14 Spielen abgelöst hatte. All das kommt einem heute wie Nachrichten aus der Steinzeit vor, wenn man an die Rückrunde mit der folgenden Relegation gegen den HSV denkt.

Spieler, die häufig eingesetzt wurden, waren Schwolow (17 Spiele), Stark (16), Ascacibar (14), Ekkelenkamp (12), Belfodil (12), Zeefuik (11), Boyata (11) und Piatek (9). Alle vom Winde verweht…

Der Präsident hieß übrigens Gegenbauer, falls sich noch jemand erinnert.

Was wird das Jahr 2023 bringen?

Schön, dass man Herthaner ist, da ist alles möglich, außer Stetigkeit…

Guten Rutsch!

Wer ist Organisations-Weltmeister?

Die Bilder machen einen sprach- und ratlos. Da kommen zum zentralen Platz in Buenos Aires angeblich Millionen Menschen, die ihre Weltmeister gebührend feiern wollen. Die Mannschaft will, wie das so üblich ist, mit dem Bus an möglichst vielen Fans vorbei defilieren. Es passiert natürlich, was passieren muss und was man auch andernorts schon durchaus erlebt hat: Der Bus kommt nicht mehr durch, er steckt fest. Denn was lernt man schon in der Grundschule im Naturwissenschaftlichen Unterricht? „Wo ein Körper ist, kann kein anderer sein!“ Und da sich die Menschen nicht bewegen können, weil der Platz und die angrenzenden Straßen pickepacke voll sind (auch wenn man der Zahl „fünf Millionen“ durchaus mit Misstrauen begegnen darf), geht nichts mehr. Dass es Verletzte gibt, ist logisch. Da ist ja auch, im Gegensatz zur wohltuend entspannten WM in Katar, Alkohol im Spiel. Also flüchten die Spieler (wie das möglich war, ist unklar) und fliegen mit Hubschraubern über den Köpfen der enttäuschten Anhänger. Welche Schwachsinns-Idee. Alle sind sauer, der Präsident des Fußballverbandes muss sich entschuldigen, und, und, und…

Wie man so eine Veranstaltung organisiert, kann man auf der Website des DFB oder auf youtube ansehen, wenn man sich die Feier des Weltmeisters von 2014 ansieht. Da sage noch einer, in Deutschland klappt gar nichts mehr (und früher war sowieso alles besser). Probleme bei dieser Feier sind nicht bekannt.

P.S.: Immerhin scheint die WM-Trophäe nicht beschädigt worden bzw. verloren gegangen zu sein. Das ist ja auch schon ein Erfolgserlebnis…

Herthaner der ersten Stunde

Gerade feierte man intensiv das 50-jährige Bestehen der Fußball-Bundesliga. Und nächstes Jahr ist es dann schon wieder 60 Jahre her, dass in Deutschland als letztem Land Europas eine zentrale Liga eingeführt wurde.

Von den jungen und nicht mehr ganz so jungen Hertha-Ultras kennt natürlich niemand mehr die elf Spieler, die am 24. August 1963 um 17 Uhr (!) zum ersten Spiel gegen den 1.FC Nürnberg antraten. Der spielte immerhin noch mit Weltmeister Max Morlock, war zwei Jahre zuvor Deutscher Meister geworden und mit acht Titeln deutscher Rekordmeister, quasi das Bayern München der ersten 60 Jahre „Deutsche Meisterschaft“.

Hertha spielte mit Wolfgang Tillich im Tor, „Verteidiger“, wie es damals hieß, waren Otto Rehhagel und Hans-Günter Schimmöller, „Läufer“ (heute Mittelfeldspieler, bzw. der Mittelläufer war Innenverteidiger, der den gegnerischen „Mittelstürmer“ (heute „Neuner“) in Manndeckung nahm) waren Peter Schlesinger, Hans Eder und Hansi Altendorff und im Sturm spielten Carl-Heinz Rühl, Uwe Klimaschewski, Harald Beyer, Helmut Faeder und Lutz Steinert.

Es waren wirklich nur diese elf, die spielten, denn auswechseln wurde erst Jahre später erlaubt. Wenn sich ein Spieler verletzte, spielte man zu zehnt weiter, oder der angeschlagene Spieler biss auf die Zähne und humpelte als Linksaußen herum.

Peter Schlesinger wurde zwar am ersten Spieltag eingesetzt, Stammspieler auf der Position des rechten Läufers wurde aber Lothar „Wanze“ Groß, nicht zu verwechseln mit Volkmar Groß, der von 1968 bis 1971 im Tor stand.

