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Der Zauberer Dardai

Es gibt ja für alles und jeden Quatsch Datenbanken, in dem das Fußballspiel der oberen Ligen mit Hilfe der Chips, die jeder Fußballer mit sich herumschleppt (bald hat laut klugen Querdenkermenschen jeder Geimpfte so einen Chip aus der Spritze bekommen) bis ins kleinste Detail auseinandergenommen und analysiert werden kann. Aber gibt es auch eine Datenbank, die die Wechsel in der Aufstellung von Spiel zu Spiel darstellt? Ich habe davon noch nie gehört, wage aber die Behauptung aufzustellen, dass es in der Geschichte der Bundesliga seit 1963 noch nie einen Wechsel von neun Spielern innerhalb von drei Tagen gegeben hat! Herthas Trainer Dardai hat, zur Überraschung selbst seines Trainerteams, im Spiel gegen Freiburg aus der Not eine Tugend gemacht, aus dem Vollen geschöpft und bis auf Guendouzi und Torwart Schwolow die „Ersatzmannschaft“ antreten lassen. Das hat sich ja nicht mal Sepp Herberger 1954 bei seinem genialen Schachzug gegen Ungarn getraut, als er vor dem Entscheidungsspiel gegen die Türkei die wichtigsten Spieler schonte und die Ungarn in weiser Voraussicht, falls man sich (im Finale) noch mal treffen sollte, in Sicherheit wiegen wollte. Das Ergebnis ist bekannt: Deutschland verlor 3:8, wurde von den zehntausenden deutscher Schlachtenbummler in Basel gnadenlos ausgepfiffen, gewann ausgeruht das Entscheidungsspiel und war zwei Wochen später Weltmeister.

Hertha kann zwar nicht Weltmeister werden und verlor auch nicht 3:8, sondern besiegte Freiburg, weiß Gott kein Laufpublikum, mit 3:0 und hat damit das erste Ziel in der Quarantäne-Aufholjagd erreicht. Pekarik, Torunarigha, Ascacibar, Piatek, Boyata und vor allem Radonjic spielten nicht, als wenn sie wochenlang nicht oder vor der Quarantäne nur sporadisch zum Einsatz gekommen wären, sondern ballsicher und souverän, als wenn sie eine seit drei Jahren kontinuierlich gewachsene Mannschaft wären. Betonung auf Mannschaft!

Besonders Radonjic, der bisher, außer in seinem ersten Spiel gegen die Bayern, hauptsächlich durch Unlust aufgefallen war, spielte wie von einem anderen Stern. Wie er seine Gegenspieler vor dem zweiten und dritten Tor stehenließ, hatte Extraklasse und ließ schon eine Spur Mitleid mit den hinterherhechelnden Freiburgern aufkommen.

Dardai hat viel gewagt und alles gewonnen. Wenn jetzt gegen Bielefeld gewonnen werden würde, dürfte der Abstieg zu 70 % vermieden werden können. Erst bei Siegen auch gegen Schalke und vor allem Köln ist ein Ligaverbleib aber in trockenen Tüchern.

Und wenn das passiert, müsste es doch möglich sein, in der nächsten Saison mit diesem Kader, der kaum noch ergänzt werden muss, weil so viel individuelle Klasse da ist, mindestens in der oberen Hälfte der Tabelle mitzuspielen.

Das kann Hertha nicht schaffen! Oder doch?

Die DFL hat sich einen tollen Trick ausgedacht: Da der Spielplan wegen Herthas Nachholspielen bei 14 Tagen Quarantäne und einer Woche Vorbereitung nicht zu halten gewesen wäre, streicht man einfach die Vorbereitungszeit auf drei Tage zusammen. Freitag, Sonnabend und Sonntag dürfen die Herthaner gemeinsam für den Abstiegskampf trainieren, um am Montag in Mainz das erste von sechs Spielen zu bestreiten. Für so flexibel hätte man die DFL gar nicht gehalten.

