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Kontinuität auf Bobic-Art

Das ist doch mal ein Wort, dachte man, als der neue starke Mann bei Hertha, Fredi Bobic, in einer seiner ersten Pressekonferenzen davon sprach, dass Kontinuität auf dem Trainerposten oberstes Gebot sei. Fünf Trainer in zwei Jahren seien viel zu viel, da kann eine Mannschaft keine Linie erkennen…Und was der weisen Sprüche mehr waren.

Jetzt herrscht Kontinuität nur insofern, dass der Trainer nach 13 Spielen gehen muss, obwohl, wie Bobic selber sagt, die Lage nicht allzu ernst, geschweige denn hoffnungslos sei. Und liegt es am Trainer, wenn die Mannschaft in vier Heimspielen in der Nachspielzeit, bzw. kurz vor Schluss, Punkte verschenkt (Wolfsburg, Freiburg, Leverkusen, Augsburg)? Vielleicht ja, Konzentration bis zum Schlusspfiff kann man eventuell üben, vielleicht auch nicht. Ist der Trainer auch für Pfostenschüsse verantwortlich? Oder für drei-cm-Abseitsstellungen? Oder für falsches (Nicht-)Eingreifen des Kölner Kellers? Die Fragen muss jeder ehrlich sich selber beantworten.

Tatsache ist, dass Hertha in dieser Saison oft langweiligen, uninspirierten, unstrukturierten Fußball spielte. Aber dass das nur am Trainer und nicht auch an der immer noch schlecht zusammengestellten Mannschaft liegt, ist unwahrscheinlich.

Dardais Verdienste sind wahrlich nicht klein. Als Nationaltrainer hat er Ungarn seit Menschengedenken erstmals wieder zu einem großen Turnier geführt. Er hat Hertha vor dem Abstieg gerettet und anschließend zwei Mal auf Europapokalplätze geführt, wenn auch einmal nur in die Qualifikation. Alles zu Zeiten, als Hertha immer noch den Schulden-Rucksack von Dieter Hoeness mit sich herumschleppte und Transfers nur eingeschränkt möglich waren. Er hat nach seiner Meditationspause am Plattensee die Mannschaft Anfang 2021 in einer aussichtslosen Situation, als sie wegen Corona gesperrt war und danach in wenigen Wochen ein Mammutprogramm zu absolvieren hatte, übernommen. Er behielt als einziger die Nerven und machte so wahnsinnige Sachen, wie gegen Freiburg zehn neue Spieler im Vergleich zum vorigen Spiel auf den Platz zu schicken, was es so in der Bundesliga noch nie gegeben hatte. Lohn: Ein grandioser 3:0-Sieg mit dieser Ib-Mannschaft und eine dicke Zigarre nach dem Nicht-Abstieg!

Dass er jetzt gehen muss und Bobic ihm in der Pressekonferenz nicht mal die Rückkehr zu seiner geliebten U-16-Mannschaft garantierte, ist einfach nur schäbig und zeigt, dass es offenbar persönliche Animositäten zwischen Bobic und Dardai gab. Genauso, wie es freundschaftliche Bindungen, die auch schwäbisch-landsmannschaftlicher Art sein können, zwische Bobic und dem neuen Übungsleiter Korkut zu geben scheint. Aber sind alte Freundschaften eine Qualifikation für einen Job, in dem Millionengehälter gezahlt werden?

Wenn Taifun Korkut, dessen bisherige Trainerkarriere eher von der Zensur “4 minus” beschrieben wird, den Umschwung schafft, das heißt, sowohl erfolgreichen als auch ansehnlichen Fußball spielen zu lassen, hat Bobic sein Pokerspiel gewonnen. Wenn nicht, d.h. wenn die Kontinuität in der Trainerfrage so fortgesetzt wird, dass nach dem 23. Spieltag ein nächster Fußballleher verpflichtet werden muss, sollte man vielleicht über eine Rückkehr von Michael Preetz nachdenken…

Einfache Rechenaufgabe

Pal Dardai ist ja der große Vereinfacher. Wenn er Saisonziele beschreiben soll, sagt er nicht, dass er einen Platz in der oberen Tabellenhälfte anstrebt oder gar auf die Europapokalplätze schielt, sondern er will immer nur von Schritt zu Schritt denken. Also teilt er die Saison in Kästchen mit je vier Spielen ein, aus denen je sechs Punkte geholt werden sollen. Das ergäbe am Saisonende bei acht Viererkästchen 8 x 6= 48 Punkte und drei Bonuspunkte aus den beiden letzten Spielen, also 51 Punkte. Damit wäre ein Platz in der Nähe des oberen Tabellendrittels zumindest in Reichweite.

