Kurzarbeit Null und die Großzügigkeit der Profis

Die Spieler von Juventus Turin aus Italiens Serie A haben gerade wegen der Corona-Krise auf vier Monatsgehälter verzichtet, was 90 Millionen Euro ausmacht. Wer die Grundschule länger als bis zur dritten Klasse besucht hat erkennt glasklar, dass die Spieler somit 270 Millionen Euro im Jahr verdienen, bzw. erhalten. Bei angenommenen 27 Spielern im Kader ergäbe das ein Durchschnittsgehalt von 10 Millionen per anno. Auch wenn es bei vielen finanziell etwas eng werden sollte, müssen die meisten Spieler nicht sofort ihre Lebensmittel bei der Tafel abholen. Wenn es doch nötig werden sollte, kann man sich durch die Schutzmaske zum Glück relativ gut tarnen. Trotzdem: Wenn die 90 Millionen für die Gehälter der Club-Bediensteten bereitstehen würden, könnten sich einige Familien weiter abends eine Flasche Rotwein leisten.

Gehen wir nach Deutschland: Dortmunds Kader verdient nach mehr oder minder offiziellen Angaben 150 Millionen Euro pro Jahr, d.h., diese (aus Juventus-Sicht) Hungerleider erhalten nur ca. fünf Millionen im Durchschnitt. Auch wenn man davon nicht wirklich gut leben kann, müssten die Spieler entsprechend dem italienischem Vorbild immerhin 50 Millionen in den Topf werfen. Davon könnten 50 Angestellte je eine Million im Jahr erhalten oder 500 Bedienstete je 100.000 Euro. Dann bekämen auch der Ticketverkäufer oder der Ordner am Eingang mal etwas mehr als den Mindestlohn. Und da man ja die Leute nicht verwöhnen soll, könnten überschüssige Beträge auch für soziale Zwecke oder den Amateurfußball verwendet werden. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Die Sache hat nur den kleinen Haken, dass zwar von vielen Spielern (zuerst von Borussia Mönchengladbach und Unions Torwart Giekiewicz) die Bereitschaft zum Gehaltsverzicht kundgetan wurde, bisher aber von niemandem auch nur ansatzweise eine Zahl (in Prozent oder absoluter Höhe) genannt wurde. Die 2,5 Millionen Euro der Nationalspieler lassen da Schlimmes befürchten. 100.000 Euro je Spieler ist zwar für den Normalverdiener fast wie ein Sechser im Lotto, für die Profis aber gerade mal ein Wochengehalt.

Glaubwürdigkeit bekämen alle Großverdiener in der Bundesliga (also auch Trainer und Manager) erst, wenn sie das Gehalt für die gesamte Dauer der spielfreien Zeit spenden würden, denn dass man für Trimm-dich-Radfahren in der eigenen Villa Geld bekommen soll, ist ja wohl kaum einem Fan zu vermitteln.

Dann, und nur dann, könnte der Dauerkartenbesitzer aus Solidarität mit seinem Verein auch darauf verzichten, den Geldanteil für die nicht im Stadion gesehenen Spiele zurück zu erhalten.

 

Noble Bayern in der Corona-Krise?

Alle Dinge haben zwei Seiten: Das Bier schmeckt am Abend so gut, der Kater am nächsten Morgen fühlt sich so schlecht an. Alles blüht in der Natur, der Allergiker verdammt die Pollen und bekommt keine Luft mehr.

