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Herthas Misserfolge – eine Mentalitätsfrage?

1 0 1 0 1 1 1 0 1 1 1 0 0 1 0.

Was auf den ersten Blick wie eine Zahl im binären System anmutet, ist in Wirklichkeit eine Abbildung des bisherigen Saisonverlaufs von Hertha BSC. Dabei steht, wie wir schon ahnen, eine 1 für ein gutes und eine 0 für ein schwaches Spiel. Komplett ausgeschrieben hieße das:

Werder gut – Frankfurt schlecht – Bayern gut – Stuttgart schlecht – Leipzig gut – Wolfsburg gut – Augsburg gut – Dortmund schlecht – Leverkusen gut – Union gut – Mönchengladbach gut – Mainz schlecht – Freiburg schlecht – Schalke gut – Bielefeld schlecht.

Immerhin gibt es zwei Dreierpacks gute Spiele hintereinander. Das tragische daran ist, dass auch gute Spiele nur selten gewonnen wurden, manchmal sogar verloren, wie in Bayern und Leipzig. Ein unerklärliches Auf und Ab, keine Konstanz, keine zwei Siege hintereinander, die die Mannschaft wenigstens in die Nähe der oberen Tabellenhälfte bringen würden.

Wenn das so weitergeht ist ein Sieg in Köln absolut vorstellbar, ja sogar wahrscheinlich. Wenn nicht, wird eben gegen Hoffenheim gewonnen. Wird aber in Köln gewonnen, wird das Spiel gegen Hoffenheim garantiert nicht auch gewonnen.

Sonderbar.

Und das Sonderbarste: Niemand kann die Gründe nennen. Die Fans nicht, die Journalisten, die doch sonst immer alles wissen, nicht, Axel Kruse nicht, der Verfasser dieser Zeilen, seit siebenundfünfzigeinhalb Jahren Anhänger der Blauweißen, nicht und der Trainer, der es doch wirklich wissen müsste: Auch nicht.

Ist der Manager schuld? Hat er den Kader, nachdem die Windhorst-Millionen auf dem Tisch lagen und investiert werden mussten, nicht mehr wir früher nach Klasse und Charakter sondern nur noch nach dem Preis zusammengestellt? Eigentlich nicht, denn zweifelsohne ist ein Cunha ein begnadeter Fußballer und auch ein Ascocibar und ein Guendouzi lassen kämpferisch nichts zu wünschen übrig. Cordoba und Piatek schießen Tore, wenn sie die Möglichkeiten bekommen. Und Arne Meier hat die Bank im Olympiastadion mit der auf der Alm vertauscht. Nur Duda scheint in Köln aufzutauen. Vielleicht der einzige Fehler von Preetz und dass er ein Mentalitätsmonster wie Ibisevic unbedingt loswerden wollte, anstatt ihm einen leistungsbezogenen Vertrag anzubieten.

Letztlich bleiben alle Erklärungsversuche vergeblich. Auch, dass sich die Mannschaft noch finden muss. Nach 15 Spielen sollte man sich, wenn man nicht völlig blind ist, vielleicht gefunden haben.

Die einzige Begründung für das Auf und Ab ist die, dass Hertha eben Hertha ist, war und immer sein wird. Da kann man nichts machen und der genervte Anhänger muss sich fragen, ob er nicht doch lieber Erfolgsfan von Bayern München werden will. Oder Anhänger der neuerstarkten Mannschaft aus Gelsenkirchen, die jetzt das Feld von hinten aufrollen wird. Oder gleich zu Rasenballsport überlaufen? Von den Rivalen aus Köpenick, die offenbar so vieles besser machen (aber was, aber was?) wollen wir der Fairness halber nicht reden.

Halten wir uns an die Fakten: Hertha ist 12. der Tabelle und in der „Ewigen Tabelle“ ebenfalls 12. Das ist doch gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass die in der ewigen Tabelle vor Hertha liegenden HSV und Kaiserslautern aber auch Köln und Stuttgart in den letzten zehn Jahren viel mehr Fehler als Hertha gemacht haben. Ist es nicht ein Trost, dass es immer noch viel schlimmer kommen könnte…?

