Archiv der Kategorie: Hertha und die Nationalmannschaft

Bleibt Korkut? Geht Zeefuik?

Trainer mit kurzen Laufzeiten hat es bei Hertha ja schon so einige gegeben. Ein Alexander Nouri und ein Michael Skibbe mit jeweils vier Spielen sind zwar Ausnahmen, aber auch ein Pal Csernai wurde nur für sechs Begegnungen geduldet, ein gewisser Jürgen Klinsmann ging nach neun Spielen freiwillig und auch Peter Neururer und Uwe Reinders schafften mit je 11 Spielen nicht mal eine Halbserie.

Tayfun Korkut hat die Mannschaft jetzt bereits in fünf Spielen betreut. Hertha spielte zweimal gut (gegen Dortmund und Bielefeld), einmal mittel (gegen Stuttgart) und zweimal schlecht (gegen Köln und vor allem Mainz). Sieben Punkte aus fünf Spielen ergäbe über die Saison gerechnet 48 Punkte, wäre also im Vergleich zu den letzten Jahren überdurchschnittlich. Ob Korkut das aber auch zeigen kann, ist fraglich, wenn die Mannschaft in Wolfsburg (möglich), im Pokal gegen Union (wahrscheinlich) und dann im ausverkauften Olympiastadion (vor 3000 Besuchern) gegen Bayern (sicher) verlieren sollte. Denn jetzt steht mit Nico Kovac der Wunschtrainer fast aller Herthaner bereit, nachdem er in Monaco grußlos entlassen wurde. Eine Chance, die sich Fredi Bobic kaum entgehen lassen wird. Wenn Kovac, der sich bisher immer etwas zierte, wenn der Name Hertha fiel, das Wagnis überhaupt eingehen will.

Bobics Spezi Korkut würde es ihm wahrscheinlich nicht mal übelnehmen, erspart er sich doch viel Stress in den nächsten Monaten und welcher Arbeitnehmer kann nach dreijähriger Arbeitslosigkeit nach wenigen Wochen Beschäftigung eine Million mehr auf seinem Konto finden? Das müsste für die nächsten Jahre eigentlich reichen, wenn nicht der neue Ferrari bestellt ist.

Mit Piatek geht auch der vierte Stürmer der Geldverbrennungszeit der kurzen gemeinsamen Ära Klinsmann/Preetz. Cunha, Cordoba und Lukebakio haben ja schon das Weite gesucht, nun kehrt auch Piatek nach Italien zurück. Ob Belfodil, Selke, Ekkelenkamp, Jovetic und Maolida besser sind, müssen sie noch langfristig beweisen. Zumindest könnten sie etwas preiswerter in der Haltung sein, wenn es stimmt, dass Piatek fünf Millionen (Euro, nicht Lire oder Zloty) pro Jahr erhalten haben soll.

Ich bin ja eigentlich Gegner der Winter-Transferperiode. Das ständige Austauschen des Personals verhindert die Identifikation der Anhänger mit dem Verein und man muss sich nicht wundern, wenn von „Söldnern“ und „Scheiß-Millionären“ die Rede ist – natürlich nur im Fall der Niederlage, beim Sieg sind alle „unsere Jungs“, die sich mit Tränen in den Augen auf das Wappen schlagen. Wenn es aber stimmt, dass ein Herr Zeefuik an einen englischen Zweitligisten abgegeben werden sollte (hoffentlich verkauft und nicht nur ausgeliehen), ein Spieler, der den Anforderungen der Bundesliga in keinster Weise gewachsen ist, sehe ich die Wintertransfers in Zukunft als Geschenk des Himmels an…

Neues Jahr – alte Hertha?

