Herthas Misserfolge – eine Mentalitätsfrage?

1 0 1 0 1 1 1 0 1 1 1 0 0 1 0.

Was auf den ersten Blick wie eine Zahl im binären System anmutet, ist in Wirklichkeit eine Abbildung des bisherigen Saisonverlaufs von Hertha BSC. Dabei steht, wie wir schon ahnen, eine 1 für ein gutes und eine 0 für ein schwaches Spiel. Komplett ausgeschrieben hieße das:

Werder gut – Frankfurt schlecht – Bayern gut – Stuttgart schlecht – Leipzig gut – Wolfsburg gut – Augsburg gut – Dortmund schlecht – Leverkusen gut – Union gut – Mönchengladbach gut – Mainz schlecht – Freiburg schlecht – Schalke gut – Bielefeld schlecht.

Immerhin gibt es zwei Dreierpacks gute Spiele hintereinander. Das tragische daran ist, dass auch gute Spiele nur selten gewonnen wurden, manchmal sogar verloren, wie in Bayern und Leipzig. Ein unerklärliches Auf und Ab, keine Konstanz, keine zwei Siege hintereinander, die die Mannschaft wenigstens in die Nähe der oberen Tabellenhälfte bringen würden.

Wenn das so weitergeht ist ein Sieg in Köln absolut vorstellbar, ja sogar wahrscheinlich. Wenn nicht, wird eben gegen Hoffenheim gewonnen. Wird aber in Köln gewonnen, wird das Spiel gegen Hoffenheim garantiert nicht auch gewonnen.

Sonderbar.

Und das Sonderbarste: Niemand kann die Gründe nennen. Die Fans nicht, die Journalisten, die doch sonst immer alles wissen, nicht, Axel Kruse nicht, der Verfasser dieser Zeilen, seit siebenundfünfzigeinhalb Jahren Anhänger der Blauweißen, nicht und der Trainer, der es doch wirklich wissen müsste: Auch nicht.

Ist der Manager schuld? Hat er den Kader, nachdem die Windhorst-Millionen auf dem Tisch lagen und investiert werden mussten, nicht mehr wir früher nach Klasse und Charakter sondern nur noch nach dem Preis zusammengestellt? Eigentlich nicht, denn zweifelsohne ist ein Cunha ein begnadeter Fußballer und auch ein Ascocibar und ein Guendouzi lassen kämpferisch nichts zu wünschen übrig. Cordoba und Piatek schießen Tore, wenn sie die Möglichkeiten bekommen. Und Arne Meier hat die Bank im Olympiastadion mit der auf der Alm vertauscht. Nur Duda scheint in Köln aufzutauen. Vielleicht der einzige Fehler von Preetz und dass er ein Mentalitätsmonster wie Ibisevic unbedingt loswerden wollte, anstatt ihm einen leistungsbezogenen Vertrag anzubieten.

Letztlich bleiben alle Erklärungsversuche vergeblich. Auch, dass sich die Mannschaft noch finden muss. Nach 15 Spielen sollte man sich, wenn man nicht völlig blind ist, vielleicht gefunden haben.

Die einzige Begründung für das Auf und Ab ist die, dass Hertha eben Hertha ist, war und immer sein wird. Da kann man nichts machen und der genervte Anhänger muss sich fragen, ob er nicht doch lieber Erfolgsfan von Bayern München werden will. Oder Anhänger der neuerstarkten Mannschaft aus Gelsenkirchen, die jetzt das Feld von hinten aufrollen wird. Oder gleich zu Rasenballsport überlaufen? Von den Rivalen aus Köpenick, die offenbar so vieles besser machen (aber was, aber was?) wollen wir der Fairness halber nicht reden.

Halten wir uns an die Fakten: Hertha ist 12. der Tabelle und in der „Ewigen Tabelle“ ebenfalls 12. Das ist doch gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass die in der ewigen Tabelle vor Hertha liegenden HSV und Kaiserslautern aber auch Köln und Stuttgart in den letzten zehn Jahren viel mehr Fehler als Hertha gemacht haben. Ist es nicht ein Trost, dass es immer noch viel schlimmer kommen könnte…?

