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Die Nationalmannschaft und der Katar-Boykott

Die Nationalmannschaft ist auf einem interessanten Weg, zumindest was die Spiele gegen Liechtenstein angeht. Ob dieser Weg kein leichter sein wird, wird man spätestens nach dem Rückspiel gegen die Superverteidiger aus dem Fürstentum wissen.

Die bisherigen Spiele gegen Liechtenstein folgen einer eigenartigen Serie: Jedes Mal werden weniger Tore geschossen.

Am 4. 6. 1996 hieß es 9:1 (dass es sich jeweils um Siege für die deutsche Mannschaft handelt müssen wir nicht extra erwähnen). Am 7. 6. 2000 in Freiburg nur noch 8:2, wobei die Frage erlaubt sein darf, warum die Liechtensteiner zwei Tore schossen. (Ein gewisser Jens Lehmann stand im Tor, später Elfmetermeister Jörg Butt. Zwei der acht Tore schoss Carsten Jancker, falls den noch jemand kennt)).

Acht Jahre später erzielten deutsche Spieler nur noch sechs Tore (6:0), um sich im Rückspiel 2009 in Leipzig mit einem 4:0 zu begnügen. Die logische Folge war das jetzige 2:0, was allerdings trotzdem, so dürftig die Leistung, die alles Gerede über Aufbruch, Mentalität und neue Spielidee ad absurdum führte, auch war, drei bitter benötigte Punkte einbrachte.

Wenn wir die mathematische Reihe, die bei Einstellungstest für Schüler mit Mittlerer Reife gerne verwendet wird, fortführen, erwartet uns im Rückspiel der WM-Qualifikation ein gepflegtes 0:0. Natürlich ist Fußball nicht Mathematik, wird der geneigte Kenner der Materie einwerfen, aber der Abschwung der „Mannschaft“ ist nicht zu übersehen.

Es sei denn, die Spieler haben sich in einer Geheimsitzung als gelernte Menschenrechtler doch darauf verständigt, die FIFA-WM 2022 in Katar zu boykottieren und die Zeit lieber mit der Familie unterm Weihnachtsbaum zu verbringen, einschließlich, wenn es der Klimawandel denn ausnahmsweise zulässt, einer Schneeballschlacht, anstatt bei 45 Grad Celsius in den Wüstenstadien einem Kreislaufkollaps entgegenzutaumeln.

Sollen Holländer (wenn sie sich ausnahmsweise qualifizieren), Engländer (wenn das Elfmeterschießen bis dahin abgeschafft wurde), Italiener, Franzosen, Spanier ( heißer Tipp, weil ihnen Lothar Matthäus nichts mehr zutraut) und die Belgier doch um den Goldpokal streiten. Vielleicht sind ja ein paar afrikanische Länder wegen des Klimas auch mal nach dem Viertelfinale noch mit dabei.

Na und. Wir feiern (eventuell) coronafreie Weihnachten und sind außerdem noch die besseren Menschen, wenn wir die WM links liegen lassen.

Die Mannschaft scheint auf einem guten Weg, ob der Trainer nun Löw oder Flick heißt, spielen müssen die Spieler selber, und wenn sie nicht wollen, dann wollen sie eben nicht. Aber dass die Boykottplanungen in aller Stille und streng geheim laufen, ist eigentlich der Ehre zuviel. Tut Gutes und redet darüber.

Und nach der 2022-er WM schlagen wir dann Liechtenstein auch mal wieder zweistellig…

Bei Hertha alles wie immer?

In der vorigen Saison startete Hertha mit einem furiosen Auswärtssieg in die neue Saison! Was dann am Ende herauskam ist hinlänglich bekannt. In diesem Jahr beginnt Hertha zur Abwechslung mit einer Niederlage in Köln, wo man eigentlich selten verlor. Was will uns das für den Saisonverlauf sagen? Steigt Hertha diesmal ab?

Langsam, langsam!

Der Auswärtssieg im vorigen Jahr wurde gegen eine Bremer Mannschaft erzielt, die auch viele der folgenden Heimspiele verlor und am Ende sogar abstieg, was man zu der Zeit aber noch nicht wissen konnte. Anschließend verlor Hertha vier Spiele hintereinander, wobei die Auswärtsniederlagen in München und Leipzig sehr unglücklich waren. Allerdings kam die Mannschaft nie richtig in den Rhythmus und hat nur einmal, am Ende der Saison, zwei Spiele hintereinander gewonnen, gegen Freiburg und auf Schalke (zwei Pfostenschüsse der Schalker hintereinander in Minute 92!!!), womit der Nichtabstieg fast perfekt war.