Im Tagesspiegel war neulich zu lesen, dass die Situation für Hertha auch positiv gewendet werden könnte. Leider wurden außer psychologischen Floskeln keine konkreten Maßnahmen genannt, wie das laufen soll. Arne Friedrich und CEO Schmidt haben immerhin schon von der „Jetzt-erst-recht-Mentalität“ gesprochen. Darauf könnte man wirklich aufbauen. Sich im virtuellen Kreis aufzustellen und dreimal ganz laut „Wir sind ein – TEAM“ zu brüllen (selbstverständlich unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln) könnte auch hilfreich sein. Dass sich am Sonnabend um 15.30 Uhr 80.000 potenzielle Abstiegskampf-Stadionbesucher auf den Balkon stellen und ganz lange applaudieren, ist nicht zu erwarten, ein bisschen Pyrotechnik a la Union würde wenigstens das eine oder andere Kamerateam aktivieren.

Klar ist natürlich: Solange die anderen Abstiegskandidaten, also Köln, Bielefeld, Mainz und neuerdings auch Bremen und Augsburg, keine Punkte holen, steigt Herthas Chance, das Feld von hinten in der Jägerrolle ein-und überholen zu können, wie einstmals Nikita Sergejewitsch Chrustschow mit der Sowjetunion an den USA vorbeiziehen wollte. Leider sind aber Köln (Siege gegen Leipzig und Augsburg), Bielefeld (Siege gegen Freiburg und Schalke) und Mainz (Siege gegen Hoffenheim, Köln und Bremen) gemeine Spielverderber. Und je größer der nicht virtuelle sondern ganz konkrete Punkteabstand auf den Relegationsplatz oder gar den ersten Nichtabstiegsplatz 15 wird, desto mehr verschlechtert sich das psychologische Moment einer dann fast aussichtslosen Aufholjagd für Hertha.

Wenn das erste Spiel gegen Mainz am 3. Mai gewonnen werden kann, könnte es einen befreienden Schub geben, zumal die Mannschaft zwar einerseits Trainingsrückstand hat, andererseits aber auch zwei Wochen Kraft schöpfen und aktive Regeneration betreiben konnte.

Die maximal erreichbare Punktzahl von Herthas Mitkonkurrenten liegt bei 43 (Mainz), 42 (Augsburg, Bremen und Bielefeld) sowie 38 (Köln). Hertha kann theoretisch noch auf 44 Punkte kommen. Eine Spielerei, natürlich, aber ein Hinweis darauf, dass noch alle Chancen auf den Klassenerhalt bestehen. Manchmal hilft lautes Rufen im dunklen Wald ein bisschen. Vielleicht…

Herthas Tanz auf dem Abstiegsvulkan

„Ausgerechnet Hertha…“ würde Ernst Huberty, mit den Nerven am Ende, ins Mikrophon hauchen, wenn er noch aktiv wäre. Und wie diejenigen, die dank der Gnade der frühen Geburt mit offenen Mündern 1970 vor dem Fernseher sitzend und sich des historischen Ereignisses bewusst, dem sie beiwohnen dürfen, die Verlängerung im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien bestaunten, können auch wir, 51 Jahre später, dem Abstiegskampf der Herthaner beiwohnen.

Warum die Mannschaft im Gegensatz zu anderen Vereinen, die auch mit mehreren Coronafällen weiterspielen durften, aus dem Spielbetrieb zurückgezogen wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht ist die Anzahl „fünf“ ja der sogenannte Inzidenzwert, der genauso willkürlich wie es die 50, 100 oder 200 bei den Einschränkungen im täglichen Leben sind. Irgendwo muss die Grenze eben gesetzt werden. Wie dem auch sei: Die Folge ist, dass die Saison unter normalen Umständen und ohne Änderung der Spielordnung nicht beendet werden kann:

Die Quarantäne der Hertha-Spieler dauert vom 15.4. bis zum 29.4.. Danach wird Hertha eine Woche Vorbereitung zugestanden, in der das Toreerzielen nach Eckbällen geübt werden und sich an den Geruch von Rasen gewöhnt werden kann. Diese Übungswoche endet am 6.5. Da laut Spielordnung die letzten beiden Spieltage, um Wettbewerbsverzerrungen auszuschließen, für alle Mannschaften zeitgleich am Sonnabend um 15.30 Uhr stattfinden müssen, müssen die vier Nachholspiele von Hertha also vor dem 15. Mai (Ansetzung des 33. Spieltages) terminiert werden. Die Spiele könnten demnach am 7.5., 9.5., 11.5., und 13. 5. stattfinden, um am 15.5. ins „normale“ Ligageschehen eingreifen zu können.

