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Hochmut kommt vor den Toren

Der Torhüter Marc-André ter Stegen ist mit seiner latenten Aggressivität und nicht unerheblichen Arroganz, was die Beurteilung der eigenen Leistung betrifft, auf den ersten Blick nicht der angenehmste Zeitgenosse. Aber vielleicht hat er ja versteckte Qualitäten charakterlicher Art, die dem gemeinen Fußballfan aus der Distanz des Oberrings oder des Großbildfernsehers verborgen bleiben.

Seine fußballerischen Leistungen, die ihm schon in jungen Jahren einen festen Platz in Jogi Löws Eliteensemble einbrachten, sind, was die Saison 2011/2012 bei Borussia Mönchengladbach angeht, sicher unbestritten. Dass aber die Nationalmannschaft (in der nächsten Zeit) mehr als eine Nummer zu groß für ihn ist, zeigt ein kurzer Blick in die Statistik.

In seinen drei Länderspielen kassierte ter Stegen sage und schreibe 12 Tore, was den andorraverdächtigen Schnitt von vier Toren pro Spiel ergibt.

In der länger als ein Jahrhundert dauernden glorreichen Geschichte der deutschen Nationalmannschaft kann da nur der bedauernswerte Heinrich Kwiatkowski mithalten, der in seinen vier Länderspielen 18 Tore kassierte, einen großen Teil davon allerdings im legendären 3:8 bei der 54er WM gegen Ungarn, als Herberger die Reservemannschaft ins Rennen schickte, um anschließend vom aufgebrachten deutschen Fußballvolk ob der Demütigung als unfähig bezeichnet zu werden. 14 Tage später war er Weltmeistertrainer, und alle hatten schon immer gewusst, was für ein Fuchs Herberger doch war…

Noch liegt ter Stegen also knapp vor Kwiatkowski. Wenn er noch ein Länderspiel bestreiten darf, was der geballte Fußballsachverstand des Trainerteams verhindern möge (solange ein genialer Torhüter wie Weidenfeller nicht mal im Aufgebot ist), und Deutschland 6:0 verlöre, was mit ter Stegen im Tor ja nicht unwahrscheinlich wäre, hätte er den Rekord von Kwiatkowski zumindest egalisiert. Wir sind gespannt!

Finale ßuhause

Damit war nicht zu rechnen: Dass das UEFA-Exekutivkommitee so schnell auf Herthas Aufstieg reagieren würde! Aber die Zeit reicht ja! Nach dem Erreichen der Bundesliga kommt logischerweise der Durchmarsch auf den (mindestens) vierten Platz, was die Qualifikation für die Champions-League 2014/2015 bedeutet. Und dass die Motivation für das Erreichen des Finales ßuhause ausreicht, um tatsächlich ins Endspiel zu kommen, hat uns ja Bayern München im vorigen Jahr mit ihrem Finale dahoam vorgemacht. Freuen wir uns also auf das Champins League Finale 2015 Hertha BSC gegen Juventus Turin (die hat Hertha schon mal im UEFA-Cup besiegt). Und dass Ronny im Elfmeterschießen treffen wird, kann er Robben und Schweinsteiger schon mal schriftlich geben…

An Tagen wie diesen…

Ob die Schadenfreude zu den sieben Todsünden gehört, weiß ich nicht. In jedem Fall ist es eine Todsünde, wenn ein Verein seine erfolgreiche, glücklich aufgestiegene Mannschaft ohne Not fast komplett in guter alter Südstaaten-Sklavenhändlerart auf dem Transfermarkt verhökert und durch angeblich frische Arbeitskräfte ersetzt. Mit dieser Mentalität des frühen 19. Jahrhunderts haben Vorstand und Trainer von Fortuna Düsseldorf Schiffbruch erlitten und sind folgerichtig in die 2. Liga strafversetzt worden. Was in der ersten Saisonhälfte noch wie gute, solide Kaufmannsarbeit in Verbindung mit glücklichem Händchen, Fingerspitzengefühl und Fußballsachverstand erschien, offenbart sich jetzt als Ausverkauf von Werten, die für Fußballanhänger weltweit höchste Priorität haben.

Im Zweifelsfall – und der Abstiegskampf ist ein solcher – hat eine verschworene Gemeinschaft immer bessere Chancen als eine Ansammlung von Söldnern, die rein zeitlich  keine Chance hatten, zum echten Kollektiv zu werden.