Tasmania – eine Nachbetrachtung

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ein gewisser Elmar May von Borussia Neunkirchen im letzten Aufstiegsspiel 1964 im Ellenfeld seinen schönen Drehschuss in den saarländischen Himmel und nicht ins Netz der Tasmania gesetzt hätte. So aber gewann Neunkirchen 1:0, stieg in die Bundesliga statt Bayern München auf und die ollen Tasmanen, auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, guckten in die Röhre.

Hätten sie, die wenige Tage vorher die überheblichen Bayern vor über 30.000 Zuschauern mit einem fulminanten 3:0 aus dem Berliner Poststadion gefegt hatten, ihrerseits in Neunkirchen gewonnen, wären sie aufgestiegen und Schalke 04 hätte schon jetzt seinen Rekord für die Ewigkeit. Denn Tasmania war im Jahr 1964 absolut konkurrenzfähig, wie auch der 5:1-Heimsieg gegen den späteren Aufsteiger Neunkirchen und ein 1:1 in München beweisen. Nur ein Jahr später, ohne den reißerischen Mittelstürmer Fischer und etwas überaltert, als man als dritter der Regionalliga Berlin für die aus der Bundesliga vom DFB verbannten Herthaner aus politischen Gründen einen Startplatz in der Eliteliga geschenkt bekam, konnte man die Klasse, trotz des Transfers von Nationalspieler Horst Szymaniak, nicht halten.

Aber: Nicht alle Spiele der Tasmania waren Klatschen, wie man mit den Jahrzehnten, die seither ins Land gingen, zu glauben pflegt. Es gibt sogar einen Verein, gegen den Tasmania überhaupt nicht verlor: Zwei Unentschieden gegen den 1.FC Kaiserslautern bleiben für immer im Goldenen Buch der Bundesligastatistik stehen. Ehrenwerte 0:2-Niederlagen gegen den Zweiten und Dritten, nämlich Dortmund und Bayern München, stehen ebenso zu Buche wie Unentschieden gegen Werder Bremen und Mönchengladbach (mit 600 Zuschauern Negativ-Rekord der Bundesliga, wenn man die Null-Zuschauer-Spiele der Corona-Saisons vernachlässigt). Zweimal gab es ein knappes 1:2, dreimal ein 1:3, einmal ein 0:1, fünfmal ein 0:2 allerdings auch viermal ein 0:5, zweimal ein 1:5, einmal ein 0.6, einmal ein 2:7 und, als krönendes Negativerlebnis, ein 0:9 gegen den Meidericher SV.

Für eine zu alte Halbprofitruppe schlug man sich also in der Hälfte der Spiele recht anständig, insgesamt konnte es natürlich nicht reichen und der DFB durfte sich beruhigt zurücklehnen: Man hatte ja schließlich alles denkbar Mögliche für Berlin getan…

Benötigt Hertha Verstärkungen?

Keine Frage, denkt man, wenn man einen Blick auf die Tabelle der einstmals stärksten Liga der Welt wirft. Ein 14. Platz, den die Blauweißen derzeit innehaben, kann ja nicht das Ende der Fahnenstange sein, oder, wie der Berliner sajen tut: „Die könn` noch ne Schippe drufflejen!“

Das könnten sie wirklich, aber man sollte die bisherigen dreizehn Saisonspiele auch nicht alle auf die letzten beiden gegen Mainz (null Torchancen gegen einen Abstiegsaspiranten) und Freiburg (75 Minuten Arbeitsverweigerung) reduzieren. In Bremen, München, Leipzig, Augsburg, Leverkusen und Mönchengladbach, sowie zu Hause gegen Wolfsburg und jeweils eine Halbzeit gegen Dortmund und Union wurde ja durchaus gezeigt, wie es gehen könnte.

Dass das nicht reicht, sieht man, wenn man den Punktestand von 13 Zählern auf die gesamte Saison mit dann 34 Punkten hochrechnet, was auf einen Relegationsplatz hinauslaufen könnte.