Auch Corona hat nicht nur schlechte Seiten: Viele tausend Kranke und einige hunderttausende, die noch dazu kommen werden (von Toten mal ganz zu schweigen) und andererseits ein Sonnabend ohne Stress im Stadion und danach Gehetze zur Sportschau. Herrliche Entschleunigung. Jetzt genau säße ich im Stadion und würde dem hochgepushten Derby entgegensehen, von „fiebern“ wollen wir in diesen Zeiten nicht reden. Übersteht Hertha mal die ersten zehn Minuten ohne zwei bis drei Gegentore? Haben die Spieler Lust Stadtmeister zu werden oder haben sie die erbärmliche Nichtleistung aus dem Hinspiel in Köpenick schon verdrängt? Nein, ich kann auf diese Fragen gut verzichten. Von mir aus ist die Saison ab sofort beendet. Vorteile? Hertha steigt nicht ab. Und der HSV darf sich noch ein Jahr in der besten zweiten Liga der Welt ausruhen.

Ganz so absurd sind diese Gedankenspiele nicht, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Glaubt jemand ernsthaft, dass die Saison noch beendet werden kann? Man benötigte mindestens fünf Wochen, um in mehreren englischen Wochen die neun Spieltage zu absolvieren. In China gibt es jetzt nach mehr als drei Monaten keine Neuinfizierten mehr.  Auf Deutschland übertragen wäre das Anfang Juni. Aber wir sind nicht China. Bei uns gibt es noch Öffentlichen Nahverkehr als Hauptansteckungsquelle und die Partygänger sind auch noch am Feiern. Also dauert die eingeschränkte Zeit noch mindestens bis Anfang Juli. Dann könnte man die Saison verlängern, im Juli/August die Saison beenden und nach kurzer Pause Ende September wieder, vielleicht sogar mit Zuschauern, neu starten.

Aber sicher ist das alles nicht. Vielleicht gibt es im Jahre 2020 nach fast hundert Jahren wieder einmal keinen Deutschen Meister (von den Kriegs- und Nachkriegsjahren 1945 bis 1947 mal abgesehen): 1922 gab es nach zwei unentschieden endenden Endspielen zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg mit endlosen Verlängerungen bei mörderischer Hitze (Elfmeterschießen war unbekannt) keinen Meister, weil der HSV, dem der Titel zugesprochen wurde, letztlich auf die Meisterschaft verzichtete. Wie schön wäre es, wenn die Bayern nur einmal so nobel sein könnten…

Entscheidende Wochen

Interimstrainer Alexander Nouri liegt voll im Soll: Drei Punkte nach zwei Spielen bedeuten 1,5 Punkte pro Spiel, was hochgerechnet auf eine ganze Saison 51 Punkte ergäbe. Wenn man denn im Fußball so rechnen könnte. Kann man aber, wie alle wissen, nicht. Denn wenn heute in Düsseldorf und selbstverständlich nächste Woche gegen Werder (die wahrscheinlich in Berlin ihre Aufholjagd beginnen werden) verloren wird, sieht der Schnitt mit drei Zählern aus vier Spielen mit 0,75 (also ca. 26 pro Saison) schon ganz anders aus. Und entspräche in etwa den derzeitigen Leistungen Herthas auf dem grünen Rasen, nämlich denen eines Absteigers.

Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben! Vielleicht gelingt ja in Düsseldorf das, was in Paderborn schon mal gelungen ist: Eine konzentrierte, kompakte Leistung zu bringen. Die Spieler wissen alle, dass sie zu liefern haben. Und eventuell wurde in der Videoanalyse angesprochen, dass ein Mittelstädt zweimal dreißig Meter hinter seinem Gegenspieler herhechelte, ohne den folgenden Einschlag noch verhindern zu können. Oder dass ein Wolf bestimmt zwanzig Fehlpässe spielte, oder, oder, oder…

