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Die Heuschrecke: Fressen und gefressen werden

 Bei der Heuschrecke (Orthoptera) unterscheidet der Entomologe zwischen Langfühler- und Kurzfühlerschrecke. Beide erlegen ihre chancenlosen Feinde mithilfe kräftiger Beißmandibeln. Andererseits kann sie aber auch selber zu schmackhafter, eiweißreicher Nahrung werden, wenn sie kurz im Wok gebraten wird.

 Ob KKR, Herthas neuer Investor („strategischer Partner“) eher frisst oder gefressen wird, wird die Zukunft zeigen. Im günstigsten Fall wird es für beide Parteien, ganz gegen die biologischen Vorgaben, eine vorteilhafte Geschäftsbeziehung.

Aus Herthasicht ist die Motivation klar: Der Verein erhält finanziellen Spielraum und ist schuldenfrei. „Schön wär’s“, war der erste Gedanke nicht weniger Anhänger und Wegbegleiter der blauweißen in den letzten fünfzig Jahren. Aber ist das wirklich der Fall?

Nachdem sich die erste Aufregung um den Einstieg von KKR bei Hertha gelegt hat, können wir geruhsam und entspannt die Fakten erörtern. Zur besseren Information wird das Angebot auf der vereinsinternen Webseite angenommen, Fragen zu dem Geschäft zu stellen. Der Verein will transparent sein, um große Transparente wie am Sonntag beim Spiel gegen Nürnberg zu vermeiden: „Partner von der Wall Street – Pakt mit dem Teufel??“  Unnötig zu erwähnen, dass die entsprechende Mail bislang mit Nichtbeantwortung gestraft wurde.

 Die bekannten Fakten sehen so aus: Hertha ist beileibe nicht schuldenfrei, sondern hat die über 30 Millionen Schulden jetzt statt bei Banken bei den Herren der KKR (erinnert mich immer an den Fleckentferner der Sechzigerjahre namens K2R). Vielleicht werden durch diese Umschuldung etwas weniger Zinsen bezahlt. Immerhin, ein, zwei Millionen im Jahr sind für Hertha kein Pappenstiel. Außerdem hat man etwas Spielraum durch zurückgekaufte oder neu verhandelte Rechte, die gegen Geld abgegeben worden waren. Dumm nur, dass sich dafür (und für den 9,7 % Anteil und einen undefinierbaren „Zuschuss“) die Amerikaner einen Platz im Aufsichtsrat erkaufen („Soll’n se haben – an den langweiligen Sitzungen nehmen die sowieso nur dreimal teil“). Anscheinend ist hier der Aufsichtsrat der Hertha BSC GmbH & Co KGaA gemeint, wobei unklar ist, welche Entscheidungen dieses Gremium zu fällen hat. Zusätzlich haben die amerikanischen Freunde mit ihrer großzügigen Spende das Recht erbeten, 33% der Anteile erwerben zu können. Das hieße dann allerdings, dass keine Entscheidung, sei sie sportlicher oder finanzieller Natur, gegen die Herren von der Wall Street getroffen werden könnte. Vielleicht verlieren dann, im Zweifelsfalle, wenn es einmal nicht gut läuft im Verein, Herr Preetz und Herr Schiller doch noch ihre Posten, die sie mit viel Herzblut und Rückhalt von Herrn Gegenbauer gegen die Vereinsopposition trotz zweimaligen Abstiegs behauptet haben. Niemand ist ja so naiv, zu glauben, dass die Heuschrecke KKR aus sportlicher Begeisterung in den Berliner Verein investiert. Wie deren Strategie aussieht, wissen wir nicht, wir können nur hoffen, dass Hertha nach Abschluss des Deals (eine lebenslange Freundschaft erscheint unwahrscheinlicher als eine tränenreiche Verbrüderung von Schalkern und Dortmundern) überhaupt noch existiert und im günstigsten Falle besser dasteht als vorher.

Vielleicht könnte es nicht schaden, wenn die Verantwortlichen bei Hertha den Wok zur Vorsicht schon mal in Bereitschaft halten und vorwärmen würden…

 P.S.: Herr Schiller sprach nach Abschluss des Vertrags mit KKR vom schönsten Tag, seit er bei Hertha ist. – Mein schönster Tag war der erste Bundesligaaufstieg 1968 beim Spiel gegen Rot-Weiß-Essen!

