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Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Seit Pal Dardai wieder Trainer der verunsicherten Hertha-Mannschaft geworden ist, haben die Spieler fast immer guten bis ordentlichen Fußball gespielt, was sicher auf die Lockerheit von Pal und Zecke, gepaart mit der Vermittlung von Vertrauen zurückzuführen ist, was insgesamt zu mehr Selbstvertrauen führt. Viel mehr Punkte als vorher hat es noch nicht gebracht, aber die Ernte soll ja auch erst im Mai in Form des Nichtabstiegs in die Scheune gebracht werden.

Unter dem sympathischen Hessen Labbadia holte Hertha 17 Punkte in 18 Spielen was als Quotient 0,944 auf dem Taschenrechner anzeigt. Der sympathische Ungar Dardai führte das Team in sechs Spielen zu 4 Punkten, was leider nur 0,666 Punkte pro Spiel ergibt und die Bilanz eines Absteigers ist. Wenn es nicht Pal Dardai wäre, und vier Spiele gegen die ersten Vier der Tabelle dabei gewesen wären, und in jedem der vier „Champions-League-Spiele“ Hertha durchaus Punkte hätte mitnehmen können, würde mit Sicherheit in der Presse und bei den typischen „Fans“ schon wieder unter vorgehaltener Hand ein neuer Trainer im Gespräch sein, ob er nun Magath, der ewige Rangnick, Neururer oder gar Falko Götz hieße.

Das ist zum Glück nicht der Fall, Pal steht ungefährdet da. Schön wäre es aber schon, wenn sich sein Schnitt in Richtung der 1,0 bewegen würde, was nur 34 Punkte am Saisonende bedeuten würde, und keineswegs einen Abstiegsplatz oder den ungeliebten Relegationsrang 16 ausschließen würde. Ein Sieg gegen Dortmund und/oder gegen Leverkusen würde die Situation fühlbar entspannen, allein, es fehlt der Glaube. Einigen wir uns in Güte auf zwei Unentschieden, was den Pal-Schnitt auf immerhin 0,75 Punkte/Spiel verbessern, das Selbstvertrauen für die letzten acht Begegnungen aber um 100% stärken würde. Viel Konjunktiv…

Wenn man sieht, wie sich einzelne Spieler verbessert haben, darf man, wenn der Abstieg vermieden wird, optimistisch in die Zukunft blicken: Tousart wird immer stärker, selbst Zeefuik weist schon manchmal Bundesliga-Qualität nach, Piatek wird langsam aber sicher ein gefährlicher Strafraumspieler und mit Marton Dardai ist urplötzlich ein souveräner Abwehrspieler aus dem Hut gezaubert worden. Wenn dann noch Kapitän Boyata, Torunarigha, Plattenhardt, Cunha und Khedira aus ihren Verletzungspausen zurückkehren und mit Fredi Bobic ein erfolgreicher Ex-Herthaner als Sportlicher Leiter verpflichtet werden könnte, könnte die Mannschaft selbst ohne Transfers (wichtig: Kontinuität!!!) eine Rolle im oberen Tabellendrittel spielen.

Aber erst mal müssen die Spieler ihre Hausaufgaben machen und nicht virtuell, sondern höchst analog, auf dem Rasen Punkte holen. Am besten schon in Dortmund…

Hertha löst die erste Aufgabe

Im zweiten von vier Dardaischen Viererpäckchen hat Hertha mit dem verdienten Sieg gegen Augsburg die erste Aufgabe gelöst. Ist jetzt alles gut? Überhaupt nicht, genauso wenig wie alles schlecht ist. Man ist dem Soll, das heißt der unbedingt nötigen Punktzahl, die es zu erreichen gilt, wenn man den Abstieg vermeiden will, ein kleines Stückchen näher gekommen. Im zweiten Päckchen warten noch Dortmund (auf dem aufsteigenden Ast) und Leverkusen (verunsichert) auf Hertha, da könnte in beiden Spielen was gehen, muss aber nicht. Drei Punkte sind eigentlich Pflicht, wenn der Zugzwang im nächsten Kästchen (Union-Gladbach-Mainz-Freiburg) nicht zu groß werden soll. Zwei Unentschieden wären zwar nicht ganz drei Punkte, aber für`s Selbstvertrauen sehr gut, ein Sieg aus beiden Spielen ließe auch wieder etwas optimistischer in die Zukunft blicken. Dass Haaland, wie im Hinspiel, vier Tore schießt, erscheint unglaubwürdig, Niklas Stark ist momentan in bestechender Form, die er hoffentlich in der Länderspielpause nicht verlieren wird.