Wir wollen nicht annehmen, dass an den unsäglichen Klinsmann-Papers mehr als die Rechtschreibung stimmt. Denn wenn in den letzten Jahren wirklich so schlecht gearbeitet worden wäre, fände sich Hertha mittlerweile in der Regionalliga wieder. Den Gegenbeweis müssen die Spieler aber noch erbringen, was eigentlich als Motivation ausreichen dürfte. Ein erwachsener Mensch kann sich von dem plumpen Versuch, ein Ablenkungsmanöver vom eigenen menschlichen Versagen (nicht dem sportlichen!) zu starten, normalerweise nicht irritieren lassen. Dass sich Klinsmann, der offensichtlich unter Geldmangel leidet (erst seine absurden finanziellen Forderungen als Trainer und jetzt der Verkauf von Schmutz an die Bild-Zeitung), immer tiefer in den Sumpf hineinstrampelt, kann man nur schadenfroh zur Kenntnis nehmen. Und Klinsmanns Sumpf besteht nicht aus Milch, die wie bei dem strampelnden Frosch dann zu Butter wird. Fast kann man schon Mitleid haben…

Wirklich ein vierter Trainer?

Die Hertha-Mannschaft hat gegen Köln so gespielt, als wollte sie uns sagen, dass sie gerne einen anderen Trainer hätte. Natürlich, beim Fußball ist mehr als in vielen anderen Sportarten die Tagesform entscheidend und, wie wir seit Pal Dardais Zeiten wissen, zu 30 % das Glück. Aber so neben den Stiefeln zu stehen, wie am letzten Sonnabend, ist eigentlich durch Form und Pech alleine nicht erklärbar. In der 57 Jahre andauernden Hertha-Bundesliga-Geschichte (kleinere Unterbrechungen übersehen wir mal großzügig), gab es nur zwei Heimspiele, die fürchterlicher waren als das 0:5 gegen Köln, nämlich 2012 ein 0:6 gegen Bayern München und 1980 ebenfalls ein 0:6 gegen den Hamburger SV. Das waren aber zwei Mannschaften der Spitzenklasse, was man vom Aufsteiger 1.FC Köln gewiss nicht behaupten kann. Bayern und der HSV wurden in diesen Jahren jeweils Vizemeister und Hertha stieg in beiden Spielzeiten ab.

Soll nun also ein neuer Trainer für die letzten zwölf Spiele verpflichtet werden? Wenn man die Leistung der Spieler im Köln-Spiel als Maßstab nimmt: selbstverständlich.  Andererseits traten die Herthaner in Paderborn ganz ansprechend auf. Und soll wirklich ein vierter Trainer in der Saison nach Ante Covic, Jürgen “good-bye“ Klinsmann und Alex Nouri verpflichtet werden?

Auch hier kann ein Blick in die Vergangenheit vielleicht für Klarheit sorgen:

1990/91 durften Werner Fuchs, Pal Csernai, Peter Neururer und Karsten Heine versuchen, den Abstieg zu vermeiden. Als Tabellenletzter ging das daneben. Und 2011/12 haben Markus Babbel, Michael Skibbe, René Tretschok/Ante Covic und Otto Rehhagel zwar den 16. Platz und damit die Relegation erreicht, diese aber gegen Düsseldorf verdaddelt, wenn auch unter dubiosen äußeren Umständen. Selbst mit drei Trainern ist Hertha schlecht gefahren: Kuno Klötzer, Hans Eder und Helmut Kronsbein konnten 1980 den Abstieg nicht verhindern und 1986 schafften es Uwe Kliemann, Rudi Gutendorf und Jürgen Sundermann sogar, Hertha zwei Urlaubsjahre in der Amateuroberliga Berlin zu bescheren.

Wenn aus der Geschichte zu lernen, siegen zu lernen heißt, ist schon der dritte Trainer einer zu viel. Wenn Hertha in Düsseldorf verliert, wird dem Sportvorstand Preetz aber nichts anderes übrig bleiben, als zu handeln und einen Feuerwehrmann zu holen, um den Abstieg zu verhindern. Noch läuft man ja nicht, wie Bremen, dem Feld mit Abstand hinterher, sondern man hat noch einen Vorsprung. Wenn nach einer Niederlage in Düsseldorf der vierte Trainer kommt, sollte man ihn aber vielleicht von vorneherein nur für sechs Spiele verpflichten. Ein fünfter Trainer für die letzten Partien dieser Saison wäre dann mal Neuland und wer weiß, vielleicht wären das ja die 30 % Glück, die man braucht…

Kann Hertha Kölns Dilemma ausnutzen?