Den richtigen Rhythmus zu finden wird eine wichtige Aufgabe der Mannschaft und des Trainerstabs werden. Der Umbruch innerhalb der Mannschaft erscheint nicht ganz so groß wie im vorigen Jahr, wo ja die berühmte Achse (z.T. aus eigener Schuld: Ibisevic) wegbrach. In Köln standen mit Boateng, Serdar und Jovetic nur drei Neue in der Startelf, das dürfte so ungefähr Bundesligaschnitt und demnach zu verkraften sein. Zumindest sollte dies bei dauerhaftem Aufenthalt in der unteren Tabellenhälfte keine Rechtfertigung für schwache Leistungen sein.

Sooo schwach war die Leistung in Köln ja auch nicht, wenn man sie über 90 Minuten sieht: Nach guten 20 Minuten und der folgerichtigen 1:0-Führung überließ man dem Gegner, wie eigentlich fast immer, das Spiel. Wenn man das mit Kontermöglichkeiten ausnutzen kann, sicher eine kluge Taktik. Aber von Hertha kommen die Konter nicht oder nur äußerst selten. Hertha kann einen Handelfmeter bekommen, das 1:1 kann man als Foul werten, auch wenn Pal Dardai gute Miene zum schlechten Schiedsrichterspiel macht. Das 2:1 für Köln resultiert aus einem abgefälschten Ball, Lukebakio verschenkt mit einem Kopfball aus vier Metern freistehend den 2:3-Anschlusstreffer und kurz danach steht Ascacibar knapp im Abseits. Chancenlos war Hertha also keineswegs und wird es auch gegen Wolfsburg nicht sein, über das dritte Spiel bei den Bayern wollen wir nicht reden.

Die Mannschaft ist, wie im Vorjahr, eigentlich stark genug besetzt. Problemzone war gegen Köln die Abwehr. Da muss Sicherheit rein, was mit Boyata gelingen müsste. Im Mittelfeld könnte Boateng durchaus der lange gesuchte Verteiler werden, wenngleich er Unterstützung von Darida, Cunha oder Richter bekommen müsste.

Wenn Ruhe bewahrt wird, kann ein Platz in der oberen Tabellenhälfte (von mehr wollen wir nicht reden) problemlos erreicht werden. Dazu brauchte man in der letzten Saison 45 Punkte, also 1,32 Punkte pro Spiel oder anders ausgedrückt, aus jedem der dardaischen Viererpäckchen, in die er die Saison einteilt, 5,3 Punkte. Auf deutsch: Mal ein Sieg, zwei Unentschieden und eine Niederlage, danach zwei Siege, zwei Niederlagen würde schon reichen, um deutlich besser als in der verkorksten letzten Saison abzuschneiden.

Für das erste Viererpäckchen heißt das: Siege gegen Wolfsburg und Bochum, Niederlage in München, danach: Sieg gegen Fürth, Niederlage gegen Leipzig und Unentschieden gegen Freiburg und Frankfurt.

Das müsste doch zu machen sein!

Nationalmannschaft – wieder erfolglos?

Deutschland ist im Achtelfinale der Europameisterschaft ausgeschieden! Eine nationale Tragödie? Sind das alles Deppen? Ist der Trainer ein ahnungsloser Scharlatan?