Wie sieht die bittere Realität aus?

Aus dem ersten Viererkästchen mit Köln, Wolfsburg, Bayern und Bochum wurden drei Punkte erspielt (oder erarbeitet, erzittert, erkämpft…). Aus dem zweiten Viererblock mit Fürth, Leipzig, Freiburg und Frankfurt holte man die geplanten sechs Punkte. Der dritte Block mit Gladbach, Hoffenheim, Leverkusen und Union erbrachte nur vier Punkte, was ein Minus von insgesamt fünf Punkten im Vergleich zum angestrebten Soll ergibt. Fünf Punkte wohlgemerkt, die trotz der durchwachsenen Leistungen, besonders im Sturm, der Abwehr, dem Mittelfeld und auf der Torwartposition, durchaus drin waren, wenn man an die in den letzten Spielminuten jeweils verschenkten Heimpunkte gegen Wolfsburg, Freiburg und Leverkusen denkt.

Können die fünf Minuspunkte in der Hinrunde noch ausgeglichen werden? Nicht mehr ganz, aber einiges ist doch im Bereich des Möglichen:

Im anstehenden Kästchen mit Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz könnten durchaus sieben Punkte (also zwei Siege und ein Unentschieden) denkbar sein und wenn dann noch ein Überraschungssieg gegen Dortmund, am letzten Spieltag der Hinrunde, gelänge, wäre man fast im Soll.

Sehr viel Konjunktiv! Klar ist: Wenn der Abstiegskampf, der ja objektiv schon längst eingeläutet ist, noch vermieden werden soll, darf gegen Augsburg, Stuttgart und Bielefeld nicht verloren werden.

Ansonsten dürfte es auch für Pal Dardai recht eng werden. Vorteil? Wenn er wieder eine Jugendmannschaft von Hertha BSC betreute, hätte sich das Kästchenrechnen sowieso erledigt. Die Jungherthaner gewinnen schließlich fast jedes Spiel…

Hätten Sie`s gewusst?

Die Hertha-Niederlage in Hoffenheim, die wieder alles Schlechte der Hertha-Mannschaft der letzten Jahre offenbarte (kein Aufbäumen nach einem Rückstand, kein Erspielen von Chancen, kein systematischer Aufbau, unendlich viele Fehlpässe…) muss erst mal verdaut, um anschließend analysiert zu werden. Deshalb ein paar statistische Schmankerln aus dem unendlich großen Umfeld der Nationalmannschaft. Wer die Fragen richtig beantworten kann, darf sich Experte nennen und bekommt trotzdem nicht die Ehrenmitgliedschaft im Fanclub der „Mannschaft“.

Wer ist eigentlich der erfolgreichste Bundestrainer, wenn man sich den Punkteschnitt pro Spiel anschaut? Natürlich fallen einem die großen Weltmeistertrainer Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer (der ja Teamchef und kein Trainer war) und Jogi Löw ein, wobei sich die Voraussetzungen der Trainer selbstverständlich im Laufe der Jahrzehnte völlig geändert haben. Zu Herbergers Zeiten war Deutschland das einzige Land, in dem es keine Erste Liga gab, sondern eine Ansammlung von fünf Oberligen mit ca. 75 Vereinen. Dass das Niveau vor der Bundesligaeinführung 1963 darunter litt, ist offensichtlich. Die großen Turniererfolge (1954 Weltmeister, 1958 Vierter) waren also eher auf die deutschen Tugenden als auf die überragende Klasse der Spieler zurückzuführen, wenn auch ein Fritz Walter, ein Helmut Rahn oder ein Toni Turek durchaus zur Weltklasse gerechnet werden konnten. Der Schnitt Herbergers von 1,86 Punkten pro Spiel, der nur noch von Erich Ribbeck (1,50) und Rudi Völler (1,85) sowie Franz Beckenbauer (1,85) unterboten wird, ist also bei seinen miserablen Umständen aller Ehren wert.

Otto Nerz` 1,91 Punkte lassen wir mal außen vor, aber Jürgen Klinsmann (2,00), Joachim Löw (2,08) und Helmut Schön folgen mit guten Ergebnissen. Die Sieger der zehn bisherigen Bundes (oder Reichs-) trainer in den letzten 95Jahren (!!!) sind aber die vielfach geschmähten und dabei weit unterschätzten Jupp Derwall (2,15) und Berti Vogts mit 2,18 Punkten. Chapeau, Berti!