Aber da Herthas Spieler, wie sie jetzt nun mal im Kader stehen, eine „brutale Qualität“ haben, wie Freiburgs Trainer Streich betonte, kommt es „nur“ darauf an, eine echte Mannschaft zu formen. Und da sind Teambuilding-Maßnahmen wahrscheinlich viel wichtiger als das normale Training, auch wenn man Standardsituationen (Freistöße, Eckbälle, Einwürfe) durchaus auch mal ins Übungsprogramm aufnehmen dürfte. Die Kaderqualität reicht definitiv, neue Spieler bringen wieder nur Unruhe in die Mannschaft, wenn Cordoba und Ascocibar, der immer mit großem Einsatz und ganz wenig Fehlern gespielt hat, zurückkommen und vielleicht Cunha als echter Zehner und Guendouzi als echter Achter eingesetzt werden, kann Hertha in der Rückrunde durchaus noch in die obere Tabellenhälfte springen. Für einen internationalen Startplatz wird es zwar wohl nicht mehr reichen und ob man Union noch ein- oder überholt, hängt eher von der Konstanz der Köpenicker als von Hertha ab.

Und die Windhorst-Millionen können gerne weiter auf eine sinnvolle Verwendung im nächsten Sommer warten…

Schafft Schalke den Rekord?

Heute Abend spielt Schalke gegen Freiburg und die ganze (Fußball-)Republik fiebert mit: Hält die Serie? Das 27. sieglose Spiel wurde mit dem Unentschieden in Augsburg erreicht, wenn auch äußerst kapp erst in der Nachspielzeit. Heute wäre Spiel 28, gegen Bielefeld Nr. 29 und Hertha hat die Ehre im Spiel 30 gegen die Gelsenkirchener anzutreten. Und das ist sicher: Wenn Schalke nicht vorher den ersten Sieg holt – gegen Hertha schaffen sie es auf jeden Fall, denn wohl kein Verein zerstört häufiger Serien als Hertha: Wenn ein abgeschlagener Tabellenletzter im Olympiastadion aufkreuzt und Hertha mit einem Sieg auf einen Europapokalplatz springen könnte: Was passiert? Der Gegner gewinnt. Also wird es so oder so nichts mit dem neuen Rekord und die alten, noch lebenden Tasmanen der Saison 1965/66 brauchen nicht zu bangen. Allerspätestens im 30. Spiel gewinnt Schalke wieder. Schade drum.

Überhaupt, Schalke als Absteiger? Man weiß nicht so recht, ob man das „Karlsruhe-Stuttgart-Axiom“ zur Anwendung bringen will. Demnach nimmt der Stuttgart-Fan eine Niederlage des VfB billigend in Kauf, wenn nur der KSC auch verliert (und umgekehrt). Dieses Axiom auf Hertha und Schalke bezogen, würde lauten: Verzichten die Herthaner auf einen Platz unter den ersten Sechs (wonach es allerdings sowie noch lange nicht aussieht), wenn dafür Schalke endlich den verdienten Abstieg erreicht? Gar nicht so einfach zu entscheiden, aber zum Glück haben diese Überlegungen offenbar keinen Einfluss auf des Spielgeschehen. Und wenn doch? Man kann ja nie wissen. Ein Schalker Abstieg wäre keine schlechte Sache, Hertha könnte ein Jahr später immer noch einen Euro-League-Startplatz erreichen, wenn Schalke dann (wie der HSV) in das zweite Zweitligajahr ginge.

P.S.: Das große Ziel „Europa-League-Startplatz“, das mit den 100 und mehr Windhorst-Millionen erreicht werden soll, hat Pal Dardai, wie sich der eine oder andere vielleicht noch erinnert, übrigens ohne jedes Transfer-Geld erreicht. Und das soll heutzutage nicht mehr möglich sein…?

Wie gut ist Piatek wirklich?