Schafft Schalke den Rekord?

Heute Abend spielt Schalke gegen Freiburg und die ganze (Fußball-)Republik fiebert mit: Hält die Serie? Das 27. sieglose Spiel wurde mit dem Unentschieden in Augsburg erreicht, wenn auch äußerst kapp erst in der Nachspielzeit. Heute wäre Spiel 28, gegen Bielefeld Nr. 29 und Hertha hat die Ehre im Spiel 30 gegen die Gelsenkirchener anzutreten. Und das ist sicher: Wenn Schalke nicht vorher den ersten Sieg holt – gegen Hertha schaffen sie es auf jeden Fall, denn wohl kein Verein zerstört häufiger Serien als Hertha: Wenn ein abgeschlagener Tabellenletzter im Olympiastadion aufkreuzt und Hertha mit einem Sieg auf einen Europapokalplatz springen könnte: Was passiert? Der Gegner gewinnt. Also wird es so oder so nichts mit dem neuen Rekord und die alten, noch lebenden Tasmanen der Saison 1965/66 brauchen nicht zu bangen. Allerspätestens im 30. Spiel gewinnt Schalke wieder. Schade drum.

Überhaupt, Schalke als Absteiger? Man weiß nicht so recht, ob man das „Karlsruhe-Stuttgart-Axiom“ zur Anwendung bringen will. Demnach nimmt der Stuttgart-Fan eine Niederlage des VfB billigend in Kauf, wenn nur der KSC auch verliert (und umgekehrt). Dieses Axiom auf Hertha und Schalke bezogen, würde lauten: Verzichten die Herthaner auf einen Platz unter den ersten Sechs (wonach es allerdings sowie noch lange nicht aussieht), wenn dafür Schalke endlich den verdienten Abstieg erreicht? Gar nicht so einfach zu entscheiden, aber zum Glück haben diese Überlegungen offenbar keinen Einfluss auf des Spielgeschehen. Und wenn doch? Man kann ja nie wissen. Ein Schalker Abstieg wäre keine schlechte Sache, Hertha könnte ein Jahr später immer noch einen Euro-League-Startplatz erreichen, wenn Schalke dann (wie der HSV) in das zweite Zweitligajahr ginge.

P.S.: Das große Ziel „Europa-League-Startplatz“, das mit den 100 und mehr Windhorst-Millionen erreicht werden soll, hat Pal Dardai, wie sich der eine oder andere vielleicht noch erinnert, übrigens ohne jedes Transfer-Geld erreicht. Und das soll heutzutage nicht mehr möglich sein…?

Derbyzeit – schöne Zeit

Nun gut, die von der Boulevardpresse unter gütiger Mithilfe vom einen oder anderen Vereinsvertreter gepushten Fans fiebern dem Derby entgegen. Alle sind glücklich, dass man, anstatt sich im eisigen Olympiastadion sonstwas abzufrieren, bequem in der heimischen Kuschelecke sitzen und das eine oder andere gut gekühlte Gerstengetränk zu sich nehmen kann und nicht in einer überfüllten, coronaverseuchten S-Bahn nach Hause fahren muss. Natürlich traut sich niemand das zu sagen. Die Stimmung fehlt ja. Ogottogott.

Auf einmal geht es um Fußball und nicht um die Rivalität zweier gegeneinander aufgehetzter Stadthälften. Das kann mir alles nur recht sein, Corona sei Dank. Wenn es einen dann im Frühling wieder in die aufblühende Natur zieht, bin ich auch gerne wieder im Stadion. Dass ich in den letzten 57 Jahren Wind und Wetter trotzte und auch in den menschenverachtenden Jahreszeiten Spätherbst und Winter die Spiele stets vor Ort im Freien verfolgte, kann ich im Nachhinein nur als großen Irrtum betrachten, obwohl: Erstens gab es bis vor 25 Jahren keine Übertragungen der Bundesligaspiele und zweitens werde ich, entgegen jeglicher Logik, sofort wieder ins Stadion pilgern, wenn es denn möglich ist.

