Die neue Hertha

Ein Unentschieden in Mainz! Das klingt gar nicht so schlecht, vor allem, wenn man an die vorige Saison denkt, als Hertha mit viel Glück nur 0:4 verlor, ein 0:8 wäre dem Spielverlauf und den Torchancen nach angemessener gewesen. Diesmal also 1:1, und man weiß nicht, ob man sich über einen nicht unbedingt einkalkulierten Auswärtspunkt freuen oder über den Ausgleich mit dem letzten Schuss des Spiels in der 94. Minute ärgern soll.

Es ist nicht mehr zu ändern und nach sieben Spieltagen stehen vor der Länderspielpause sechs magere Pünktchen auf der Habenseite. Im Vorjahr waren es nach sieben Spielen ebenfalls sechs Punkte, allerdings hatte man da schon zwei Desaster gegen Bayern und Leipzig erlebt und fünf Mal verloren (dieses Jahr erst dreimal) bei einem Torverhältnis von 8 : 20 ( jetzt 7 : 9). Andererseits kommen die Spiele gegen die „Großen“ wie Bayern und Leipzig, die momentan gar nicht so groß sind, erst noch, wahrscheinlich, wenn sich beide Mannschaften wieder in alter Form befinden.

Trotz allem: Die Spiele von Hertha sind in dieser Saison einfach sehenswert, es macht Spaß, den Blauweißen zuzusehen und man hat jederzeit das Gefühl, dass da was geht, weil die Spieler es wollen. Dazu kommt die wohltuende Ruhe, die vom neuen Vorstand ausgeht, der momentan, zumindest was nach außen dringt, nämlich nichts, alles richtig zu machen scheint. Ein ganz neues Hertha-Gefühl also.

Wenn jetzt noch bis zur WM-Pause im November ein paar Pünktchen eingefahren werden (nur gut spielen reicht auf die Dauer natürlich nicht), könnte der Weg ein gar nicht so langer werden. Kalkulieren wir mal vorsichtig: Hoffenheim 1, Freiburg 1, Leipzig 0, Schalke 3, Bremen 1, Bayern 0, Stuttgart 3, Köln 1. Das wären 10 Punkte, also 16 bis zur Winterpause, was mit 4 Punkten aus der Restvorrunde im Januar gegen Bochum und Wolfsburg 20 Punkte ergäbe. Ein guter Weg auf den angestrebten 40 Punkten, was a) sieben Punkte mehr als in der Vorsaison ausmachte und b) den Abstieg ausschlösse. Und darüber wäre man bei Hertha in den letzten Jahren schon froh gewesen.

Momentan kann man also optimistisch sein. Aber ist das eigentlich noch unsere Hertha?

Neue Besen kehren manchmal gut!

30 Transferbewegungen sind zumindest ein ordentlicher Arbeitsnachweis für den Sportdirektor, der ja nicht nach der Stechuhr arbeitet, sondern nach Notwendigkeit! Waren dreißig „Bewegungen“, wie Käufe, Verkäufe, Leihen und Ausleihen und was es sonst noch für Möglichkeiten einer Kaderveränderung gibt, wirklich nötig?

Von der Qualität der Spieler her gesehen sicher nicht, von der Qualität des Kassenstandes der Profi-Abteilung des Vereins Hertha BSC auf jeden Fall.

Insofern hat Bobic alles richtig gemacht, hat er doch die Vorgabe eines zweistelligen Transfer-Millionenüberschusses und einer gleichzeitigen Reduzierung der astronomischen Kaderkosten von 90 Millionen pro Jahr erfüllt und sogar übererfüllt.

Da Geld zwar nicht immer, aber doch oft auch Tore schießt, müsste nach Adam Riese die Leistung der Mannschaft schlechter als in der Vorsaison sein, wenn das überhaupt möglich sein sollte, da weniger als Nichts im Fußball eigentlich nicht geht, da ja keine Negativpunkte vergeben werden. Und obwohl in der vorigen Saison nach sechs Spieltagen sechs Punkte auf der Habenseite standen und diesmal nur fünf, ist ein geradezu außergewöhnlicher Leistungssprung nach oben zu beobachten, der optimistisch stimmt.