Plan C oder warum 2014 nicht Ronaldos Jahr wird

 Sir Alex Ferguson irrte, als er behauptete, es gebe nur zwei Möglichkeiten, Cristiano Ronaldo, frisch gekürter Weltfußballer des Jahres 2013, auszuschalten: „Plan A: Eine Machete, Plan B: Ein Maschinengewehr“. Natürlich gibt es noch Plan C, und den wird Cristiano Ronaldo am 16.6.2014 in Salvador/Brasilien kennenlernen. Er heißt Philip Lahm und wird ihm, wenn er in sich selbst verliebt gerade den fünften Übersteiger gemacht hat, einfach den Ball abnehmen und einen deutschen Angriff einleiten, während seine Majestät Ronaldo, die Arme in die Hüften gestemmt, den Blick scheinbar unabsichtlich zum Videowürfel gerichtet, den Kopf schüttelt und so aussieht, als ob er kurz davor ist, eine Wut-Träne zu verdrücken, weil das wirklich gemein ist, ihm den Ball abzunehmen.

Unmöglich?

Alles schon passiert, z.B. bei der WM 2006, als Lahm Ronaldo zur Note 4,5 verhalf oder bei der EM 2008 als der wahrlich nicht Weltklasse verkörpernde Arne Friedrich (außer bei der WM 2010, da war er genau das) Ronaldo zum einfachen Mitspieler degradierte. Nun ist Ronaldo zweifellos konstanter geworden und besser als damals, aber auch ein Lahm bewegt sich auf dem Zenit seines Schaffens, so dass er Tempodribblings im Keim ersticken wird (nur dann kann man sie verhindern). Bei direkten Freistößen gibt es einen Welttorhüter namens Manuel Neuer, der auf der Linie höchstens durch einen abgefälschten Schuss zu überwinden ist. Eine Gefahr droht aber: Wenn Ronaldo sich in die Mitte begibt, um zum Kopfball anzusetzen. Dann hilft einem Lahm auch keine schnell herbeigeschaffte Leiter und selbst ein Riese wie Boateng hätte in diesem Fall Probleme (Ferguson: „Dann hilft nur Beten.“).  Deshalb werden hohe Flanken auf Ronaldo im Ansatz verhindert werden müssen. Da Trainer Löw all das weiß, wird Portugal das erste WM-Spiel leider verlieren und die Gruppenspiele kaum überstehen. 2014 wird nicht das Jahr des Cristiano Ronaldo…

Das ewige Winterpausendilemma

 Ich würde gerne eine Wette abschließen: Spätestens wenn am Wochenende um den 25. Januar die Winterpause der Fußball-Bundesliga endlich beendet sein wird, wird das vorfrühlingshafte Wetter zu Ende sein. Warum ich mir so sicher bin? Erstens lehrt die langjährige Erfahrung, dass es Spielausfälle früher (als es noch keine Rasenheizungen gab) meist im Februar oder März gab und zum anderen hat sich der Winter, wenn er denn kommt, eher im Februar als im Dezember/Januar so richtig festgefressen und will nicht weichen. Die Klimatabellen zeigen uns ja, dass die kältesten Tage im langjährigen Durchschnitt zwischen Mitte Januar und Mitte Februar liegen! Außerdem sagt der gesunde Menschenverstand, dass es dem Winter, der ja mit Kälte, Blitzeis und Eisstürmen ein teuflischer Geselle ist, viel mehr Spaß macht, uns im Stadion zu quälen, als uns mit gut präparierten Pisten und spiegelblanken Eislaufflächen zu verwöhnen.

Was kann man tun? Die Winterpause abschaffen und so lange spielen, wie es geht? Da könnte man ja gleich nach England auswandern. Die Spieltage flexibel ansetzen, d.h., so lange es mild ist, spielen, wenn die Kälte kommt, Pause machen? Wäre schön, ist aber aufgrund der langen Vorlaufzeiten bei der Planung von TV-Übertragungen, Trainingslagern etc. unrealistisch. Drei Monate Winterpause von Mitte Dezember bis Mitte März und im Sommer nur eine kurze Pause? Würde ich begrüßen, ginge aber nur, wenn es alle machen würden, weil sonst die Klubs im Europapokal benachteiligt sind (siehe Russland).

Schlussfolgerung? Alles bleibt, wie es ist und wir werden uns im Februar den Ursch abfrieren. Ein Trost bleibt mir: Zu Weihnachten habe ich beheizbare Einlegesohlen mit Akkus bekommen. Eisfüße ade! Ich freu’ mich drauf.