Was in der Vorberichterstattung so alles erzählt wird, sollte der geneigt Fan mit größter Vorsicht genießen. Union wird allenthalben, mit meist nicht zu überhörender klammheimlicher Freude, als Favorit gesehen. Es kann natürlich objektiv nicht bestritten werden, dass Union, im Gegensatz zu Hertha, einen äußerst erfolgreichen Saisonbeginn abgeliefert hat. Erst eine Niederlage, wohingegen Hertha schon fünf von neun Spielen verloren hat. Was meist nicht gesagt wird, gegen welche Gegner diese Ergebnisse zustande kammen: Union spielte gegen den 7., 8., 9., 12., 14., 15., 16., 17., 18., während Hertha gegen den 1., 2., 3., 4., 5., 8., 9., 10., 11. spielte. Natürlich muss man wie Union in Schalke auch erst mal Unentschieden spielen, erst zwei andere Mannschaften haben dieses Kunststück auch fertig gebracht (während alle anderen gewonnen haben) und Überkreuzvergleiche sind im Fußball nicht zulässig. Trotzdem hätten Hertha und Union beim Programm des jeweils anderen vielleicht auch den entsprechenden Punktestand des anderen. Lange Statistik, kurzer Sinn: So schlecht, wie Hertha gemacht wird, sind sie nicht, so gut wie Union gemacht wird, sind sie auch nicht, bei allem Respekt. Was Unions Trainer Fischer mit bemerkenswertem Realitätssinn gebetsmühlenartig wiederholt ist richtig. Union spielt erst mal gegen den Abstieg, alles weitere kommt später.

Eine andere Mär, um Herthas unbefriedigenden Saisonstart zu erklären, ist die von der nicht eingespielten Mannschaft, während Union ja ein kontinuierlich eingespieltes Team habe. Im letzten Spiel von Union gegen Frankfurt standen vier neue Akteure auf dem Platz, bei Hertha waren es gegen Leverkusen drei Neue.

Als Erklärung, wenn auch nicht als Entschuldigung für Hertha, würde schon eher der dritte Faktor gelten, nämlich dass in den drei Monaten seit Saisonbeginn sechs Wochen, d.h. die Hälfte der Zeit, durch Länderspielabstellungen die Hälfte der Mannschaft bei Hertha fehlte, während es bei Union nur zwei bis drei Spieler waren.

Alle Erklärungen werden das Spiel im Olympiastadion nicht entscheiden. Ein Tipp verbietet sich demnach von selbst.

P.S.: Ich tippe 3:1 für Hertha

Was hat Schalke mit Tasmania und Fritz Walter zu tun?

Mit dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart hat sich Schalke 04 souverän auf den zweiten Tabellenplatz der Mannschaften mit Nicht-Sieges-Serien gesetzt. Nach jetzt saisonübergreifend 22 Spielen ohne gewonnen zu haben, liegt nur noch Tasmania 1900 vor den Gelsenkirchenern, die damals, 1965/66 nach dem 2:0 Heimsieg gegen den Karlsruher SC erst im 32. Spiel Borussia Neunkirchen 2:1 bezwangen.  Da fehlen den Schalker Knappen, die so gar nichts knappenhaftes (Stolz, Ehre, Treue) an sich haben nur noch läppische neun Spiele um gleichzuziehen. Das müsste doch mit einem ambitionierten Trainer wie Manuel Baum zu machen sein. Der Bayer passt schon rein ausstrahlungsmäßig so gut ins Ruhrgebiet, dass man sich nicht zu wundern bräuchte, wenn der Rekord erst von seinem demnächst auftauchenden Nachfolger eingefahren wird. Ganz Fußballdeutschland drückt die Daumen, ganz besonders fest wird in Dortmund gedrückt, und die noch lebenden alten Rekordhalter der Tasmanen, die sich alljährlich zwecks erinnern an alte Zeiten treffen, drücken einerseits mit, würden andererseits ihren „Rekord für die Ewigkeit“ ganz gerne als Alleinstellungsmerkmal behalten.