Da der erste Bundesligaspieltag fast 60 Jahre zurückliegt, müssen die Mitwirkenden demnach zwischen 80 und 90 Jahren sein. Die meisten wurden in den dreißiger Jahren geboren, haben also den 2. Weltkrieg als Kinder oder Jugendliche erlebt, waren aber nicht aktiv als Soldat beteiligt.

Wie es die Biologie nun mal so vorschreibt, leben nur noch vier der zwölf genannten Herthaner: Rehhagel (geboren 1938), Groß (1940), Klimaschewski (1938) und Steinert (1939). Verstorben sind Tillich (1939 – 1988, er wurde also nur 49 Jahre alt. Auf wikipedia wird keine Todesursache genannt. In dem Alter kann man aber eigentlich nur durch einen Unfall (das war nicht der Fall) oder an Krebs sterben), Schimmöller (1940 – 2016), Eder (1934 – 2022), Altendorff (1940 – 2016), Rühl (1939 – 2019), Beyer (1939 – 2017), Faeder, der erster Nationalspieler Herthas nach dem Krieg war, 1935 – 2014), Schlesinger (1937 – 2014).

Außer Rühl, Beyer, Rehhagel und Klimaschewski sind die anderen (mehr oder weniger) Berliner Jungs. Auch wenn Fredi Bobic den Gedanken absurd findet: Vielleicht sollte man einfach mal anstreben, wieder mehr auf Spieler zu setzen, die aus der Stadt oder zumindest aus der Region stammen. Das wäre mit Sicherheit preiswerter und für die Motivation durchaus förderlich. Und die Herthaner, die aus dem Fußballhimmel ihrer blauweißen Hertha bei den Spielen den Daumen drücken, würden das sicher auch ganz gerne sehen…

Die Karawane zieht weiter

Selten hat man eine Fußball-Weltmeisterschaft mit weniger Überraschungen erlebt. Da war in der Vorrunde der Sieg der Saudis über Argentinien. Aber am Ende waren die Südamerikaner trotzdem weiter und die Araber ausgeschieden.

Der Sieg von Japan gegen Deutschland kann ja nicht wirklich als Überraschung gewertet werden.

Eher noch der Sieg Australiens gegen Dänemark und das absurde 1:0 Costa Ricas gegen Japan. Absurd deshalb, weil die Mittelamerikaner sich in 100 Minuten genau zweimal in die gegnerische Hälfte wagten. Dass Marokko Belgien schlug ist sicher als ungewöhnlich zu bewerten, wenn man sich die Weltranglisten-Plätze ansieht: Belgien 2, Marokko 23. Aber die besten Zeiten der Roten Teufel sind eben vorbei. Und dass Südkorea Portugal schlägt ist auch keine Sensation. Schließlich haben die Asiaten bei der letzten WM schon Fußball-Weltmacht Deutschland aus dem Turnier gekegelt.

Und im Achtelfinale? Sieben Favoritensiege und Marokkos Elfmeterdemonstration gegen Spanier, die Elfmeterschießen angeblich seit einem halben Jahr geübt hatten. Merke: Allzuviel ist niemals gut.

Nach menschlichem Ermessen läuft alles auf ein Finale Brasilien gegen Frankreich hinaus. Aber vielleicht kommen die Sensationen ja jetzt. Marokko gegen Kroatien wäre auch ein schönes Endspiel.

P.S.: Jegliche Kritik am Turnier war mit Sicherheit berechtigt, von der gekauften Vergabe an ein Land ohne Fußballtradition bis zur Menschenrechtslage. Aber offenbar ist es bei uns niemandem aufgefallen, dass Deutschland mit dem Hervorheben der Kritik über das Sportliche international total isoliert dastand. Und wie sangen schon Ton Steine Scherben: „Allein machen sie dich ein…“

Die Durchschnitts-Mannschaft

Wie sagte doch der große Fußball-Weise Pal Dardai: „Fußball besteht zu 30 % aus Glück“ Oder aus Pech, könnte man genauso sagen, wenn man das Glück nicht auf seiner Seite hat.