Bleiben wir mal auf dem Teppich und analysieren in Ruhe, was passiert ist: Die deutsche Mannschaft hat die sogenannte Todesgruppe als Tabellenzweiter überstanden. Das war zwar knapp, aber immerhin mehr, als ihr viele der 80 Millionen Bundestrainer zugetraut hatten. Im Achtelfinale ist man gegen einen Mitfavoriten auswärts ausgeschieden, das kann doch passieren. Wo steht eigentlich geschrieben, dass Deutschland IMMER mindestens ins Halbfinale eines internationalen Wettbewerbs kommen muss? In meiner gar nicht mal so kurzen Anwesenheit auf diesem Fußballplaneten Erde habe ich Deutschland 19 mal das Halbfinale einer Welt- oder Europameisterschaft erreichen sehen, 13 mal wurde das Finale erreicht (zwei Drittel der Halbfinals wurden also gewonnen) und sechs mal das Finale gewonnen: Je drei Welt- und Europameisterschaften (1954 war es aus bestimmten anatomischen Gründen schwierig für mich am Wunder von Bern zu partizipieren). Es gibt auch ein paar andere Länder, in denen man Fußballspielen kann und wenn man gegen solche Gegner verliert, ist man nicht automatisch Versager oder die EM ist verkorkst, wie gerne jetzt schon wieder von Möchtegern-Besserwissern behauptet wird. Selbstverständlich hätte es gern ein Achtel mehr sein dürfen. Aber Deutschland steht momentan eben nicht zu Unrecht auf Platz 12 der FIFA-Weltrangliste (so umstritten diese auch sein mag).

In der Bundesliga-Torjägerliste liegen sechs ausländische Spieler vor dem besten deutschen Torschützen: Lars Stindl mit 14 Toren auf Platz 7. Danach kommen Max Kruse und Thomas Müller mit je 11 Treffern. Vielleicht erklärt das den nicht mehr treffsicheren Angriff: Die Zeiten von deutschen Weltklasse-Mittelstürmern wie Seeler, Müller, Völler, Klinsmann und Klose sind vorerst vorbei und ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Die Abwehr war zwar im Vergleich zu 2018 stabilisiert, aber nach wie vor konteranfällig. Ob sich das mit Hansi Flick als Trainer ändern wird, der mit den Bayern extrem hoch stand und deshalb dutzende Male, auch von Zweitligisten (Kiel als das deutsche Mazedonien) ausgekontert wurde, erscheint fraglich. Immerhin gibt es im Mittelfeld eine Fülle von jungen, hervorragenden Spielern, so dass man für die Zukunft nicht schwarz sehen muss.

Pal Dardai sagt, dass im Fußball zu 30 % das Glück entscheidet. Wenn vor Thomas Müllers Fehlschuss kurz vor dem Ende vielleicht drei Grashalme anders gelegen hätten…

So what? Die deutsche Nationalmannschaft ist mit Weltmeister Frankreich, Vizeweltmeister Kroatien, Noch-Europameister Portugal und Möchtegernmeister Holland jedenfalls in guter Gesellschaft. Grund zum Heulen bitterer Tränen besteht nicht.

Die Kaderplanung Herthas ist fast abgeschlossen…

Der erste Neuzugang der Saison bei Hertha ist gleich ein Hochkaräter: Davie Selke verstärkt endlich (wieder) den Angriff der Blauweißen. Ob mit der Bekanntgabe dieser Tatsache große virtuelle Begeisterungsstürme auf der morgen stattfindenden Mitgliederversammlung bei Hertha ausgelöst werden können, erscheint zweifelhaft. Statt einer festgeschriebenen Ablösesumme in zweistelliger Millionenhöhe (die das ganze Trauerspiel Werder Bremens wie mit grellem Scheinwerfer angestrahlt verdeutlicht) erhält man jetzt ungewollt die Manpower zurück, die sich voraussichtlich aber hinter Cordoba und Piatek erst mal in der dritten Reihe anstellen muss.

Dabei ist die Karriere des mittlerweile 25jährigen gar nicht so erfolglos gewesen: Mit 193 Spielen in der 1. (Werder Bremen, Hertha BSC und wieder Werder) und 2. Bundesliga (RB Leipzig) und 40 Toren, U19 Europameister 2014 (bester Torschütze und bester Spieler), U 21 Europameister 2017, Silbermedaillengewinner 2016 in Rio hat er Meriten erworben, die nicht jeder vorweisen kann.