Apropos Ewigkeit: Heute vor 100 Jahren wurde Fritz Walter geboren, der auch den einen oder anderen Rekord, allerdings stets positiver Art, sein Eigen nennen kann: Die gesamte Karriere bei einem Verein zu spielen (1.FC Kaiserslautern) erscheint heute als ein Relikt aus der Steinzeit. Das Angebot von Real Madrid auszuschlagen, die ihn für ein damals unmoralisches Millionengehalt verpflichten wollten, erscheint heute unvorstellbar. Kapitän der ersten deutschen Weltmeistermannschaft und erster deutscher Ehrenspielführer der Nationalmannschaft sind auch nicht die schlechtesten Referenzen. Und die Dauer seiner internationalen Karriere? Von 1940 bis zum Halbfinalspiel gegen Schweden bei der WM 1958 lagen 18 Jahre, ein Weltkrieg und 61 Länderspiele. Wenn man davon ausgeht, dass es damals nur 5 bis 7 Länderspiele pro Jahr  gab, heute aber z.T. mehr als doppelt soviel, wäre er heute sicher auf 120 Spiele gekommen, die acht Jahre Kriegspause von 1942 bis 1950 berücksichtigt, hätte er schon an der 200-er-Marke gekratzt. Fritz Walter: Ein Mann für die Ewigkeit. Von seinen menschlichen Qualitäten wie Kameradschaft, Bescheidenheit, Treue und absolute Loyalität gar nicht zu reden.

GIbt es heute noch Typen wie den großen Fritz Walter? 

Wieder mit Zuschauern

Nun also doch! Das konnte Manager Preetz nicht auf sich sitzen lassen: Union spielt vor Zuschauern in der Alten Försterei und Hertha hat weiterhin nur Geisterspiele im Angebot. Obwohl der Verein draufzahlt, weil sich die Öffnung des Stadions für Fans und Anhänger erst ab 15.000 Zuschauern lohnt, muss Hertha, um einem Shitstorm ohne Beispiel zu entgehen, Fans ins Stadion lassen. Da man optimistischer Weise mit mehr als 4000 Zahlenden rechnet, werden die begehrten Karten verlost. Leider ist nicht bekannt, wie viele der ca. 20.000 Dauerkartenbesitzer aus der letzten Saison auch gleichzeitig Mitglieder sind. Denn nur diese können sich bei der Verlosung anmelden. 10.000 bis 12.000 werden das sicher sein, deshalb liegt die Chance mit 1:3 ungefähr auf dem Niveau der Rummellosbude, bei der „jedes Los gewinnt“ (Hauptgewinn „Charlottenburg“: Toaster, Riesen-Stoffbär oder Spielesammlung).

Allerdings gibt es schon jetzt wieder die Mäkler und Meckerer, denen man es nie recht machen kann. Sie reden von schlechter Stimmung im öden, leeren Stadion. Das sind offenbar Leute, die glauben, dass Hertha erst um die Jahrtausendwende gegründet wurde. Der Herthaner im gesetzteren Alter kennt die Zuschauerzahlen im Vierstelligen Bereich aus eigener Erfahrung, wobei damals keine Pandemie den Besuch im Stadion verhinderte, sondern die Leistung der Hertha-Mannschaft.

Beispiele gefällig? Im Januar 1984 spielt Hertha gegen Alemannia Aachen 2.2 (nach 0:2-Rückstand zur Pause) vor exakt 3432 Zuschauern.

1994 gewinnt Hertha im Olympiastadion gegen Meppen mit 5:1 und 3.871 sehen bei bestem Augustwetter zu. Kennt noch jemand die Spieler: Sejna – Oliver Schmidt, Rohde, Tanjga – Bremser, Ramelow, Andreas Schmidt, Richter, Hartmann- Deffke, Lünsmann (eingewechselt: Meyer und Klews).

Das ging 15 Jahre in den Achtziger und Neunzigerjahren so. Keine schöne Herthazeit, aber man ist ja gebürtiger Anhänger.