Alle zwei Tage ein Spiel ohne vorheriges ausreichendes Zweikampftraining? Muskelrisse sind hier in Mengen vorprogrammiert. Aber was soll`s, es ist ja nur Abstiegskampf. Und außerdem noch „nur Hertha“. Alle zwei Tage ein Spiel? Das geht vielleicht manchmal beim Basketball oder beim Eishockey, da stehen die Spieler aber teilweise auch nur 20 Minuten effektiv auf dem Spielfeld. Beim Fußball nicht möglich. Zwei Tage Pause zwischen den Spielen wäre das Minimum. Das wird interessant, wie Arne Friedrich und CEO Schmidt, die in ständigem Kontakt mit der DFL stehen, aus diesem Schlamassel rauskommen wollen. Denn eine Saisonverlängerung ist wegen der EM auch nicht möglich.

Die einfachste Lösung wäre natürlich in guter alter DFB-Tradition, Hertha die Spiele am Grünen Tisch verlieren zu lassen („sind ja selbst an den Ansteckungen schuld“). Den freiwerdenden Platz in der Liga könnte dann eigentlich Schalke 04 einnehmen, die haben es sich mit sportlich fairer Einstellung und wirtschaftlich solider Arbeit redlich verdient. Dann könnte Ernst Huberty wirklich sagen: „Ausgerechnet Hertha…“

Endlich wieder was los bei Hertha…

Na, das wurde ja auch langsam Zeit: Nach Klinsmanns epochalem Abschied aus Berlin und dem eher geräuschlosen Rausschmiss des Duos Preetz/Labbadia war es seit einiger Zeit still um die Alte Dame geworden. Man spielte Fußball und holte den einen oder anderen Punkt, der vielleicht doch noch vor dem Abstieg retten könnte. Da meldet sich ausgerechnet ein ganz Stiller, der Torwarttrainer Zsolt Petry zu Wort und erklärt uns ausführlich, was er für unmoralisch und unanständig hält. Es hat ihn zwar niemand gefragt, wenn man von einer unanständigen und unmoralischen ungarischen regimetreuen Zeitung absieht, aber manche Menschen verfügen eben über ein gewisses Mitteilungsbedürfnis. Nun ist der gute Zsolt „freigestellt“, was nichts anderes heißt, dass er sein Geld auch ohne Arbeit bekommt, da er vor jedem deutschen Arbeitsgericht natürlich Recht bekommt, falls er gekündigt werden sollte. Wir denken mit Grauen an die 400.000 Euro, die Christian Fiedler damals erhielt, als er aus unerfindlichen Gründen von Hertha (Preetz?) gefeuert wurde. Allerdings: Ein so großer Verlust scheint der zwangsweise Abgang des Torwarttrainers nicht zu sein, denn wer es in sieben Jahren nicht schafft, einem Torwart wie Rune Jarstein beizubringen, wie eine schnelle Spieleröffnung aussieht (das eine oder andere Video von Manuel Neuer könnte nicht schaden), hat sein Soll eigentlich nicht erfüllt. Und tschüss…

Und was macht die Mannschaft im Abstiegskampf?

An der Alten Försterei schon mal fast gar nichts. Nachdem durch den Sieg gegen Leverkusen das zweite Dardaische Viererpäckchen mit sechs Punkten doch noch erfolgreich abgeschlossen wurde, müssen im Union-Gladbach-Mainz-Freiburg-Päckchen noch zwei Siege her, um vielleicht am letzten Spieltag doch schon drei Punkte und das bessere Torverhältnis Vorsprung zumindest vor dem direkten Abstiegsplatz zu haben.