Aber die drei Tore, die Selke in den letzten eineinhalb Jahren als Leihspieler bei Bremen erzielte, lassen nicht erwarten, dass eine Leistungsexplosion kurzfristig bevorsteht. Auch wenn Demnächst-Ex-Bundestrainer Löw und Noch-Experte Lothar Matthäus einen potenziellen Nationalspieler in Selke sahen (Löw: „12 Saisontore-Spieler“), hat er, der seit seiner Lungenverletzung in der Saisonvorbereitung 2018/19 nie mehr zu guter Form fand, noch kein A-Länderspiel gemacht. Laut wikipedia wäre er deshalb auch für die Mannschaft Tschechiens spielberechtigt, aber Spieler, die keine Tore schießen, hat Tschechien wahrscheinlich selber genug. Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, Selke an den Nachbarn Union weiterzuschieben. Die Unioner verstehen sich ja recht gut darauf, mittelmäßige Spieler besser zu machen und ins Profil der Köpenicker, die einen guten Kopfballspieler dringend gebrauchen können, passt Selke hervorragend hinein. Aber eventuell kann Pal Dardai, wenn er denn Trainer bei Hertha bleiben sollte, auch wieder das Potenzial aus Selke herauskitzeln, wie es ihm schon vor Jahren gelungen ist.

Wer fehlt noch im Kader? Neben Klünter, Pekarik und Zeefuik ein flankenfähiger Rechtsverteidiger, genau wie auf der anderen Seite neben Mittelstädt und Plattenhardt einer für die linke Seite. In der Innenverteidigung, dem defensiven Mittelfeld und der Sturmspitze besteht eher ein Überangebot.

Aber eine Position, die bei Hertha seit Marcelinhos Zeiten nur unzureichend besetzt ist, nämlich die des „Spielgestalters“, die auch Cunha nur unzureichend ausfüllt, sollte dringend mit Leben erfüllt werden. Wenn dies jemand wäre, der auch die Hierarchielücke, die Sami Khedira jetzt wieder hinterlässt, schließen könnte, wären zwei Fliegen auf einen Streich erledigt. Ein Kevin-Prince Boateng wollte ja mal am Ende seiner Karriere zu Hertha zurück, aber sein Ego scheint nicht bezähmbar. Und einen Toni Kroos wird man sich trotz aller Windhorst-Millionen nicht leisten (wollen).

Also bleibt nur das Hoffen in Fredi Bobics seherische Fähigkeiten und sein gutes Netzwerk, mit dem er einen perfekt passenden Spieler aus dem Transferpool fischt.

Es fehlt neben ein bisschen Glück (laut Pal Dardai macht das immerhin 30 Prozent beim Fußball aus!) nicht viel, um Hertha in der nächsten Saison ziemlich weit oben mitspielen zu lassen.

Nach der Saison ist vor der Saison

Die Vorfreude auf die Saison 2021/22 will sich trotz der zu erhoffenden Möglichkeit, Heimniederlagen wieder live im Stadion bei Regen, Kälte und Dunkelheit erleben zu dürfen, nicht recht einstellen. Gut – der normale Herthaner konnte das Spiel in Hoffenheim entspannt auf dem heimischen Fernsehsessel genießen, und so schlecht war es ja gar nicht, was in der zweiten Halbzeit geboten wurde, wenn man vom Niederlagen-Tor in der Nachspielzeit mal absieht. Aber vor zwei Wochen hätte man strahlend vor Dankbarkeit unterschrieben, wenn einem angeboten worden wäre, dass es für Hertha am letzten Spieltag um nichts mehr ginge. Kein Zittern, kein Hoffen, kein Horror wie in Bremen, Bielefeld und Köln. Das gönnt man keinem, nicht mal Schalke, aber die mussten schon lange nicht mehr zittern.

Hertha beendet die Saison zum 5. Mal in der Bundesliga-Geschichte der Blauweißen als 14. Nie Meister, dreimal Letzter, einmal Vizemeister und sehr viel dazwischen. Im Durchschnitt ihrer 38 Spielzeiten im Oberhaus (von 58 möglichen) war Hertha 10. (genau 9,61.). Das ist sonderbarer Weise besser als der 12. Platz der ewigen Tabelle, den Hertha mit 1709 Punkten innehat, unverrückbar festgemauert zwischen oben (Kaiserslautern mit 385 Punkten Vorsprung) und unten (Bochum 335 Punkte dahinter). Na ja, vielleicht geht ja was in zehn Jahren…

Insofern war es nicht nur statistisch eine unterdurchschnittliche Saison mit einem, wie allseits behauptet wird, überdurchschnittlichen Kader. Es wäre zu hoffen, dass in der neuen Saison mindestens ein einstelliger Tabellenplatz erzielt wird, um überdurchschnittliches abzuliefern.