Eines ist auf jeden Fall klar: Die Antwort auf die Frage, ob Hertha absteigt oder die Liga hält, wird voraussichtlich erst am 34., frühestens aber am 33. Spieltag entschieden. Denn man ist sich ja rechnerisch erst sicher, wenn man nach dem 33. Spieltag vier Punkte Vorsprung vor dem 16. hat oder nach dem 32. Spieltag sieben Punkte. Das erscheint aber aus heutiger Sicht unmöglich. Es sei denn Hertha (oder eine andere der vier Mannschaften zu denen außer Hertha noch Mainz, Bielefeld und Köln gehören) startet eine Serie von vier oder fünf Siegen hintereinander. Ansonsten bleiben alle ganz eng beieinander. Bis zum Schluss. Für Spannung ist gesorgt…

Kann Hertha den Abstieg noch vermeiden?

Natürlich, lautet die Antwort auf die Überschrifts-Frage, denn momentan befindet sich Hertha, aller Hysterie, die seit Monaten in der Stadt umgeht, zum Trotz, überraschender Weise gar nicht auf einem Abstiegs- oder Relegationsplatz. Wenn Hertha also genau so viele Punkte in den verbleibenden 11 Spielen holt wie Mainz und Bielefeld (und dabei kein deutlich schlechteres Torverhältnis einspielt), ist der Abstieg kein Thema.

Wenn man einen groben Statistik-Überblick haben will, um eine Soll- und Haben-Rechnung aufzumachen, könnte man sich zur Erbauung mal Herthas letzte zehn Jahre Bundesliga-Zugehörigkeit vor Augen führen und mit heute vergleichen:

Nach 23 Spieltagen stand Hertha in der Saison 2008/09 mit 46 Punkten auf Platz 1! Schon vergessen, dass die Mannschaft mit Drobny, Friedrich, Simunic, Pantelic, Raffael, Woronin und Co. fast die Meisterschaft holte? Ein Jahr später lag man mit 15 Punkten zur gleichen Zeit auf Platz 18 und stieg ab. Nach dem sofortigen Aufstieg reichten 20 Punkte nach 23 Spielen nicht, die Relegation und den erneuten Abstieg zu verhindern. Hertha hat momentan 18 Punkte! Das sieht eng aus. Und es blutet einem das Hertha-Herz, wenn man sich an die Punktestände der letzten Jahre erinnert: Nach den oben erwähnten 46 Punkten nach jeweils 23 Spielen gab es auch 39, 37, 35, und 32 Punkte, aber auch 30, 26, 24 und die schon erwähnten 20 und 15 Punkte.

Aber jede Saison verläuft anders. Die Punktzahlen, mit denen man am Ende der Saison den 15. und also rettenden Platz erreichte, bzw. erreicht hätte (d.h. ein Punkt mehr als der 16.) lauteten: 31-32-32-28-36-37-38-34-29-32. Da gibt es also eine Spanne von 10 Punkten und niemand kann sagen, ob es für Hertha reichen wird, von den letzten 11 Spielen fünf zu gewinnen (im Idealfall gegen die direkten Konkurrenten) um dann mit 33 Punkten nicht abzusteigen. Vielleicht reichen aber auch vier Siege und wenn es schlecht läuft, reichen sechs Siege nicht!

Die FußballWoche schreibt, dass Hertha gegen Augsburg zum Siegen verdammt ist. Einerseits richtig, andererseits wissen wir, dass nichts verloren ist, solange die rechnerische Möglichkeit besteht, den 15. noch einzuholen. Wie man aus den obigen Zahlen sieht, gilt die alte Regel:“Mit 40 Punkten kann man nicht absteigen“ immer noch. Aber 40 Punkte wird keine der momentan unten stehenden Mannschaften erreichen. Es ist alles ein Nervenspiel. Insofern macht Hertha das gar nicht so schlecht: Langeweile in Corona-Zeiten kommt bestimmt nicht auf…