Wer nur der Stimmung wegen ins Stadion geht, kann auch gleich in die Sky-Kneipe gehen, da ist die Stimmung mit steigendem Alkoholpegel immer angemessen und im Fernseher sieht man sowieso besser als im Stadion. Wer sich für Fußball interessiert und nicht krank ist, geht ins Stadion, egal ob 4.000 oder 75.000 erwartet werden. Als Fan bleibt man nicht zuhause, wenn Hertha spielt…   

Warum floh Klinsmann wirklich?

Mitte Februar verließ Jürgen Klinsmann Hals über Kopf seinen Verein, kurz bevor dieser die Champions-League-Qualifikation geschafft hatte. Was damals niemand ahnte, jetzt aber sonnenklar auf der Hand liegt, ist die Tatsache, dass Klinsmann nicht wegen angeblicher Differenzen mit seinem Kumpel Micha Preetz das Weite suchte, sondern die heranrollende Corona-Pandemie der Grund war. Es gibt eben Menschen, zu denen Jürgen „the wise light“ Klinsmann zweifelsfrei gehört, die etwas mehr Durchblick als der biedere Normalbürger haben. Man entdeckte zwar erst Anfang März die ersten Corona-Infizierten in Berlin, aber wer eins und zwei addieren kann (oder, damit es sich leichter rechnet: eine und zwei Millionen Euro), wusste, dass die Machtübernahme von Corona nur eine Frage der Zeit war. Natürlich hatte Klinsi keine Angst vor eventueller Ansteckung, obwohl er ja altersmäßig von der besonders gefährdeten Gruppe nicht mehr allzu weit entfernt ist. Nein, es war die Abneigung gegen das wochenlange Nichtstun und die stornierten USA-Heimflüge, bei gleichzeitig weiter fließenden Millionen, die ihn, bescheiden wie er nun mal ist, die Reißleine ziehen ließen. Wir ziehen also den Hut vor „Uns Jürgen“, der dem Verein unnötige Ausgaben ersparen wollte. Aber dass Undank der Welt Lohn ist, kennt man ja schon aus der Bibel.

Dass Klinsmann die Corona-Pandemie selber aus seinem Weihnachtsurlaub nach Europa eingeschleust hat, wäre der Spekulation vielleicht etwas zu viel, aber man weiß ja nie…

Und was machen wir nun mit dieser verkorksten Saison?

Die Vereine wollen sie auf jeden Fall beenden, um die ausstehende dreiviertel Fernseh-Milliarde nicht zu gefährden. Verständlich. Geisterspiele sind zwar nicht schön, aber immerhin Spiele. Und wenn die Zeit im Mai und Juni (oder vielleicht auch im Juli) trotz etlicher englischer Wochen nicht ausreichen sollte? Den jetzigen Stand werten, verbietet sich, da wären ja die Bayern kampflos Meister. Allerdings stiege Hertha nicht ab, hätte also auch sein Gutes, der Vorschlag. Wenn alle Stricke reißen, könnte man sich ja auf Elfmeterschießen statt der Spiele einigen. Sportlich fairer als Saisonannullierung oder gar Losen wäre das allemal. Distanz ist reichlich vorhanden, geduscht werden muss auch nicht und man könnte locker zwei Spiele am Tag (vormittags und nachmittags) bestreiten. Abendshootout verbietet sich, da könnten die Spieler ja gar keinen Alkohol mehr trinken. Und ein bisschen Freude im Leben muss es ja auch in Corona-Zeiten noch geben…

Kurzarbeit Null und die Großzügigkeit der Profis

Die Spieler von Juventus Turin aus Italiens Serie A haben gerade wegen der Corona-Krise auf vier Monatsgehälter verzichtet, was 90 Millionen Euro ausmacht. Wer die Grundschule länger als bis zur dritten Klasse besucht hat erkennt glasklar, dass die Spieler somit 270 Millionen Euro im Jahr verdienen, bzw. erhalten. Bei angenommenen 27 Spielern im Kader ergäbe das ein Durchschnittsgehalt von 10 Millionen per anno. Auch wenn es bei vielen finanziell etwas eng werden sollte, müssen die meisten Spieler nicht sofort ihre Lebensmittel bei der Tafel abholen. Wenn es doch nötig werden sollte, kann man sich durch die Schutzmaske zum Glück relativ gut tarnen. Trotzdem: Wenn die 90 Millionen für die Gehälter der Club-Bediensteten bereitstehen würden, könnten sich einige Familien weiter abends eine Flasche Rotwein leisten.