Also: Alles ist möglich, aber gut wäre ein Sieg gegen Mönchengladbach für die Seele schon. Könnte klappen, falls der Torwart ohne Zsolt Petry fit ist…

Hertha und der Länderspiel-Fluch

Niklas Stark spielt seit Wochen in bestechender Form in Herthas Dreierkette. Er leitet die jüngeren und unerfahreneren Klünter und Dardai an und reißt sie mit, so dass sowohl ein Lewandowski als auch ein Haaland zur Bedeutungslosigkeit degradiert wurden. Zum Glück verzichtete Noch-Bundestrainer Löw auf die Nominierung Starks für die drei kommenden Qualifikationsspiele und lädt stattdessen den deutlich indisponierteren Tah ein. Zum Glück? Natürlich, denn Hertha-Spieler und die Nationalmannschaft, das geht seit Erich Beers Siebzigerjahre-Berufungen gar nicht mehr (Arne Friedrich nehmen wir mal als übergroße Ausnahme aus der Bewertung).

Beispiele? Bitte schön:

Nachdem Plattenhardt einige Länderspiele, u.a. bei der unsäglichen Russland-WM absolviert hatte, rauschte seine Formkurve senkrecht in die Tiefe. Seit einigen Monaten findet er langsam zu ähnlicher Form der frühen Tage zurück, ohne jedoch so freistoß- und flankengefährlich zu sein wie früher.

Als Dilrosun sein erstes Länderspiel machte, verletzte er sich nach 20 Minuten und hat seither seine alte Explosivität nicht wiedergefunden.

Kurz nach Cunhas erster Berufung in die Selecao traf er nicht mehr, gewann keine Zweikämpfe mehr und verweigerte weitgehend die Arbeit. Langsam wird es wieder, aber man hofft nicht auf weitere Berufungen.

Niklas Stark selber machte ja bis zu seinem ersten Kurzeinsatz bei den Adlerträgern eine wahre Odyssee an Ausfällen durch die skurrielsten Verletzungen und Krankheiten durch, die man sich vorstellen kann. Jetzt, ein Jahr später, ist er wieder in Form, und Jogi Löw hat offenbar Verständnis dafür, dass er bei Hertha im Abstiegskampf gebraucht wird.

Just in diesem Moment erhalten mehrere Union-Spieler, u.a. Kapitän und Leader Trimmel ihrerseits Einladungen für ihre Nationalmannschaften. Vielleicht überträgt sich das Virus der Formschwäche nach Länderspiel-Nominierungen ja mal nicht auf Hertha, sondern auf Union. Für das anstehende Derby könnte Hertha externe Unterstützung ganz gut gebrauchen. Und bei einem Hertha-Sieg würde Max Kruse vielleicht sogar von seinen ungeliebten „Europapokal“-Spielen verschont werden. Wir helfen gerne…

Bloß keine Zuschauer

Seitdem der Lockdown unser Leben bereichert, hat Hertha zwei Heimderbys gegen Berlins Fußballverein Nr. 1, den 1. FC Union, gespielt und mit einem Gesamttorverhältnis von 7:1 nicht allzu schlecht abgeschnitten. Das Olympiastadion war von allen ablenkenden, irritierenden und nervös machenden Störenfrieden, genannt Fußballfans, freigehalten, so dass die Herren Berufssportler ungestört ihrer eigentlichen Bestimmung, nämlich ihrer sonderbaren Art von Leibesübungen zu frönen, nachgehen konnten.

Im ersten Erstligaderby an der Wuhlheide war alles ganz anders. Viele Freunde der gepflegten Pyrotechnik hatten sich ins Stadion verirrt und meinten dort schon für Silvester trainieren zu müssen. Auch selbsternannte Pistoleros konnten sich die Ausübung ihres Hobbys nicht verkneifen und ballerten auf alles, was sich bewegte und rotweiße Kleidung trug. Nach Spielende verwechselten Bergsteiger die Alte Försterei mit einer Kletterhalle und überwanden den mit Schwierigkeitsgrad eins versehenen Zaun mit Leichtigkeit, nur um den kleinen Schwanz vor Torwart Gikiewicz einzuziehen und sich in ihren angestammten Bereich zurückscheuchen zu lassen.