Wenn die Tante Omikron nicht anderer Meinung ist, startet am kommenden Wochenende die Bundesliga in ihre zweite Saisonhälfte. Bei Herthas Anhängern ist die Erwartungshaltung nach dem sensationellen Sieg gegen Dortmund naturgemäß groß, ein Europapokalplatz müsste doch drin sein…Darin unterscheidet sich der blauweiße Fan nur unwesentlich von den Kölner Jecken, die auch schon heimlich nachsehen, wo 2023 das Endspiel der Europa-League stattfinden soll, wenn sie ein Auswärtsspiel nicht allzu hoch verlieren. Das sollte am Sonntag gegen die Alte Dame Hertha im Bereich des Möglichen liegen, spielen die Domstädter doch seit Steffen Baumgardt dort Trainer ist, einen ansehnlichen Ball. Allerdings lebt die Mannschaft in erster Linie von der Mentalität und den Toren von Anthony Modeste. Wenn ich nicht geträumt hätte, dass Modeste, um von Herthas Abwehrspielern nicht erkannt zu werden, sich mit einer Ruud-Gullit-Perücke unkenntlich gemacht hatte, würde ich bei Herthas wackeliger Innenverteidigung Angst vor einem Mehrfachpack haben. Aber das war ja gegen Dortmund mit Haaland nicht anders und der hat gegen Stark und vor allem Torunarigha keinen Stich gesehen. Dass Kölns stärkster Abwehrspieler Rafael Czichos die Rindfleischtöpfe Amerikas dem Hungerlohn der Bundesliga vorzieht, kann man ihm nicht vorwerfen, dürfte für Hertha aber ein kleiner Vorteil sein. Andererseits würde es schon einem Wunder gleichkommen, wenn Hertha zwei überdurchschnittliche Spiele hintereinander absolviert. Gleichmäßig kann jeder! Immerhin fehlen Hertha vier Verteidiger wegen Corona und täglich werden es mehr. So schnell kann Bobic an der Transferfront gar keinen Ersatz beschaffen, wie sich die Spieler aus eigener Dummheit (um die halbe Welt jetten) oder Pech (Impfung vergessen) in die Quarantäne katapultieren. Leider ist die Karnevalszeit noch ein paar Wochen entfernt, dann hätten wir gegen eine Kölner Junioren-/Regionalligamannschaft antreten können. So aber muss man froh sein, wenn die Berliner wenigstens elf Spieler auf den Rasen bekommen. Abwarten, wie es weitergeht. Dass Bobic bisher erst einen Coronakranken verpflichtet hat, ist mir ganz sympathisch: Soll doch die Mannschaft der Vorrunde den Karren aus dem gar nicht mehr so tiefen Dreck ziehen. Und es soll ja Trainer geben, die bereits vorhandene Spieler besser machen wollen.

Der Abstand zu einem Europapokalplatz beträgt sechs Punkte, der Relegationsplatz ist nur vier Punkte entfernt. Nur soviel zur Einnordung der Ansprüche. Aber: Alles ist möglich. Neu-Trainer Korkut hatte fast immer ein erfolgreiches halbes Jahr bei seinen bisherigen Trainerstationen. Und wenn es nicht zu erfolgreich werden wird, kommt im Sommer endlich Wunschtrainer Nico Kovac, der gerade in Monaco als Tabellensechster mit vier Punkten Rückstand auf den Zweiten entlassen wurde. Und dass Kovac mit Stars nicht immer klarkommt, ist bei Hertha ja mangels Masse kein Problem…

P.S.: Optimistisch wie immer, tippe ich gegen Köln auf ein Unentschieden, also einen erfolgreichen Start ins neue Jahr…

2. Liga – Hertha ist dabei

Dieses Schmählied sangen Mitte der zweiten Halbzeit die freudetrunkenen Mainzer Anhänger nach den von Hertha etwas vorfristig großzügig ausgeteilten Weihnachtsgeschenken. Warum es nach den ansehnlichen Spielen gegen Stuttgart und Bielefeld zu diesem Desaster kam (Hertha hätte auch, ohne sich beschweren zu dürfen, gut und gerne 8:0 verlieren können) ist nicht erklärlich. Genauso wenig, wie ein Sieg gegen Dortmund zu erklären wäre, aber dazu wird es sicher nicht kommen.

23 :1 Flanken für die Mainzer ist die Kurzanalyse des Spiels. Wer viel flankt findet auch mal das Tor und die ersten drei Tore fielen genau auf diese Art. Aufgabe der Außenverteidiger ist es in der Regel, diese Flanken zu verhindern oder wenigstens die gegnerischen Spieler bei dessen Ausführung zu stören. Nicht so bei Hertha. Ein gewisser Herr Zeefuik, mit der Nummer 42 auf dem breiten Rücken, duckt sich vor dem 1:0, statt die Hereingabe des Balles mit irgendeinem Teil seines athletischen Körpers aufzuhalten, notfalls mit dem Kopf, was sicher wehtut, der andererseits, außer zur Nahrungsaufnahme, sowieso keine Funktion hat. Beim 2:0, von der linken Strafraumkante aus erzielt, hielt sich Zeefuik im Fünfmeterraum, also ca. 30 m von seiner theoretisch einzuhaltenden Position entfernt auf. Warum auch immer! Der Trainer hat dies offensichtlich auch bemerkt und beendete den taktisch gesehen ungenügenden Auftritt des jungen Niederländers, der ansonsten immerhin wenige Fehler machte und sogar zwei Einwürfe nach vorne warf und nicht, wie sonst grundsätzlich, nach hinten.