Was müsste man Fredi Bobic mit auf den Weg geben, wenn er nicht sowieso bestens informiert wäre?

Den Kader nicht wieder runderneuern, sondern behutsam, an zwei, drei Stellen ergänzen. Arne Maier zurückholen, er hat jetzt genug Spielpraxis in der Fremde gesammelt. Und wenn Guendouzi zu seinem Stammverein zurückkehrt wäre ja in jedem Fall ein Platz frei. Ansonsten ist die Mannschaft gut genug besetzt, um in der oberen Tabellenhälfte mitzuspielen. Ob mehr möglich ist, steht in den Sternen. Hauptsache man schmeißt nicht mit dem vielen Geld, das auf dem Festgeldkonto liegt, um sich. Wenn ein paar Euro für`s neue Stadion, das ja wohl demnächst eröffnet werden soll, übrigbleiben, kann es auch nicht schaden. Ach nee, das war ja Freiburg, die ein neues Stadion gebaut haben…

Geld schießt (keine) Tore!

Ja, was denn nun? Natürlich schießt Geld Tore, und zwar 40 in einer Saison. Außer den Bayern könnte sich kein anderer deutscher Verein den derzeit besten Fußballer der Welt leisten. Aber dass man mit seinem Geld auch das Richtige anfangen müsste und das Falsche machen kann, haben schon viele Vereine bewiesen, wie der HSV, dem noch ein viertes Jahr Bedenkzeit in der Liga 2 gegönnt wurde, oder der von Gazprom mit hunderten von Millionen verwöhnte FC Schalke 04. Gazprom? Ist nicht ein gewisser selbsternannter Premium-Fan von Borussia Dortmund namens Gerhard Schröder ein hohes Tier bei der mit Gazprom eng verbandelten Schwesterfirma North-Stream? Und warum schüttet er den Erzfeind Schalke mit Petromillionen so zu, dass sie kaum noch die mittlerweile saubere Ruhrgebietsluft atmen können? Wir beginnen zu verstehen: Weil NUR Geld eben nicht reicht, man muss auch was von der Sache verstehen. Und ein bisschen Glück und Fingerspitzengefühl gehört ebenfalls dazu.

Was man auch von Dieter Hoeneß nicht behaupten konnte, als er 2003 den jubelnden Herthanern auf der Mitgliederversammlung stolz verkündete, dass er gerade 28 Tore eingekauft habe, indem er Fredi Bobic und Artur Wichniarek für Geld, das er gar nicht hatte, verpflichtete. Dass diese dann in zusammen sechs Spielzeiten nur noch 12 mal einnetzten, d.h. ZWEI Tore pro Saison (Bobic in 54 Spielen 8 Tore und Wichniarek in 63 Begegnungen ganze 4 Tore), wohlgemerkt als Stürmer und nicht als Torwart, zeigt wieder, dass die Geldbündel allein nichts garantieren.

Schwamm drüber. Aber die 50 Millionen Schulden, die Hoeness seinem Nachfolger Preetz vererbte, beeinflussten die folgenden zehn Jahre, was Transfermöglichkeiten anging, negativ. Erst mit den Windhorst-Millionen änderte sich das, aber wer einmal am Hungertuche nagt, kann mit plötzlichem Reichtum oft nichts anfangen. In unguter Erinnerung ist das Schicksal des Lotto-Hauptgewinners (damals 500.000 DM), der das Schild „Wegen Reichtum geschlossen“ an seinen kleinen Laden anpinnte. Nach einem Jahr waren die Hunderttausende und auch der Laden weg…

Das ehemalige Aufsichtsratsmitglied von Hertha, Jens Lehmann, sagte neulich in einer Fußball-Talkrunde, dass sein Arsenal-Trainer Arsenne Wenger dazu neigte, Geld auch mal nicht auszugeben. Wenn ein potenzieller neuer , teurer Spieler nicht wesentlich besser sei als ein vorhandener, warum diesen Transfer tätigen? Auf Hertha bezogen: Ein fitter, verletzungsfreier Arne Maier ist kein Deut schlechter als ein guter, aber eben auch nicht weiterhelfender Tousart, der 25 Millionen kostete!