Union konnte alle nicht verschuldeten Unregelmäßigkeiten für sich ausnutzen und gewann gegen indisponierte Herthaner durch einen nicht unumstrittenen Foulelfmeter knapp mit 1:0. Und jetzt kommt tatsächlich jemand auf die Idee, das Derby in der Alten Försterei wieder vor Zuschauern stattfinden zu lassen! Das kann ja nur von einem eingefleischten Fan der Köpenicker ins Spiel gebracht worden sein, wie z.B. Herrn Lederer von den Linken, dessen Sympathien auch ohne ausdrückliche Befragung klar sein dürften. Aus taktischen Gründen werden noch ein Theaterstück und ein Konzert der Philharmoniker gestattet, um die Bevorzugung Unions zu vertuschen, was natürlich nur Menschen, die an das Gute im Leben des Nachbarn glauben, nicht durchschauen.

Nun gut! Lassen wir doch zu Testzwecken tausend Schreihälse ins Union-Stadion ein und die Arena in ein Höllenhaus verwandeln. Wenn Hertha dann verliert, wissen alle aufrechten Menschen wenigstens, woran es gelegen hat: An den Politikern, dem Schiedsrichter und dem Scheiß-DFBeeh sowieso…

Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Seit Pal Dardai wieder Trainer der verunsicherten Hertha-Mannschaft geworden ist, haben die Spieler fast immer guten bis ordentlichen Fußball gespielt, was sicher auf die Lockerheit von Pal und Zecke, gepaart mit der Vermittlung von Vertrauen zurückzuführen ist, was insgesamt zu mehr Selbstvertrauen führt. Viel mehr Punkte als vorher hat es noch nicht gebracht, aber die Ernte soll ja auch erst im Mai in Form des Nichtabstiegs in die Scheune gebracht werden.

Unter dem sympathischen Hessen Labbadia holte Hertha 17 Punkte in 18 Spielen was als Quotient 0,944 auf dem Taschenrechner anzeigt. Der sympathische Ungar Dardai führte das Team in sechs Spielen zu 4 Punkten, was leider nur 0,666 Punkte pro Spiel ergibt und die Bilanz eines Absteigers ist. Wenn es nicht Pal Dardai wäre, und vier Spiele gegen die ersten Vier der Tabelle dabei gewesen wären, und in jedem der vier „Champions-League-Spiele“ Hertha durchaus Punkte hätte mitnehmen können, würde mit Sicherheit in der Presse und bei den typischen „Fans“ schon wieder unter vorgehaltener Hand ein neuer Trainer im Gespräch sein, ob er nun Magath, der ewige Rangnick, Neururer oder gar Falko Götz hieße.

Das ist zum Glück nicht der Fall, Pal steht ungefährdet da. Schön wäre es aber schon, wenn sich sein Schnitt in Richtung der 1,0 bewegen würde, was nur 34 Punkte am Saisonende bedeuten würde, und keineswegs einen Abstiegsplatz oder den ungeliebten Relegationsrang 16 ausschließen würde. Ein Sieg gegen Dortmund und/oder gegen Leverkusen würde die Situation fühlbar entspannen, allein, es fehlt der Glaube. Einigen wir uns in Güte auf zwei Unentschieden, was den Pal-Schnitt auf immerhin 0,75 Punkte/Spiel verbessern, das Selbstvertrauen für die letzten acht Begegnungen aber um 100% stärken würde. Viel Konjunktiv…

Wenn man sieht, wie sich einzelne Spieler verbessert haben, darf man, wenn der Abstieg vermieden wird, optimistisch in die Zukunft blicken: Tousart wird immer stärker, selbst Zeefuik weist schon manchmal Bundesliga-Qualität nach, Piatek wird langsam aber sicher ein gefährlicher Strafraumspieler und mit Marton Dardai ist urplötzlich ein souveräner Abwehrspieler aus dem Hut gezaubert worden. Wenn dann noch Kapitän Boyata, Torunarigha, Plattenhardt, Cunha und Khedira aus ihren Verletzungspausen zurückkehren und mit Fredi Bobic ein erfolgreicher Ex-Herthaner als Sportlicher Leiter verpflichtet werden könnte, könnte die Mannschaft selbst ohne Transfers (wichtig: Kontinuität!!!) eine Rolle im oberen Tabellendrittel spielen.