Machen wir mal was ganz modernes: Wir führen einen Faktencheck zum Thema Piatek durch, seines Zeichens mit ca. 25 Millionen Euro teuerster Einkauf von Hertha BSC ever. Teurer als ein gewisser Haaland, aber den hätte man nicht bekommen, und wenn sich Manager Preetz noch so bemüht und im gemütlichen Zelt auf dem norwegischen Fjell bei Punsch und Popcorn aus dem Märchenbuch vom Big-City-Club vorgelesen hätte.
Gefühlt ist Krzysztof Piatek, den man witziger Weise wie den ehemaligen Werder-Spieler Piontek ausspricht, ein Fehleinkauf. Bis auf seinen affigen Ballerei-Torjubel ist er bisher (und das geht nun schon fast ein Jahr) noch kaum positiv aufgefallen. Das Spiel, wenn er mal auf dem Rasen steht und nicht auf der Ersatzbank sitzt, läuft meist an ihm vorbei, er hat kaum Ballbesitz und kann die Bälle noch weniger festmachen als Davie Selke, und das will schon was heißen.
Aber ein Stürmer wird nun mal an seinen Toren gemessen und was müssen wir erkennen?
Piatek hat in der letzten Saison in 15 Spielen (911 Minuten) 4 Tore erzielt. In dieser Saison in 10 Spielen bei 390 Einsatzminuten 3 Tore. Macht zusammen: In 25 Spielen, in denen er 1301 Minuten eingesetzt war (das entspräche etwa 15 ganzen Spielen) erzielte er 7 Tore. Um das richtig würdigen zu können rechnen wir mal hoch: Diese Quote entspräche in einer kompletten Saison (34 Spiele à 90 Minuten gleich 3060 Minuten) 16,5 Toren. Damit wäre Piatek in der letzten Saison Vierter in der Torschützenliste geworden.
Wenn man ein bisschen genauer hinschaut, kann man also nur zu einem Schluss kommen: Lasst den Polen mal machen, egal wie sein Spiel aussieht, die Quote stimmt. Und nur darauf kommt es an. Und wenn man ihm im Strafraum, oder im Neusprech „in der Box“, die entsprechenden Eingaben macht (flach, ca. acht bis zehn Meter zentral vors Tor), kann sich der Mann auch noch steigern. Wo soll das noch alles hinführen…?

Derbyzeit – schöne Zeit

Nun gut, die von der Boulevardpresse unter gütiger Mithilfe vom einen oder anderen Vereinsvertreter gepushten Fans fiebern dem Derby entgegen. Alle sind glücklich, dass man, anstatt sich im eisigen Olympiastadion sonstwas abzufrieren, bequem in der heimischen Kuschelecke sitzen und das eine oder andere gut gekühlte Gerstengetränk zu sich nehmen kann und nicht in einer überfüllten, coronaverseuchten S-Bahn nach Hause fahren muss. Natürlich traut sich niemand das zu sagen. Die Stimmung fehlt ja. Ogottogott.

Auf einmal geht es um Fußball und nicht um die Rivalität zweier gegeneinander aufgehetzter Stadthälften. Das kann mir alles nur recht sein, Corona sei Dank. Wenn es einen dann im Frühling wieder in die aufblühende Natur zieht, bin ich auch gerne wieder im Stadion. Dass ich in den letzten 57 Jahren Wind und Wetter trotzte und auch in den menschenverachtenden Jahreszeiten Spätherbst und Winter die Spiele stets vor Ort im Freien verfolgte, kann ich im Nachhinein nur als großen Irrtum betrachten, obwohl: Erstens gab es bis vor 25 Jahren keine Übertragungen der Bundesligaspiele und zweitens werde ich, entgegen jeglicher Logik, sofort wieder ins Stadion pilgern, wenn es denn möglich ist.