Die Mannschaft spielt länger als nur 20 Minuten, sie kämpft durchgehend und verrichtet meist mehr „Laufarbeit“ als der Gegner und sie bekommt (bisher) keine Klatschen (Vorjahr Bayern und Leipzig), sie verkraftet vor allem auch Rückstände ohne zusammenzubrechen. Kurzum: Man hat das Gefühl, dass da eine MANNSCHAFT auf dem Rasen steht und nicht elf Ich-AG´s. Mit Sicherheit Verdienst des neuen Trainers Sandro Schwarz, aber auch der Kaderzusammenstellung. Einige Individualisten gingen oder mussten gehen, einige solide Malocher kamen statt dessen. Halb so teuer im Gehalt und doppelt so wertvoll, denn wir kennen es ja nicht nur aus den Pokalspielen, dass die Einstellung (neudeutsch Mentalität) oft wichtiger als die individuelle Klasse ist.

Im Einzelnen hat besonders Ejuke auf dem linken Flügel überzeugt, wenn er auch manchmal das Abspiel verpasst. Kenny als Rechtsverteidiger ist solide, ähnlich wie Pekarik, der aber bevor er 50 wird, irgendwann ersetzt werden musste. Im defensiven Mittelfeld ist Sunjic überzeugend, wenn auch nicht fehlerfrei. Er hat aber weniger Ballverluste als z.B. Ascacibar bei ähnlich vielen Balleroberungen. Uremovic spielte gegen Leverkusen erstmals überzeugend, ohne größere Fehler. Bisherige Leistung durchwachsen, aber auf seiner Position gibt es noch den neuen Rogel, Dardai und Gechter. Da sollte trotz des Weggangs von Boyata, Stark und Torunarigha nichts anbrennen, obwohl gerade der Verkauf von Torunarigha als echtem Berliner schmerzt.

Belfodil hätte man gerne noch ein Jahr bei Hertha gesehen, die anderen (Redan, Dilrosun, Ekkelenkamp, Piatek, Jastrzemski, sowie auch Löwen, Maier und Alderete) haben und hatten zwar Potenzial, konnten aber aus den unterschiedlichsten Gründen die Erwartungen nicht immer erfüllen.

Und diejenigen, die erst seit kurzem auch Stammspieler sind, wie Kempf und vor allem Christensen, der in der Strafraumbeherrschung eine Klasse besser als Schwolow ist, geben dem Team zusätzliche Sicherheit.

Es wäre schön, wenn Bobic im nächsten Jahr (von der Winter-Transferperiode wollen wir lieber nicht reden) statt 30 „nur“ 15 Bewegungen im Kader zu vermelden hätte, die Mannschaft dafür aber fünf Punkte mehr als in dieser Saison holen würde.

Wenn jetzt neben dem überzeugenden Spiel auch noch die Punkteausbeute stimmen würde, könnte man als Hertha-Anhänger beruhigt in die nächsten Monate sehen. Wenn gegen Mainz und Hoffenheim drei oder vier Punkte geholt werden würden, könnte man langsam die einstelligen Tabellenplätze anpeilen.

Union hat nach sechs Spieltagen 14 Punkte geholt. Laut Trainer Urs Fischer, der einen recht bizarren Sinn für Humor zu haben scheint, fehlen also noch 26 Punkte, um den Abstieg sicher zu vermeiden. Das könnte sogar gelingen. Vielleicht sogar bis zur WM in Katar…

Ende der Transferperiode

Au weia! Das erste Dardaische Viererkästchen ist gespielt und Hertha hat nur einen statt der mindestens erwarteten vier Punkte erzielt. Im nächsten Vierer gegen Augsburg, Leverkusen, Mainz und Hoffenheim müssen sechs Punkte her und erst bei neun liegt man im Soll, das 40 Punkte am Saisonende beträgt. Während Unions Trainerfuchs Fischer nicht müde wird, den running gag von den 40 Punkten gegen den Abstieg zu betonen, was er sich ja sicher selber nicht glaubt und was er auch noch mantraartig herunterbeten wird, wenn Union längst Meister geworden ist, erscheint diese Marke bei Hertha schon wieder als ambitioniert.