Eine flügellahme Seite kann eine Mannschaft vielleicht noch durch Kampf, Leidenschaft und Charakter ausgleichen, wenn die andere Seite aber noch desaströser spielt, ist der Untergang unvermeidbar. Der Mainzer Rechtsaußen, um diesen altväterlichen Ausdruck zu gebrauchen, hatte einen Abend ohne Gegenspieler, was ungefähr so einfach ist, als wenn Kinder mit Luftballons jonglieren und stolz darauf sind, dass sie den Ball unbegrenzt in der Luft halten können. Gegenspieler Plattenhardt, der mal einen ganz feinen linken Fuß hatte und sogar Freistöße direkt verwandelte (lang ist`s her), hält sich grundsätzlich 15 bis 20 Meter von seinem Gegenspieler entfernt auf. Das ist natürlich dem modernen “Verschieben” geschuldet, d.h., dass sich die ganze Mannschaft zur Ballposition hin orientiert. Wenn aber, wie vor dem 1:0 der Ball von ganz links nach ganz rechts geschlagen wird, also 60 m fliegt, dauert das gut und gerne 1,5 bis 2 Sekunden. In dieser Zeit kann sich ein nicht verletzter oder in Corona-Quarantäne befindlicher Leistungssportler zehn bis fünfzehn Meter bewegen, wenn er antizipiert und sich bewegen will. Wer hinschiebt muss auch zurückschieben. Nicht so Plattenhardt. Er sieht der Flanke hinterher, setzt sich in Bewegung und hat, wenn der Gegenspieler den Ball ungestört kontrolliert, noch 5 Meter Abstand. Dann wird`s schwer. Der Gegner flankt, in der Mitte köpft ein Spieler unbedrängt ein. Vor dem 2:0 ebenfalls: Flanke, Gegner schießt gemeiner Weise ohne gestört zu werden ein. Beim 3:0 ist Plattenhardt nicht auf seinem Posten, sondern in der Mitte des Strafraums, was ihm aber immerhin die Möglichkeit gibt, den Ball wütend in Richtung Mittellinie zu dreschen, leider nachdem er aus dem Tornetz herausprallt.

Der Rest war 40 Minuten Arbeitsverweigerung, mit Darida als Rechtsverteidiger. Warum dafür nicht die Verteidiger Mittelstädt oder Torunarigha eingesetzt wurden, kann der Trainer vielleicht beantworten. Eventuell wollte er das 0:2 aufholen und Darida sollte neben der ungewohnten Abwehrarbeit noch die lustlosen Mitspieler antreiben. Auf jeden Fall gelang dieser taktische Schachzug nicht.

Was kann man besser machen? Vielleicht eine Videoanalyse mit den Außenverteidiger-Fehlern machen! Das kann ja in den letzten Jahren nicht geschehen sein, sonst würden sie nicht regelmäßig so spielen. Oder sie sind nicht lernfähig oder -bereit. Wollte Dardai nicht neue Außenverteidiger haben? Er wusste offenbar warum. Statt dessen bekam er als Ersatz für drei gute Stürmer ohne Hertha-Fahne-Treueschwüre drei mittelmäßige Stürmer ohne Hertha-Fahne-Treueschwüre…

Man kann momentan nur hoffen, dass die Niederlage gegen Dortmund nicht allzu hoch ausfällt. Wenn Hertha aber gewinnen würde, hätten sie ihr Halbjahresziel von 22 Punkten sogar fast erreicht. Zum Totlachen, wenn es nicht so zum Heulen wäre…

Was zählt

Das war ja mal ein erfolgreicher Auftakt der Ära Korkut. Nach zwanzig Minuten lag die verunsicherte blauweiße Truppe nach zwei haarsträubenden Fehlern mit 0:2 zurück. Man könnte meinen, dass Spieler wie Boyata oder Torunarigha das Wort Taktik mit einem digitalen Filmchendienst verwechseln oder eventuell mit einem Pfefferminzdragee. Aber was soll`s. Die Mannschaft zeigte Charakter und hätte durchaus als Sieger vom Platz gehen können, weil Stuttgart das machte, was sonst eigentlich Hertha vorbehalten bleibt, nämlich zu glauben, dass der Spruch von den 90 Minuten, die ein Spiel dauere, Opagesülze von Anno dünnemals sei und dass im schnelllebigen Heute 20 Minuten für ein Fußballspiel ausreichend seien.

Herr Korkut hat ja in seinen bisherigen Trainerstationen bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, ein Team über eine halbe Saison gut zu führen. Das würde im Falle Hertha also bis zum 30. Spieltag dauern, und wenn die Alte Dame dann nicht mehr in Abstiegsgefahr sein sollte (oder sogar, was punktemäßig noch nicht völlig unmöglich ist – es sind nur sechs Punkte Abstand zum “Conference-League-Platz- nach mehr schielt) ist die Mission “Kontinuität” erfüllt.