Gehen wir nach Deutschland: Dortmunds Kader verdient nach mehr oder minder offiziellen Angaben 150 Millionen Euro pro Jahr, d.h., diese (aus Juventus-Sicht) Hungerleider erhalten nur ca. fünf Millionen im Durchschnitt. Auch wenn man davon nicht wirklich gut leben kann, müssten die Spieler entsprechend dem italienischem Vorbild immerhin 50 Millionen in den Topf werfen. Davon könnten 50 Angestellte je eine Million im Jahr erhalten oder 500 Bedienstete je 100.000 Euro. Dann bekämen auch der Ticketverkäufer oder der Ordner am Eingang mal etwas mehr als den Mindestlohn. Und da man ja die Leute nicht verwöhnen soll, könnten überschüssige Beträge auch für soziale Zwecke oder den Amateurfußball verwendet werden. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Die Sache hat nur den kleinen Haken, dass zwar von vielen Spielern (zuerst von Borussia Mönchengladbach und Unions Torwart Giekiewicz) die Bereitschaft zum Gehaltsverzicht kundgetan wurde, bisher aber von niemandem auch nur ansatzweise eine Zahl (in Prozent oder absoluter Höhe) genannt wurde. Die 2,5 Millionen Euro der Nationalspieler lassen da Schlimmes befürchten. 100.000 Euro je Spieler ist zwar für den Normalverdiener fast wie ein Sechser im Lotto, für die Profis aber gerade mal ein Wochengehalt.

Glaubwürdigkeit bekämen alle Großverdiener in der Bundesliga (also auch Trainer und Manager) erst, wenn sie das Gehalt für die gesamte Dauer der spielfreien Zeit spenden würden, denn dass man für Trimm-dich-Radfahren in der eigenen Villa Geld bekommen soll, ist ja wohl kaum einem Fan zu vermitteln.

Dann, und nur dann, könnte der Dauerkartenbesitzer aus Solidarität mit seinem Verein auch darauf verzichten, den Geldanteil für die nicht im Stadion gesehenen Spiele zurück zu erhalten.

 

Noble Bayern in der Corona-Krise?

Alle Dinge haben zwei Seiten: Das Bier schmeckt am Abend so gut, der Kater am nächsten Morgen fühlt sich so schlecht an. Alles blüht in der Natur, der Allergiker verdammt die Pollen und bekommt keine Luft mehr.

Auch Corona hat nicht nur schlechte Seiten: Viele tausend Kranke und einige hunderttausende, die noch dazu kommen werden (von Toten mal ganz zu schweigen) und andererseits ein Sonnabend ohne Stress im Stadion und danach Gehetze zur Sportschau. Herrliche Entschleunigung. Jetzt genau säße ich im Stadion und würde dem hochgepushten Derby entgegensehen, von „fiebern“ wollen wir in diesen Zeiten nicht reden. Übersteht Hertha mal die ersten zehn Minuten ohne zwei bis drei Gegentore? Haben die Spieler Lust Stadtmeister zu werden oder haben sie die erbärmliche Nichtleistung aus dem Hinspiel in Köpenick schon verdrängt? Nein, ich kann auf diese Fragen gut verzichten. Von mir aus ist die Saison ab sofort beendet. Vorteile? Hertha steigt nicht ab. Und der HSV darf sich noch ein Jahr in der besten zweiten Liga der Welt ausruhen.