Nun gut, nicht jede Mannschaft ist so stark wie Dortmund und statt der Latte wird irgendein Herthaner auch mal das Tor treffen. Und Trainer Schwarz analysiert genau, wenn er die fehlende Präzision beim Passspiel bemängelt, ein Defizit, dass Hertha gefühlt seit den Siebzigerjahren mit sich herumträgt. Komisch: Im Training klappt das immer ganz gut. Da ist aber auch der böse Störenfried namens Gegner nicht dabei.

Eins kann man aber nach vier Spielen feststellen: Hertha hatte in jedem Spiel (außer natürlich gegen Union) die bessere Laufleistung als der Gegner. Das war in der vorigen Saison, bis Magath kam, selten der Fall. Auch die spielerischen Verbesserungen machen Mut, wenn auch keinen überschwänglichen. Sofern sich nicht wieder eine Abwärtsspirale entwickelt, in der nach Erfolglosigkeit durch fehlendes Selbstvertrauen ein Leistungsabfall folgt (und einen Trainerwechsel zur Folge hat), dürfte sich Hertha beginnend mit dem Augsburg-Spiel langsam in Richtung einstellige Tabellenplätze bewegen. Aber ein Sieg gegen Augsburg ist dazu natürlich Voraussetzung.

Nach vier Niederlagen in der Vorsaison gewann man zwei Mal um sich dann, nach dem überflüssigen Wechsel von Dardai zu Korkut, mit 21 Punkten nach der Hinrunde ganz ordentlich aus der Affäre zu ziehen. Es folgte aber eine 12-Punkte-Rückserie, die schnurstracks in die Relegation führte. Dahin soll es doch bitte nicht wieder gehen.

In ca. 50 Stunden endet die Transferperiode. Man kann nur hoffen, dass das labile Mannschaftsgefüge, das sich langsam herausbildet, nicht durch drei Notverkäufe und fünf Schnäppcheneinkäufe wieder zunichte gemacht wird. Wie sagte doch Bobic auf seiner Antritts-Pressekonferenz: Kontinuität ist das Wichtigste!

Apropos: Wenn sich für Piatek kein Käufer findet, bleibt er dann während der Restsaison außerhalb des Kaders? Oder hält er sich bis Weihnachten in der U23 fit? Oder darf er auch mal spielen und treffen? Piatek ist der meistunterschätzte Spieler bei Hertha. Wenn das Spiel auf ihn zugeschnitten ist (wie z.B. auf Modeste bei Köln/Dortmund) macht er 10 bis 15 Buden pro Saison. Garantiert!

Geht doch…

Nach zwei Spieltagen liegt Hertha auf einem Tabellenrang, den sie wahrscheinlich auch am Ende belegen wird: Nicht weit von den Abstiegsrängen und meilenweit von der oberen Tabellenhälfte entfernt. Nach zwei Spielen hat man schon wieder zwei Punkte auf das vorgegebene Soll verloren, die man gegen Gladbach und Dortmund nun wieder einfahren müsste. Heißt auf deutsch: Ein Sieg muss in diesen beiden Spielen her, egal gegen wen.

Dabei war es doch ganz ansehnlich, was Hertha da in den ersten dreißig Minuten und auch nach dem 1:1-Tiefschlag gegen Frankfurt zusammenspielte. Es gab tatsächlich den einen oder anderen spielerischen Lichtblick, Kombinationen im Mittelfeld, die man lange nicht mehr gesehen hatte.

Im einzelnen: Christenden machte seine Sache gut, ein Fehler in der Anfangsphase und in der Schlussminute etwas Glück beim zurückgenommenen Elfmeter. Von zehn Schiedsrichtern entscheiden fünf auf Elfmeter und es wäre nicht mal eine Fehlentscheidung..

Lichtblicke in der Abwehr waren Mittelstädt, der in der ersten Halbzeit alles richtig machte (sich Mitte der zweiten aber einmal brutal ausspielen ließ, woraus eine Großchance für Frankfurt entstand) und rechts Jonjoe Kenny, der aufmerksam, bissig und dynamisch spielte und auch nur einmal in 90 Minuten überlaufen wurde (sich allerdings gegen Ende ein Dribbling erlaubte, das er in der eigenen Hälfte verlor). Kempf und Uremovic in der Mitte ließen nicht viel anbrennen, wenn da nicht der Aussetzer von Uremovic gewesen wäre, der 40 Meter vor dem eigenen Tor gegen zwei Frankfurter meinte SPIELEN zu müssen, prompt den Ball verlor und das 1:1 hinnehmen musste. Dieser Fehler kostete letztlich zwei wertvolle Punkte!