Zu spekulieren, wer dann in der neuen Saison Trainer werden wird, verbietet sich jetzt. Bleigießen zu Silvester ergibt deutlich mehr Hinweise als irgendwelche Namen, die durch den Blätterwald rauschen (das Netz macht ja leider keine Geräusche, die einen ähnlich schönen Allgemeinplatz ermöglichen würden).

Damit es soweit kommt, ist jetzt erstmal ein Sieg gegen Bielefeld nötig, ohne wenn und aber. Ob Union den neuen Rasen wieder umgepflügt hat, ob der Schnee den empfindlichen Grashalmen zugesetzt hat oder ob es Bielefeld eigentlich gar nicht gibt: Es gibt keine Ausreden. Hertha muss gewinnen. Und Hertha wird gewinnen, wenn sich die Spieler auf die leicht abgewandelte Forderung ungeduldiger Fans besinnen: “Kämpfen UND spielen”. Dass sie kämpfen können, haben sie in Stuttgart gezeigt, dass sie spielen können in Frankfurt. Eine Mischung aus beidem und Hertha wäre zwar nicht unschlagbar aber für einen Sieg gegen Bielefeld und ein Remis in Mainz am Dienstag würde es allemal reichen. Und siehe da: Schon wären die von Ex-Trainer Dardai geforderten sechs Punkte aus den vier Spielen gegen Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz im Sack. Und als Zugabe kommt Dortmund und muss sich anhören, was im Lande immer häufiger zu hören ist: “Wir schenken dieses Jahr gar nichts…”

Kontinuität auf Bobic-Art

Das ist doch mal ein Wort, dachte man, als der neue starke Mann bei Hertha, Fredi Bobic, in einer seiner ersten Pressekonferenzen davon sprach, dass Kontinuität auf dem Trainerposten oberstes Gebot sei. Fünf Trainer in zwei Jahren seien viel zu viel, da kann eine Mannschaft keine Linie erkennen…Und was der weisen Sprüche mehr waren.

Jetzt herrscht Kontinuität nur insofern, dass der Trainer nach 13 Spielen gehen muss, obwohl, wie Bobic selber sagt, die Lage nicht allzu ernst, geschweige denn hoffnungslos sei. Und liegt es am Trainer, wenn die Mannschaft in vier Heimspielen in der Nachspielzeit, bzw. kurz vor Schluss, Punkte verschenkt (Wolfsburg, Freiburg, Leverkusen, Augsburg)? Vielleicht ja, Konzentration bis zum Schlusspfiff kann man eventuell üben, vielleicht auch nicht. Ist der Trainer auch für Pfostenschüsse verantwortlich? Oder für drei-cm-Abseitsstellungen? Oder für falsches (Nicht-)Eingreifen des Kölner Kellers? Die Fragen muss jeder ehrlich sich selber beantworten.

Tatsache ist, dass Hertha in dieser Saison oft langweiligen, uninspirierten, unstrukturierten Fußball spielte. Aber dass das nur am Trainer und nicht auch an der immer noch schlecht zusammengestellten Mannschaft liegt, ist unwahrscheinlich.

Dardais Verdienste sind wahrlich nicht klein. Als Nationaltrainer hat er Ungarn seit Menschengedenken erstmals wieder zu einem großen Turnier geführt. Er hat Hertha vor dem Abstieg gerettet und anschließend zwei Mal auf Europapokalplätze geführt, wenn auch einmal nur in die Qualifikation. Alles zu Zeiten, als Hertha immer noch den Schulden-Rucksack von Dieter Hoeness mit sich herumschleppte und Transfers nur eingeschränkt möglich waren. Er hat nach seiner Meditationspause am Plattensee die Mannschaft Anfang 2021 in einer aussichtslosen Situation, als sie wegen Corona gesperrt war und danach in wenigen Wochen ein Mammutprogramm zu absolvieren hatte, übernommen. Er behielt als einziger die Nerven und machte so wahnsinnige Sachen, wie gegen Freiburg zehn neue Spieler im Vergleich zum vorigen Spiel auf den Platz zu schicken, was es so in der Bundesliga noch nie gegeben hatte. Lohn: Ein grandioser 3:0-Sieg mit dieser Ib-Mannschaft und eine dicke Zigarre nach dem Nicht-Abstieg!

Dass er jetzt gehen muss und Bobic ihm in der Pressekonferenz nicht mal die Rückkehr zu seiner geliebten U-16-Mannschaft garantierte, ist einfach nur schäbig und zeigt, dass es offenbar persönliche Animositäten zwischen Bobic und Dardai gab. Genauso, wie es freundschaftliche Bindungen, die auch schwäbisch-landsmannschaftlicher Art sein können, zwische Bobic und dem neuen Übungsleiter Korkut zu geben scheint. Aber sind alte Freundschaften eine Qualifikation für einen Job, in dem Millionengehälter gezahlt werden?