Der 1.FC Köln hat eine erstaunliche Serie hingelegt. Seit dem Trainerwechsel von Beierlorzer zu Gisdol läuft die Punktemaschine wie geschmiert: Nach 12 Spielen standen 7 Pünktchen zu Buche, jetzt nach 21 Begegnungen (das Spiel gegen Gladbach fiel ja aus) haben sie 23 Zähler auf dem Konto. 16 Punkte in 9 spielen, das ist eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Und gerade jetzt funkt ihnen die rheinische Folklore in Form des Karnevals dazwischen.

Es gibt ja für alle nur vorstellbaren Vorkommnisse im Fußball Datenbanken, die uns z.B. erklären, welcher Verein am meisten Einwürfe in der Anfangsviertelstunde auf der linken hinteren Außenbahn direkt zum Gegner wirft oder welcher Spieler sich am seltensten in Auswärtsspielen vom gegnerischen Torwart tunneln lässt. Aber gibt es verlässliche Aussagen über die Leistungen des 1.FC Köln kurz vor, während und nach der närrischen Zeit? Vom gesunden Menschenverstand her müssten sich die Ergebnisse in den letzten dreißig Jahren nach dem Bosmann-Urteil und der totalen Globalisierung der Bundesliga eigentlich verbessert haben, denn was interessiert einen Schweden oder einen Japaner schon der Karneval? Andererseits wird ja immer so viel Wert auf Integration der Spieler gelegt und wenn die Brasilianer nach fünf Jahren in Deutschland auch außer Tor, Bier und Trainer der deutschen Sprache nicht allzu mächtig sind, fallen die Defizite im Feiersektor in der Regel deutlich geringer aus. Selbst Littbarski und Icke Häßler sollen ja richtige Karnevals-Größen gewesen sein, was nicht auf körperliche Gegebenheiten zurückzuführen sein kann. Also, egal woher, egal welcher Charakter, egal welcher Tabellenstand: Karneval in Köln heißt feiern, saufen, ausnüchtern und dann geht alles wieder von vorne los.

Leider findet die Begegnung Hertha BSC gegen den 1. FC Köln schon kurz vor Beginn der Karnevalszeit statt. Die Ermüdungserscheinungen sind vielleicht noch nicht sehr stark ausgeprägt, im Gegenteil, die stimulierende Wirkung des Alkohols sollte nicht unterschätzt werden. Also muss Hertha erst mal sicher stehen, den Gegner viel laufen lassen und wenn der erste aus der Weiberfastnacht herrührende Kater doch Wirkung zeigt, gnadenlos zuschlagen und die drei, vier standesgemäßen Tore schießen. So, wie beim Hinspiel im September, wo Ibisevic kam, sah und einnetzte. Eigentlich eine totsichere Taktik. Damit kann man im nächsten Jahr wirklich Europa ins Visier nehmen.

Wenn Hertha das zweite von fünf Sechs-Punkte-Spielen gewönne, kann Preetz beruhigt für die neue Saison planen. Es sei denn, Herr Windhorst schlägt Matthäus oder Effenberg als neuen Fußballfachmann vor…

Die Ratte verlässt das Schiff – das Schiff sinkt aber gar nicht

Dettmar Cramers Rekord hat er nicht gebrochen: Der hat Hertha nämlich in genau Null Spielen betreut, bevor er ging und Michael Skibbe war Trainer für 4 Spiele. Und dann kann sich Klinsmann schon die bronzene Plakette für die drittkürzeste Anzahl von geleiteten Spielen an die schwäbische Brust heften. Neun Spiele hat er die Mannschaft betreut und es nicht ganz geschafft, sie in die Champions League zu führen. Ein paar Spiele hätte er wirklich noch zur Erreichung seiner Ziele dranhängen müssen. Aber der Februar ist eben kein Monat, den man unbedingt in Berlin verbringen muss, wenn die Kalifornische Sonne lockt, obwohl es selbst da manchmal Regen und Nebel geben soll.