Mit weitem Abstand bei der Zahl der Spiele führt natürlich Jogi Löw, der 198 Spiele betreute, weil heute mindestens doppelt so viele Spiele pro Jahr ausgetragen werden als zu Herbergers Zeiten (der sonst statt bei 162 Spielen sicher bei über 300 verantwortlich gewesen wäre – in den 29 Jahren seiner Regentschaft).

Eine andere interessante Frage ist die der Bilanz der Nationalmannschaft gegen die Konkurrenten. Gegen wie viele der „großen“ Fußballnationen hat Deutschland eine positive Länderspielbilanz? Zu den „Großen“ zählen wir mal Brasilien und Argentinien aus Südamerika und England, Italien, Spanien, Frankreich und die Niederlande aus Europa. Und siehe da: Gegen fast alle Gegner ist die Länderspielbilanz negativ. Im Einzelnen (in der Reihenfolge Sieg – Unentschieden – Niederlage) ergibt sich:

Brasilien 5 – 5 – 13

Argentinien 7 – 6 – 10

England 13 – 7 – 17

Frankreich 9 – 8 – 15

Italien 8 – 12 – 15

Nur gegen die etwas später in die Weltspitze aufgerückten Holländer und die Spanier kann Deutschland knapp positive Bilanzen aufweisen:

Niederlande 16 – 16 – 12

Spanien 9 – 8 – 8

Nun gut, genug der Zahlenspielerei. Immerhin gibt es Schlimmeres, wie z.B. die vernichtenden Bilanzen gegen Länder, gegen die die Nationalmannschaft noch nie einen Punkt holen konnte, wie Ägypten (kann sich noch ändern) oder die DDR (kann sich nicht mehr ändern). Dem stehen aber andererseits makellose Bilanzen u.a. gegen Oman und das Saarland zu Buche.

Im Leben gleicht sich eben alles irgendwann wieder aus…

Was stimmt im Hertha-Spiel noch nicht?

Die rührige Fußball-Woche aus Berlin veröffentlicht seit einiger Zeit die Spieldaten, vorzugsweise von den Spielen der Berliner Erstligisten. Vor der Begegnung gegen Eintracht Frankfurt hatte Hertha in den ersten sieben Saisonspielen eine durchschnittliche Passquote von 75 %, was wohl bedeutet, dass jeder vierte Ball nicht den Mitspieler erreicht wie geplant. Und wenn man den Hertha-Spielaufbau, falls man ihn denn als Aufbau bezeichnen will, kennt, weiß man, dass der Ball, bevor er vertikal die gegnerische Hälfte erreicht, mindestens fünf mal von Innenverteidiger zu Innenverteidiger und manchmal auch von diesen zum Torwart gespielt wird. Seit mit drei statt mit zwei Innenverteidigern gespielt wird, hat diese Spielweise geradezu inflationär zugenommen, weil ja jeder mal den Ball haben möchte. Der beschriebene Vorgang dauert gefühlte drei Minuten und umfasst mindestens ein Drittel der 75 % angekommenen Pässe, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, dass bei halbwegs konstruktivem Spiel nur jeder zweite Ball seinen Adressaten erreicht.

Eine Leistung, die Fußballprofis unwürdig ist und mit der man in der Bundesliga nur bestehen kann, wenn es noch ein paar schlechtere Mannschaften gibt. Neben der miserablen Passquote fällt auf, dass die blauweiße Hertha in fünf von sieben Spielen weniger gelaufen ist als der Gegner, und zwar im Durchschnitt aller sieben Spiele jeweils 1,7 km weniger. Dass es dann schwierig wird, Spiele zu gewinnen, ist offensichtlich, wo doch das Pressing, einst von Trainern wie Lobanowski und Happel „erfunden“ seit vierzig Jahren der Schlüssel zum Sieg sein kann, und wer „presst“ muss eben viel laufen.

Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt, dessen 1. Hälfte aus Hertha-Sicht laut Trainer Pal Dardai „perfekt“ war, einer Aussage, der man angesichts von sechs herausgespielten (!) Großchancen nur zustimmen kann, liefen die Herthaner 2,5 km mehr als die Frankfurter. Das sah man von der ersten Minute an, der Sieg war folgerichtig und hochverdient. Was an der Statistik allerdings irritiert, ist die mit 71 % unterirdische Passquote, aber vielleicht ist das ja ein Druckfehler, weil seit langer Zeit nicht mehr ein so konstruktives Aufbauspiel der Hertha zu sehen war. Aber Zahlen lügen vielleicht doch und sind nicht alles im Fußball. Glück und ein aufmerksamer Kölner Keller gehören auch dazu…

P.S.: Fredi Bobic hat mit Cordoba (7), Cunha (7) und Lukebakio (5) neunzehn der 41 Tore der vorigen Saison verkauft, nur Piatek (7) bleibt im Lande. Wenn er damit erfolgreich ist, kann man Bobic den größten Zocker aller Zeiten nennen, oder auch einfach nur einen hervorragenden Fußballkenner. Wenn nicht, muss er schon mal nach Erklärungen suchen…

P.P.S.: Unions Laufleistung ist in JEDEM Spiel drei bis fünf Kilometer besser als die des Gegners. Zahlen scheinen doch was auszusagen…

Die Nationalmannschaft und der Katar-Boykott

Die Nationalmannschaft ist auf einem interessanten Weg, zumindest was die Spiele gegen Liechtenstein angeht. Ob dieser Weg kein leichter sein wird, wird man spätestens nach dem Rückspiel gegen die Superverteidiger aus dem Fürstentum wissen.

Die bisherigen Spiele gegen Liechtenstein folgen einer eigenartigen Serie: Jedes Mal werden weniger Tore geschossen.

Am 4. 6. 1996 hieß es 9:1 (dass es sich jeweils um Siege für die deutsche Mannschaft handelt müssen wir nicht extra erwähnen). Am 7. 6. 2000 in Freiburg nur noch 8:2, wobei die Frage erlaubt sein darf, warum die Liechtensteiner zwei Tore schossen. (Ein gewisser Jens Lehmann stand im Tor, später Elfmetermeister Jörg Butt. Zwei der acht Tore schoss Carsten Jancker, falls den noch jemand kennt)).

Acht Jahre später erzielten deutsche Spieler nur noch sechs Tore (6:0), um sich im Rückspiel 2009 in Leipzig mit einem 4:0 zu begnügen. Die logische Folge war das jetzige 2:0, was allerdings trotzdem, so dürftig die Leistung, die alles Gerede über Aufbruch, Mentalität und neue Spielidee ad absurdum führte, auch war, drei bitter benötigte Punkte einbrachte.

Wenn wir die mathematische Reihe, die bei Einstellungstest für Schüler mit Mittlerer Reife gerne verwendet wird, fortführen, erwartet uns im Rückspiel der WM-Qualifikation ein gepflegtes 0:0. Natürlich ist Fußball nicht Mathematik, wird der geneigte Kenner der Materie einwerfen, aber der Abschwung der „Mannschaft“ ist nicht zu übersehen.

Es sei denn, die Spieler haben sich in einer Geheimsitzung als gelernte Menschenrechtler doch darauf verständigt, die FIFA-WM 2022 in Katar zu boykottieren und die Zeit lieber mit der Familie unterm Weihnachtsbaum zu verbringen, einschließlich, wenn es der Klimawandel denn ausnahmsweise zulässt, einer Schneeballschlacht, anstatt bei 45 Grad Celsius in den Wüstenstadien einem Kreislaufkollaps entgegenzutaumeln.

Sollen Holländer (wenn sie sich ausnahmsweise qualifizieren), Engländer (wenn das Elfmeterschießen bis dahin abgeschafft wurde), Italiener, Franzosen, Spanier ( heißer Tipp, weil ihnen Lothar Matthäus nichts mehr zutraut) und die Belgier doch um den Goldpokal streiten. Vielleicht sind ja ein paar afrikanische Länder wegen des Klimas auch mal nach dem Viertelfinale noch mit dabei.

Na und. Wir feiern (eventuell) coronafreie Weihnachten und sind außerdem noch die besseren Menschen, wenn wir die WM links liegen lassen.

Die Mannschaft scheint auf einem guten Weg, ob der Trainer nun Löw oder Flick heißt, spielen müssen die Spieler selber, und wenn sie nicht wollen, dann wollen sie eben nicht. Aber dass die Boykottplanungen in aller Stille und streng geheim laufen, ist eigentlich der Ehre zuviel. Tut Gutes und redet darüber.

Und nach der 2022-er WM schlagen wir dann Liechtenstein auch mal wieder zweistellig…

Bei Hertha alles wie immer?

In der vorigen Saison startete Hertha mit einem furiosen Auswärtssieg in die neue Saison! Was dann am Ende herauskam ist hinlänglich bekannt. In diesem Jahr beginnt Hertha zur Abwechslung mit einer Niederlage in Köln, wo man eigentlich selten verlor. Was will uns das für den Saisonverlauf sagen? Steigt Hertha diesmal ab?