Wenn Taifun Korkut, dessen bisherige Trainerkarriere eher von der Zensur “4 minus” beschrieben wird, den Umschwung schafft, das heißt, sowohl erfolgreichen als auch ansehnlichen Fußball spielen zu lassen, hat Bobic sein Pokerspiel gewonnen. Wenn nicht, d.h. wenn die Kontinuität in der Trainerfrage so fortgesetzt wird, dass nach dem 23. Spieltag ein nächster Fußballleher verpflichtet werden muss, sollte man vielleicht über eine Rückkehr von Michael Preetz nachdenken…

Einfache Rechenaufgabe

Pal Dardai ist ja der große Vereinfacher. Wenn er Saisonziele beschreiben soll, sagt er nicht, dass er einen Platz in der oberen Tabellenhälfte anstrebt oder gar auf die Europapokalplätze schielt, sondern er will immer nur von Schritt zu Schritt denken. Also teilt er die Saison in Kästchen mit je vier Spielen ein, aus denen je sechs Punkte geholt werden sollen. Das ergäbe am Saisonende bei acht Viererkästchen 8 x 6= 48 Punkte und drei Bonuspunkte aus den beiden letzten Spielen, also 51 Punkte. Damit wäre ein Platz in der Nähe des oberen Tabellendrittels zumindest in Reichweite.

Wie sieht die bittere Realität aus?

Aus dem ersten Viererkästchen mit Köln, Wolfsburg, Bayern und Bochum wurden drei Punkte erspielt (oder erarbeitet, erzittert, erkämpft…). Aus dem zweiten Viererblock mit Fürth, Leipzig, Freiburg und Frankfurt holte man die geplanten sechs Punkte. Der dritte Block mit Gladbach, Hoffenheim, Leverkusen und Union erbrachte nur vier Punkte, was ein Minus von insgesamt fünf Punkten im Vergleich zum angestrebten Soll ergibt. Fünf Punkte wohlgemerkt, die trotz der durchwachsenen Leistungen, besonders im Sturm, der Abwehr, dem Mittelfeld und auf der Torwartposition, durchaus drin waren, wenn man an die in den letzten Spielminuten jeweils verschenkten Heimpunkte gegen Wolfsburg, Freiburg und Leverkusen denkt.

Können die fünf Minuspunkte in der Hinrunde noch ausgeglichen werden? Nicht mehr ganz, aber einiges ist doch im Bereich des Möglichen:

Im anstehenden Kästchen mit Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz könnten durchaus sieben Punkte (also zwei Siege und ein Unentschieden) denkbar sein und wenn dann noch ein Überraschungssieg gegen Dortmund, am letzten Spieltag der Hinrunde, gelänge, wäre man fast im Soll.

Sehr viel Konjunktiv! Klar ist: Wenn der Abstiegskampf, der ja objektiv schon längst eingeläutet ist, noch vermieden werden soll, darf gegen Augsburg, Stuttgart und Bielefeld nicht verloren werden.

Ansonsten dürfte es auch für Pal Dardai recht eng werden. Vorteil? Wenn er wieder eine Jugendmannschaft von Hertha BSC betreute, hätte sich das Kästchenrechnen sowieso erledigt. Die Jungherthaner gewinnen schließlich fast jedes Spiel…

Hätten Sie`s gewusst?

Die Hertha-Niederlage in Hoffenheim, die wieder alles Schlechte der Hertha-Mannschaft der letzten Jahre offenbarte (kein Aufbäumen nach einem Rückstand, kein Erspielen von Chancen, kein systematischer Aufbau, unendlich viele Fehlpässe…) muss erst mal verdaut, um anschließend analysiert zu werden. Deshalb ein paar statistische Schmankerln aus dem unendlich großen Umfeld der Nationalmannschaft. Wer die Fragen richtig beantworten kann, darf sich Experte nennen und bekommt trotzdem nicht die Ehrenmitgliedschaft im Fanclub der „Mannschaft“.