Bilanzieren wir mal realistisch: Klinsmann übernahm die Hertha-Mannschaft mit 11 Punkten und holte in seinen neun Spielen 12 Zähler. Hochgerechnet ergäbe das bei 34 Spielen etwa 45 Punkte, was ja wohl eine akzeptable Quote ist (in den beiden letzten Jahren holte Hertha 43 Punkte). Und das gegen sechs von neun Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte!  Das Team lag auf Platz 15 punktgleich mit dem Team auf dem Relegationsplatz. Jetzt ist die Mannschaft 13. und hat sechs Punkte Vorsprung. Sportlich also, wenn man mal von der beschämenden Leistung im Spiel gegen Mainz absieht, alles im Lot. Alles andere ist natürlich äußerst umstritten, von der Suspendierung des beliebten Kalou über die Abgabe des einzigen Spielmachers Duda (wenn auch dessen Leistungen nicht mehr stimmten, aber es soll ja Trainer geben, die ihre Spieler jeden Tag etwas besser machen wollen, wie ein gewisser Herr Klinsmann mal gesagt hat) bis zur Verpflichtung von teuren Spielern, die dem Verein anscheinend auch nicht helfen und dem verbalen Verzicht auf den künftigen Einbau der vorhandenen Talente aus den eigenen Reihen. Alles sehr umstritten in der konservativen Hertha-Gemeinde, aber deshalb muss es ja nicht verkehrt sein. Erfolg oder Misserfolg solcher neuen Vereinsphilosophie könnte man erst nach zwei bis drei Jahren feststellen. Jetzt nach 10 Wochen das Handtuch mit fadenscheinigsten Gründen hinzuschmeißen (nicht genug Unterstützung des gesamten Vereins) spricht doch dafür, dass Uli Hoeneß wie so oft mit seiner Einschätzung recht hatte, als er die damalige Zeit Klinsmanns als Bayern-Trainer als „Irrtum“ bezeichnete.

Nun gut, man schämt sich ein bisschen fremd, wie wenn man nachmittags aus Versehen RTL II einschaltet und vor dem Weiterzappen ein paar Minuten Ehekrach oder vermüllte Wohnungen sieht. Aber die Trainer kommen und gehen, die blau-weiße Hertha bleibt bestehen. In der endlosen Reihe der Trainer in der Hertha-Geschichte wird Klinsmann im Gegensatz zu seinem größenwahnsinnigen Ego eine unbedeutende Randnotiz bleiben…

Arne Maier und seine Einsatzzeiten

Arne Maier, seit früher Jugend bei Hertha BSC spielend und eines der größten Talente im deutschen Fußball bittet den Verein um die vorzeitige Freigabe.

Warum?

Weil er nicht genug Einsatzzeiten bekommt.

Da fällt dem geneigten Beobachter doch die Kinnlade runter!

Arne Maier hatte in den letzten drei Spielzeiten 42 Einsätze, mit stets steigender Tendenz, in der Saison 18/19 spielte er 24 mal, davon 18 Begegnungen über die gesamte Spielzeit. Und das trotz einiger Wehwehchen und Verletzungen gegen Ende der Saison. Zu Beginn der derzeitigen Saison verletzte er sich schwer am Knie und als er gerade fit war, zog er sich in der Winterpause wieder eine Blessur zu, die zum Glück nicht allzu schwerwiegend war. Alles in allem fiel der gute Arne ein halbes Jahr verletzungsbedingt aus. Wie er unter diesen Umständen auf Einsatzzeiten kommen sollte, kann wohl nur er selber beantworten. Vielleicht beim neuen „walking-Fußball“, der aber mehr für die Generation 60+ gedacht ist. Zumindest nicht in der Bundesliga, wo manchmal so etwas wie Leistungssport betrieben wird.