Langsam, langsam!

Der Auswärtssieg im vorigen Jahr wurde gegen eine Bremer Mannschaft erzielt, die auch viele der folgenden Heimspiele verlor und am Ende sogar abstieg, was man zu der Zeit aber noch nicht wissen konnte. Anschließend verlor Hertha vier Spiele hintereinander, wobei die Auswärtsniederlagen in München und Leipzig sehr unglücklich waren. Allerdings kam die Mannschaft nie richtig in den Rhythmus und hat nur einmal, am Ende der Saison, zwei Spiele hintereinander gewonnen, gegen Freiburg und auf Schalke (zwei Pfostenschüsse der Schalker hintereinander in Minute 92!!!), womit der Nichtabstieg fast perfekt war.

Den richtigen Rhythmus zu finden wird eine wichtige Aufgabe der Mannschaft und des Trainerstabs werden. Der Umbruch innerhalb der Mannschaft erscheint nicht ganz so groß wie im vorigen Jahr, wo ja die berühmte Achse (z.T. aus eigener Schuld: Ibisevic) wegbrach. In Köln standen mit Boateng, Serdar und Jovetic nur drei Neue in der Startelf, das dürfte so ungefähr Bundesligaschnitt und demnach zu verkraften sein. Zumindest sollte dies bei dauerhaftem Aufenthalt in der unteren Tabellenhälfte keine Rechtfertigung für schwache Leistungen sein.

Sooo schwach war die Leistung in Köln ja auch nicht, wenn man sie über 90 Minuten sieht: Nach guten 20 Minuten und der folgerichtigen 1:0-Führung überließ man dem Gegner, wie eigentlich fast immer, das Spiel. Wenn man das mit Kontermöglichkeiten ausnutzen kann, sicher eine kluge Taktik. Aber von Hertha kommen die Konter nicht oder nur äußerst selten. Hertha kann einen Handelfmeter bekommen, das 1:1 kann man als Foul werten, auch wenn Pal Dardai gute Miene zum schlechten Schiedsrichterspiel macht. Das 2:1 für Köln resultiert aus einem abgefälschten Ball, Lukebakio verschenkt mit einem Kopfball aus vier Metern freistehend den 2:3-Anschlusstreffer und kurz danach steht Ascacibar knapp im Abseits. Chancenlos war Hertha also keineswegs und wird es auch gegen Wolfsburg nicht sein, über das dritte Spiel bei den Bayern wollen wir nicht reden.

Die Mannschaft ist, wie im Vorjahr, eigentlich stark genug besetzt. Problemzone war gegen Köln die Abwehr. Da muss Sicherheit rein, was mit Boyata gelingen müsste. Im Mittelfeld könnte Boateng durchaus der lange gesuchte Verteiler werden, wenngleich er Unterstützung von Darida, Cunha oder Richter bekommen müsste.

Wenn Ruhe bewahrt wird, kann ein Platz in der oberen Tabellenhälfte (von mehr wollen wir nicht reden) problemlos erreicht werden. Dazu brauchte man in der letzten Saison 45 Punkte, also 1,32 Punkte pro Spiel oder anders ausgedrückt, aus jedem der dardaischen Viererpäckchen, in die er die Saison einteilt, 5,3 Punkte. Auf deutsch: Mal ein Sieg, zwei Unentschieden und eine Niederlage, danach zwei Siege, zwei Niederlagen würde schon reichen, um deutlich besser als in der verkorksten letzten Saison abzuschneiden.

Für das erste Viererpäckchen heißt das: Siege gegen Wolfsburg und Bochum, Niederlage in München, danach: Sieg gegen Fürth, Niederlage gegen Leipzig und Unentschieden gegen Freiburg und Frankfurt.

Das müsste doch zu machen sein!

Nationalmannschaft – wieder erfolglos?

Deutschland ist im Achtelfinale der Europameisterschaft ausgeschieden! Eine nationale Tragödie? Sind das alles Deppen? Ist der Trainer ein ahnungsloser Scharlatan?