Wer ist eigentlich der erfolgreichste Bundestrainer, wenn man sich den Punkteschnitt pro Spiel anschaut? Natürlich fallen einem die großen Weltmeistertrainer Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer (der ja Teamchef und kein Trainer war) und Jogi Löw ein, wobei sich die Voraussetzungen der Trainer selbstverständlich im Laufe der Jahrzehnte völlig geändert haben. Zu Herbergers Zeiten war Deutschland das einzige Land, in dem es keine Erste Liga gab, sondern eine Ansammlung von fünf Oberligen mit ca. 75 Vereinen. Dass das Niveau vor der Bundesligaeinführung 1963 darunter litt, ist offensichtlich. Die großen Turniererfolge (1954 Weltmeister, 1958 Vierter) waren also eher auf die deutschen Tugenden als auf die überragende Klasse der Spieler zurückzuführen, wenn auch ein Fritz Walter, ein Helmut Rahn oder ein Toni Turek durchaus zur Weltklasse gerechnet werden konnten. Der Schnitt Herbergers von 1,86 Punkten pro Spiel, der nur noch von Erich Ribbeck (1,50) und Rudi Völler (1,85) sowie Franz Beckenbauer (1,85) unterboten wird, ist also bei seinen miserablen Umständen aller Ehren wert.

Otto Nerz` 1,91 Punkte lassen wir mal außen vor, aber Jürgen Klinsmann (2,00), Joachim Löw (2,08) und Helmut Schön folgen mit guten Ergebnissen. Die Sieger der zehn bisherigen Bundes (oder Reichs-) trainer in den letzten 95Jahren (!!!) sind aber die vielfach geschmähten und dabei weit unterschätzten Jupp Derwall (2,15) und Berti Vogts mit 2,18 Punkten. Chapeau, Berti!

Mit weitem Abstand bei der Zahl der Spiele führt natürlich Jogi Löw, der 198 Spiele betreute, weil heute mindestens doppelt so viele Spiele pro Jahr ausgetragen werden als zu Herbergers Zeiten (der sonst statt bei 162 Spielen sicher bei über 300 verantwortlich gewesen wäre – in den 29 Jahren seiner Regentschaft).

Eine andere interessante Frage ist die der Bilanz der Nationalmannschaft gegen die Konkurrenten. Gegen wie viele der „großen“ Fußballnationen hat Deutschland eine positive Länderspielbilanz? Zu den „Großen“ zählen wir mal Brasilien und Argentinien aus Südamerika und England, Italien, Spanien, Frankreich und die Niederlande aus Europa. Und siehe da: Gegen fast alle Gegner ist die Länderspielbilanz negativ. Im Einzelnen (in der Reihenfolge Sieg – Unentschieden – Niederlage) ergibt sich:

Brasilien 5 – 5 – 13

Argentinien 7 – 6 – 10

England 13 – 7 – 17

Frankreich 9 – 8 – 15

Italien 8 – 12 – 15

Nur gegen die etwas später in die Weltspitze aufgerückten Holländer und die Spanier kann Deutschland knapp positive Bilanzen aufweisen:

Niederlande 16 – 16 – 12

Spanien 9 – 8 – 8

Nun gut, genug der Zahlenspielerei. Immerhin gibt es Schlimmeres, wie z.B. die vernichtenden Bilanzen gegen Länder, gegen die die Nationalmannschaft noch nie einen Punkt holen konnte, wie Ägypten (kann sich noch ändern) oder die DDR (kann sich nicht mehr ändern). Dem stehen aber andererseits makellose Bilanzen u.a. gegen Oman und das Saarland zu Buche.

Im Leben gleicht sich eben alles irgendwann wieder aus…

Was stimmt im Hertha-Spiel noch nicht?

Die rührige Fußball-Woche aus Berlin veröffentlicht seit einiger Zeit die Spieldaten, vorzugsweise von den Spielen der Berliner Erstligisten. Vor der Begegnung gegen Eintracht Frankfurt hatte Hertha in den ersten sieben Saisonspielen eine durchschnittliche Passquote von 75 %, was wohl bedeutet, dass jeder vierte Ball nicht den Mitspieler erreicht wie geplant. Und wenn man den Hertha-Spielaufbau, falls man ihn denn als Aufbau bezeichnen will, kennt, weiß man, dass der Ball, bevor er vertikal die gegnerische Hälfte erreicht, mindestens fünf mal von Innenverteidiger zu Innenverteidiger und manchmal auch von diesen zum Torwart gespielt wird. Seit mit drei statt mit zwei Innenverteidigern gespielt wird, hat diese Spielweise geradezu inflationär zugenommen, weil ja jeder mal den Ball haben möchte. Der beschriebene Vorgang dauert gefühlte drei Minuten und umfasst mindestens ein Drittel der 75 % angekommenen Pässe, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, dass bei halbwegs konstruktivem Spiel nur jeder zweite Ball seinen Adressaten erreicht.