Mal sehen, ob die Düsseldorfer Herren und Damen aus ihren Fehlern gelernt haben. Wenn nicht, sehen wir die Fortuna vielleicht demnächst in Liga 3 spielen. Unter Umständen wird der Dormagener Lumpi Lambertz dann fast wieder dort angelangt sein, wo er einstmals herkam…

Steigt Hertha schon wieder ab?

Warum geht Götze zu Bayern? Wie hoch gewinnt München im Champions-League-Endspiel gegen Dortmund? Wo schießt Lewandowski nächstes Jahr seine Tore? Relativ unwichtig im Vergleich zur Frage, ob Hertha endlich mal wieder länger als ein Jahr erste Liga am Stück zu Stande bringt.

Klar ist eins: Die wirtschaftlichen Zwänge als Erbe der Hoeneß-Ära verbieten die Verpflichtung großer Namen. Dass dies auch gar nicht wünschenswert ist und Kontinuität als Zauberwort sich immer mehr durchsetzt, zeigt nicht nur Eintracht Braunschweig. Letztlich ist auch Bayern München hauptsächlich wegen des seit Jahren eingespielten und nur mit wenigen Spielern verbesserten Kaders zur besten Mannschaft der Welt aufgestiegen.

Blicken wir zwei bis drei Niveaustufen hinunter und checken die Mannschaftsteile Herthas auf ihre Bundesligatauglichkeit (die Noten sind kein Rückblick auf erbrachte Leistungen, sondern sollen das voraussichtliche Leistungsvermögen in der 1. Liga darstellen):

Tor:

Kraft: Mit Sicherheit guter Durchschnitt in der Liga. Hervorragendes Stellungsspiel, wenn der Stürmer alleine vor ihm auftaucht. Reaktionsschnell auf der Linie. Abschläge und Abwürfe dauern seit dieser Saison nicht mehr 12 bis 15 Sekunden. Manchmal Probleme bei Fernschüssen und in der Strafraumbeherrschung bei Eckbällen oder Freistößen aus dem Halbfeld. Note 2-3

Außenverteidiger:

Pekarik: Schnörkellos mit Offensivdrang. Könnte noch öfter zur Grundlinie vorstoßen und flanken. Gegen schnelle, trickreiche Gegner in eins-zu-eins-Situationen manchmal mit Problemen. Erstligatauglich, Note 3-4

Kobiaschwili: Der fairste Spieler seit dem zweiten Weltkrieg mit guter Rückrunde in der 2. Liga. Macht viel mit meist gutem Stellungsspiel und Routine, vom Tempo her aber in der 1. Liga sicher teilweise überfordert. Bedingt erstligatauglich, Note 4-

Holland: In der Hinrunde recht souverän, in der Rückrunde selten eingesetzt, dann aber mit großen Schwächen beim Abspiel und in der Konzentration. Entwicklungsfähig, wenn er regelmäßig spielt. Für die 1. Liga noch nicht abgezockt genug, um im Abstiegskampf erste Wahl zu sein. Noch nicht erstligareif. Note 5+

Innenverteidiger:

Brooks: Die Entdeckung der Saison. Hat aber einen Hang zur Schlampigkeit, der in der 1. Liga gnadenlos bestraft werden kann. Müsste sein Kopfballspiel im gegnerischen Strafraum bei Standards verbessern. Bei weiterer positiver Entwicklung: Erstligareif. Note 4

Lustenberger: Der spielintelligenteste Verteidiger seit langem. Hervorragendes Stellungsspiel, kann das Spiel lesen, weiß, wohin der Ball des Gegners kommen wird. Deshalb in der Defensive fast ohne Foul. Ob das in der 1. Liga reicht oder ob er besser auf der Sechs eingesetzt wird, ist eine der entscheidenden Fragen der Saisonvorbereitung. Erstligatauglich (im Mittelfeld schon bewiesen). Note 3

Franz: Musste, seit er bei Hertha spielt, viel mehr einstecken, als er austeilte. Wenn er verletzungsfrei bleibt, hat er seine Erstligareife schon bewiesen. Wird aber auch nicht jünger, im Gegenteil. Immer noch recht stark im Zweikampf, schwächer im Spielaufbau. Bedingt tauglich. Note 4-

Mittelfeld:

Niemeyer: Der nimmermüde Kämpfer hat sich in der Passgenauigkeit verbessert, verschludert aber immer noch von zehn mit großem Aufwand eroberten Bällen vier mit einem Fehlpass (voriges Jahr: sieben von zehn). Muss daran und an seinem Kopfballspiel im Mittelfeld arbeiten, weil auffällig ist, dass er in mindestens jedem zweiten Spiel mit einem Gegner zusammenrasselt. Gefährlich! Das Beispiel Usdorf warnt uns! Erstligatauglich. Note 3-4