 

 

Mein Spiel und das neue Trikot der Nationalmannschaft

Wenn man ganz ehrlich ist, muss man zugeben: Schick sieht es ja aus, das neue Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft! Unklar ist nur, was uns die rötliche Verzierung unterhalb des Kragens sagen soll. Dass es sich um drei Streifen handelt, ist klar, schließlich heißt der Ausrüster adidas. Die Farbabstufung von violett über dunkelrot nach magenta ergibt aber auch auf den zweiten Blick keinen Sinn. Nur weil schwarz-rot-gold zu plump gewesen wäre, muss es ja nicht rot sein. Und die Zeiten, da Klinsmann dachte, wenn Deutschland rot trägt, laufen die Gegner schreiend davon und überlassen uns kampflos den Halbfinalsieg, sind  lange vorbei. Also: so was ähnliches wie ein roter Brustring. Aber Mayer-Vorfelder ist schon einige glückliche Jahre und einige Hektoliter Trollinger später nicht mehr DFB-Präsident, so dass eine Anbiederung an den VfB Stuttgart auch völlig unnötig ist.

Nehmen wir es also so, wie es ist. Das neue Trikot (im DFB-fanshop ab sofort unter dem Aufmacher: „Es ist dein Spiel“ erhältlich) dient, wie bei jedem anderen Profi-Fußballverein der Welt, der schnöden Geldscheffelei, wobei dies im Unterschied zu Vereinen der DFB wahrlich nicht nötig hätte, schwimmt er doch im Geld. Aber selbstverständlich würde uns jeder befragte Funktionär jetzt zum Thema Jugendfußball, Unterstützung von Amateurvereinen und Tornetze für die Seychellen das Ohr abkauen! Sei’s drum. Zum Glück wird man ja nicht gezwungen das Hemd (zu Weihnachten!) zu kaufen.

Völlig absurd wird die Betrachtung, wenn man sich fragt, warum die Nationalmannschaft jetzt in weißen, statt wie in den letzten 105 Jahren (von Fritz Walters Lieblingsfarben grünes Trikot, weiße Hose als Ausweichspielkleidung mal abgesehen), in schwarzen Hosen spielen soll. Weshalb nicht gleich in homophilen Regenbogenhosen (in stillem Gedenken an die Ära Zwanziger) oder kroatisch gewürfelt mit Gesäßwerbung wie in Österreich?

Vielleicht soll die weiße Spielkleidung mit rotem Brustschild aber auch im Hinblick auf die kommende Fifa-WM in Brasilien eine Verbeugung vor unseren Spielern mit türkischen Wurzeln darstellen. Sami Khedira und Mesut Özil werden sich sicher freuen, wenn sie erfahren, dass in eben dieser Spielkleidung die Türkei bei der 1954-er WM in der Schweiz spielte. Dass die Türken die Vorrunde nicht überstanden, weil sie von Deutschland mit 4:1 und 7:2 aus dem Stadion gefegt wurden, muss ja kein schlechtes Omen sein…

Khedira und die Verletzungsmoden beim Fußball

Sami Khediras Kreuzband ist gerissen. Schlimm für ihn, seinen Arbeitgeber Real Madrid und die Chancen der deutschen Fußballnationalmannschaft auf den WM-Titel 2014. Eine merkwürdige Häufung von Kreuzbandrissen in den letzten Jahren fällt auf: Subotic, Baumjohann, Lasogga und wie sie alle heißen. Früher, in den Anfangsjahren der Bundesliga,  gab es keine Kreuzbandrisse, wurden zumindest als solche nicht diagnostiziert bzw. publik gemacht. Dafür war früher der Achillessehnenriss beliebt, der in den sechziger Jahren meist das Karriereende bedeutete, bis Uwe Seeler diese Regel ad absurdum führte: Im Februar 1965 Riss der Achillessehne (erst ausgelacht, als er ohne Gegnerberührung in den Frankfurter Schnee fiel und sich darin wälzte, danach geschockt und voller Scham mit Applaus verabschiedet, als er vom Platz getragen wurde), im September 1965 Siegtorschütze im WM-Qualifikationsspiel in Stockholm, der die Teilnahme an der WM 1966 und somit das Wembley-Tor erst ermöglichte. Das war das Ende des Mythos’ von Achillessehnenrissen. Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten hat man von einer solchen Verletzung nichts mehr gehört. Offensichtlich aus der Mode gekommen.