Natürlich ist es Pech, dass der Siegtreffer Japans gegen Spanien offensichtlich irregulär war. Natürlich ist es Pech, wenn man gegen Costa Rica dreimal Pfosten oder Latte trifft. Es hat auch mit Pech zu tun, wenn man zwanzig (gegen Japan) oder dreißig (gegen Costa Rica) Torschüsse kreiert und die Bälle überall hin, aber nicht ins Tor gehen. Hier kann man jedoch schon mal einwerfen, dass zum Pech auch die fehlende Fähigkeit kommt, zu finalisieren, wie es neudeutsch so schön heißt. Das ist ein Phänomen, das die Nationalmannschaft nicht erst seit gestern mit sich herumschleppt. Das war schon gegen Südkorea 2018 der Fall. Genauso sind die Gegentreffer gegen Japan und Costa Rica keinesfalls mit Pech zu begründen, sondern mit einer Abwehr, die seit mindestens sechs Jahren fast immer wacklige Phasen hatte, ausgerechnet im Spiel gegen Spanien allerdings nicht, was zeigt, dass es, theoretisch zumindest, auch ginge. Fehlende Konzentration gegen vermeintlich Schwächere? Fehlende internationale Klasse? Letztlich nicht zu analysieren, da können die Verantwortlichen nach der WM lange diskutieren.

Apropos Verantwortliche. Da sind sie wieder alle da, die neunmalklugen Besserwisser. Flick muss zurücktreten, weil er ständig in der Abwehr rotiert und Füllkrug nicht einsetzt. Bierhoff muss zurücktreten, weil der Bindenrummel der Mannschaft die Konzentration geraubt hat. Muss der Chefkoch eigentlich auch zurücktreten? Es ist nicht bewiesen und nicht beweisbar, dass, wenn Flick und Bierhoff anders gehandelt hätten, die Mannschaft anders gespielt hätte. Geht ein Ball ins Tor statt knapp darüber (Musiala: mindestens fünf Mal), wenn es statt Eierkuchen Rührei gibt? Bzw., wenn statt Müller Füllkrug daneben steht? Es ist alles Spekulation.

Und wie anders wären die Kommentare gewesen, wenn die deutsche Mannschaft, die ja beileibe nicht so schwach wie 2018 in Russland gespielt hat, das Achtelfinale erreicht hätte! Bei gleicher Leistung wäre die Bewertung eine völlig andere gewesen. Dass Spiele nur und ausschließlich vom Ergebnis her beurteilt werden, ist ein Phänomen im Journalismus (und bei den „Fans“), das zwar dem Zeitgeist entspricht, nicht aber dem Verständnis des Bloggenden vom Fußball.

Eins ist aber klar: Deutschland ist nicht umsonst momentan nur 11. der Weltrangliste. Die Zeiten, wo ein Einzug ins Halbfinale einer WM sozusagen Standard war, sind lange vorbei. Die Ergebnisse der Mannschaft gegen Gegner der internationalen Spitze sind seit langem nur mäßig. Insofern war das Gerede über den angepeilten fünften Stern nur Pfeifen im Wald. Das Achtelfinale hätte durchaus erreicht werden können, aber ob man gegen Marokkos pfeilschnelle Konterspieler eine Chance gehabt hätte, wird leider immer unklar bleiben.

Ein kleiner Trost für Statistiker: Deutschland ist die beste der 16 ausgeschiedenen Mannschaften. Besser als Dänemark (FIFA-Rang 10) und auch besser als Belgien (FIFA-Rang 2). Und besser als die pausierenden Italiener sowieso.

Und in der „ewigen“ WM-Rangliste ist Deutschland nach wie vor glorreicher Zweiter. Nur, dass diese Zeiten eben schon fast ein Jahrzehnt zurückliegen. Man sollte sich nicht auf den Meriten von anno dazumal ausruhen…

Erster oder Zweiter?

Was soll die Frage? Alle (deutsche) Welt hofft, dass sich die Spanier im letzten Gruppenspiel nicht hängenlassen, bzw. nicht, wie die Franzosen gegen Tunesien, mit einer B-Elf antreten. Denn wenn Spanien verliert, hätte Japan sechs Punkte und wäre von Deutschland, einen Sieg gegen Costa Rica vorausgesetzt, nicht mehr einzuholen.

Aber was ist denn mit den Spaniern? Die hätten im Falle einer Niederlage vier Punkte, genau soviel wie Deutschland, wenn sie gewännen. Aber natürlich haben sie ein uneinholbares Torverhältnis!

Uneinholbar?

Wer zu den ganz Harten gehört und sich das Spiel Japan gegen Costa Rica in voller Länge angesehen hat, kommt zu der Erkenntnis, dass auch ein hoher Sieg gegen dieses Team, das zweimal höchstens unteres Zweitliganiveau zeigte, bei konzentrierter Herangehensweise durchaus möglich ist. Wie diese Mannschaft Japan schlagen konnte, wird in die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften als ewiges Rätsel eingehen. Wenn man konsequentes Tempospiel über die Außen von der ersten Sekunde an durchzieht, können zwei, drei Tore in der ersten Halbzeit fallen. Alles weitere wäre dann ein Selbstläufer. Die Tore fallen dann zwangsläufig.