Kluge: Wurde im Laufe der Saison immer besser, wenn auch manchmal unauffällig, wie früher Andreas Schmidt. Äußerst wertvoll für die Mannschaft, großer Einsatz, hohe Laufbereitschaft. Die großen Ideen im Aufbau gehen von ihm aber nicht aus. Besteht in der Bundesliga. Note 3-

Morales: Wenn er eingesetzt wurde, war er zuverlässig zur Stelle. Hat mit Sicherheit das Potential zum Erstligaspieler. Eher in der defensiven Rolle wie Kluge oder Niemeyer, ob es für mehr (Spielgestaltung) reicht, wird die Zukunft zeigen. Bedingt bundesligareif. Note 4-

Ronny: In der zweiten Liga überragend, wenn er gut drauf ist. Es gibt aber auch Spiele, in denen er scheinbar keine Lust hat, sich ständig festdribbelt. Wenn er direkte Pässe spielt und gut aufgelegt ist, auch in der ersten Liga eine Bank. Seine Freistöße hält auch kein Erstligakeeper. Erstligareif. Note 3+

Schulz: Oft noch zu hektisch und ohne Übersicht. Vorteile: Schnelligkeit und Dribbelstärke. Flanken müssen noch genauer kommen. Großes Potential. Vorläufig nur bedingt erstligareif. Note 4-

Ben-Hatira: Nach langer Verletzungspause noch nicht der alte. Kann aber eine Außenbahn bearbeiten, im hohen Tempo den Gegner abschütteln und auch abschließen. Wenn er sich nicht selbst überschätzt und gut arbeitet: Erstligareif. Note 3-4

Ndjeng: Der Lieblingsspieler von Luhukay. Solide, ohne immer restlos zu überzeugen. Gute Einwürfe allein reichen nicht. Aber: Erfahren und taktisch diszipliniert. Bedingt erstligareif. Note 4-

Angriff:

Wagner: Hat die Erwartungen nur teilweise erfüllt. Zwar trotz seiner Größe nicht ungeschickt im Ballabschirmen und auch mit gewissen Qualitäten im Abschluss, wirkt insgesamt aber meist wie ein Fremdkörper. Das kann aber auch an der geringen Einsatzzeit liegen. Teilweise erstligatauglich. Note 4-

Ramos: Hat seine Fähigkeit, in der ersten Liga spielen zu können, schon bewiesen. Scheint trotzdem manchmal zu sensibel und müsste mehr aus seinen überragenden Fähigkeiten bei Schnelligkeit, Kopfballspiel und Abschluss vor dem Torwart machen. Note 3

Allagui: Fiel in fast allen Einsätzen in erster Linie durch sein penetrantes Durchstarten in die Abseitsposition auf, wodurch er die Mitspieler oft am passen hinderte. Gutes technisches Potential und teilweise mit abgeklärtem Abschluss. Insgesamt kaum erstligatauglich. Note 5

Lasogga: Warum der dynamische Mittelstürmer alter Prägung nur so selten zum Einsatz kommt, nachdem er seine Verletzungsfolgen seit längerer Zeit vollständig überwunden hat, bleibt Trainer Luhukays Geheimnis. Kaum ein zweiter Stürmer in Deutschland hat ein derartiges Potential, was Schusskraft und –genauigkeit, Kopfballspiel, aber auch Abstauberqualitäten und nicht zuletzt Vorbereitungsfähigkeit angeht. Deshalb muss er unbedingt gehalten werden, was aber nur bei viel höherer Spielzeit gelingen wird. Die sieben Millionen Ablöse wären kein adäquater Ausgleich für einen möglichen Verlust. Erstligareif. Note 2-3.

Fazit? Mit wenigen punktuellen Verstärkungen in Abwehr und Mittelfeld sollte die Klasse zu halten sein, wenn das Mannschaftsgefüge stimmt. Das aber ist ja bisher als große Stärke von Trainer Luhukay (vom „Fall“ Lasogga abgesehen) ausgemacht worden. Wenn man ihn denn in Ruhe arbeiten lässt und nicht gleich in Frage stellt, falls mal vier Spiele hintereinander verloren werden, was mit Sicherheit geschehen wird…

Chancengleichheit? Die Kasachen und der Jetlag!