Hertha hat die falsche Kurve, die der plötzliche Geldsegen bescherte, dank Pal Dardai gerade noch so gemeistert, im Gegensatz zu den ehemals mit Geld um sich werfenden Schalkern, die sich jetzt immerhin, trotz 200 Millionen Euro Schulden, einen Simon Terodde vom HSV leisten können. Respekt! Oder wird Schalke in die dritte Liga durchgereicht, wie vorher Kaiserslautern, Braunschweig, Duisburg, 1860 und andere vorgemacht hatten? Man könnte ja mal Gerhard Schröder fragen, wer der nächste Sponsor von Schalke 04 wird…

Der Zauberer Dardai

Es gibt ja für alles und jeden Quatsch Datenbanken, in dem das Fußballspiel der oberen Ligen mit Hilfe der Chips, die jeder Fußballer mit sich herumschleppt (bald hat laut klugen Querdenkermenschen jeder Geimpfte so einen Chip aus der Spritze bekommen) bis ins kleinste Detail auseinandergenommen und analysiert werden kann. Aber gibt es auch eine Datenbank, die die Wechsel in der Aufstellung von Spiel zu Spiel darstellt? Ich habe davon noch nie gehört, wage aber die Behauptung aufzustellen, dass es in der Geschichte der Bundesliga seit 1963 noch nie einen Wechsel von neun Spielern innerhalb von drei Tagen gegeben hat! Herthas Trainer Dardai hat, zur Überraschung selbst seines Trainerteams, im Spiel gegen Freiburg aus der Not eine Tugend gemacht, aus dem Vollen geschöpft und bis auf Guendouzi und Torwart Schwolow die „Ersatzmannschaft“ antreten lassen. Das hat sich ja nicht mal Sepp Herberger 1954 bei seinem genialen Schachzug gegen Ungarn getraut, als er vor dem Entscheidungsspiel gegen die Türkei die wichtigsten Spieler schonte und die Ungarn in weiser Voraussicht, falls man sich (im Finale) noch mal treffen sollte, in Sicherheit wiegen wollte. Das Ergebnis ist bekannt: Deutschland verlor 3:8, wurde von den zehntausenden deutscher Schlachtenbummler in Basel gnadenlos ausgepfiffen, gewann ausgeruht das Entscheidungsspiel und war zwei Wochen später Weltmeister.

Hertha kann zwar nicht Weltmeister werden und verlor auch nicht 3:8, sondern besiegte Freiburg, weiß Gott kein Laufpublikum, mit 3:0 und hat damit das erste Ziel in der Quarantäne-Aufholjagd erreicht. Pekarik, Torunarigha, Ascacibar, Piatek, Boyata und vor allem Radonjic spielten nicht, als wenn sie wochenlang nicht oder vor der Quarantäne nur sporadisch zum Einsatz gekommen wären, sondern ballsicher und souverän, als wenn sie eine seit drei Jahren kontinuierlich gewachsene Mannschaft wären. Betonung auf Mannschaft!

Besonders Radonjic, der bisher, außer in seinem ersten Spiel gegen die Bayern, hauptsächlich durch Unlust aufgefallen war, spielte wie von einem anderen Stern. Wie er seine Gegenspieler vor dem zweiten und dritten Tor stehenließ, hatte Extraklasse und ließ schon eine Spur Mitleid mit den hinterherhechelnden Freiburgern aufkommen.

Dardai hat viel gewagt und alles gewonnen. Wenn jetzt gegen Bielefeld gewonnen werden würde, dürfte der Abstieg zu 70 % vermieden werden können. Erst bei Siegen auch gegen Schalke und vor allem Köln ist ein Ligaverbleib aber in trockenen Tüchern.

Und wenn das passiert, müsste es doch möglich sein, in der nächsten Saison mit diesem Kader, der kaum noch ergänzt werden muss, weil so viel individuelle Klasse da ist, mindestens in der oberen Hälfte der Tabelle mitzuspielen.

Das kann Hertha nicht schaffen! Oder doch?

Die DFL hat sich einen tollen Trick ausgedacht: Da der Spielplan wegen Herthas Nachholspielen bei 14 Tagen Quarantäne und einer Woche Vorbereitung nicht zu halten gewesen wäre, streicht man einfach die Vorbereitungszeit auf drei Tage zusammen. Freitag, Sonnabend und Sonntag dürfen die Herthaner gemeinsam für den Abstiegskampf trainieren, um am Montag in Mainz das erste von sechs Spielen zu bestreiten. Für so flexibel hätte man die DFL gar nicht gehalten.