Ganz so absurd sind diese Gedankenspiele nicht, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Glaubt jemand ernsthaft, dass die Saison noch beendet werden kann? Man benötigte mindestens fünf Wochen, um in mehreren englischen Wochen die neun Spieltage zu absolvieren. In China gibt es jetzt nach mehr als drei Monaten keine Neuinfizierten mehr.  Auf Deutschland übertragen wäre das Anfang Juni. Aber wir sind nicht China. Bei uns gibt es noch Öffentlichen Nahverkehr als Hauptansteckungsquelle und die Partygänger sind auch noch am Feiern. Also dauert die eingeschränkte Zeit noch mindestens bis Anfang Juli. Dann könnte man die Saison verlängern, im Juli/August die Saison beenden und nach kurzer Pause Ende September wieder, vielleicht sogar mit Zuschauern, neu starten.

Aber sicher ist das alles nicht. Vielleicht gibt es im Jahre 2020 nach fast hundert Jahren wieder einmal keinen Deutschen Meister (von den Kriegs- und Nachkriegsjahren 1945 bis 1947 mal abgesehen): 1922 gab es nach zwei unentschieden endenden Endspielen zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg mit endlosen Verlängerungen bei mörderischer Hitze (Elfmeterschießen war unbekannt) keinen Meister, weil der HSV, dem der Titel zugesprochen wurde, letztlich auf die Meisterschaft verzichtete. Wie schön wäre es, wenn die Bayern nur einmal so nobel sein könnten…

Soll Preetz aus Uerdingen lernen?

Die Ultras zeigten im Spiel gegen Dortmund viele schöne Spruchbänder. Das schönste lautete zweifellos: „10 Jahre – 12 Trainer – 1 Verantwortlicher“

Abgesehen davon, dass es nicht zwölf Trainer sondern nur neun waren, sollten die Verfasser mal nach Uerdingen schauen: in 19 Monaten gab es dort acht verschiedene Trainer, weil der russische Investor offenbar etwas mehr Speed braucht als der grundsolide Preetz. Vielleicht sollte der Hertha-Manager noch ein bisschen am Geschwindigkeitshebel des Trainerkarussells drehen, damit die Ultras sehen, dass noch viel mehr geht. Das Blöde ist nur, dass das ständige Auswechseln des Trainers ja nicht im Entferntesten Erfolg hat, wie Uerdingen, der HSV oder auch Stuttgart oder Köln glanzvoll beweisen. Andererseits sind neun Trainer in 10 Jahren auch kein Pappenstiel, auch wenn, außer Freiburg, wohl jeder Bundesligist eine ähnliche Traineraustauschbilanz aufweist. Und viereinhalb Jahre Konstanz, wie zuletzt bei Dardai, zeigen ja, dass Trainer nicht aus Jux und Dollerei gewechselt werden, sondern dass es meist zwingend nötig war. Eine kleine Chronologie gefällig?

Favre war nach der verpassten Meisterschaft 2009 ausgebrannt und mental und körperlich am Ende.

Funkel wurde nach etlichen Niederlagen nicht entlassen, sondern durfte mit Hertha absteigen (nach teilweise großartigen Spielen in der „Aufholjäger-Rückrunde). Es waren vor allem die Fans der Ostkurve, die Funkel nicht in der zweiten Liga sehen wollten (wie sie ja überhaupt immer die ersten sind, die „Trainer raus“ schreien).

Babbel musste nach eineinhalb Jahren gehen, weil es Probleme außerhalb des Fußballgeschehens gab, wie alle wissen.

Skibbe war der einzige Fehlgriff des Managers, wer kann aber schon sagen, ob es mit ein bisschen Geduld nicht doch besser gelaufen wäre. Nach vier Niederlagen und einem unglücklichen Pokal-Aus durfte Skibbe zum Arbeitsamt.

Das Ein-Spiel–Gespann Widmayer/Covic überspringen wir der Einfachheit halber.

Rehhagel war von vorneherein nur als Kurzzeit-Retter vorgesehen, was er auch fast geschafft hätte, wenn Herr Stark in der Düsseldorfer Relegation nach offiziellen Fußball-Regeln gepfiffen hätte und nicht nach Provinz-Stammtisch-Regelauslegung.

Luhukay durfte aufsteigen, nicht absteigen und noch 19 Spiele lang langweiligen Fußball zelebrieren lassen und auch die Ostkurve war damals nicht unzufrieden, als er gehen musste.