In der kasachischen Fußballnationalmannschaft spielen nur zwei oder drei Spieler mit, die nicht russischer oder deutscher Abstammung sind. Sie zeichnen sich durch so schöne Namen wie Chajrullin oder Konysbajew aus. Als Nachfahren einstmals westwärts ziehender Reitervölker sind sie lange Reisen vielleicht gewöhnt und gegen so etwas wie einen Jetlag immun. Aber alle anderen?

Beim Galoppreiten gibt es das sogenannte Handicap, d.h., dass ein Jockey, der sehr leicht ist und dessen Pferd dadurch weniger zu tragen und somit einen Vorteil beim Rennen hat, ein entsprechendes Ausgleichsgewicht tragen muss. Einfacher gesagt handelt es sich um die Prinzipien von Fairness und Chancengleichheit.

Bei den Fifa-WM-Qualifikationsspielen trat Deutschland innerhalb von fünf Tagen zwei Mal gegen Kasachstan an. Mit ausgefeilter Logistik wurde verhindert, dass die deutschen Spieler in Kasachstan dem Jetlag unterlagen, gibt es doch einen Zeitunterschied von immerhin fünf Stunden. Anreise kurz vor dem Spiel, Verdunklung von Zimmern und sonderbare Zeiten der Nahrungsaufnahme wurden generalstabsmäßig geplant und durchgeführt, um die innere Uhr der Spieler auf deutscher Zeit zu halten. Ob das gelungen ist, mag sich angesichts der Leistung beim 3:0 im ersten Spiel jeder selber überlegen. Beim Rückspiel, das um 20.45 Uhr, also zur besten Champions-League-Zeit angepfiffen wurde, musste man sich sowieso keine derartigen Gedanken machen.

Wie sahen die beiden Spiele nun aber aus der Sicht der kasachischen Spieler aus? Beim Hinspiel konnten sie natürlich kaum Tricks anwenden, um die Zeit künstlich zu verändern, so dass das Spiel zur auch für sie ungewöhnlichen Zeit von 24 Uhr begann. Keine leistungsfördernde Anfangszeit und somit eine klare Benachteiligung.

Niemand hat aber bisher auch nur ein Wort darüber verloren, dass die 20.45 Uhr vom Rückspiel in Nürnberg für die Kasachen nach ihrer Zeit 1.45 Uhr bedeuteten, Spielende war dann also gefühlt 3.30 Uhr und somit die zweite grobe Benachteiligung. Ich möchte gerne das Jammern der deutschen Profis hören, wenn sie unter diesen Vorzeichen hätten antreten müssen.

Nur Manuel Neuer hat uns kurz nach der Pause vorgemacht, wie es um die Konzentrationsfähigkeit steht, wenn man zu derart absurden Zeiten spielen muss. Faire Geste!

Mitternachtstango

Neben dem kicker-Almanach ist der Diercke Weltatlas auch in Zeiten von Google und Wikipedia mein liebstes Nachschlagewerk. Und da es besonders heutzutage wichtig ist, exakte Quellenangaben zu liefern, gebe ich nach bestem Wissen und Gewissen an: Diercke Weltatlas, Georg Westermann Verlag, Braunschweig 1974, 7. Auflage der Neubearbeitung 1975 (191. Auflage), S 192, Karte II „Zeitzonen“.

Was können wir der Karte entnehmen? Richtig, Alma Ata (von Astana war bei Auflegung des Werkes noch nicht mal in ZK-Kreisen die Rede) ist vier Zeitzonen von der unseren entfernt. Da die Ex-Sowjetunion immer auf Sommer-, wir aber noch auf Winterzeit gepolt sind, sind die Kasachen uns sogar fünf Stunden voraus. Wenn wir uns zum heutigen Länderspiel zur besten Freitagabendzeit um 19 Uhr anlässlich des WM-Qualifikationsspiels Kasachstan – Deutschland das erste Bier aufmachen, ist es in Astana demnach 24 Uhr und mit dem Anpfiff ist es sogar Sonnabend, null Uhr. Ob die Menschen in Astana, vorausgesetzt in der Retortenstadt wohnt überhaupt schon jemand, der Lust hat, sich ein Fußballspiel anzusehen, das aller Wahrscheinlichkeit nach mit einer Heimniederlage endet, die Anstoßzeit besonders lustig finden? Abgesehen von dem einen Dreihundertfünfundsechzigstel der Bevölkerung, das am 23.3. Geburtstag hat: Diese glücklichen Menschen können sozusagen mit dem Anstoß anstoßen! Kommt auch nur ein Mal im Leben vor. Aber sonst? Gehen Kinder ins Stadion, wenn das Spiel gegen zwei Uhr nachts beendet ist? Werktätige, die am nächsten Morgen arbeiten müssen? Alle anderen Menschen, die gerne auch mal nachts schlafen wollen?