Päckchenrechnen

In der Grundschule waren die Rechenaufgaben in „Päckchen“ angeordnet. Es gab vier oder sechs oder acht Aufgaben gleichen Typs und gleichen Schwierigkeitsgrads, die man als armer Schüler zu lösen hatte. Pal Dardai, der ja ein kluger Mensch ist, geht für seine Spieler in die Grundschule zurück und gibt ihnen Aufgaben. Er ordnet die Spiele in Vierer-Päckchen und verlangt oder erwartet oder rechnet zuhause mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, eine entsprechende Punktzahl, die die Mannschaft in einem Päckchen erwerben muss, um den Abstieg noch zu verhindern. Wie viel Punkte der gute Pal für das erste Päckchen einkalkuliert hatte, wissen wir nicht, erzielt wurde aber immerhin ein ganzer Punkt. Das ist zwar schon mal ein Punkt mehr, als Thomas Kroh vom rbb den Herthanern zugetraut hatte, aber wahrscheinlich drei oder vier weniger als Dardai erwartet oder erhofft hatte.

In der nahen Zukunft hilft aber kein Hoffen und auch kein Beten: Es müssen Punkte her. Im Päckchen „Wolfsburg-Augsburg-Dortmund-Leverkusen“ sollten es sechs Punkte werden, d.h., wenn man von einem Sieg gegen Augsburg ausgeht, jeweils Unentschieden gegen die anderen drei oder ein Sieg, am besten schon mal in Wolfsburg, um gegen Dortmund und Leverkusen Druck raus zunehmen. Im zweiten Päckchen „Union-Gladbach-Mainz-Freiburg“ sollten sieben Punkte herausspringen, genau so wie im letzten Päckchen mit „Schalke-Bielefeld-Köln-Hoffenheim“. Man sieht, dass das alles möglich, aber natürlich keineswegs sicher ist. Am Ende der Saison stünden, bei erfolgreichem Lösen der Rechenaufgaben, 38 Punkte, was die Versetzung der Schüler in die nächste Erstligasaison gewährleisten müsste. Vorteil der Päckchen-Einteilung: Wenn man sein Soll in den ersten beiden Spielen erreicht hat, kann man ganz ungezwungen noch eine Schippe drauflegen. Es ist ja nicht verboten mehr zu holen. Jeder Schüler darf rechnen, soviel er will und auf dem Platz ist das Toreschießen nicht verboten.

Aber am Ende des Tages, wie man neuerdings zu sagen pflegt, hat eben doch jeder sein Päckchen zu tragen und das der Herthaner ist momentan besonders groß und schwer…

Herthas Misserfolge – eine Mentalitätsfrage?

1 0 1 0 1 1 1 0 1 1 1 0 0 1 0.

Was auf den ersten Blick wie eine Zahl im binären System anmutet, ist in Wirklichkeit eine Abbildung des bisherigen Saisonverlaufs von Hertha BSC. Dabei steht, wie wir schon ahnen, eine 1 für ein gutes und eine 0 für ein schwaches Spiel. Komplett ausgeschrieben hieße das:

Werder gut – Frankfurt schlecht – Bayern gut – Stuttgart schlecht – Leipzig gut – Wolfsburg gut – Augsburg gut – Dortmund schlecht – Leverkusen gut – Union gut – Mönchengladbach gut – Mainz schlecht – Freiburg schlecht – Schalke gut – Bielefeld schlecht.

Immerhin gibt es zwei Dreierpacks gute Spiele hintereinander. Das tragische daran ist, dass auch gute Spiele nur selten gewonnen wurden, manchmal sogar verloren, wie in Bayern und Leipzig. Ein unerklärliches Auf und Ab, keine Konstanz, keine zwei Siege hintereinander, die die Mannschaft wenigstens in die Nähe der oberen Tabellenhälfte bringen würden.

Wenn das so weitergeht ist ein Sieg in Köln absolut vorstellbar, ja sogar wahrscheinlich. Wenn nicht, wird eben gegen Hoffenheim gewonnen. Wird aber in Köln gewonnen, wird das Spiel gegen Hoffenheim garantiert nicht auch gewonnen.

Sonderbar.

Und das Sonderbarste: Niemand kann die Gründe nennen. Die Fans nicht, die Journalisten, die doch sonst immer alles wissen, nicht, Axel Kruse nicht, der Verfasser dieser Zeilen, seit siebenundfünfzigeinhalb Jahren Anhänger der Blauweißen, nicht und der Trainer, der es doch wirklich wissen müsste: Auch nicht.