Dardai stabilisierte die Mannschaft, sein Fußball war nicht immer schön, aber im Rahmen der Möglichkeiten viereinhalb Jahre lang erfolgreich.

Covic sollte ein Nachfolger mit Hertha-Gen werden, der aber das nötige Glück nicht auf seiner Seite hatte. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen kann: Fünf Punkte zu wenig und ein hergeschenktes Derby.

Klinsmann, der neunte in der Preetzschen Trainergalerie, soll mit seinem neuen Stab diese Punkte holen, Union im Rückspiel schlagen und nach der Saison Platz machen für Nico Kovac. Es gibt keine Garantie, dass das gelingt. Wenn doch, hat Preetz insgesamt nicht so viel falsch gemacht, was die Trainerfrage angeht. Dazulernen ist natürlich nicht verboten. Aber bitte nicht von Uerdingen…

Hertha und die DFB-Justiz

Selber Schuld: Wer in einem Stadtderby so desinteressiert spielt wie Hertha am Sonnabend in der Alten Försterei, muss sich nicht wundern, wenn er plötzlich statt der erhofften Europapokalplätze einen Abstiegsplatz in unmittelbarer Reichweite verspürt. Ob der Elfmeter nun berechtigt war oder nicht, Union hatte sich den Sieg als etwas bessere von zwei schlechten Mannschaften redlich verdient. Wie man mit dieser Einstellung auch nur ansatzweise eine Chance gegen RB Leipzig haben will, können nicht mal die Fußballgötter wissen.

Jeder weiß aber, dass es von Seiten des DFB Strafen gegen Union und vor allem gegen Hertha geben wird. Dabei geht es weniger um die Unterstützung des trüben Flutlichts im Köpenicker Stadion durch bunte Leuchtfeuer auf den Tribünen (sonderbarer Weise machten die Unioner mit bei diesem Unsinn der Selbstdarstellung, eigentlich zündelt man als korrekter Ultra nur Auswärts), als um das Schießen mit Signalmunition auf den Rasen und in die Zuschauerblöcke von Hertha-Seite und den vom großartigen Union-Torwart Gikiewicz fast im Alleingang zurückgeschlagenen Platzsturm etlicher vermummter Union-Ultras. Als es den letzten Platzsturm von 50 Chaoten im Olympiastadion 2010 nach dem verlorenen Abstiegsduell gegen Nürnberg gab (keine Verletzten, 50 € Sachschaden) musste Hertha im nächsten Heimspiel auf die Unterstützung der gesamten Ostkurve verzichten. Sippenhaft also, in der normalen Rechtsprechung verboten, vom DFB kalt lächelnd verhängt: Es ging ja gegen Hertha und nicht etwa gegen Schalke. Mal sehen, wie die Strafe gegen Union ausfällt. Eine Wette, dass es keinen Zuschauerausschluss gibt, nehme ich ab sofort an.

Und die Strafe für Hertha? Den Verein für die Verbrecher, die auf Menschen geschossen haben, verantwortlich zu machen, ist rechtlich sicher problematisch. Es handelt sich ja wahrscheinlich nur um zwei bis drei verrückte oder nichtzurechnungsfähige Menschen, die aus der Gruppe der 2500 heraus die zehn bis zwanzig Schüsse abgegeben haben. Zweifellos ein Fall für Polizei und Staatsanwaltschaft und weniger für die Amateurjuristen des DFB. Und für die große Anzahl der Anhänger einschließlich der Ultras, die erkennen müssen, dass es keine Denunziation ist, die Schützen zu benennen, sondern die Aufklärung einer Straftat, einer extrem vereinsschädigenden noch dazu. Das wäre doch mal was, wenn die Täter von den Herthanern selber ausgeliefert werden würden. Wahrscheinlich ist das aber nur naives Wunschdenken.

Eine Geldstrafe kommt in jedem Fall auf beide Vereine zu. Schade um das schöne Geld…Und bei Hertha, weil es eben Hertha ist, wird es noch ordentlich was obendrauf geben…