Im Tagesspiegel war neulich zu lesen, dass die Situation für Hertha auch positiv gewendet werden könnte. Leider wurden außer psychologischen Floskeln keine konkreten Maßnahmen genannt, wie das laufen soll. Arne Friedrich und CEO Schmidt haben immerhin schon von der „Jetzt-erst-recht-Mentalität“ gesprochen. Darauf könnte man wirklich aufbauen. Sich im virtuellen Kreis aufzustellen und dreimal ganz laut „Wir sind ein – TEAM“ zu brüllen (selbstverständlich unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln) könnte auch hilfreich sein. Dass sich am Sonnabend um 15.30 Uhr 80.000 potenzielle Abstiegskampf-Stadionbesucher auf den Balkon stellen und ganz lange applaudieren, ist nicht zu erwarten, ein bisschen Pyrotechnik a la Union würde wenigstens das eine oder andere Kamerateam aktivieren.

Klar ist natürlich: Solange die anderen Abstiegskandidaten, also Köln, Bielefeld, Mainz und neuerdings auch Bremen und Augsburg, keine Punkte holen, steigt Herthas Chance, das Feld von hinten in der Jägerrolle ein-und überholen zu können, wie einstmals Nikita Sergejewitsch Chrustschow mit der Sowjetunion an den USA vorbeiziehen wollte. Leider sind aber Köln (Siege gegen Leipzig und Augsburg), Bielefeld (Siege gegen Freiburg und Schalke) und Mainz (Siege gegen Hoffenheim, Köln und Bremen) gemeine Spielverderber. Und je größer der nicht virtuelle sondern ganz konkrete Punkteabstand auf den Relegationsplatz oder gar den ersten Nichtabstiegsplatz 15 wird, desto mehr verschlechtert sich das psychologische Moment einer dann fast aussichtslosen Aufholjagd für Hertha.

Wenn das erste Spiel gegen Mainz am 3. Mai gewonnen werden kann, könnte es einen befreienden Schub geben, zumal die Mannschaft zwar einerseits Trainingsrückstand hat, andererseits aber auch zwei Wochen Kraft schöpfen und aktive Regeneration betreiben konnte.

Die maximal erreichbare Punktzahl von Herthas Mitkonkurrenten liegt bei 43 (Mainz), 42 (Augsburg, Bremen und Bielefeld) sowie 38 (Köln). Hertha kann theoretisch noch auf 44 Punkte kommen. Eine Spielerei, natürlich, aber ein Hinweis darauf, dass noch alle Chancen auf den Klassenerhalt bestehen. Manchmal hilft lautes Rufen im dunklen Wald ein bisschen. Vielleicht…

Herthas Tanz auf dem Abstiegsvulkan

„Ausgerechnet Hertha…“ würde Ernst Huberty, mit den Nerven am Ende, ins Mikrophon hauchen, wenn er noch aktiv wäre. Und wie diejenigen, die dank der Gnade der frühen Geburt mit offenen Mündern 1970 vor dem Fernseher sitzend und sich des historischen Ereignisses bewusst, dem sie beiwohnen dürfen, die Verlängerung im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien bestaunten, können auch wir, 51 Jahre später, dem Abstiegskampf der Herthaner beiwohnen.

Warum die Mannschaft im Gegensatz zu anderen Vereinen, die auch mit mehreren Coronafällen weiterspielen durften, aus dem Spielbetrieb zurückgezogen wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht ist die Anzahl „fünf“ ja der sogenannte Inzidenzwert, der genauso willkürlich wie es die 50, 100 oder 200 bei den Einschränkungen im täglichen Leben sind. Irgendwo muss die Grenze eben gesetzt werden. Wie dem auch sei: Die Folge ist, dass die Saison unter normalen Umständen und ohne Änderung der Spielordnung nicht beendet werden kann:

Die Quarantäne der Hertha-Spieler dauert vom 15.4. bis zum 29.4.. Danach wird Hertha eine Woche Vorbereitung zugestanden, in der das Toreerzielen nach Eckbällen geübt werden und sich an den Geruch von Rasen gewöhnt werden kann. Diese Übungswoche endet am 6.5. Da laut Spielordnung die letzten beiden Spieltage, um Wettbewerbsverzerrungen auszuschließen, für alle Mannschaften zeitgleich am Sonnabend um 15.30 Uhr stattfinden müssen, müssen die vier Nachholspiele von Hertha also vor dem 15. Mai (Ansetzung des 33. Spieltages) terminiert werden. Die Spiele könnten demnach am 7.5., 9.5., 11.5., und 13. 5. stattfinden, um am 15.5. ins „normale“ Ligageschehen eingreifen zu können.