Ist der Manager schuld? Hat er den Kader, nachdem die Windhorst-Millionen auf dem Tisch lagen und investiert werden mussten, nicht mehr wir früher nach Klasse und Charakter sondern nur noch nach dem Preis zusammengestellt? Eigentlich nicht, denn zweifelsohne ist ein Cunha ein begnadeter Fußballer und auch ein Ascocibar und ein Guendouzi lassen kämpferisch nichts zu wünschen übrig. Cordoba und Piatek schießen Tore, wenn sie die Möglichkeiten bekommen. Und Arne Meier hat die Bank im Olympiastadion mit der auf der Alm vertauscht. Nur Duda scheint in Köln aufzutauen. Vielleicht der einzige Fehler von Preetz und dass er ein Mentalitätsmonster wie Ibisevic unbedingt loswerden wollte, anstatt ihm einen leistungsbezogenen Vertrag anzubieten.

Letztlich bleiben alle Erklärungsversuche vergeblich. Auch, dass sich die Mannschaft noch finden muss. Nach 15 Spielen sollte man sich, wenn man nicht völlig blind ist, vielleicht gefunden haben.

Die einzige Begründung für das Auf und Ab ist die, dass Hertha eben Hertha ist, war und immer sein wird. Da kann man nichts machen und der genervte Anhänger muss sich fragen, ob er nicht doch lieber Erfolgsfan von Bayern München werden will. Oder Anhänger der neuerstarkten Mannschaft aus Gelsenkirchen, die jetzt das Feld von hinten aufrollen wird. Oder gleich zu Rasenballsport überlaufen? Von den Rivalen aus Köpenick, die offenbar so vieles besser machen (aber was, aber was?) wollen wir der Fairness halber nicht reden.

Halten wir uns an die Fakten: Hertha ist 12. der Tabelle und in der „Ewigen Tabelle“ ebenfalls 12. Das ist doch gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass die in der ewigen Tabelle vor Hertha liegenden HSV und Kaiserslautern aber auch Köln und Stuttgart in den letzten zehn Jahren viel mehr Fehler als Hertha gemacht haben. Ist es nicht ein Trost, dass es immer noch viel schlimmer kommen könnte…?

Schafft Schalke den Rekord?

Heute Abend spielt Schalke gegen Freiburg und die ganze (Fußball-)Republik fiebert mit: Hält die Serie? Das 27. sieglose Spiel wurde mit dem Unentschieden in Augsburg erreicht, wenn auch äußerst kapp erst in der Nachspielzeit. Heute wäre Spiel 28, gegen Bielefeld Nr. 29 und Hertha hat die Ehre im Spiel 30 gegen die Gelsenkirchener anzutreten. Und das ist sicher: Wenn Schalke nicht vorher den ersten Sieg holt – gegen Hertha schaffen sie es auf jeden Fall, denn wohl kein Verein zerstört häufiger Serien als Hertha: Wenn ein abgeschlagener Tabellenletzter im Olympiastadion aufkreuzt und Hertha mit einem Sieg auf einen Europapokalplatz springen könnte: Was passiert? Der Gegner gewinnt. Also wird es so oder so nichts mit dem neuen Rekord und die alten, noch lebenden Tasmanen der Saison 1965/66 brauchen nicht zu bangen. Allerspätestens im 30. Spiel gewinnt Schalke wieder. Schade drum.

Überhaupt, Schalke als Absteiger? Man weiß nicht so recht, ob man das „Karlsruhe-Stuttgart-Axiom“ zur Anwendung bringen will. Demnach nimmt der Stuttgart-Fan eine Niederlage des VfB billigend in Kauf, wenn nur der KSC auch verliert (und umgekehrt). Dieses Axiom auf Hertha und Schalke bezogen, würde lauten: Verzichten die Herthaner auf einen Platz unter den ersten Sechs (wonach es allerdings sowie noch lange nicht aussieht), wenn dafür Schalke endlich den verdienten Abstieg erreicht? Gar nicht so einfach zu entscheiden, aber zum Glück haben diese Überlegungen offenbar keinen Einfluss auf des Spielgeschehen. Und wenn doch? Man kann ja nie wissen. Ein Schalker Abstieg wäre keine schlechte Sache, Hertha könnte ein Jahr später immer noch einen Euro-League-Startplatz erreichen, wenn Schalke dann (wie der HSV) in das zweite Zweitligajahr ginge.