Warum findet dann ein Spiel, noch dazu bei der in Astana sowieso schon tagsüber herrschenden saumäßigen Steppenkälte mitten in der Nacht statt? Ganz klar: Das deutsche Fernsehen zahlt mit immer noch genügend harten Euros, kasachische Funktionäre nehmen dieses Taschengeld (wird natüüürlich in die Jugendarbeit des Verbandes gesteckt) gerne mit oder ohne Quittung entgegen und schon ist ein Spielbeginn um 24 Uhr Ortszeit kein Problem. Eigentlich beginnen alle Spiel in Kasachstan um diese Zeit, meist sogar erst um ein bis zwei Uhr…

Irgendjemand hat mal gesagt, dass Geld den Charakter verdirbt. Scheint recht zu haben…

P.S.: Kasachstan liegt laut Korruptionswahrnehmungsindex auf Platz 133 von 174 Ländern.

11 mm Fußball-Filmfestival-Eröffnungsveranstaltung: „Nabendallerseits“

Zum zehnten Mal gibt es das Fußball-Filmfestival in Berlin. Zur Eröffnungsveranstaltung im Kino Babylon in Mitte kann man den einen oder anderen Bekannten aus der Gemeinde „50 Jahre Bundesliga“ von nahem sehen und hören. Moderiert wird vom gut aufgelegten Heribert Faßbender, der uns zu Beginn recht ausführlich erklärt, wie es zu seinem berühmt-berüchtigten Eröffnungs-Akt „Nabend allerseits“ gekommen ist. Als Beweis wird ein uralter Mitschnitt einer Sportschau gezeigt, in der der noch nicht ergraute Heribert folgerichtig „Guten Abend, meine Damen und Herren“ sagt. Soviel zum Thema Geschichtsklitterung, zu der am Ende des Abends Rudi Gutendorf, vermutlich einziger noch lebender Trainer der ersten Bundesliga-Saison, sein Teil in einer Art und Weise beitragen wird, die dem ZK der KPdSU alle Ehre gemacht hätte.

Walter Eschweiler gibt alkoholgeschwängerte Anekdoten aus Hotelbars und über Botschaftsempfänge zum Besten und erzählt zum hundertsten Mal von seinem Zusammenstoß mit anschließender unvollendeter Rolle Rückwärts im 82-er WM-Spiel Italien-Peru. Neu ist nur, dass eine Tierärztin die Erstversorgung übernahm und sich Hans-Dietrich Genscher in der Halbzeitpause nach dem werten Befinden erkundigte. Michael Preetz, dem Lokalpatriotismus geschuldet, spricht als Torschützenkönig und ehemaliger Spieler von Wattenscheid 09, was, laut Faßbender, nur die wenigsten wissen. Der Verfasser dieser Zeilen weiß noch viel mehr, nämlich dass Preetz im letzten Saisonspiel 1995/96 für Wattenscheid, schon von Hertha verpflichtet, aus drei Metern neben das leere Tor schoss, ansonsten hätte Hertha sehr viel mit dem Abstieg (ein Jahr später erfolgte der Aufstieg) zu tun gehabt…

Nach dem Besten aus der ARD-Historien-Serie zur 50. Bundesliga-Saison spricht Faßbender mit Axel Kruse, Olaf Thon, Klaus Fischer und „Otto“ Kleff, die uns klar machen, dass früher alles besser, kameradschaftlicher (Eschweiler zu Hölzenbein nach dessen Schwalbe: “Dat müssn wir aber noch ein bisschen üben…“) und Bestechlichkeit und Meineide eigentlich lässliche Jugendsünden waren. Kleff  muss man das Mikrofon schon fast mit körperlicher Gewalt entwinden, weil er gar nicht mehr aufhört, alte Schrullen von der Feindschaft Weisweiler-Netzer zum Besten zu geben.