Bleiben wir mal auf dem Teppich und analysieren in Ruhe, was passiert ist: Die deutsche Mannschaft hat die sogenannte Todesgruppe als Tabellenzweiter überstanden. Das war zwar knapp, aber immerhin mehr, als ihr viele der 80 Millionen Bundestrainer zugetraut hatten. Im Achtelfinale ist man gegen einen Mitfavoriten auswärts ausgeschieden, das kann doch passieren. Wo steht eigentlich geschrieben, dass Deutschland IMMER mindestens ins Halbfinale eines internationalen Wettbewerbs kommen muss? In meiner gar nicht mal so kurzen Anwesenheit auf diesem Fußballplaneten Erde habe ich Deutschland 19 mal das Halbfinale einer Welt- oder Europameisterschaft erreichen sehen, 13 mal wurde das Finale erreicht (zwei Drittel der Halbfinals wurden also gewonnen) und sechs mal das Finale gewonnen: Je drei Welt- und Europameisterschaften (1954 war es aus bestimmten anatomischen Gründen schwierig für mich am Wunder von Bern zu partizipieren). Es gibt auch ein paar andere Länder, in denen man Fußballspielen kann und wenn man gegen solche Gegner verliert, ist man nicht automatisch Versager oder die EM ist verkorkst, wie gerne jetzt schon wieder von Möchtegern-Besserwissern behauptet wird. Selbstverständlich hätte es gern ein Achtel mehr sein dürfen. Aber Deutschland steht momentan eben nicht zu Unrecht auf Platz 12 der FIFA-Weltrangliste (so umstritten diese auch sein mag).

In der Bundesliga-Torjägerliste liegen sechs ausländische Spieler vor dem besten deutschen Torschützen: Lars Stindl mit 14 Toren auf Platz 7. Danach kommen Max Kruse und Thomas Müller mit je 11 Treffern. Vielleicht erklärt das den nicht mehr treffsicheren Angriff: Die Zeiten von deutschen Weltklasse-Mittelstürmern wie Seeler, Müller, Völler, Klinsmann und Klose sind vorerst vorbei und ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Die Abwehr war zwar im Vergleich zu 2018 stabilisiert, aber nach wie vor konteranfällig. Ob sich das mit Hansi Flick als Trainer ändern wird, der mit den Bayern extrem hoch stand und deshalb dutzende Male, auch von Zweitligisten (Kiel als das deutsche Mazedonien) ausgekontert wurde, erscheint fraglich. Immerhin gibt es im Mittelfeld eine Fülle von jungen, hervorragenden Spielern, so dass man für die Zukunft nicht schwarz sehen muss.

Pal Dardai sagt, dass im Fußball zu 30 % das Glück entscheidet. Wenn vor Thomas Müllers Fehlschuss kurz vor dem Ende vielleicht drei Grashalme anders gelegen hätten…

So what? Die deutsche Nationalmannschaft ist mit Weltmeister Frankreich, Vizeweltmeister Kroatien, Noch-Europameister Portugal und Möchtegernmeister Holland jedenfalls in guter Gesellschaft. Grund zum Heulen bitterer Tränen besteht nicht.

Die Kaderplanung Herthas ist fast abgeschlossen…

Der erste Neuzugang der Saison bei Hertha ist gleich ein Hochkaräter: Davie Selke verstärkt endlich (wieder) den Angriff der Blauweißen. Ob mit der Bekanntgabe dieser Tatsache große virtuelle Begeisterungsstürme auf der morgen stattfindenden Mitgliederversammlung bei Hertha ausgelöst werden können, erscheint zweifelhaft. Statt einer festgeschriebenen Ablösesumme in zweistelliger Millionenhöhe (die das ganze Trauerspiel Werder Bremens wie mit grellem Scheinwerfer angestrahlt verdeutlicht) erhält man jetzt ungewollt die Manpower zurück, die sich voraussichtlich aber hinter Cordoba und Piatek erst mal in der dritten Reihe anstellen muss.

Dabei ist die Karriere des mittlerweile 25jährigen gar nicht so erfolglos gewesen: Mit 193 Spielen in der 1. (Werder Bremen, Hertha BSC und wieder Werder) und 2. Bundesliga (RB Leipzig) und 40 Toren, U19 Europameister 2014 (bester Torschütze und bester Spieler), U 21 Europameister 2017, Silbermedaillengewinner 2016 in Rio hat er Meriten erworben, die nicht jeder vorweisen kann.