P.S.: Das große Ziel „Europa-League-Startplatz“, das mit den 100 und mehr Windhorst-Millionen erreicht werden soll, hat Pal Dardai, wie sich der eine oder andere vielleicht noch erinnert, übrigens ohne jedes Transfer-Geld erreicht. Und das soll heutzutage nicht mehr möglich sein…?

Derbyzeit – schöne Zeit

Nun gut, die von der Boulevardpresse unter gütiger Mithilfe vom einen oder anderen Vereinsvertreter gepushten Fans fiebern dem Derby entgegen. Alle sind glücklich, dass man, anstatt sich im eisigen Olympiastadion sonstwas abzufrieren, bequem in der heimischen Kuschelecke sitzen und das eine oder andere gut gekühlte Gerstengetränk zu sich nehmen kann und nicht in einer überfüllten, coronaverseuchten S-Bahn nach Hause fahren muss. Natürlich traut sich niemand das zu sagen. Die Stimmung fehlt ja. Ogottogott.

Auf einmal geht es um Fußball und nicht um die Rivalität zweier gegeneinander aufgehetzter Stadthälften. Das kann mir alles nur recht sein, Corona sei Dank. Wenn es einen dann im Frühling wieder in die aufblühende Natur zieht, bin ich auch gerne wieder im Stadion. Dass ich in den letzten 57 Jahren Wind und Wetter trotzte und auch in den menschenverachtenden Jahreszeiten Spätherbst und Winter die Spiele stets vor Ort im Freien verfolgte, kann ich im Nachhinein nur als großen Irrtum betrachten, obwohl: Erstens gab es bis vor 25 Jahren keine Übertragungen der Bundesligaspiele und zweitens werde ich, entgegen jeglicher Logik, sofort wieder ins Stadion pilgern, wenn es denn möglich ist.

Was in der Vorberichterstattung so alles erzählt wird, sollte der geneigt Fan mit größter Vorsicht genießen. Union wird allenthalben, mit meist nicht zu überhörender klammheimlicher Freude, als Favorit gesehen. Es kann natürlich objektiv nicht bestritten werden, dass Union, im Gegensatz zu Hertha, einen äußerst erfolgreichen Saisonbeginn abgeliefert hat. Erst eine Niederlage, wohingegen Hertha schon fünf von neun Spielen verloren hat. Was meist nicht gesagt wird, gegen welche Gegner diese Ergebnisse zustande kammen: Union spielte gegen den 7., 8., 9., 12., 14., 15., 16., 17., 18., während Hertha gegen den 1., 2., 3., 4., 5., 8., 9., 10., 11. spielte. Natürlich muss man wie Union in Schalke auch erst mal Unentschieden spielen, erst zwei andere Mannschaften haben dieses Kunststück auch fertig gebracht (während alle anderen gewonnen haben) und Überkreuzvergleiche sind im Fußball nicht zulässig. Trotzdem hätten Hertha und Union beim Programm des jeweils anderen vielleicht auch den entsprechenden Punktestand des anderen. Lange Statistik, kurzer Sinn: So schlecht, wie Hertha gemacht wird, sind sie nicht, so gut wie Union gemacht wird, sind sie auch nicht, bei allem Respekt. Was Unions Trainer Fischer mit bemerkenswertem Realitätssinn gebetsmühlenartig wiederholt ist richtig. Union spielt erst mal gegen den Abstieg, alles weitere kommt später.

Eine andere Mär, um Herthas unbefriedigenden Saisonstart zu erklären, ist die von der nicht eingespielten Mannschaft, während Union ja ein kontinuierlich eingespieltes Team habe. Im letzten Spiel von Union gegen Frankfurt standen vier neue Akteure auf dem Platz, bei Hertha waren es gegen Leverkusen drei Neue.

Als Erklärung, wenn auch nicht als Entschuldigung für Hertha, würde schon eher der dritte Faktor gelten, nämlich dass in den drei Monaten seit Saisonbeginn sechs Wochen, d.h. die Hälfte der Zeit, durch Länderspielabstellungen die Hälfte der Mannschaft bei Hertha fehlte, während es bei Union nur zwei bis drei Spieler waren.

Alle Erklärungen werden das Spiel im Olympiastadion nicht entscheiden. Ein Tipp verbietet sich demnach von selbst.

P.S.: Ich tippe 3:1 für Hertha

Was hat Schalke mit Tasmania und Fritz Walter zu tun?