Was in den Achtzigerjahren die Patellasehnenentzündung war, die jeder Spieler, der etwas auf sich hielt, zumindest in der Saisonvorbereitung vorweisen konnte, wurde in den Neunzigern von der markigen Schultereckgelenksprengung abgelöst. Kommt heute so gut wie nicht mehr vor. Auch die gute, alte Adduktorenzerrung, die vor zehn, fünfzehn Jahren gerne genommen wurde, ist heute annähernd ausgestorben. Selbst der Syndesmosebandanriss wird seit Ballacks Verletzung vor der WM 2010 gnadenlos boykottiert.

Jetzt hat also der Kreuzbandriss Konjunktur. Falsches Schuhwerk, modernes, ultraschnelles Spiel mit großer Laufleistung, falsche Gymnastik? Die Gründe für die jeweils zeitgemäße Verletzung können vielfältig sein. Aber ein Hoffnungsschimmer bleibt: Wie Ballacks Ausfall 2010 letztlich eine Leistungssteigerung der Nationalmannschaft zur Folge hatte, ist vielleicht auch Khediras wahrscheinliches Fehlen bei der WM 2014 ein gutes Omen. Brasilien, wir kommen…

Das Phantomtor und warum es zum Fußball passt

Bei den meisten Sportarten geht es, einmal abgesehen vom Doping, das einige verträumte Hinterwäldler nicht in ihrer Marschtabelle zum Olympiasieg berücksichtigen, gerecht zu. Wenn ein Gewichtheber 300 kg stemmt und ein anderer nur 290 kg, hat er gewonnen. Wenn ein Läufer 10,0 sec und ein anderer 9,8 sec über 100m läuft, hat er verloren. Eindeutige Leistung, eindeutige Wertung. Beim Fußball ist alles anders. Man kann 75% Ballbesitz haben, 21:2 Torschüsse abgeben, 67% der Zweikämpfe gewinnen und trotzdem 0:3 verlieren (wenn der Gegner zu den beiden Torschüssen noch ein Eigentor erzielt). Also: Fußball ist der vielleicht ungerechteste Sport, den man sich vorstellen kann (wenn man Sportarten, in denen Punktrichter entscheiden, wie Turnen oder Dressurreiten, mal außen vor lässt, aber meistens gibt es mehrere Punktrichter aus verschiedenen Ländern, da gleicht sich der Betrug manchmal wieder aus).

Insofern ist die Aufregung um Kießlings Phantomtor völlig unbegründet. Es verdeutlicht nur geradezu mit dem Vergrößerungsglas, was tausendfach an jedem Wochenende auf allen Fußballplätzen der Welt geschieht. Warum soll ein fälschlicher Weise gegebenes Nicht-Tor schlimmer sein, als ein nicht gegebenes Nicht-Abseitstor? Jede falsch gegebene gelbe Karte, die später vielleicht zu einer ungerechten gelb-roten führt, jeder falsch erkannte Einwurf oder Eckball, kann ein Spiel ganz genau so beeinflussen, wie ein Tor, das keines ist. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, wegen eines falschen Abseitspfiffes eine Spielwiederholung zu fordern. Also eindeutig: Wiederholung = Schnapsidee!

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt auch, wie absurd Wiederholungsforderungen bei Fehlentscheidungen sind: Deutschland verehrt nach mehr als einem halben Jahrhundert noch immer die Helden von Bern. Aber man frage mal die Ungarn, die vor dem Endspiel 1954 seit vier Jahren kein Spiel mehr verloren hatten: Ihr Spielmacher Puskas war im Finale nur zu 70% fit, weil er in der Vorrunde vom deutschen Spieler Posipal (bewusst ?, gar auf Anweisung?) brutal umgetreten wurde. Auch im Endspiel ging es, so ungern ich dies zugebe, höchst ungerecht zu. Das 2:2 würde heute kein Schiedsrichter der Welt mehr anerkennen, weil Schäfer nach einem Eckball Torwart Grosics im Fünfmeterraum in Grund und Boden rammte, so dass Rahn nur noch einzuschieben brauchte. Und ob kurz vor Schluss das vermeintliche 3:3 der Ungarn wirklich aus Abseitsposition erzielt wurde, ist noch nie wirklich belegt worden (im Gegenteil, das ZDF hat eine Kurzschnipsel-Szene veröffentlicht, die kein Abseits zu zeigen scheint). Wie ungerecht – aus Sicht der Ungarn, deren ältere Fußballfans sich darüber heute noch grämen, so wie die Deutschen über das Wembley-Nicht-Tor von 1966 oder die Engländer über Maradonas Hand Gottes.