Im Mittelfeld wechselten bei Serdar und Tousard Licht und Schatten, sehr sicher und dynamisch allerdings Ivan Sunjic, der in Statur und Spiel einem Luca Modric ähnelt. Viel am Ball, großer Kämpfer, im Aufbau besser als Ascacibar. Der für ihn gekommene Boetius konnte noch nicht ganz überzeugen, ist aber auch erst wenige Tage im Kader.

Im Angriff zeigte Lukebakio Zauberkunststücke und gab die Vorlage zum Führungstreffer. Trainer Schwarz scheint ihm genau das Richtige gesagt zu haben, wenn es sich nicht wieder als Strohfeuer herausstellen sollte. In der Form eine Bereicherung für die ganze Liga und aus der Stammelf von Hertha nicht wegzudenken. Ejuke auf links, im Bewegungsablauf an Cunha aus seinen Spielen vor der Berufung in die Selecao erinnernd, machte viel Wind und der bullige Kanga lief viel, machte Druck und wenn er den Ball aus fünf Metern zum 2:0 versenkt hätte, könnte man von einem Glücksgriff sprechen. Jovetic kam spät, vergab frei vorm Tor und rettete Frankfurt das Unentschieden, als er Serdars Schuss zur Ecke lenkte, zeigte aber gleich nach seiner Einwechslung Spielverständnis und verteilte klug.

Wenn man Christensen und Lukebakio mitzählt, standen zu Beginn sieben neue Spieler auf dem Platz. Ein Totalumbruch, der aber durchaus gelungen scheint. Das Konzept des Trainers: Frühes Pressing, schnelles Umschalten und ansonsten den Gegner ruhig den Ball hin- und herspielen zu lassen, war durchaus deutlich zu sehen. Nicht selbstverständlich in dieser frühen Saisonphase. Jetzt müssen nur noch die Ergebnisse stimmen. Vielleicht wird`s dann doch noch was mit der oberen Tabellenhälfte…

Mal wieder Murmeltier…

Die vier Experten der „Fußball Woche“ machen es sich wieder einmal einfach: Sie sehen Hertha am Ende der Saison 2022/23 auf den Plätzen 13, 13, 15 und 15 eintrudeln. Immerhin nicht auf einem Abstiegsplatz oder in der Relegation (einmal alle zehn Jahre reicht!), aber auch meilenweit entfernt von der oberen Tabellenhälfte, geschweige denn den Europapokal-Berechtigungs-Plätzen. Wie langweilig! Nicht einer der glorreichen Vier traut sich, Hertha eine Überraschungssaison zuzutrauen, langes Mitspielen unter den ersten drei nach dem grandiosen 4:0-Sieg zum Auftaktspiel in der Alten Försterei, als man für einen Spieltag sogar Erster war…

Nun gut, offensichtlich sitzen in der FuWo-Redaktion Realisten und keine blauweißen Tagträumer. Wenn man die Vorbereitungsspiele einschließlich des typischen Pokal-Aus` in Braunschweig und die bisherigen Transfers sieht, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es keinen großen Aufschwung geben wird. Denn was bedeutet Rang 13 bis 15? Dass man wieder bis mindestens zwei Spieltage vor Saisonende zittern muss, genau wie seit gefühlten Ewigkeiten, auch wenn es erst fünf Jahre her ist, dass Hertha die Saison unter Pal Dardai als Sechster abschloss.