Unerwarteter Höhepunkt des Abends wird aber das Gespräch mit Rudi Gutendorf, mittlerweile 85 Jahre alt und etwas langsamer als früher, aber immer noch für die eine oder andere Überraschung gut. Wer hätte schon gewusst, dass er mit Salvador Allende in dessen  Privatwohnung Whiskey getrunken hat, sicherlich schottischen und keinen vom US-Amerikanischen Klassenfeind. Nach dem Putsch hat der Botschafter einen Platz für Rudi in der letzten Lufthansa-Maschine, die Chile verließ, gebucht. So wurde Gutendorf durch die weltpolitischen Ereignisse um die WM-Teilnahme 1974 als chilenischen Trainer  und das Spiel gegen Deutschland in Berlin gebracht, das Deutschland aber nicht, wie sich Gutendorf falsch erinnerte 2:0 durch Overath-Tore, sondern 1:0 durch ein Breitner-Tor gewann.

Den modernen Pressing-Fußball scheint auch Gutendorf erfunden zu haben, wenn man der Geschichte glauben darf, dass sich Uwe Seeler nach dem Spiel in Meiderich beklagte, dass er gar keine Zeit zur Ballannahme gehabt hätte, weil immer sofort zwei Meidericher Spieler auf seinen Füßen standen. Dass Seeler selber durch ein unkluges öffentliches „Wo liegt eigentlich Meiderich?“ für gewisse Motivationsschübe beim Gegner sorgte und so ein 4:0 für Meiderich ermöglichte, soll nicht unerwähnt bleiben, ebenso wie die Tatsache, dass die Hamburger Spieler nach dem Spiel laut Gutendorf heulend in der Kabine saßen. Gutendorf führte Meiderich zur Vize-Meisterschaft der ersten Bundesliga-Saison und der HSV wurde nur sechster.

Faßbender glänzt durch Detailkenntnisse („Meiderichs stürmende Verteidiger Sabbath und Heidemann…“) und man fragt sich nur, warum Gutendorf  durchschnittlich weniger als ein Jahr pro Verein/Land verbrachte (56 Trainerstationen in 50 Jahren), wenn er der erfolgreiche, innovative Trainer war, als den er sich und Heribert Faßbender ihn sieht.

Als Abschlussbonbon erzählte Gutendorf noch von seinem Ruanda-Engagement, wo er es war, der Tutsi und Hutu nach dem Bürgerkriegs-Massaker miteinander versöhnte, indem er in der Nationalmannschaft jeweils 9 Spieler von jeder Ethnie in den Kader berief. Dass sie allerdings die Elfenbeinküste nicht geschlagen hatten, wie Gutendorf zweimal stolz erwähnte, sondern das Spiel nur 2:2 ausging (immerhin!) erfuhr die versammelte Gemeinde durch den Zwischenruf eines ARD-Mitarbeiters, der einen Film über die Geschehnisse angefertigt hatte…

Ein runder Abend für die jung gebliebene Fußballergeneration zwischen 40 und 60, genau im Trend der Überalterung der Gesellschaft liegend. Mal sehen, was die Filme des Festivals bringen werden…

Wer gewinnt ein Fußballspiel: Trainer oder Mannschaft?

In einer angesehenen und auch nach eigener Einschätzung niveauvollen Berliner Tageszeitung konnte man vor wenigen Tagen zur Entlassung von Fürths Trainer lesen: „…Büskens, der kein Heimspiel gewinnen konnte…“ Nanu! Schnell im kicker-Sonderheft 12/13 nachgesehen, und wirklich: Büskens ist am 19.3.1968 geboren, hat also das selige Fußballeralter von 45 Jahren erreicht. Kein Wunder, dass man in diesem Alter nicht mehr ganz mithalten kann, bei dem heutigen Tempo! Dass dieser Michael Büskens sich in keinem der bis dahin absolvierten 22 Spiele selbst eingewechselt hatte, was mangels Spielberechtigung auch gar nicht möglich gewesen wäre, war dem Schreiber offensichtlich entgangen, hätte es doch ansonsten heißen müssen: „…Büskens, dessen Mannschaft kein einziges Heimspiel gewinnen konnte,…“.

Aber so ist das heute: Der Trainer ist nicht nur verantwortlich für Siege und Niederlagen, was angesichts der Tatsache, dass Fürths Spieler serienweise den Ball aus zwei Metern nicht im Tor unterbringen konnten, schon sehr diskussionswürdig ist (muss man Torschusstraining aus zwei Metern wirklich ernsthaft trainieren und wenn ja, hat Büskens dies versäumt?), nein er gewinnt und verliert heutzutage selber. Traurig, dass diese unsinnige These auch durch Journalisten verbreitet wird, die es eigentlich besser wissen müssten. Außerdem prügeln sie sofort verbal auf angeblich unfähige Manager und Vorsitzende ein, die nach drei Niederlagen in Folge den Trainer als Sündenbock entlassen, rechtfertigen aber durch ihre Formulierungen derartige Handlungen.