Unendlich viele Beispiele ließen sich anführen und alle zeigen nur eines: Jegliche Aufregung über Fehlentscheidungen ist zwar verständlich aber völlig überflüssig, weil sie besonders zum Fußball schon immer dazu gehören und immer dazu gehören werden. Da kann man noch so viele Torrichter, Kameras oder Chips im Ball einführen. Wer sich über Ungerechtigkeiten im Fußball aufregt, sollte sich besser auf Schach konzentrieren – und selbst da fühlen sich Neurotiker benachteiligt, weil sie nicht links sondern rechts sitzen, wo der Scheinwerfer blendet oder das rote Kleid einer Frau im Publikum irritiert…

Und jährlich grüßt die Pokalpleite…

Alles wie immer: Hertha spielt in der 2. Pokalrunde auswärts gegen eine Mannschaft aus einer unteren Liga und verliert. Da müsste man kein Wort drüber verlieren. Aber diesmal war eine Kleinigkeit anders: Zum ersten Mal, seit ich mich erinnern kann, tritt Hertha mit einer B-Elf an. Der Stammtisch schäumt (ich saß neben einem Stammtisch in Alt-Mariendorf) und fordert schon fast wieder den Kopf des Trainers, der vor ein paar Wochen noch als gottähnlich verehrt wurde.

Was aber mögen die Gründe für Jos Luhukay gewesen sein, diese Mannschaft aufs Feld zu schicken?

a)      Verwirrung des Gegners!
Wenn die Kaiserslauterer die Aufstellung lesen, sind sie durcheinander und denken, wenn der hier mit der Reserve antritt, müssen wir ja ganz schön schwach sein, was man dann auch meistens ist.

b)      Motivation der eingesetzten Spieler!
Jeder, der gegen Kaiserslautern eingesetzt wird, erhält die Chance um einen Stammplatz zu kämpfen und wird sich folgerichtig zerreißen, was auf dem Betzenberg auch unbedingt nötig ist, wie man weiß.

c)      Motivation der nicht eingesetzten Spieler!
Nach dem blutleeren Auftritt in Freiburg soll ihnen signalisiert werden,  im nächsten Spiel gegen Mainz wieder die Höchstleistung abzurufen, weil man sonst seinen Stammplatz ganz schnell los sein kann.

d)     Geplantes Ausscheiden!
Jos Luhukay wollte das Aus bewusst in Kauf nehmen, weil Hertha den Pokal letztlich sowieso nicht gewinnt und sich nach dem Aus voll und ganz auf die Bundesliga (gegen den Abstieg) fokussieren kann.

Die Punkte a) und b) waren offensichtlich Wunschdenken. Vielleicht kann sich Bayern München erlauben, mit einer B-Elf in Kaiserslautern anzutreten, was aber nicht mal sicher ist. Und außerdem heißen die B-Spieler dann Pizzarro, Rafinha, Shaqiri oder van Buyten und nicht Holland, Janker, Franz oder Cigerci. Außerdem war die Aussage von Luhukay nach dem Spiel entlarvend, als er sagte, dass man in der zweiten Hälfte spielerisch nicht gut genug war. In Kaiserslautern, und im Pokal ganz besonders, kann man aber nur über die kämpferische Schiene gewinnen.

Ob die Punkte c) und d) zutreffen, erweist sich erst in der nahen oder fernen Zukunft. Vielleicht tritt der Holländer dann ja in die großen Fußstapfen Sepp Herbergers, der aus taktischen Gründen 1954 in der Vorrunde der WM gegen Ungarn auch mit der Reservemannschaft antrat und verlor. Der Erfolg gab ihm später recht…

Der 50. Geburtstag und das Zeitzeugendilemma

Endlich war am Sonnabend, den 24.8., die seit einem Jahr nervende Dauergeburtstagsberieselung der Fußball-Bundesliga mit dem echten 50. Geburtstag beendet. Knapp 300.000 Zuschauer waren am 24.8.1963 in den Stadien, was bedeutet, dass aus biologischen Gründen noch etwa 100.000 Menschen übrig geblieben sind, die sagen können: „Ich war dabei!“

Einer davon bin ich.

Obwohl in letzter Zeit immer häufiger vom Zeitzeugendilemma (Angaben über Ereignisse, die jemand genau so erlebt zu haben glaubt, die aber nachweislich falsch sind oder gar nur aus Erzählungen stammen) die Rede ist, versuche ich mal, ein Bild von der damaligen Zeit zu zeichnen.