Mit dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart hat sich Schalke 04 souverän auf den zweiten Tabellenplatz der Mannschaften mit Nicht-Sieges-Serien gesetzt. Nach jetzt saisonübergreifend 22 Spielen ohne gewonnen zu haben, liegt nur noch Tasmania 1900 vor den Gelsenkirchenern, die damals, 1965/66 nach dem 2:0 Heimsieg gegen den Karlsruher SC erst im 32. Spiel Borussia Neunkirchen 2:1 bezwangen.  Da fehlen den Schalker Knappen, die so gar nichts knappenhaftes (Stolz, Ehre, Treue) an sich haben nur noch läppische neun Spiele um gleichzuziehen. Das müsste doch mit einem ambitionierten Trainer wie Manuel Baum zu machen sein. Der Bayer passt schon rein ausstrahlungsmäßig so gut ins Ruhrgebiet, dass man sich nicht zu wundern bräuchte, wenn der Rekord erst von seinem demnächst auftauchenden Nachfolger eingefahren wird. Ganz Fußballdeutschland drückt die Daumen, ganz besonders fest wird in Dortmund gedrückt, und die noch lebenden alten Rekordhalter der Tasmanen, die sich alljährlich zwecks erinnern an alte Zeiten treffen, drücken einerseits mit, würden andererseits ihren „Rekord für die Ewigkeit“ ganz gerne als Alleinstellungsmerkmal behalten.

Apropos Ewigkeit: Heute vor 100 Jahren wurde Fritz Walter geboren, der auch den einen oder anderen Rekord, allerdings stets positiver Art, sein Eigen nennen kann: Die gesamte Karriere bei einem Verein zu spielen (1.FC Kaiserslautern) erscheint heute als ein Relikt aus der Steinzeit. Das Angebot von Real Madrid auszuschlagen, die ihn für ein damals unmoralisches Millionengehalt verpflichten wollten, erscheint heute unvorstellbar. Kapitän der ersten deutschen Weltmeistermannschaft und erster deutscher Ehrenspielführer der Nationalmannschaft sind auch nicht die schlechtesten Referenzen. Und die Dauer seiner internationalen Karriere? Von 1940 bis zum Halbfinalspiel gegen Schweden bei der WM 1958 lagen 18 Jahre, ein Weltkrieg und 61 Länderspiele. Wenn man davon ausgeht, dass es damals nur 5 bis 7 Länderspiele pro Jahr  gab, heute aber z.T. mehr als doppelt soviel, wäre er heute sicher auf 120 Spiele gekommen, die acht Jahre Kriegspause von 1942 bis 1950 berücksichtigt, hätte er schon an der 200-er-Marke gekratzt. Fritz Walter: Ein Mann für die Ewigkeit. Von seinen menschlichen Qualitäten wie Kameradschaft, Bescheidenheit, Treue und absolute Loyalität gar nicht zu reden.

GIbt es heute noch Typen wie den großen Fritz Walter? 

Wieder mit Zuschauern

Nun also doch! Das konnte Manager Preetz nicht auf sich sitzen lassen: Union spielt vor Zuschauern in der Alten Försterei und Hertha hat weiterhin nur Geisterspiele im Angebot. Obwohl der Verein draufzahlt, weil sich die Öffnung des Stadions für Fans und Anhänger erst ab 15.000 Zuschauern lohnt, muss Hertha, um einem Shitstorm ohne Beispiel zu entgehen, Fans ins Stadion lassen. Da man optimistischer Weise mit mehr als 4000 Zahlenden rechnet, werden die begehrten Karten verlost. Leider ist nicht bekannt, wie viele der ca. 20.000 Dauerkartenbesitzer aus der letzten Saison auch gleichzeitig Mitglieder sind. Denn nur diese können sich bei der Verlosung anmelden. 10.000 bis 12.000 werden das sicher sein, deshalb liegt die Chance mit 1:3 ungefähr auf dem Niveau der Rummellosbude, bei der „jedes Los gewinnt“ (Hauptgewinn „Charlottenburg“: Toaster, Riesen-Stoffbär oder Spielesammlung).

Allerdings gibt es schon jetzt wieder die Mäkler und Meckerer, denen man es nie recht machen kann. Sie reden von schlechter Stimmung im öden, leeren Stadion. Das sind offenbar Leute, die glauben, dass Hertha erst um die Jahrtausendwende gegründet wurde. Der Herthaner im gesetzteren Alter kennt die Zuschauerzahlen im Vierstelligen Bereich aus eigener Erfahrung, wobei damals keine Pandemie den Besuch im Stadion verhinderte, sondern die Leistung der Hertha-Mannschaft.