Wie viele Tore müssten es sein?

Wenn Spanien verliert, haben sie bestenfalls eine Tordifferenz von +6. Deutschland müsste dafür sieben Tore schießen und wäre damit gleich, um auf Nummer sicher zu gehen, wäre also ein 8 : 0 nötig. Das hört sich utopisch an, ist aber, angesichts der Schwäche des Gegners, nicht unmöglich.

Möglich, und vielleicht sogar wahrscheinlicher, ist aber auch eine andere Konstellation: Spanien gewinnt gegen Japan oder spielt Unentschieden und Deutschland schlägt Costa Rica, allem oben gesagten zum Trotz, nicht, wie vor vier Jahren in Russland, als Südkorea maßlos unterschätzt wurde.

Alles ist also denkbar. Wie sagte doch der weise Sepp Herberger selig? „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie`s ausgeht.“

Und wo er Recht hat, hat er Recht.

P.S.: Unschön wäre übrigens folgendes Szenario: Japan spielt 1:1 gegen Spanien und Deutschland gewinnt 1:0 gegen Costa Rica. Dann haben beide 4 Punkte und 3:3 Tore. Deshalb würde eine Tabelle der punkt- und torgleichen Mannschaften erstellt (also Japan und Deutschland), welche leider ein 2:1 zugunsten Japans anzeigt. Soviel Pech wäre allerdings auch Unvermögen…

Boykott boykottieren

Nie hat man weniger Lust gehabt, sich in vierwöchiges Koma zu versenken und von morgens bis abends Fußballspiele anzusehen, die einen normalerweise überhaupt nicht interessieren. Aber bei einer Fußball-Weltmeisterschaft gibt es eben keine uninteressanten Spiele. Auch aus einer Partie Marokko gegen Kroatien kann man Erkenntnisse gewinnen, egal welche.

Aber 2022 in Quatar?

Man sieht sich die Spiele lustlos an, sozusagen aus jahrzehntelang eingeübtem Pflichtgefühl. Selbst die Vorfreude auf das erste deutsche Spiel gegen Japan hält sich in engsten Grenzen, was wahrscheinlich weniger mit den Umständen dieser WM zu tun hat, als mit der Erwartungshaltung die deutsche Mannschaft betreffend: Auf Platz 11 der Weltrangliste scheint die Mannschaft realistisch eingeordnet, was also ein Ausscheiden im Achtelfinale bedeuten würde. Wundern würde es niemanden, ein Einzug ins Halbfinale, früher mal das Minimalziel deutscher Nationalmannschaften, käme einer Sensation gleich.

Und dann gibt es am gestrigen Nachmittag doch einen Moment der Freude, der glücklichen Erinnerung: In Mexikos Mannschaft steht ein Spieler mit Namen Guilliermo Ochoa im Tor, an dessen Spiel seines Lebens am 17.6.2014, als er gegen Brasilien mit unfassbaren Paraden ein 0:0 rettete, wir uns nur zu gerne erinnern. Und nichts von seiner Ausstrahlung, die so gar nichts machohaftes hat, sondern Ruhe, Weisheit und Überlegenheit an den Tag legt, hat er in den vergangenen acht Jahren verloren. Ochoa ist jetzt 37 Jahre alt, sieht immer noch aus wie zweiundzwanzig und spielt seine fünfte WM. Eine sechste in dreieinhalb Jahren in seinem Heimatland erscheint nicht unmöglich.

Ich verstehe jeden, der keine Lust hat, sich die Spiele dieser WM anzusehen. Aber diese Unlust als Boykott hochzujazzen, erscheint mir etwas übertrieben und mit zweierlei Maß gemessen. Alles was die Ultras am letzten Spieltag an Banneraufschriften in den Stadien gezeigt haben, stimmt.

Aber käme jemand auf die Idee, nicht mehr zu heizen, weil das Öl aus Saudi-Arabien, nicht gerade einem Hort der Menschenrechte, käme?

Verzichtet jemand auf den Kauf eines neuen Fahrrades, eines Computers oder einer Hose, weil mit Sicherheit ein Teil dieses Produkts aus dem Land des Lächelns, wie China fälschlicherweise noch immer genannt wird, stammt?

Aber weil vor zwölf Jahren eine Bande korrupter Funktionäre eine WM verkauften, soll man jetzt auf sein Lieblingshobby verzichten? Geht´s noch?