Was in der Vorberichterstattung so alles erzählt wird, sollte der geneigt Fan mit größter Vorsicht genießen. Union wird allenthalben, mit meist nicht zu überhörender klammheimlicher Freude, als Favorit gesehen. Es kann natürlich objektiv nicht bestritten werden, dass Union, im Gegensatz zu Hertha, einen äußerst erfolgreichen Saisonbeginn abgeliefert hat. Erst eine Niederlage, wohingegen Hertha schon fünf von neun Spielen verloren hat. Was meist nicht gesagt wird, gegen welche Gegner diese Ergebnisse zustande kammen: Union spielte gegen den 7., 8., 9., 12., 14., 15., 16., 17., 18., während Hertha gegen den 1., 2., 3., 4., 5., 8., 9., 10., 11. spielte. Natürlich muss man wie Union in Schalke auch erst mal Unentschieden spielen, erst zwei andere Mannschaften haben dieses Kunststück auch fertig gebracht (während alle anderen gewonnen haben) und Überkreuzvergleiche sind im Fußball nicht zulässig. Trotzdem hätten Hertha und Union beim Programm des jeweils anderen vielleicht auch den entsprechenden Punktestand des anderen. Lange Statistik, kurzer Sinn: So schlecht, wie Hertha gemacht wird, sind sie nicht, so gut wie Union gemacht wird, sind sie auch nicht, bei allem Respekt. Was Unions Trainer Fischer mit bemerkenswertem Realitätssinn gebetsmühlenartig wiederholt ist richtig. Union spielt erst mal gegen den Abstieg, alles weitere kommt später.

Eine andere Mär, um Herthas unbefriedigenden Saisonstart zu erklären, ist die von der nicht eingespielten Mannschaft, während Union ja ein kontinuierlich eingespieltes Team habe. Im letzten Spiel von Union gegen Frankfurt standen vier neue Akteure auf dem Platz, bei Hertha waren es gegen Leverkusen drei Neue.

Als Erklärung, wenn auch nicht als Entschuldigung für Hertha, würde schon eher der dritte Faktor gelten, nämlich dass in den drei Monaten seit Saisonbeginn sechs Wochen, d.h. die Hälfte der Zeit, durch Länderspielabstellungen die Hälfte der Mannschaft bei Hertha fehlte, während es bei Union nur zwei bis drei Spieler waren.

Alle Erklärungen werden das Spiel im Olympiastadion nicht entscheiden. Ein Tipp verbietet sich demnach von selbst.

P.S.: Ich tippe 3:1 für Hertha

Hertha, die Nationalmannschaft und Corona

Gibt es geheimnisvolle Verbindungen zwischen Hertha und der Nationalmannschaft? Tatsache ist, dass beide Mannschaften, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau und gegen verschiedene Gegner, sehr ähnlich spielen. Der Sturm macht seine Sache meist recht gut, die Abwehr ist, freundlich gesagt, ein Hühnerhaufen. Etwas klarer formuliert müsste man sagen, dass die Abwehr eigentlich nicht vorhanden ist, und wenn der Gegner nicht viel mehr Tore schießt, als es so schon der Fall ist, ist dies eher auf die Unfähigkeit oder das Pech gegnerischer Stürmer zurückzuführen, als auf aktives Einschreiten der National- oder Herthaspieler. Fünf Tore gegen Braunschweig, fünf Tore gegen Dortmund, vier gegen Bayern München, drei gegen Frankfurt und je (nur) zwei gegen Leipzig und Stuttgart. Das ist schon ganz schön starker Tobak. Und die Nationalelf? Sechs Tore gegen Spanien, drei gegen die Türkei: Das gab es früher nicht. Beim 0:6 gegen Spanien kramte der Reporter vorschnell bis ins Jahr 1954 zurück, als man gegen Ungarn in der Vorrunde mit einer Ersatzelf 3:8 verlor. Das waren aber nur fünf Tore Unterschied. Zu früh gefreut.1931 gab es ein 0:6 gegen Österreich und nur ein einziges Mal, am 13.3.1909 gab es in Oxford gegen England mit 0:9 eine höhere Niederlage. Da kam aber auch der Schiedsrichter aus England…Man müsste eigentlich T-Shirts mit der Aufschrift:  „17.11.2020: Spanien – Deutschland 6:0 – Ich war dabei“ auf den Markt werfen. Ein Jahrhundertspiel.