Beispiele gefällig? Im Januar 1984 spielt Hertha gegen Alemannia Aachen 2.2 (nach 0:2-Rückstand zur Pause) vor exakt 3432 Zuschauern.

1994 gewinnt Hertha im Olympiastadion gegen Meppen mit 5:1 und 3.871 sehen bei bestem Augustwetter zu. Kennt noch jemand die Spieler: Sejna – Oliver Schmidt, Rohde, Tanjga – Bremser, Ramelow, Andreas Schmidt, Richter, Hartmann- Deffke, Lünsmann (eingewechselt: Meyer und Klews).

Das ging 15 Jahre in den Achtziger und Neunzigerjahren so. Keine schöne Herthazeit, aber man ist ja gebürtiger Anhänger.

Wer nur der Stimmung wegen ins Stadion geht, kann auch gleich in die Sky-Kneipe gehen, da ist die Stimmung mit steigendem Alkoholpegel immer angemessen und im Fernseher sieht man sowieso besser als im Stadion. Wer sich für Fußball interessiert und nicht krank ist, geht ins Stadion, egal ob 4.000 oder 75.000 erwartet werden. Als Fan bleibt man nicht zuhause, wenn Hertha spielt…   

Warum floh Klinsmann wirklich?

Mitte Februar verließ Jürgen Klinsmann Hals über Kopf seinen Verein, kurz bevor dieser die Champions-League-Qualifikation geschafft hatte. Was damals niemand ahnte, jetzt aber sonnenklar auf der Hand liegt, ist die Tatsache, dass Klinsmann nicht wegen angeblicher Differenzen mit seinem Kumpel Micha Preetz das Weite suchte, sondern die heranrollende Corona-Pandemie der Grund war. Es gibt eben Menschen, zu denen Jürgen „the wise light“ Klinsmann zweifelsfrei gehört, die etwas mehr Durchblick als der biedere Normalbürger haben. Man entdeckte zwar erst Anfang März die ersten Corona-Infizierten in Berlin, aber wer eins und zwei addieren kann (oder, damit es sich leichter rechnet: eine und zwei Millionen Euro), wusste, dass die Machtübernahme von Corona nur eine Frage der Zeit war. Natürlich hatte Klinsi keine Angst vor eventueller Ansteckung, obwohl er ja altersmäßig von der besonders gefährdeten Gruppe nicht mehr allzu weit entfernt ist. Nein, es war die Abneigung gegen das wochenlange Nichtstun und die stornierten USA-Heimflüge, bei gleichzeitig weiter fließenden Millionen, die ihn, bescheiden wie er nun mal ist, die Reißleine ziehen ließen. Wir ziehen also den Hut vor „Uns Jürgen“, der dem Verein unnötige Ausgaben ersparen wollte. Aber dass Undank der Welt Lohn ist, kennt man ja schon aus der Bibel.

Dass Klinsmann die Corona-Pandemie selber aus seinem Weihnachtsurlaub nach Europa eingeschleust hat, wäre der Spekulation vielleicht etwas zu viel, aber man weiß ja nie…

Und was machen wir nun mit dieser verkorksten Saison?

Die Vereine wollen sie auf jeden Fall beenden, um die ausstehende dreiviertel Fernseh-Milliarde nicht zu gefährden. Verständlich. Geisterspiele sind zwar nicht schön, aber immerhin Spiele. Und wenn die Zeit im Mai und Juni (oder vielleicht auch im Juli) trotz etlicher englischer Wochen nicht ausreichen sollte? Den jetzigen Stand werten, verbietet sich, da wären ja die Bayern kampflos Meister. Allerdings stiege Hertha nicht ab, hätte also auch sein Gutes, der Vorschlag. Wenn alle Stricke reißen, könnte man sich ja auf Elfmeterschießen statt der Spiele einigen. Sportlich fairer als Saisonannullierung oder gar Losen wäre das allemal. Distanz ist reichlich vorhanden, geduscht werden muss auch nicht und man könnte locker zwei Spiele am Tag (vormittags und nachmittags) bestreiten. Abendshootout verbietet sich, da könnten die Spieler ja gar keinen Alkohol mehr trinken. Und ein bisschen Freude im Leben muss es ja auch in Corona-Zeiten noch geben…