Alle zwei Tage ein Spiel ohne vorheriges ausreichendes Zweikampftraining? Muskelrisse sind hier in Mengen vorprogrammiert. Aber was soll`s, es ist ja nur Abstiegskampf. Und außerdem noch „nur Hertha“. Alle zwei Tage ein Spiel? Das geht vielleicht manchmal beim Basketball oder beim Eishockey, da stehen die Spieler aber teilweise auch nur 20 Minuten effektiv auf dem Spielfeld. Beim Fußball nicht möglich. Zwei Tage Pause zwischen den Spielen wäre das Minimum. Das wird interessant, wie Arne Friedrich und CEO Schmidt, die in ständigem Kontakt mit der DFL stehen, aus diesem Schlamassel rauskommen wollen. Denn eine Saisonverlängerung ist wegen der EM auch nicht möglich.

Die einfachste Lösung wäre natürlich in guter alter DFB-Tradition, Hertha die Spiele am Grünen Tisch verlieren zu lassen („sind ja selbst an den Ansteckungen schuld“). Den freiwerdenden Platz in der Liga könnte dann eigentlich Schalke 04 einnehmen, die haben es sich mit sportlich fairer Einstellung und wirtschaftlich solider Arbeit redlich verdient. Dann könnte Ernst Huberty wirklich sagen: „Ausgerechnet Hertha…“

Endlich wieder was los bei Hertha…

Na, das wurde ja auch langsam Zeit: Nach Klinsmanns epochalem Abschied aus Berlin und dem eher geräuschlosen Rausschmiss des Duos Preetz/Labbadia war es seit einiger Zeit still um die Alte Dame geworden. Man spielte Fußball und holte den einen oder anderen Punkt, der vielleicht doch noch vor dem Abstieg retten könnte. Da meldet sich ausgerechnet ein ganz Stiller, der Torwarttrainer Zsolt Petry zu Wort und erklärt uns ausführlich, was er für unmoralisch und unanständig hält. Es hat ihn zwar niemand gefragt, wenn man von einer unanständigen und unmoralischen ungarischen regimetreuen Zeitung absieht, aber manche Menschen verfügen eben über ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Nun ist der gute Zsolt „freigestellt“, was nichts anderes heißt, dass er sein Geld auch ohne Arbeit bekommt, da er vor jedem deutschen Arbeitsgericht natürlich Recht bekommt, falls er gekündigt werden sollte. Wir denken mit Grauen an die 400.000 Euro, die Christian Fiedler damals erhielt, als er aus unerfindlichen Gründen von Hertha (Preetz?) gefeuert wurde. Allerdings: Ein so großer Verlust scheint der zwangsweise Abgang des Torwarttrainers nicht zu sein, denn wer es in sieben Jahren nicht schafft, einem Torwart wie Rune Jarstein beizubringen, wie eine schnelle Spieleröffnung aussieht (das eine oder andere Video von Manuel Neuer könnte nicht schaden), hat sein Soll eigentlich nicht erfüllt. Und tschüss…

Und was macht die Mannschaft im Abstiegskampf?

An der Alten Försterei schon mal fast gar nichts. Nachdem durch den Sieg gegen Leverkusen das zweite Dardaische Viererpäckchen mit sechs Punkten doch noch erfolgreich abgeschlossen wurde, müssen im Union-Gladbach-Mainz-Freiburg-Päckchen noch zwei Siege her, um vielleicht am letzten Spieltag doch schon drei Punkte und das bessere Torverhältnis Vorsprung zumindest vor dem direkten Abstiegsplatz zu haben.

Also: Alles ist möglich, aber gut wäre ein Sieg gegen Mönchengladbach für die Seele schon. Könnte klappen, falls der Torwart ohne Zsolt Petry fit ist…