Die in jeder Saison vorne mitspielende Überraschungsmannschaft muss ja nicht unbedingt Hertha sein. Da gäbe es schließlich Hoffenheim, Bremen und Schalke als Aufsteiger oder Mainz und Köln (Freiburg oder Union wären keine Überraschungsteams mehr). Aber Hertha? Eher nicht. Und wenn die Herthaner im Mai 2023 auf Platz 12 landen, dem Platz, den sie seit Jahren in der „Ewigen Tabelle“ einnehmen, wäre man als gestresster Anhänger doch schon zufrieden, wäre es doch eine Verbesserung um vier Tabellenränge im Vergleich zum Vorjahr. Und wenn man sich jedes Jahr so planmäßig steigerte, würde man 2026 endlich Meister. Vier Jahre vor dem 100-jährigen Jubiläum der ersten Meisterschaft. Vielleicht sollte man das Timing nochmal überdenken…

Schlechte Generalprobe=Gute Premiere?

Wenn man in der Saisonvorbereitung am Ende des zweiten Trainingslagers gegen einen Drittligisten, einen mittelmäßigen Zweitligisten und einen Aufsteiger in die erste Liga verliert, kann man nur mit unerschütterlichem Optimismus von einer gelungenen Generalprobe sprechen, selbst wenn es sich um Mannschaften aus England, dem Mutter- und Vaterland des Fußballs handelt.

Eigentlich kann man sich nur an die alte Theaterweisheit klammern, dass einer schlechten Generalprobe eine gute Premiere folgt.

Die Mannschaft von Hertha BSC wurde, trotz aller Zu- und Abgänge, nicht so verändert, dass man nun einen anderen Stil erwarten dürfte. Die einzige Hoffnung beruht darauf, dass der neue Trainer Sandro Schwarz sich als Wunderheiler herausstellt. Der letzte Trainer, der einer Herthamannschaft eine ganz andere Art zu spielen beibrachte, war 2007 Lucien Favre, der ewige Unvollendete. Aber auch er brauchte eine Saison, um die Mannschaft zu stabilisieren. Dann, in der Saison 2008/09, spielte Hertha mit der kürzesten Ballweiterleit-Zeit in ganz Europa (One-touch-Fußball hieß seinerzeit das Zauberwort), tatsächlich um die Meisterschaft mit. Aber Hertha hatte da auch einen Simunic, einen Pantelic, einen Voronin, einen Arne Friedrich und, und, und.

Von Spielern dieser Klasse ist Hertha trotz hundert Millionen Transferausgaben in den letzten Jahren meilenweit entfernt. Oder die Spieler zeigen noch nicht ganz, welches Potenzial sie haben, wenn man von Tousard absieht, der in den letzten Saisonspielen zeigte, dass es ein ganz Großer werden kann.

Das Schöne ist, dass im Fußball, wie im Leben überhaupt, stets alles möglich ist. Und warum soll Hertha nicht, trotz der unsäglichen Vorbereitungs-Ergebnisse, mal wieder eine solide Saison spielen, mit Tabellenplätzen zwischen 7 und 12? Was ja immerhin schon ein Fortschritt gegenüber den letzten Spielzeiten wäre. Und die Nerven der Fans schonen würde…

Herthas neue alte Mannschaft

Wenn ein gestandener Bundesligist gegen einen Aufsteiger verliert, ist das kein gutes Zeichen. Lassen wir Milde walten: Es handelte sich bei der 1:3-Niederlage von Hertha BSC gegen Nottingham Forest nur um ein nicht aussagekräftiges Vorbereitungsspiel nach harten Trainingslagerzeiten und der Aufsteiger spielt in der nächsten Saison immerhin in der Premier League, der angeblich stärksten Liga der Welt. Wenn man von der Möglichkeit noch zahlreicher Neuverpflichtungen bis zum Ende der Transferperiode absieht, schält sich langsam eine Mannschaft heraus, die der alten gar nicht so unähnlich sieht. Die Torwartposition ist allerdings definitiv anders besetzt. Statt Schwolow und Lotka werden wohl Christensen oder Jarstein das Tor hüten.

Gegen Nottingham spielten Pekarik, Boyata, Dardai und Plattenhardt in der Abwehr, das könnte schon der Standard der nächsten Saison sein. Dazu stehen Kenny, Gechter, Kempf, Björkan, Uremovic und Mittelstädt zur Verfügung (mit Alderete muss man nicht rechnen).

Die Sechs scheint mit Sunjic und Tousart etwas dünn besetzt, wenn sich Ascacibar verabschiedet hat. Niklas Stark, der diese Position auch ausfüllen konnte, wurde, um das Gehaltsgefüge zu verändern, leichtfertig abgegeben.