Mein Vater fuhr mit mir und Skatfreunden zu fünft im VW-Käfer (B-HN 811) auf verschlungenen Wegen von Steglitz zu einer Nebenstraße der Heerstaraße, der Rauschener Allee. Wir konnten dort problemlos vor dem Eckgrundstück, auf dem die Trümmer aus dem 2. Weltkrieg noch nicht abgeräumt waren, parken. Dieses Grundstück hatte den unschätzbaren Vorteil, dass man nach Spielende vor der Heimfahrt in Ruhe abschlagen konnte, was man an Getränken von den fliegenden Händlern, die damals mit Schultheiß-Bier, Cola und Fanta sowie Zigaretten und Eis durch die Reihen zogen, gekauft hatte.

Der Eintritt kostete für Schüler eine Mark, für Erwachsene 4 Mark (Oberring gesamt und Unterring Kurve). Weil Hertha nicht auf 60.000 Zuschauer vorbereitet war (Dauerkarten und sogar Vorverkauf gab es damals nicht), konnte mein Vater ohne zu bezahlen ins Stadion gehen. Da die Plätze nicht nummeriert waren, füllte sich das Stadion immer nach dem Prinzip „Früher Vogel hat den besten Platz“ vom Oberring Mitte ausgehend bis zu den Kurven. Im Gegensatz zu heute, wo die Fans im Unterring die Ostkurve zuerst füllen, blieb sie damals, weil es ja die Plätze mit der schlechtesten Sicht sind, bis zum Schluss leer und nur wenn über 70.000 Zuschauer kamen, waren auch die Kurven im Unterring voll.

Da mein Vater nicht zur Spezies der Frühvögel gehörte, saßen wir am 1. Spieltag etwas unterhalb der Uhr in der Westkurve des Olympiastadions. Nürnberg kam immerhin mit Weltmeister Morlock. Andere Spielernamen, einschließlich denen von Hertha BSC, kannte ich nicht, was sich aber bald ändern sollte. Der Name von Torwart Tillich war mir zuerst präsent, weil er öfter im Mittelpunkt des Geschehens stand und das Vertrauen in seine Fähigkeiten im Umkreis der Anwesenden nicht gerade unermesslich war. Seine Spezialität war angeblich, den Ball durch Hände und Beine rutschen zu lassen. Eine üble Verleumdung, wie ich im Laufe der Saison erfahren konnte, obwohl der beschriebene Vorgang zwei, drei Mal bittere Realität wurde: Ein „Tillich-Tor“.

Im Stadion gab es keinerlei Werbung, weder auf Banden, noch bei Durchsagen oder auf der guten, alten, grauen 1936-er Umklapp-Anzeigetafel. Die Mannschaftsaufstellungen wurden von Stadionsprecher Waberowski einfach nur verlesen und nicht, wie heute üblich, brüllend zelebriert. Ansonsten wurden über die Lautsprecheranlage nur noch die Kennzeichen falsch parkender Autos, verbunden mit der recht unpädagogischen Drohung, diese alsbald „umzusetzen“, durchgesagt. Manchmal wurde auch brennendes Licht oder laufender Motor gemeldet, was stets einige Zehntausend zum schadenfrohen Lachen animierte. Ansonsten gab es pro Spiel zwei bis drei Kinder, die sich verlaufen hatten und auf der Polizeiwache abzuholen seien. Ich weiß bis heute nicht, wo sich diese omimöse Wache befand oder befindet. Entweder passen Eltern heute besser auf ihre Kinder auf oder diese sind einfach intelligenter als die Vier- bis Fünfjährigen vor 50 Jahren: Seit Jahrzehnten habe ich keine Kinderverlustdurchsage mehr gehört…

Zur Bespaßung der Zuschauer gab es weder Sponsorenquiz noch Torwand- oder Elfmeterschießen gegen das Maskottchen sondern einzig und allein das Polizeiorchester unter Leitung von Herbert Domagalla, das vor dem Spiel, mit Sicherheit aber in der Halbzeitpause Marschmusik spielte. Und das zur Blütezeit von Beatles und Rolling Stones. Das Fußballpublikum war eben schon immer etwas konservativer, das wurde zumindest von Vereinsseite so eingeschätzt, denn gefragt wurde ja niemand.