Aber erst mal müssen die Spieler ihre Hausaufgaben machen und nicht virtuell, sondern höchst analog, auf dem Rasen Punkte holen. Am besten schon in Dortmund…

Hertha löst die erste Aufgabe

Im zweiten von vier Dardaischen Viererpäckchen hat Hertha mit dem verdienten Sieg gegen Augsburg die erste Aufgabe gelöst. Ist jetzt alles gut? Überhaupt nicht, genauso wenig wie alles schlecht ist. Man ist dem Soll, das heißt der unbedingt nötigen Punktzahl, die es zu erreichen gilt, wenn man den Abstieg vermeiden will, ein kleines Stückchen näher gekommen. Im zweiten Päckchen warten noch Dortmund (auf dem aufsteigenden Ast) und Leverkusen (verunsichert) auf Hertha, da könnte in beiden Spielen was gehen, muss aber nicht. Drei Punkte sind eigentlich Pflicht, wenn der Zugzwang im nächsten Kästchen (Union-Gladbach-Mainz-Freiburg) nicht zu groß werden soll. Zwei Unentschieden wären zwar nicht ganz drei Punkte, aber für`s Selbstvertrauen sehr gut, ein Sieg aus beiden Spielen ließe auch wieder etwas optimistischer in die Zukunft blicken. Dass Haaland, wie im Hinspiel, vier Tore schießt, erscheint unglaubwürdig, Niklas Stark ist momentan in bestechender Form, die er hoffentlich in der Länderspielpause nicht verlieren wird.

Eines ist auf jeden Fall klar: Die Antwort auf die Frage, ob Hertha absteigt oder die Liga hält, wird voraussichtlich erst am 34., frühestens aber am 33. Spieltag entschieden. Denn man ist sich ja rechnerisch erst sicher, wenn man nach dem 33. Spieltag vier Punkte Vorsprung vor dem 16. hat oder nach dem 32. Spieltag sieben Punkte. Das erscheint aber aus heutiger Sicht unmöglich. Es sei denn Hertha (oder eine andere der vier Mannschaften zu denen außer Hertha noch Mainz, Bielefeld und Köln gehören) startet eine Serie von vier oder fünf Siegen hintereinander. Ansonsten bleiben alle ganz eng beieinander. Bis zum Schluss. Für Spannung ist gesorgt…

Kann Hertha den Abstieg noch vermeiden?

Natürlich, lautet die Antwort auf die Überschrifts-Frage, denn momentan befindet sich Hertha, aller Hysterie, die seit Monaten in der Stadt umgeht, zum Trotz, überraschender Weise gar nicht auf einem Abstiegs- oder Relegationsplatz. Wenn Hertha also genau so viele Punkte in den verbleibenden 11 Spielen holt wie Mainz und Bielefeld (und dabei kein deutlich schlechteres Torverhältnis einspielt), ist der Abstieg kein Thema.

Wenn man einen groben Statistik-Überblick haben will, um eine Soll- und Haben-Rechnung aufzumachen, könnte man sich zur Erbauung mal Herthas letzte zehn Jahre Bundesliga-Zugehörigkeit vor Augen führen und mit heute vergleichen:

Nach 23 Spieltagen stand Hertha in der Saison 2008/09 mit 46 Punkten auf Platz 1! Schon vergessen, dass die Mannschaft mit Drobny, Friedrich, Simunic, Pantelic, Raffael, Woronin und Co. fast die Meisterschaft holte? Ein Jahr später lag man mit 15 Punkten zur gleichen Zeit auf Platz 18 und stieg ab. Nach dem sofortigen Aufstieg reichten 20 Punkte nach 23 Spielen nicht, die Relegation und den erneuten Abstieg zu verhindern. Hertha hat momentan 18 Punkte! Das sieht eng aus. Und es blutet einem das Hertha-Herz, wenn man sich an die Punktestände der letzten Jahre erinnert: Nach den oben erwähnten 46 Punkten nach jeweils 23 Spielen gab es auch 39, 37, 35, und 32 Punkte, aber auch 30, 26, 24 und die schon erwähnten 20 und 15 Punkte.