Für das kreative Mittelfeldmoment stehen mit Darida, Boateng und Serdar die alten Bekannten zur Verfügung, die das Spiel in der letzten Saison nur selten gut strukturieren konnten. Vielleicht bringt ihnen der neue Trainer das ja bis zur Saisoneröffnung gegen Braunschweig noch bei. Hoffnung auf Besserung gibt es immer.

Der Angriff scheint, neben Abwehr und Mittelfeld, das Sorgenkind der Mannschaft zu sein: Lukebakio, Piatek und Scherhant spielten gegen Nottingham, ohne zu überzeugen. Da gibt es natürlich noch Lee und Maolida (keine Erstligareife), Nachwuchstalente wie Ngankam (Könnte was werden), Nsona, Wollschläger und Ekkelenkamp und Jovetic, mit dem man aber wegen seiner ständigen Verletzungen nicht kalkulieren sollte. Außerdem kommen noch Ejuke (als nigerianischer Nationalspieler müsste er was können) und Marco Richter, wenn er wieder genesen ist.

Viele, viele Spieler und Alternativen, allerdings erkennt man nicht, warum diese Mannschaft wesentlich besser als in der letzten Saison abschneiden soll. Ist das nun durch Handauflegen von Sandro Schwarz eine MANNSCHAFT geworden? Bei der Aufstellung ist ein Team mit zehn bisherigen Spielern denkbar, genauso wie eines mit acht Neuen. Wenn ein guter Start gelingt, also ein Derbysieg in der Alten Försterei im niedrigen zweistelligen Bereich, könnte etwas wachsen. Das umgekehrte Szenario ist genauso denkbar.

Fredi Bobic hat, wenn noch für Ascacibar ein Verein gefunden wird, durch die Verkäufe von Dilrosun, Löwen, Arne Maier und Torunarigha schon fast die 20 Millionen Transferüberschuss erwirtschaftet, die die Verantwortlichen von ihm verlangen. Wenn Piatek noch geht (was schade wäre) und Lee, Maolida und Zeefuik (was nötig wäre) würden auch die Kaderkosten von 90 Millionen jährlich deutlich reduziert werden.

Ob das alles reicht, um in der Bundesliga einen entsprechenden Tabellenplatz zu belegen (Ziel müsste doch mindestens die obere Tabellenhälfte sein), werden wir sehen. Hertha ist und bleibt eine Wundertüte.

Herthas neuer Superkader

Die Hertha der Saison 2022/23 hat einen Superkader. Leider bisher nur in quantitativer Hinsicht. Ob die Qualität ebenfalls als überdurchschnittlich bezeichnet werden kann, wird sich zeigen. Momentan tummeln sich nach der Rückkehr der Nationalspieler ca. 40 Spieler auf dem Trainingsgelände. In Testspielen könnte der Trainer nicht nur, wie üblich, zur Halbzeit durchwechseln und elf neue Spieler einwechseln, sondern alle dreißig Minuten einen Totaltausch durchführen und 33 Spieler einsetzen. Die restlichen sieben könnten immer mal zwischendurch für ein paar Minuten ran.

Aber nun mal ernst: Wie man „Kontinuitäts-Bobic“ kennt, verpflichtet er gegen Ende der Transferperiode sicher noch zehn neue Spieler. Um auf eine akzeptable Kadergröße von 30 Spielern zu kommen, müssten also noch ungefähr 20 Spieler wechseln oder verliehen werden.

Was für ein Wahnsinn! Und nach dem zehnten Spieltag jammern die Verantwortlichen wieder, dass die Mannschaft ja noch nicht eingespielt ist!