Im Olympiastadion gab es zwar auch damals nur Sitzplätze, aber keine Schalensitze, sondern Holzbänke ohne Lehne, was nicht so unbequem war, wie es sich anhört. Zumindest hatten diese Bänke den Vorteil, dass sie wesentlich weniger Platz wegnahmen, als die nachträglich zwangsweise eingebauten Einzelsitze, so dass man durch die besetzten Reihen gehen konnte, ohne dass alle aufstehen mussten. Dass das Stadion weder Dach noch Flutlichtanlage besaß, muss nicht extra betont werden. Es gab über dem Oberring ein paar Scheinwerfer, die wahrscheinlich aus Luftabwehrbeständen übrig geblieben waren (der 2. Weltkrieg war erst 18 Jahre vorbei, weniger als der Mauerfall bis heute!) und das Stadion in ein schummeriges Amateurverein-Trainigsplatzlicht tauchten.

Über die üblichen Service-Verschlechterungen der öffentlichen Verkehrsmittel wie S-Bahn und Bus (der fuhr damals bis direkt vor den Eingang) muss man kein Wort verlieren, das entspricht dem Zeitgeist. Erwähnenswert vielleicht noch, dass es vor oder hinter den Kassen selbstverständlich keinerlei Kontrolle von Taschen oder Personen gab, man konnte mitbringen, was man wollte, heute undenkbar…

Nur eines hat sich in fünfzig Jahren nicht geändert: Wenn Hertha ein Auswärtsspiel gewinnt, strömen die Massen zum nächsten Heimspiel zu „ihrer“ Hertha, verlieren die blau-weißen ein Heimspiel, heißt es in Weddinger Hochdeutsch: “Nie wieda jeh ick zu diese Flaschen…“

Transparenz und Ehrlichkeit in der Personalpolitik von Hertha BSC

Zum Saisonende kam die überraschende Nachricht: Herthas langjähriger Trainer, Co-Trainer und U23-Trainer, Karsten Heine, erhält keinen neuen Vertrag. Man wundert sich. Gibt es einen Grund? Keine Aussagen der Geschäftsführung. Als einige Tage danach Christian Fiedler, der treueste unter den treuen Herthanern, als Torwarttrainer von seinen Aufgaben entbunden wird, wundert man sich noch mehr. Warum denn das? Weil auf der Mitgliederversammlung nachgehakt wird, sieht sich die Geschäftsführung genötigt, zu erklären, dass man jungen Nachwuchskräften eine Chance geben wolle. Nanu, ist der Fiedler schon so alt? Der ist doch keine 40, wundert sich der Fan.

Einige Tage später lassen wahrscheinlich gut unterrichtete Journalisten durchblicken, dass beide, Heine und Fiedler, extrem gut dotierte Verträge besaßen. Kein Wunder, Fiedler hat ja noch mit Kumpel Preetz zusammen gespielt. Nun gut, alles klar, denkt der gemeine Fan, Hertha muss sparen! Die Frage, die sich aber sogleich stellt, ist natürlich, ob den beiden, deren Arbeitsqualität ja nie angezweifelt wurde, Verträge zu reduzierten Bezügen angeboten wurden? Keine Erklärung der Geschäftsführung. Eisiges Schweigen.

Einige Wochen später. Gras wächst über die Personalien, ein neuer Torwarttrainer wird auf der Hertha-Website in den höchsten Tönen gelobt.

Plötzlich die Meldung in der Zeitung, dass Christian Fiedler gerichtlich gegen seine Entlassung vorgeht. Hoppla! Von Entlassung (aus einem laufenden Vertrag!!!) war bisher nie die Rede. Von wegen sparen. Selbst wenn man sich vor dem Arbeitsgericht einigen sollte, heißt das, dass Hertha einiges Geld für nichts aus dem Fenster werfen wird.

Fazit: Der Verein, vertreten durch Geschäftsführer Preetz, hat auf der Mitgliederversammlung nicht die Wahrheit gesagt oder diese verschwiegen, was auf dasselbe hinausläuft. Sieht so Transparenz aus? Gibt es denn Gründe, die zu der Kündigung führten? Warum wird das unter den Tisch gekehrt? Wenn Fiedler sich was zuschulden kommen ließ und man ihn schützen wollte, würde er ja bestimmt keine Klage einreichen.

Gerade Geschäftsführer Preetz, der ja mal Vorsitzender der Spielergewerkschaft war, und immer Ehrlichkeit und Offenheit predigt (was ich ihm bisher sogar, selbst im Fall Babbel, abgenommen habe),  sollte die Mitgliedschaft und die interessierte Öffentlichkeit nicht unterschätzen. Wenn man den letzten Freund und Anhänger verprellt hat, ist man ganz schnell selbst derjenige, der zum Abschuss freigegeben wird…

P.S.: Die neueste Meldung zum Thema Sparzwänge bei Hertha BSC: Fiedler hat beim arbeitsgerichtlichen Gütetermin ein Angebot über 100.000 Euro abgelehnt. Man wagt sich kaum die Höhe seines bisherigen Gehalts vorzustellen. Immer notwendiger erscheint ein Ende der Geheimniskrämerei, was die Bezüge der Profis, Trainer und Manager betrifft. Jeder kann in einer Tabelle nachsehen, wie viel ein Studienrat oder ein Betonbauer verdient. Warum sollte das im Profifußball nicht auch möglich sein?