Kommen wir zu obiger Frage zurück: Sind denn die Abwehrspieler Deutschlands oder Herthas alles unfähige Deppen, die keinen Ball stoppen können? Keineswegs. Sowohl Herthas Boyata, Alderete und Torunarigha als auch die Nationalspieler Koch, Süle, Rüdiger, Ginter und selbst Tah sind doch gute bis überdurchschnittliche Spieler. Wenn diese also die gegnerischen Stürmer regelmäßig zum Toreschießen einladen, muss dies an der mangelhaften Einstellung liegen. Und zwar sowohl der inneren der Spieler selbst, als auch der äußeren durch den Trainer. Natürlich werden Löw genauso wie Labbadia klagen, dass sich das Zusammenwirken der Spieler erst finden müsse, es gebe zu wenig Trainingsmöglichkeiten und so weiter. Alles richtig, aber: Für andere gilt das doch auch und die machen es besser. Oder ist doch (wir ahnten es schon) Corona an allem Schuld? Irgendwas haben die Spieler beim Thema „Kontaktbeschränkung“ und „Abstand halten“ wohl falsch verstanden…

Es lebe die Nations-League

Alle schimpfen auf die Nations-League. Reflexartig. Weil alles, was von FIFA oder UEFA oder dem DFB als Neuerung auf den Markt geworfen wird, grundsätzlich schlecht sein muss. Natürlich ist ein Hintergedanke bei diesem neuen Wettbewerb auch, Mehreinnahmen durch Fernsehgelder zu akquirieren. Aber im Prinzip ist nichts dagegen zu sagen, dass ein Wettbewerb, bei dem es sogar etwas zu gewinnen gibt (EM- oder WM-Qualifikation, bzw. ein wunderschöner Pokal für die Vitrine des Verbandes für den Gesamtsieger) die unsäglichen Freundschaftsspiele früherer Jahrzehnte ablöst. Es war noch ein Ereignis, als Brasilien mit Pelé 1963 in Hamburg 2:1 gegen die deutsche Nationalmannschaft gewann. Da gab es aber im gesamten Jahr nur 4 Länderspiele, obwohl es keinen Corona-Lockdown gab. 2009 gab es dagegen beispielsweise elf Länderspiele und ein 0:1 im Heimspiel gegen Norwegen war genauso trostlos wie ein 4:0-Heimsieg gegen den Giganten Liechtenstein. Aber richtig interessiert hat es eigentlich niemanden, auch wenn man sich die Spiele im Fernsehen aus Gewohnheit meist ansah, wenn man nicht den Fehler machte und sich ab der 60. Minute auf dem Sofa ausstreckte, um in der 61. Minute sanft eingeschlafen zu sein. Diese Freundschaftsspiele gehören durch den neuen Wettbewerb jetzt größtenteils der Vergangenheit an, was nicht automatisch für beste Fußballqualität sorgt, insgesamt aber, besonders durch die Einstufung in die Gruppen A bis D, das Niveau deutlich anhebt. Und ein bisschen Spannung, wie das bei einem Wettbewerb nun mal der Fall ist, hat auch noch nie geschadet, zumal die Gefahr einem Herzinfarkt infolge der Aufregung zu erliegen, gegen Null strebt.

Fazit: Nicht alles, was Bürokratenhirnen entspringt, muss zwingend schwachsinnig sein. Die Nations-League ist es auf jeden Fall nicht, es sei denn, die Verbände setzen den Wettbewerb zusätzlich auf den Terminkalender. Der DFB hat mit den „Freundschaftsspielen“ gegen die Türkei und Tschechien schon mal einen gewichtigen Schritt in die falsche Richtung getan…  

Neue Serie starten

Unter Pal Dardai ging Hertha meist mit einem Erfolgserlebnis in eine Länderspielpause. Was auch dringend notwendig war, da Hertha schon damals (es ist noch keine zwei Jahre her!) eine Vielzahl an Nationalspielern in ihren Reihen hatte. Wenn auch nicht die aus der allerersten Reihe, aber in Tschechien, Norwegen oder den diversen U-Mannschaften kann man ja auch einen Fußball geradeaus schießen. Zielorientiertes Training ist in dieser Zeit kaum möglich, weshalb das Spiel nach der Pause immer eine Wundertüte war, wobei Hertha insgesamt schon eine ebensolche war, also zwei Wundertüten an einem Spieltag, was ja rein mathematisch, wie minus mal minus, plus ergeben kann.