Abgegeben werden müssen, und das ist ja nicht neu, Zeefuik, Lee und Maolida wegen erwiesener Unfähigkeit in der ersten Liga mitzuhalten. Auf Alderete kann man gerade noch verzichten, obwohl er sein Können durchaus schon bewiesen hat. Wenn es einen Verein gibt, der die nötigen Millionen zahlt, wird Ascacibar auch gehen. Reisende soll man nicht aufhalten, obwohl es schade um den kleinen Argentinier mit dem großen Kämpferherzen wäre. Lukebakio dürfte auch weiterziehen, wie die Karawane, der die Hunde hinterher bellen. Wer nicht kämpfen will, muss reisen. Und Piatek will nicht mehr in Berlin spielen, was man verstehen kann, da das Spiel bisher nur selten auf seine Fähigkeiten hin ausgerichtet war und sein Gehalt das Defizit in der Herthakasse nicht gerade verringert. Wer die anderen zehn bis fünfzehn Spieler sein sollen, die gehen müssen, erschließt sich mir nicht. Doch hoffentlich nicht Torunarigha, eines der großen deutschen Innenverteidigertalente.

Oder Bobic überrascht uns alle und lässt die Reise nach Jerusalem einfach ausfallen, ergänzt nur noch ein oder zwei Spieler, die wirklich weiterhelfen und lässt den Kader wie er ist. Dass sie etwas können, haben die Herthaner doch im letzten Saisonviertel gezeigt. Es muss nur abgerufen werden.

Nach der Relegation ist vor der Transferperiode

Ende Februar, nach dem deprimierenden 1:6 gegen RB Leipzig, wagte Guido Ringel, seines Zeichens Fußballexperte beim rbb, die mutige Prognose, dass Hertha absteigen würde. Nun gut, die Mannschaft hat ihm diesen Wunsch nicht erfüllt, auch wenn es bis zur dritten Minute beim Nachsitztermin in Hamburg so aussah. Aber auch wohlmeinende Experten können sich ja mal irren. Hertha entpuppte sich plötzlich, als alle Felle schon fast weggeschwommen waren, doch noch als Mannschaft. Lieber spät als nie.

Auf der Mitgliederversammlung ging der sportlich Verantwortliche, Fredi Bobic, mit sich selbst hart ins Gericht. Was einem Michael Preetz (zu Recht) nicht durchgegangen wäre, wurde hier von den Mitgliedern großzügig abgenickt: Das fast totale Desaster, durch falsche Zusammenstellung der Mannschaft. Aber was heißt das eigentlich? Weiß man nicht erst immer hinterher, ob ein Spieler in eine Mannschaft, zum Trainer, zur Stadt passt? Und gilt nicht das gleiche für einen zu verpflichtenden Trainer? Teils, teils, muss man leider antworten. Natürlich: Von den durchschnittlich zehn Neuverpflichtungen, die in der Bundesliga seit einigen Jahren Saison für Saison von jedem Verein getätigt werden, erspielen sich nicht alle einen Stammplatz. Das ist bei Hertha nicht anders als bei Union oder den Bayern. Aber viele andere Vereine erreichen durch offenbar besseres Scouting ( es gibt ja übrigens auch gutbezahlte „Kaderplaner“ – der müsste bei Hertha fristlos entlassen werden) trotzdem mit geringeren Mitteln oftmals mehr.

Wir sind gespannt, ob Bobic in seiner zweiten Saison bei Hertha sein bei Frankfurt sprichwörtliches „Händchen“ bei der Verpflichtung guter bis sehr guter und dazu preiswerter Spieler zeigt. Nötig wäre es. Wichtig wäre, dass die Mannschaft, von der ja alle sagen, dass sie ein großes Potenzial habe, nicht wieder völlig von vorne beginnen muss. Kontinuität als Zauberwort, von Bobic bei seiner Antrittspressekonferenz versprochen. Ngankam kommt zurück, Torunarigha und auch Piatek, der überall Tore am Fließband schießt,sollten ihm nachfolgen. Wenn man dann Maolida und Lee und den verliehenen Zeefuik abgibt, die keinerlei Erstligareife besitzen, nimmt der Kader Gestalt an. Das Spiel muss aber darauf abgerichtet werden, den Piatek mit Eingaben in den Strafraum zu versorgen. Der lang erwartete und seit Jahren nicht gekommene rechte Außenbahnspieler muss verpflichtet werden. Dazu ein guter Mann fürs Mittelfeld, der Richter und Serdar führt und entlastet, das könnte doch was werden.