Offensichtlich hat Arne Maier Angst, sich im Mittelfeld erstmal hinten anstellen zu müssen. Da gibt es Grujic, Darida, Skjelbred und neuerdings auch Ascacibar. Fünf Spieler für zwei bis drei Positionen stellen eigentlich keinen unzumutbaren Konkurrenzdruck dar, wenn man den Anspruch hat über kurz oder lang in der Nationalmannschaft zu spielen. Und auch wenn im Sommer der Franzose Lucas Tousart zum Kader stößt: Ob Grujic bleibt ist unklar, Skjelbred spielt zwar die beste Saison seines Lebens, aber er wird auch nicht jünger und ist schon über 30 und ob Duda zurückkehrt, ist überhaupt nicht sicher, außerdem ist er als Zehner eher kein Konkurrent für Maier.

Fazit: Maier wird gebraucht.

Also: Dem jungen Mann mal erklären, was das Wort „Durchsetzungsvermögen“ bedeutet und genau das machen, was Manager Preetz offenbar zeigt: „Freigabe verweigern – arbeiten gehen – ab auf den Trainingsplatz!“

Kalou und Klinsmann – mal sehen was bleibt…

Salomon Kalou kam in der Saison 2014/15 zu Hertha und fast jeder dachte, dass sich da jemand für viel gutes Geld ein, zwei Jahre aufs Altenteil legen wird. In der Mitte seiner sechsten Saison bei Hertha hat Kalou 152 Spiele für die Blauweißen absolviert, was Platz 35 von über 450 eingesetzten Spielern seit 1963 bedeutet und 48 Tore geschossen. Das ist in der Hertha-Rangliste immerhin Platz 5 hinter Preetz (84), Beer (83), Horr (75) und Marcelinho (65) und vor Pantelic (45), Hermandung und Granitza (je 34). Natürlich war Kalou nie der Schnellste, obwohl er, wenn er wollte, jeden Außenverteidiger abhängte. Zu Kopfballduellen im Mittelfeld stieg er grundsätzlich nicht hoch, aber wie er in Leipzig beim großen 3:2-Sieg in der Luft stand und eine Flanke versenkte, bleibt unvergessen. Selbst stürmende Außenverteidiger verfolgte er bis zur eigenen Eckfahne, wenn es denn unbedingt sein musste. Und wenn Hertha das seltene Glück hatte, einen Elfmeter zugesprochen zu bekommen? Man konnte seinen Puls schon mal runterfahren, wenn Salomon Kalou sich den Ball zurechtlegte: In der Nachspielzeit in Wolfsburg vom Punkt den Siegtreffer erzielt und überschäumende Euphorie entfacht, in Freiburg nach seinem einzigen Fehlschuss zehn Minuten später den Ball wieder zu fordern und dann zu versenken: Dardai bescheinigte ihm Eier. Wie wahr.

Jetzt darf er sich einen neuen Verein suchen und auch wenn er in dieser Saison nur noch selten zum Einsatz kam, ist jeder Herthaner doch auch ein bisschen traurig. Ist dieser Abgang der neue Stil bei Hertha?