Aber die drei Tore, die Selke in den letzten eineinhalb Jahren als Leihspieler bei Bremen erzielte, lassen nicht erwarten, dass eine Leistungsexplosion kurzfristig bevorsteht. Auch wenn Demnächst-Ex-Bundestrainer Löw und Noch-Experte Lothar Matthäus einen potenziellen Nationalspieler in Selke sahen (Löw: „12 Saisontore-Spieler“), hat er, der seit seiner Lungenverletzung in der Saisonvorbereitung 2018/19 nie mehr zu guter Form fand, noch kein A-Länderspiel gemacht. Laut wikipedia wäre er deshalb auch für die Mannschaft Tschechiens spielberechtigt, aber Spieler, die keine Tore schießen, hat Tschechien wahrscheinlich selber genug. Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, Selke an den Nachbarn Union weiterzuschieben. Die Unioner verstehen sich ja recht gut darauf, mittelmäßige Spieler besser zu machen und ins Profil der Köpenicker, die einen guten Kopfballspieler dringend gebrauchen können, passt Selke hervorragend hinein. Aber eventuell kann Pal Dardai, wenn er denn Trainer bei Hertha bleiben sollte, auch wieder das Potenzial aus Selke herauskitzeln, wie es ihm schon vor Jahren gelungen ist.

Wer fehlt noch im Kader? Neben Klünter, Pekarik und Zeefuik ein flankenfähiger Rechtsverteidiger, genau wie auf der anderen Seite neben Mittelstädt und Plattenhardt einer für die linke Seite. In der Innenverteidigung, dem defensiven Mittelfeld und der Sturmspitze besteht eher ein Überangebot.

Aber eine Position, die bei Hertha seit Marcelinhos Zeiten nur unzureichend besetzt ist, nämlich die des „Spielgestalters“, die auch Cunha nur unzureichend ausfüllt, sollte dringend mit Leben erfüllt werden. Wenn dies jemand wäre, der auch die Hierarchielücke, die Sami Khedira jetzt wieder hinterlässt, schließen könnte, wären zwei Fliegen auf einen Streich erledigt. Ein Kevin-Prince Boateng wollte ja mal am Ende seiner Karriere zu Hertha zurück, aber sein Ego scheint nicht bezähmbar. Und einen Toni Kroos wird man sich trotz aller Windhorst-Millionen nicht leisten (wollen).

Also bleibt nur das Hoffen in Fredi Bobics seherische Fähigkeiten und sein gutes Netzwerk, mit dem er einen perfekt passenden Spieler aus dem Transferpool fischt.

Es fehlt neben ein bisschen Glück (laut Pal Dardai macht das immerhin 30 Prozent beim Fußball aus!) nicht viel, um Hertha in der nächsten Saison ziemlich weit oben mitspielen zu lassen.

Nach der Saison ist vor der Saison

Die Vorfreude auf die Saison 2021/22 will sich trotz der zu erhoffenden Möglichkeit, Heimniederlagen wieder live im Stadion bei Regen, Kälte und Dunkelheit erleben zu dürfen, nicht recht einstellen. Gut – der normale Herthaner konnte das Spiel in Hoffenheim entspannt auf dem heimischen Fernsehsessel genießen, und so schlecht war es ja gar nicht, was in der zweiten Halbzeit geboten wurde, wenn man vom Niederlagen-Tor in der Nachspielzeit mal absieht. Aber vor zwei Wochen hätte man strahlend vor Dankbarkeit unterschrieben, wenn einem angeboten worden wäre, dass es für Hertha am letzten Spieltag um nichts mehr ginge. Kein Zittern, kein Hoffen, kein Horror wie in Bremen, Bielefeld und Köln. Das gönnt man keinem, nicht mal Schalke, aber die mussten schon lange nicht mehr zittern.

Hertha beendet die Saison zum 5. Mal in der Bundesliga-Geschichte der Blauweißen als 14. Nie Meister, dreimal Letzter, einmal Vizemeister und sehr viel dazwischen. Im Durchschnitt ihrer 38 Spielzeiten im Oberhaus (von 58 möglichen) war Hertha 10. (genau 9,61.). Das ist sonderbarer Weise besser als der 12. Platz der ewigen Tabelle, den Hertha mit 1709 Punkten innehat, unverrückbar festgemauert zwischen oben (Kaiserslautern mit 385 Punkten Vorsprung) und unten (Bochum 335 Punkte dahinter). Na ja, vielleicht geht ja was in zehn Jahren…

Insofern war es nicht nur statistisch eine unterdurchschnittliche Saison mit einem, wie allseits behauptet wird, überdurchschnittlichen Kader. Es wäre zu hoffen, dass in der neuen Saison mindestens ein einstelliger Tabellenplatz erzielt wird, um überdurchschnittliches abzuliefern.

Was müsste man Fredi Bobic mit auf den Weg geben, wenn er nicht sowieso bestens informiert wäre?