Eine Leistung, die Fußballprofis unwürdig ist und mit der man in der Bundesliga nur bestehen kann, wenn es noch ein paar schlechtere Mannschaften gibt. Neben der miserablen Passquote fällt auf, dass die blauweiße Hertha in fünf von sieben Spielen weniger gelaufen ist als der Gegner, und zwar im Durchschnitt aller sieben Spiele jeweils 1,7 km weniger. Dass es dann schwierig wird, Spiele zu gewinnen, ist offensichtlich, wo doch das Pressing, einst von Trainern wie Lobanowski und Happel „erfunden“ seit vierzig Jahren der Schlüssel zum Sieg sein kann, und wer „presst“ muss eben viel laufen.

Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt, dessen 1. Hälfte aus Hertha-Sicht laut Trainer Pal Dardai „perfekt“ war, einer Aussage, der man angesichts von sechs herausgespielten (!) Großchancen nur zustimmen kann, liefen die Herthaner 2,5 km mehr als die Frankfurter. Das sah man von der ersten Minute an, der Sieg war folgerichtig und hochverdient. Was an der Statistik allerdings irritiert, ist die mit 71 % unterirdische Passquote, aber vielleicht ist das ja ein Druckfehler, weil seit langer Zeit nicht mehr ein so konstruktives Aufbauspiel der Hertha zu sehen war. Aber Zahlen lügen vielleicht doch und sind nicht alles im Fußball. Glück und ein aufmerksamer Kölner Keller gehören auch dazu…

P.S.: Fredi Bobic hat mit Cordoba (7), Cunha (7) und Lukebakio (5) neunzehn der 41 Tore der vorigen Saison verkauft, nur Piatek (7) bleibt im Lande. Wenn er damit erfolgreich ist, kann man Bobic den größten Zocker aller Zeiten nennen, oder auch einfach nur einen hervorragenden Fußballkenner. Wenn nicht, muss er schon mal nach Erklärungen suchen…

P.P.S.: Unions Laufleistung ist in JEDEM Spiel drei bis fünf Kilometer besser als die des Gegners. Zahlen scheinen doch was auszusagen…

Die Nationalmannschaft und der Katar-Boykott

Die Nationalmannschaft ist auf einem interessanten Weg, zumindest was die Spiele gegen Liechtenstein angeht. Ob dieser Weg kein leichter sein wird, wird man spätestens nach dem Rückspiel gegen die Superverteidiger aus dem Fürstentum wissen.

Die bisherigen Spiele gegen Liechtenstein folgen einer eigenartigen Serie: Jedes Mal werden weniger Tore geschossen.

Am 4. 6. 1996 hieß es 9:1 (dass es sich jeweils um Siege für die deutsche Mannschaft handelt müssen wir nicht extra erwähnen). Am 7. 6. 2000 in Freiburg nur noch 8:2, wobei die Frage erlaubt sein darf, warum die Liechtensteiner zwei Tore schossen. (Ein gewisser Jens Lehmann stand im Tor, später Elfmetermeister Jörg Butt. Zwei der acht Tore schoss Carsten Jancker, falls den noch jemand kennt)).

Acht Jahre später erzielten deutsche Spieler nur noch sechs Tore (6:0), um sich im Rückspiel 2009 in Leipzig mit einem 4:0 zu begnügen. Die logische Folge war das jetzige 2:0, was allerdings trotzdem, so dürftig die Leistung, die alles Gerede über Aufbruch, Mentalität und neue Spielidee ad absurdum führte, auch war, drei bitter benötigte Punkte einbrachte.

Wenn wir die mathematische Reihe, die bei Einstellungstest für Schüler mit Mittlerer Reife gerne verwendet wird, fortführen, erwartet uns im Rückspiel der WM-Qualifikation ein gepflegtes 0:0. Natürlich ist Fußball nicht Mathematik, wird der geneigte Kenner der Materie einwerfen, aber der Abschwung der „Mannschaft“ ist nicht zu übersehen.

Es sei denn, die Spieler haben sich in einer Geheimsitzung als gelernte Menschenrechtler doch darauf verständigt, die FIFA-WM 2022 in Katar zu boykottieren und die Zeit lieber mit der Familie unterm Weihnachtsbaum zu verbringen, einschließlich, wenn es der Klimawandel denn ausnahmsweise zulässt, einer Schneeballschlacht, anstatt bei 45 Grad Celsius in den Wüstenstadien einem Kreislaufkollaps entgegenzutaumeln.

Sollen Holländer (wenn sie sich ausnahmsweise qualifizieren), Engländer (wenn das Elfmeterschießen bis dahin abgeschafft wurde), Italiener, Franzosen, Spanier ( heißer Tipp, weil ihnen Lothar Matthäus nichts mehr zutraut) und die Belgier doch um den Goldpokal streiten. Vielleicht sind ja ein paar afrikanische Länder wegen des Klimas auch mal nach dem Viertelfinale noch mit dabei.