Natürlich zählt in der Bundesliga, in der selbst durchschnittliche Kicker im Laufe ihrer Karriere Millionen verdienen, nur das Gesetz der Leistung. Und Jürgen Klinsmann, der selber mal eine Tonne zertrat, weil er das Leistungsprinzip nicht akzeptieren wollte, setzt dieses gnadenlos durch. Betonung auf gnadenlos. Um die Ziele seines Herrn und Meisters zu erreichen, nämlich mittelfristig in der Champions League zu spielen (und Meister zu werden), wobei die Frage erlaubt sei, wie lang mittelfristig ist, werden in kürzester Zeit alle Tugenden und Leitlinien des Vereins über den Haufen geworfen: Die eigene Jugend in die Bundesligamannschaft einzubauen und Kontinuität im Spielerkader als wichtiges Element der Identifikation von Fan und Verein zu wahren. Davon kann momentan keine Rede mehr sein. Wenn Klinsmann in einigen Jahren als Trainer oder Aufsichtsratsmitglied mit der Schale durch das Brandenburger Tor fährt oder läuft, hat er alles richtig gemacht. Wenn die Windhorst-Millionen in zwei Jahren aber verbrannt sind (siehe HSV, Stuttgart…) und der Verein mit einer Truppe von Söldnern (das sind zwar auch jetzt schon alle Spieler, aber nicht alle fühlen sich so) den Abstieg nicht verhindern kann, weil die Spieler das Kämpfen verlernt haben…dann hat Klinsmann alles falsch gemacht. Wir verfolgen die Sache gespannt und nehmen keine Wetten an, wie sie ausgeht…

Das dardaische Entlassungsaxiom

Drei Punkte gegen Freiburg sind im Abstiegskampf unbedingte Pflicht. Und wenn nicht? Klinsmann würde auch im Falle einer Niederlage (und auch eventuell folgender Niederlagen gegen Leverkusen, Mönchengladbach und Bayern München) nicht entlassen werden, weil erstens kein anderer Trainer zur Verfügung steht, zweitens der Investor nicht zustimmen würde und drittens es erst vier Niederlagen in Reihe wären und nach dem dardaischen Entlassungsaxiom wird man erst nach der fünften Niederlage in Serie gefeuert. Außer Ante Covic, der nach vier Pleiten gehen musste.

Warum steht Hertha eigentlich am südlichen Ende der Tabelle, obwohl man doch zu Beginn der Saison das Ziel Europaliga ausgegeben hatte?

Es ist, wie so oft im Fußball, dass Erfolg auch Erfolg nach sich zieht und Misserfolg neuen Misserfolg schafft. Ein unglücklich verlorenes Spiel setzt die Mannschaft unter Zugzwang, dann vereitelt der Pfosten oder ein indisponierter Schiedsrichter einen Sieg und schon befindet man sich in der Abwärtsspirale.

Hertha hat in München, gegen Wolfsburg, in Köln, gegen Düsseldorf, in Bremen, gegen Hoffenheim, gegen Dortmund und auch in Frankfurt zumindest phasenweise gut gespielt, aber trotzdem drei dieser Spiele verloren und in zweien nur ein Unentschieden erreicht. Unglücklich mit zwei Eigentoren auch die Niederlage gegen Schalke, die Niederlage in letzter Minute gegen Mainz. Glücklich eigentlich nur der Sieg gegen Paderborn. Und indiskutabel vom Einsatz her die Niederlagen gegen Union und Augsburg. Gegen überlegene Leipziger hätte man auch ein Unentschieden erreichen können, wenn der klare Elfmeter nicht verweigert worden wäre. Aber das ist es natürlich, was einen Verein ausmacht, der um den Abstieg, oder positiv formuliert um den Nicht-Abstieg spielt: Enge oder teilweise überlegen geführte Spiele werden in der Regel verloren. Um aus dieser Spirale herauszukommen benötigt man, wie jeder weiß, Siege. Z.B. gegen Freiburg! Die Statistik weist eher auf ein Unentschieden hin, das es elf mal im Olympiastadion gab, bei fünf Hertha-Siegen und vier Erfolgen für Freiburg. Die beiden letzten Partien endeten jeweils auch Remis, vor drei Jahren gewann Hertha in der Nachspielzeit durch Schiebers Tor mit 2:1.

Ein Unentschieden käme in diesem Jahr aber einer Niederlage gleich. Hoffentlich hat Klinsmann die Mannschaft so motivieren können, dass es für „einen Dreier“ reicht. Aber es gibt ja noch die traditionell „starke“ Rückrunde von Hertha. Noch kann also, so oder so, gehofft werden…

Soll Preetz aus Uerdingen lernen?