Was man einem Trainer wirklich vorwerfen könnte, wäre eine unsachgemäße Zusammensetzung des Kaders (Beispiel: Winfried Schäfer einstmals bei Tennis Borussia) mit satten, charakterlosen Abzockern, wobei Vorstand und Manager daran ebenso schuldig wären; oder ein Training, das die Erfordernisse von Fitness, Taktik und Technik außer Acht lässt, was jedoch nur derjenige beurteilen kann, der täglich das Training beobachtet.

Fast jeder weiß, dass Trainerentlassungen im Schnitt nichts bringen, was angesichts der Tatsache, dass alle während der Trainerausbildung an denselben Lehrgängen teilgenommen haben, auch nicht allzu verwunderlich ist. Natürlich gibt es Unterschiede in der Art der Vermittlung und der Motivationsfähigkeit, aber wenn ein Büskens seit Dezember 2009 die Fürther Mannschaft trainiert und über die Tabellenränge elf, vier und eins erstmalig in der Vereinsgeschichte in die erste Liga geleitet hat, dann kann er weder ein schlechter Motivator noch ein fachlich unfähiger Trainer sein. Warum also dann seine Entlassung? Geben sich die Spieler ab jetzt mehr Mühe, beim Schuss aus zwei Metern…?

P.S.: Mal sehen, ob Fürth unter Führung des neuen Trainers noch einen Heimsieg schafft. Ansonsten hätte man im 50. Bundesligajahr den Rekord von Hertha aus der Saison 2009/2010 (ein Heimsieg) vor Tasmania 1900 (Saison 1965/66: 2 Heimsiege) über- bzw. unterboten. Tasmania hält also nicht alle Negativrekorde der Liga. Aber das wäre ein anderes Thema…

Fifa-WM 2026 in Grönland!

Unter dem Stichwort „Klimakatastrophe“, auch abmildernd „Klimaveränderung“ genannt, wird oft das Horrorszenario einer überschwemmten Erde, deren aus dem Schmelzwasser ragenden Restkontinente unter einer Hitzeglocke vor sich hin dörren, vorhergesagt. Dass man die gleichen Fakten auch fröhlich-optimistisch interpretieren darf, zeigt uns das Beispiel Grönland, dessen fast 60.000 Einwohner mittlerweile Selbstversorger bei Kartoffeln und Gemüse sind, da sich die durchschnittliche Jahrestemperatur in den vergangenen 15 Jahren um 4,5 Grad Celsius erhöhte (aus: „Geo“, 2/13). Wo Kartoffeln wachsen, weiß natürlich sogleich der global denkende und lokal handelnde Fußballfreund, wächst aber auch Rasen, und wo Rasen wächst, kann man auch Fifa-Mitglied werden und dementsprechend eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten. Was dagegen spricht: Nichts! Was dafür spricht: Wenn Katar mit zwar ein paar Einwohnern mehr aber viel weniger Platz (Grönland ist 200 Mal so groß!) eine WM ausrichten kann, warum nicht auch Grönland?

Wenn sich Spieler und Zuschauer in Katar bei Sommertemperaturen von bis zu 45 Grad und 85% Luftfeuchte quälen müssen, warum nicht bei angenehmen 16,3 Grad (durchschnittliche Maximaltemperatur im Juli in der Metropole Kangerlussuaq) die optimalen Klimaverhältnisse auf Grönland ausnutzen (und es wird ja noch deutlich wärmer bis 2026)?

Die schmelzenden Gletscher ermöglichen in Zukunft den großflächigen Abbau von Bodenschätzen wie Edelsteinen, Eisenerz und Seltenen Erden. Die halbe Welt versucht hier in den Bergbau zu investieren, was natürlich mehr als genug Geld fließen lassen wird, um die Kosten für den Bau einiger Stadien, Flugplätze, Hotels und Fankneipen zu decken.