Den Kader nicht wieder runderneuern, sondern behutsam, an zwei, drei Stellen ergänzen. Arne Maier zurückholen, er hat jetzt genug Spielpraxis in der Fremde gesammelt. Und wenn Guendouzi zu seinem Stammverein zurückkehrt wäre ja in jedem Fall ein Platz frei. Ansonsten ist die Mannschaft gut genug besetzt, um in der oberen Tabellenhälfte mitzuspielen. Ob mehr möglich ist, steht in den Sternen. Hauptsache man schmeißt nicht mit dem vielen Geld, das auf dem Festgeldkonto liegt, um sich. Wenn ein paar Euro für`s neue Stadion, das ja wohl demnächst eröffnet werden soll, übrigbleiben, kann es auch nicht schaden. Ach nee, das war ja Freiburg, die ein neues Stadion gebaut haben…

Geld schießt (keine) Tore!

Ja, was denn nun? Natürlich schießt Geld Tore, und zwar 40 in einer Saison. Außer den Bayern könnte sich kein anderer deutscher Verein den derzeit besten Fußballer der Welt leisten. Aber dass man mit seinem Geld auch das Richtige anfangen müsste und das Falsche machen kann, haben schon viele Vereine bewiesen, wie der HSV, dem noch ein viertes Jahr Bedenkzeit in der Liga 2 gegönnt wurde, oder der von Gazprom mit hunderten von Millionen verwöhnte FC Schalke 04. Gazprom? Ist nicht ein gewisser selbsternannter Premium-Fan von Borussia Dortmund namens Gerhard Schröder ein hohes Tier bei der mit Gazprom eng verbandelten Schwesterfirma North-Stream? Und warum schüttet er den Erzfeind Schalke mit Petromillionen so zu, dass sie kaum noch die mittlerweile saubere Ruhrgebietsluft atmen können? Wir beginnen zu verstehen: Weil NUR Geld eben nicht reicht, man muss auch was von der Sache verstehen. Und ein bisschen Glück und Fingerspitzengefühl gehört ebenfalls dazu.

Was man auch von Dieter Hoeneß nicht behaupten konnte, als er 2003 den jubelnden Herthanern auf der Mitgliederversammlung stolz verkündete, dass er gerade 28 Tore eingekauft habe, indem er Fredi Bobic und Artur Wichniarek für Geld, das er gar nicht hatte, verpflichtete. Dass diese dann in zusammen sechs Spielzeiten nur noch 12 mal einnetzten, d.h. ZWEI Tore pro Saison (Bobic in 54 Spielen 8 Tore und Wichniarek in 63 Begegnungen ganze 4 Tore), wohlgemerkt als Stürmer und nicht als Torwart, zeigt wieder, dass die Geldbündel allein nichts garantieren.

Schwamm drüber. Aber die 50 Millionen Schulden, die Hoeness seinem Nachfolger Preetz vererbte, beeinflussten die folgenden zehn Jahre, was Transfermöglichkeiten anging, negativ. Erst mit den Windhorst-Millionen änderte sich das, aber wer einmal am Hungertuche nagt, kann mit plötzlichem Reichtum oft nichts anfangen. In unguter Erinnerung ist das Schicksal des Lotto-Hauptgewinners (damals 500.000 DM), der das Schild „Wegen Reichtum geschlossen“ an seinen kleinen Laden anpinnte. Nach einem Jahr waren die Hunderttausende und auch der Laden weg…

Das ehemalige Aufsichtsratsmitglied von Hertha, Jens Lehmann, sagte neulich in einer Fußball-Talkrunde, dass sein Arsenal-Trainer Arsenne Wenger dazu neigte, Geld auch mal nicht auszugeben. Wenn ein potenzieller neuer , teurer Spieler nicht wesentlich besser sei als ein vorhandener, warum diesen Transfer tätigen? Auf Hertha bezogen: Ein fitter, verletzungsfreier Arne Maier ist kein Deut schlechter als ein guter, aber eben auch nicht weiterhelfender Tousart, der 25 Millionen kostete!

Hertha hat die falsche Kurve, die der plötzliche Geldsegen bescherte, dank Pal Dardai gerade noch so gemeistert, im Gegensatz zu den ehemals mit Geld um sich werfenden Schalkern, die sich jetzt immerhin, trotz 200 Millionen Euro Schulden, einen Simon Terodde vom HSV leisten können. Respekt! Oder wird Schalke in die dritte Liga durchgereicht, wie vorher Kaiserslautern, Braunschweig, Duisburg, 1860 und andere vorgemacht hatten? Man könnte ja mal Gerhard Schröder fragen, wer der nächste Sponsor von Schalke 04 wird…