Na und. Wir feiern (eventuell) coronafreie Weihnachten und sind außerdem noch die besseren Menschen, wenn wir die WM links liegen lassen.

Die Mannschaft scheint auf einem guten Weg, ob der Trainer nun Löw oder Flick heißt, spielen müssen die Spieler selber, und wenn sie nicht wollen, dann wollen sie eben nicht. Aber dass die Boykottplanungen in aller Stille und streng geheim laufen, ist eigentlich der Ehre zuviel. Tut Gutes und redet darüber.

Und nach der 2022-er WM schlagen wir dann Liechtenstein auch mal wieder zweistellig…

Bei Hertha alles wie immer?

In der vorigen Saison startete Hertha mit einem furiosen Auswärtssieg in die neue Saison! Was dann am Ende herauskam ist hinlänglich bekannt. In diesem Jahr beginnt Hertha zur Abwechslung mit einer Niederlage in Köln, wo man eigentlich selten verlor. Was will uns das für den Saisonverlauf sagen? Steigt Hertha diesmal ab?

Langsam, langsam!

Der Auswärtssieg im vorigen Jahr wurde gegen eine Bremer Mannschaft erzielt, die auch viele der folgenden Heimspiele verlor und am Ende sogar abstieg, was man zu der Zeit aber noch nicht wissen konnte. Anschließend verlor Hertha vier Spiele hintereinander, wobei die Auswärtsniederlagen in München und Leipzig sehr unglücklich waren. Allerdings kam die Mannschaft nie richtig in den Rhythmus und hat nur einmal, am Ende der Saison, zwei Spiele hintereinander gewonnen, gegen Freiburg und auf Schalke (zwei Pfostenschüsse der Schalker hintereinander in Minute 92!!!), womit der Nichtabstieg fast perfekt war.

Den richtigen Rhythmus zu finden wird eine wichtige Aufgabe der Mannschaft und des Trainerstabs werden. Der Umbruch innerhalb der Mannschaft erscheint nicht ganz so groß wie im vorigen Jahr, wo ja die berühmte Achse (z.T. aus eigener Schuld: Ibisevic) wegbrach. In Köln standen mit Boateng, Serdar und Jovetic nur drei Neue in der Startelf, das dürfte so ungefähr Bundesligaschnitt und demnach zu verkraften sein. Zumindest sollte dies bei dauerhaftem Aufenthalt in der unteren Tabellenhälfte keine Rechtfertigung für schwache Leistungen sein.

Sooo schwach war die Leistung in Köln ja auch nicht, wenn man sie über 90 Minuten sieht: Nach guten 20 Minuten und der folgerichtigen 1:0-Führung überließ man dem Gegner, wie eigentlich fast immer, das Spiel. Wenn man das mit Kontermöglichkeiten ausnutzen kann, sicher eine kluge Taktik. Aber von Hertha kommen die Konter nicht oder nur äußerst selten. Hertha kann einen Handelfmeter bekommen, das 1:1 kann man als Foul werten, auch wenn Pal Dardai gute Miene zum schlechten Schiedsrichterspiel macht. Das 2:1 für Köln resultiert aus einem abgefälschten Ball, Lukebakio verschenkt mit einem Kopfball aus vier Metern freistehend den 2:3-Anschlusstreffer und kurz danach steht Ascacibar knapp im Abseits. Chancenlos war Hertha also keineswegs und wird es auch gegen Wolfsburg nicht sein, über das dritte Spiel bei den Bayern wollen wir nicht reden.

Die Mannschaft ist, wie im Vorjahr, eigentlich stark genug besetzt. Problemzone war gegen Köln die Abwehr. Da muss Sicherheit rein, was mit Boyata gelingen müsste. Im Mittelfeld könnte Boateng durchaus der lange gesuchte Verteiler werden, wenngleich er Unterstützung von Darida, Cunha oder Richter bekommen müsste.

Wenn Ruhe bewahrt wird, kann ein Platz in der oberen Tabellenhälfte (von mehr wollen wir nicht reden) problemlos erreicht werden. Dazu brauchte man in der letzten Saison 45 Punkte, also 1,32 Punkte pro Spiel oder anders ausgedrückt, aus jedem der dardaischen Viererpäckchen, in die er die Saison einteilt, 5,3 Punkte. Auf deutsch: Mal ein Sieg, zwei Unentschieden und eine Niederlage, danach zwei Siege, zwei Niederlagen würde schon reichen, um deutlich besser als in der verkorksten letzten Saison abzuschneiden.

Für das erste Viererpäckchen heißt das: Siege gegen Wolfsburg und Bochum, Niederlage in München, danach: Sieg gegen Fürth, Niederlage gegen Leipzig und Unentschieden gegen Freiburg und Frankfurt.

Das müsste doch zu machen sein!