Maracana – Vom Mythos zur FIFA-5-Sterne-Arena

Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so: In meiner Kindheit konnte ich fast alle deutschen Stadien nach wenigen Sekunden am Fernsehschirm identifizieren. Das Niedersachsenstadion mit der flachen Tribüne und dem gewellten Dach zwischen backsteinernen Randtürmen, das Rund des Neckarstadions, dessen Ränge in einen unverwechselbaren Winkel emporwuchsen, die beiden grauen Wohnhäuser hinter dem Tor an der Grünwalder Straße in München, die Baumreihe, die das Stadion „Rote Erde“ begrenzte, das Berliner Olympiastadion mit der Betonwand, die den Innenraum von den Rängen durch einen Wassergraben abgrenzte (den ich nur ein Mal, nach einem unglaublichen Wolkenbruch, kurzzeitig mit Wasser gefüllt sah), den „Bökelberg“, mit seinen steilen Stehplatztribünen hinter den Toren…

Diese Zeiten, in denen man die Fußballstadien sogar am Klang der Geräuschkulisse unterscheiden konnte, sind endgültig vorbei. Das moderne Stadion, für dessen Planung statt eines Architekten ein Ingenieursbüro benötigt wird, ist viereckig, praktisch, gut. Das Stadion ist überdacht, wer will beim „Event“ Fußball schon beim Zusehen nass werden? Stehplätze sind nicht vorgesehen, der Planer kann oder will sich nicht vorstellen, dass es vor allem jüngere Menschen gibt, die lieber stehen als sitzen. Es finden schließlich auch Rockkonzerte in bestuhlten Kongresszentren statt. Stimmung spielt bei der Planung keine Rolle.

Das Maracana-Stadion in Rio war immer der Inbegriff des größten Stadions der Welt. Die 200.000 von 1950 bei Brasilien gegen Uruguay waren so etwas wie die Lichtgeschwindigkeit in der Physik: Mehr geht nicht. Hitler wollte für die Olympischen Spiele 1936 ein Stadion für eine Million Zuschauer bauen lassen. Der Architekt March war so frei, dem Führer zu erklären, warum es sich dabei um eine größenwahnsinnige Schnapsidee handelte (wahrscheinlich formulierte er mit Rücksicht auf seine Gesundheit etwas sachlicher).  Einige Zeit gab es einen Konkurrenzkampf um die Ehre des größten Stadions zwischen Maracana und dem Hampden-Park in Glasgow, der auch 130.000 bis 150.000 Zuschauer fasste. Natürlich konnte man nur so viele Zuschauer im Stadion unterbringen, weil sich die Leute bei teilweise schlechter Sicht auf den Stehplatzrängen drängelten. Da standen teilweise drei Leute, wo heute einer seine Beine im Schalensitz ausstreckt. In den „neuen“ Hampden-Park passen noch 52.500 Menschen…

Und jetzt also auch Maracana: 78.000 Sitzplätze, die natürlich viel teurer sein müssen als die Stehplätze (zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: gut verdienende Mittelschichtklientel im Stadion haben und problematische Schichten mit weniger Geld ausgrenzen – kein Zufall, sondern geplant), ein Stadion, das seinen Charakter nach dem Abriss und Neuaufbau (mit einigen Fragmenten der alte Fassade für Nostalgiker) verändert, an alle Stadien dieser Welt angepasst hat. Das alte Dach wurde natürlich auch abgerissen. Am Erhalt von Hergebrachtem kann man nichts verdienen. Die deutsche Ingenieursfirma hat jetzt das übliche Membrandach konstruiert, das wie das achte Weltwunder angepriesen wird, obwohl es mittlerweile dutzendfacher Standard ist. Und dann behauptet der völlig ahnungslose oder naive oder bösartige leitende Ingenieur, dass das Maracana nichts von seinem Mythos verloren habe. Leider irrt der Mann. Es hat nichts davon behalten und ist ganz einfach nur noch ein modernes, funktionales Stadion aus dem FIFA-Pflichtenheft einer WM…