Vielleicht wird Hertha auch in Augsburg (alle bisherigen Auswärtsspiele gegen Werder, Bayern und Leipzig waren überdurchschnittlich gut) die Serie fortsetzen und den zweiten Saisonsieg einfahren, um dann nach der Pause Dortmund (die ja auch diverse Nationalspieler im Kader haben) ein gutes Ergebnis abzuringen, obwohl nach dem Gesetz der Serie nach einem guten Auswärtsspiel ein schlechtes Heimspiel zu folgen hat. Aber jede Serie geht einmal zu Ende und vielleicht gewinnt Schalke ja auch mal wieder ein Bundesligaspiel. Gegen einen Regionalligisten hat es im Pokal immerhin schon mal geklappt.

Überhaupt Serien: Noch nie hat Hertha ein Geisterspiel in Augsburg verloren! Es gab zwar noch keins (das grausame 0:4 im Vorjahr mit Jarsteins Platzverweis, das mit Covics Rausschmiss endete, fand ja vor Zuschauern statt), aber das muss ja nichts heißen. Keine Serie ist auch eine Serie. Und die heißt ab Sonnabend um 17.30 Uhr: Hertha gewinnt jedes Geisterspiel in Augsburg. Na denn: Hahohe.

Was hat Schalke mit Tasmania und Fritz Walter zu tun?

Mit dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart hat sich Schalke 04 souverän auf den zweiten Tabellenplatz der Mannschaften mit Nicht-Sieges-Serien gesetzt. Nach jetzt saisonübergreifend 22 Spielen ohne gewonnen zu haben, liegt nur noch Tasmania 1900 vor den Gelsenkirchenern, die damals, 1965/66 nach dem 2:0 Heimsieg gegen den Karlsruher SC erst im 32. Spiel Borussia Neunkirchen 2:1 bezwangen.  Da fehlen den Schalker Knappen, die so gar nichts knappenhaftes (Stolz, Ehre, Treue) an sich haben nur noch läppische neun Spiele um gleichzuziehen. Das müsste doch mit einem ambitionierten Trainer wie Manuel Baum zu machen sein. Der Bayer passt schon rein ausstrahlungsmäßig so gut ins Ruhrgebiet, dass man sich nicht zu wundern bräuchte, wenn der Rekord erst von seinem demnächst auftauchenden Nachfolger eingefahren wird. Ganz Fußballdeutschland drückt die Daumen, ganz besonders fest wird in Dortmund gedrückt, und die noch lebenden alten Rekordhalter der Tasmanen, die sich alljährlich zwecks erinnern an alte Zeiten treffen, drücken einerseits mit, würden andererseits ihren „Rekord für die Ewigkeit“ ganz gerne als Alleinstellungsmerkmal behalten.

Apropos Ewigkeit: Heute vor 100 Jahren wurde Fritz Walter geboren, der auch den einen oder anderen Rekord, allerdings stets positiver Art, sein Eigen nennen kann: Die gesamte Karriere bei einem Verein zu spielen (1.FC Kaiserslautern) erscheint heute als ein Relikt aus der Steinzeit. Das Angebot von Real Madrid auszuschlagen, die ihn für ein damals unmoralisches Millionengehalt verpflichten wollten, erscheint heute unvorstellbar. Kapitän der ersten deutschen Weltmeistermannschaft und erster deutscher Ehrenspielführer der Nationalmannschaft sind auch nicht die schlechtesten Referenzen. Und die Dauer seiner internationalen Karriere? Von 1940 bis zum Halbfinalspiel gegen Schweden bei der WM 1958 lagen 18 Jahre, ein Weltkrieg und 61 Länderspiele. Wenn man davon ausgeht, dass es damals nur 5 bis 7 Länderspiele pro Jahr  gab, heute aber z.T. mehr als doppelt soviel, wäre er heute sicher auf 120 Spiele gekommen, die acht Jahre Kriegspause von 1942 bis 1950 berücksichtigt, hätte er schon an der 200-er-Marke gekratzt. Fritz Walter: Ein Mann für die Ewigkeit. Von seinen menschlichen Qualitäten wie Kameradschaft, Bescheidenheit, Treue und absolute Loyalität gar nicht zu reden.

GIbt es heute noch Typen wie den großen Fritz Walter?