Aber jede Saison verläuft anders. Die Punktzahlen, mit denen man am Ende der Saison den 15. und also rettenden Platz erreichte, bzw. erreicht hätte (d.h. ein Punkt mehr als der 16.) lauteten: 31-32-32-28-36-37-38-34-29-32. Da gibt es also eine Spanne von 10 Punkten und niemand kann sagen, ob es für Hertha reichen wird, von den letzten 11 Spielen fünf zu gewinnen (im Idealfall gegen die direkten Konkurrenten) um dann mit 33 Punkten nicht abzusteigen. Vielleicht reichen aber auch vier Siege und wenn es schlecht läuft, reichen sechs Siege nicht!

Die FußballWoche schreibt, dass Hertha gegen Augsburg zum Siegen verdammt ist. Einerseits richtig, andererseits wissen wir, dass nichts verloren ist, solange die rechnerische Möglichkeit besteht, den 15. noch einzuholen. Wie man aus den obigen Zahlen sieht, gilt die alte Regel:“Mit 40 Punkten kann man nicht absteigen“ immer noch. Aber 40 Punkte wird keine der momentan unten stehenden Mannschaften erreichen. Es ist alles ein Nervenspiel. Insofern macht Hertha das gar nicht so schlecht: Langeweile in Corona-Zeiten kommt bestimmt nicht auf…

Päckchenrechnen

In der Grundschule waren die Rechenaufgaben in „Päckchen“ angeordnet. Es gab vier oder sechs oder acht Aufgaben gleichen Typs und gleichen Schwierigkeitsgrads, die man als armer Schüler zu lösen hatte. Pal Dardai, der ja ein kluger Mensch ist, geht für seine Spieler in die Grundschule zurück und gibt ihnen Aufgaben. Er ordnet die Spiele in Vierer-Päckchen und verlangt oder erwartet oder rechnet zuhause mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, eine entsprechende Punktzahl, die die Mannschaft in einem Päckchen erwerben muss, um den Abstieg noch zu verhindern. Wie viel Punkte der gute Pal für das erste Päckchen einkalkuliert hatte, wissen wir nicht, erzielt wurde aber immerhin ein ganzer Punkt. Das ist zwar schon mal ein Punkt mehr, als Thomas Kroh vom rbb den Herthanern zugetraut hatte, aber wahrscheinlich drei oder vier weniger als Dardai erwartet oder erhofft hatte.

In der nahen Zukunft hilft aber kein Hoffen und auch kein Beten: Es müssen Punkte her. Im Päckchen „Wolfsburg-Augsburg-Dortmund-Leverkusen“ sollten es sechs Punkte werden, d.h., wenn man von einem Sieg gegen Augsburg ausgeht, jeweils Unentschieden gegen die anderen drei oder ein Sieg, am besten schon mal in Wolfsburg, um gegen Dortmund und Leverkusen Druck raus zunehmen. Im zweiten Päckchen „Union-Gladbach-Mainz-Freiburg“ sollten sieben Punkte herausspringen, genau so wie im letzten Päckchen mit „Schalke-Bielefeld-Köln-Hoffenheim“. Man sieht, dass das alles möglich, aber natürlich keineswegs sicher ist. Am Ende der Saison stünden, bei erfolgreichem Lösen der Rechenaufgaben, 38 Punkte, was die Versetzung der Schüler in die nächste Erstligasaison gewährleisten müsste. Vorteil der Päckchen-Einteilung: Wenn man sein Soll in den ersten beiden Spielen erreicht hat, kann man ganz ungezwungen noch eine Schippe drauflegen. Es ist ja nicht verboten mehr zu holen. Jeder Schüler darf rechnen, soviel er will und auf dem Platz ist das Toreschießen nicht verboten.

Aber am Ende des Tages, wie man neuerdings zu sagen pflegt, hat eben doch jeder sein Päckchen zu tragen und das der Herthaner ist momentan besonders groß und schwer…