Ein erster Neuzugang heißt Uremovic und hat drei Spiele in Englands zweiter Liga vorzuweisen! Haben wir von der Sorte nicht dutzende in Deutschland, die nicht den Sprachlernprozess durchmachen müssen? Zwei Jahre dauerte das bei Tousard, der doch noch seiner Bürde als teuerste Verpflichtung ever gerecht werden könnte. Immerhin hat Uremovic angeblich einige Einsätze in der Kroatischen Nationalelf, dem aktuellen Vizeweltmeister, zu verzeichnen. Wenn er nicht mit einem Bruder verwechselt wird, was ja schon mal vorgekommen sein soll…

P.S.: Was macht übrigens Pal Dardai? Bobic wollte im Frühjahr sagen, ob er wieder seine geliebte U15 trainieren wird. Kein Wort bisher!

Kein Spieltag mehr – Relegation

Ein kleines Spieltäglein

es hat nicht sollen sein,

die nächste Saison steht vor der Tür

vielleicht in Liga zwei.

Wer so viele Matchbälle wie die Hertha vergibt, hat es eigentlich nicht verdient, mit dem Nichtabstieg belohnt zu werden. Auch wenn die Chancen drei Spieltage vor Schluss bei 1000:1 zugunsten Herthas standen: Stuttgart hat genau den Endspurt hingelegt, den Hertha hätte machen müssen. Der VfB schoss die Tore in der Nachspielzeit, während Hertha sie kassierte.

Es gibt zwei neue Matchbälle, aber Hertha ist auf dem absteigenden Ast, wogegen der HSV auf einer neuen Euphoriewelle surft, nachdem man im April schon alles verloren glaubte.

Hertha hat in 39 Erstligajahren 1318 Spiele absolviert. 470 Siege, 332 Unentschieden und 516 Niederlagen. Eine leicht negative Bilanz, als Optimist könnte man auch von einer fast ausgeglichenen Bilanz sprechen. Mit einem Torverhältnis von 1845 : 2033 wurden 1742 Punkte (auf die 3-Punkte-Regel umgerechnet) erreicht. Keine völlig deprimierenden, aber auch keine überragenden Zahlen, die man vorweisen kann, aber es gibt ja von den 24.000 deutschen Fußballvereinen nur 11 bessere in der „Ewigen Bundesligatabelle“ und von denen waren in der vorigen Saison mit Kaiserslautern, Werder, dem HSV und Schalke gleich vier nicht mehr im Oberhaus vertreten. Natürlich: Meister ist Hertha noch nie geworden und oft wurde gegen den Abstieg gespielt, aber dass Hertha nur und immer versagt, ist mit Zahlen nicht zu belegen, sondern entspringt eher der Gefühlswelt der Menschen, die immer schnell vergessen (siehe Wahlen: wer weiß noch, was vor vier Jahren war?) und die Gegenwart auf die Vergangenheit hoch- bzw. runterrechnen.

Eine Relegation, die über den Verbleib, bzw. Aufstieg in die 1. Liga entscheidet, gab es von 1982 bis 1991 und wieder seit 2009. Fast immer setzte sich der bisherige Erstligist durch. Der HSV war natürlich noch nie aus der 2. Liga kommend in einer Relegation (überstand sie aber zweimal mit mehr Glück als Können gegen Greuther Fürth wegen der Auswärtstorregel und gegen den KSC durch ein Freistoßtor in letzter Sekunde sich in die Verlängerung rettend), weil er immer in der ersten Liga spielte und danach dreimal nur Vierter in der 2. Liga wurde. Hertha hat zum zweiten Mal das Vergnügen die Horrorqualifikation durchlaufen zu dürfen. Beim ersten Mal 2012 gab es den Alptraum gegen Fortuna Düsseldorf. Von größerer „Erfahrung“ bei der Relegation zu sprechen erscheint also bei beiden Vereinen übertrieben, schließlich ist keiner der damaligen Aktiven noch dabei, auch Trainer und Manager haben sich längst in den (wohlverdienten?) Ruhestand verabschiedet.

Alles geht also bei Null los. Beruhigungsmittel vorher einnehmen: Man darf keine großen Flaschen mit ins Stadion nehmen. Apropos Flaschen: Den 60-er Jahre-Witz von der kleinsten Brauerei Berlins ersparen wir uns bis nach der Relegation…