Wer soll für Grönland stimmen? Alle integeren Fifa-Exekutivkommitee-Mitglieder! Da allgemein bekannt ist, dass Katar den Zuschlag für die Fifa-WM 2022 in vorbildlich korruptionsfernem Wettkampf gegen Australien, Japan und die USA aufgrund der überzeugenderen Argumente erhalten hat, kann man das Geld statt in Schmiergeldzahlungen  in den Aufbau einer schlagkräftigen Nationalmannschaft stecken, die als Gastgeber ja automatisch qualifiziert sein wird. Sicher finden sich einige Brasilianer mit grönländischen Vorfahren, unbürokratisches Erteilen der grönländischen Staatsbürgerschaft für den einen oder anderen Profi aus Europa, vorzugsweise vielleicht mit Wurzeln im Wintersport (Österreicher, Schweizer, Südtiroler..) könnten den grönländischen Fußball noch konkurrenzfähiger machen.

Auch die momentan noch gar nicht vorhandene offizielle Anerkennung einer Nationalmannschaft dürfte kein Problem sein: Das Argument fehlender Rasenplätze hat sich doppelt erledigt. Erstens wächst Rasen jetzt ja fast wie in England (siehe oben) und wenn es wieder mal ein paar Jahre frieren sollte, ist Kunstrasen (Russland…) eine auch von der Fifa anerkannte Alternative. Dass nur autonome Staaten eine Nationalmannschaft haben dürfen ist ein unsinniges Argument, denn was für Wales, Schottland, Nordirland und die Färöer gilt, sollte für die zukünftige Großmacht Grönland allemal gelten.

Fraglich ist nur noch, wie viele Mannschaften an der Grönland-WM teilnehmen dürfen. Um genügend Fernsehgelder erzielen zu können, sollten mindestens 64 oder auch 128 Länder teilnehmen. Wogegen allerdings spräche, dass in der entspannteren Qualifikationsphase die Wettmafia leichteres Spiel hätte…

Müller oder Messi?

Spätestens bei der WM 2018 in Russland wird Miroslav Klose Gerd Müllers Torrekord von 68 Toren in der Nationalmannschaft geknackt haben. Einige Qualifikationsspiele gegen Aserbaidschan, Malta und die Ost-Vogesen werden ihm dabei helfen als erster deutscher Nationalspieler die 70-Tore-Marke zu erreichen und zu übertreffen. Es ehrt Miro Klose, dass er es in der für ihn typischen ehrlichen und selbstkritischen Art ablehnt, mit Gerd Müller auf eine Stufe gestellt zu werden. Gerd Müller verkörperte über Jahre absolute Weltklasse vor dem Tor, er war und ist bis heute weltweit der Maßstab aller Spieler, deren primäre Aufgabe es ist, den Ball irgendwie mit irgendeinem Körperteil ins gegnerische Netz zu befördern. „Muss nicht gut aussehen, Hauptsache drin“, hätte Müller dazu sagen können, wenn er einen seiner gesprächigeren Tage gehabt hätte. Dass Müller auch in der Torvorbereitung (mit Beckenbauer, Netzer…) geniale Ideen hatte, ist vielen nicht mehr bewusst, gehört aber in jedem Fall zum Gesamtbild. Er war einfach ein herausragender Fußballer.

Wahrscheinlich gibt es auch keine zwei Meinungen darüber, dass Lionel Messi, ohne dass ein direkter Vergleich möglich oder auch nur sinnvoll wäre, der bessere Fußballspieler der beiden ist. Und jetzt hat Messi auch noch den Torrekord Gerd Müllers aus dem Jahre 1972 mit 85 Pflichtspieltoren im Kalenderjahr gebrochen. 91 Mal traf Messi 2012, nicht ohne Müller honoriger Weise zu ehren und zu grüßen. Hut ab! Aber ist Messi nun wirklich der bessere Torjäger der beiden? Wie im Fall Klose zurückhaltend angedeutet, darf man nicht nur die reine Zahl sehen, sondern muss sie stets im Zusammenhang mit der Anzahl der Spiele betrachten. Denn heute werden viel mehr Pflichtspiele absolviert als früher: Die Gruppenphase der Champions-League, die größeren Quali-Gruppen bei EM und WM u.a. bedeuten 10 bis 20 Spiele mehr pro Jahr.

Und was wir schon alle vermuteten, hat dankenswerter Weise ein Wikipedia-Mitarbeiter, der in mühevoller Kleinarbeit recherchiert und uns viel Arbeit abgenommen hat, herausgefunden: Messis 91 Tore in 69 Pflichtspielen im Jahr 2012 ergeben eine Quote von 1,32; Gerd Müllers 85 Tore in 60 Pflichtspielen des Jahres 1972 übertreffen dies knapp aber sicher mit 1,42!

Noch Fragen?