Die Ultras zeigten im Spiel gegen Dortmund viele schöne Spruchbänder. Das schönste lautete zweifellos: „10 Jahre – 12 Trainer – 1 Verantwortlicher“

Abgesehen davon, dass es nicht zwölf Trainer sondern nur neun waren, sollten die Verfasser mal nach Uerdingen schauen: in 19 Monaten gab es dort acht verschiedene Trainer, weil der russische Investor offenbar etwas mehr Speed braucht als der grundsolide Preetz. Vielleicht sollte der Hertha-Manager noch ein bisschen am Geschwindigkeitshebel des Trainerkarussells drehen, damit die Ultras sehen, dass noch viel mehr geht. Das Blöde ist nur, dass das ständige Auswechseln des Trainers ja nicht im Entferntesten Erfolg hat, wie Uerdingen, der HSV oder auch Stuttgart oder Köln glanzvoll beweisen. Andererseits sind neun Trainer in 10 Jahren auch kein Pappenstiel, auch wenn, außer Freiburg, wohl jeder Bundesligist eine ähnliche Traineraustauschbilanz aufweist. Und viereinhalb Jahre Konstanz, wie zuletzt bei Dardai, zeigen ja, dass Trainer nicht aus Jux und Dollerei gewechselt werden, sondern dass es meist zwingend nötig war. Eine kleine Chronologie gefällig?

Favre war nach der verpassten Meisterschaft 2009 ausgebrannt und mental und körperlich am Ende.

Funkel wurde nach etlichen Niederlagen nicht entlassen, sondern durfte mit Hertha absteigen (nach teilweise großartigen Spielen in der „Aufholjäger-Rückrunde). Es waren vor allem die Fans der Ostkurve, die Funkel nicht in der zweiten Liga sehen wollten (wie sie ja überhaupt immer die ersten sind, die „Trainer raus“ schreien).

Babbel musste nach eineinhalb Jahren gehen, weil es Probleme außerhalb des Fußballgeschehens gab, wie alle wissen.

Skibbe war der einzige Fehlgriff des Managers, wer kann aber schon sagen, ob es mit ein bisschen Geduld nicht doch besser gelaufen wäre. Nach vier Niederlagen und einem unglücklichen Pokal-Aus durfte Skibbe zum Arbeitsamt.

Das Ein-Spiel–Gespann Widmayer/Covic überspringen wir der Einfachheit halber.

Rehhagel war von vorneherein nur als Kurzzeit-Retter vorgesehen, was er auch fast geschafft hätte, wenn Herr Stark in der Düsseldorfer Relegation nach offiziellen Fußball-Regeln gepfiffen hätte und nicht nach Provinz-Stammtisch-Regelauslegung.

Luhukay durfte aufsteigen, nicht absteigen und noch 19 Spiele lang langweiligen Fußball zelebrieren lassen und auch die Ostkurve war damals nicht unzufrieden, als er gehen musste.

Dardai stabilisierte die Mannschaft, sein Fußball war nicht immer schön, aber im Rahmen der Möglichkeiten viereinhalb Jahre lang erfolgreich.

Covic sollte ein Nachfolger mit Hertha-Gen werden, der aber das nötige Glück nicht auf seiner Seite hatte. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen kann: Fünf Punkte zu wenig und ein hergeschenktes Derby.

Klinsmann, der neunte in der Preetzschen Trainergalerie, soll mit seinem neuen Stab diese Punkte holen, Union im Rückspiel schlagen und nach der Saison Platz machen für Nico Kovac. Es gibt keine Garantie, dass das gelingt. Wenn doch, hat Preetz insgesamt nicht so viel falsch gemacht, was die Trainerfrage angeht. Dazulernen ist natürlich nicht verboten. Aber bitte nicht von Uerdingen…