Alle Beiträge von klaus b

Wieder mal ein neuer WM-Modus

Signore Infantino bereichert den Diskurs über die unendliche Geschichte der Veränderung der WM-Endrunden mit einem witzigen Einfall: Eine WM mit 48 Teilnehmern und vor der Gruppenphase eine k.o.-Runde. Das macht erstmal 24 Spiele, die das Fernsehen schön vermarkten kann. Leider haben wir danach die unselige Zahl von 24 Teilnehmern, die es auch früher schon mal gab, was bedeutet, dass sich auch Gruppendritte qualifizieren, mit all den Ungerechtigkeiten dieses Systems. Dann doch gleich eine Aufstockung auf 64 Teams und vor der 32-er Gruppenphase eine k.o.-Runde, womit 64 Mannschaften als WM-Teilnehmer gelten würden und das Fernsehen weitere 32 Spiele übertragen könnte. Bisher ist die Geschichte der WM-Endrunden eine Geschichte der Expansion. Waren 1930 gerade einmal 13 Mannschaften in Uruguay dabei, so sollte sich die Zahl 16 bald etablieren. Aber auch hier gab es viele Varianten der Organisation. Nach vier Vierergruppen das k.o.-System, teilweise zwei Gruppen der letzten acht, deren Sieger das Finale bestritten, 1950 eine Vierer-Finalrunde ohne Endspiel(!), 1954 zwar auch Vierergruppen in denen aber nicht jeder gegen jeden spielte, sondern dubiose Setzlisten zur Geltung kamen (Deutschland gegen die gesetzte Türkei und Ungarn, Südkorea ebenfalls gegen beide Gegner; wirres System mit dem Entscheidungsspiel gegen die Türken). Dann 24 Mannschaften (siehe oben) und zuletzt 32 Mannschaften in Vierergruppen und anschließend k.o.-Spiele. Dieses System hat sich als das beste, interessanteste und gerechteste erwiesen. Die jetzige Herumdoktorei ist entweder im Geltungsdrang der neuen FIFA-Führung zu sehen oder sie entspringt der Erkenntnis, dass immer mehr Spiele immer höheren Gewinn, teilweise vielleicht auch auf dem einen oder anderen Privatkonto eines Funktionärs, versprechen. Soll ja vorkommen so was…

Klar ist, dass Infantinos Vorschlag nicht das Ende der Fahnenstange ist. So wie bei Computerchips das Ende der Entwicklung (wahrscheinlich) erst dann erreicht ist, wenn Leiterbahnen Molekülgröße erreicht haben, ist das Ende der WM-Endrunden-Teilnehmerzahl erst dann erreicht, wenn alle Länder der Erde daran teilnehmen (durch Stückelung, wie es ja historischer Weise mit Großbritannien in England, Nordirland, Wales und Schottland schon der Fall ist, könnte man die Zahl natürlich locker von 200 Staaten in 400 oder 800 Teilstaaten erhöhen). Bei 200 Staaten (einige der 211-FIFA-Mitglieder müssten allerdings eine Qualifikationsrunde durchstehen) hätte man dann 50 Vierergruppen, das ergibt schon mal 300 Spiele, bis die letzten 100 ermittelt sind. 25 weitere Vierergruppen bedeuten weitere 150 spannende Begegnungen. Wenn nur der Sieger weiterkommt, haben wir 25 Qualifikanten, die wir mit den sieben besten Dritten auffüllen, um wieder zur jetzigen 32-er Anzahl zu kommen. Eine WM-Endrunde würde ungefähr zwei Jahre dauern, was kein Problem darstellt, da der Großteil der Qualifikationsspiele ja wegfallen würde. Es gibt dann eben kein Sommermärchen mehr, sondern die „Märchenjahre“… Unrealistisch erscheint mir das nicht. Und auch Gibraltar oder die Malediven können sich im Briefkopf „WM-Teilnehmer“ bzw. natürlich „FIFA-WM-Teilnehmer“ nennen.

Ob ich allerdings bei meiner Tradition bleibe, mir jedes Endrundenspiel anzusehen, weiß ich noch nicht. Vielleicht schwänze ich die zweite Halbzeit von Nepal gegen Guayana…

Wer hat Angst vor gepinktem Magenta?

„Herthas Farben bleiben blau-weiß“ sagen uns die Banner in der Ostkurve. Wahrscheinlich gibt es niemand im weiten Erdenrund, der das bestreiten würde, selbst die Satzung wurde auf einer der letzten Mitgliederversammlungen in diesem Sinne geändert bzw. erweitert. In Frankfurt spielte Hertha nach dem Pokalspiel in Regensburg zum zweiten Mal in dieser Saison in einem absurden angepinkten Magenta, nicht lila, violett aber auch nicht das süße rosa, das die HSV-Spieler und Tim Wiese einst trugen, als dieser noch scheinbar ein ernstzunehmender Sportler war. Die Trikotfarbe, in der die Herthaner in Frankfurt auflaufen mussten, gibt es eigentlich nicht, sie entspringt wahrscheinlich den bizarren Gedankengängen eines egozentrischen Farbdesigners, der nach dem dritten Cocktail und einer gesnifften Linie genau diese Farbvision hatte und sie mit Hilfe seines Rechners am nächsten Morgen entsprechend hinbastelte. Dass der Fortschritt der  chemischen Industrie die Realisierung dieses Wahnsinns ermöglicht, ist zwar traurig, aber nicht zu ändern.

Übrigens: Dass Hertha in Frankfurt weder im traditionellen blau-weiß-gestreift noch im weißen Auswärtstrikot spielen konnte, ist der Tatsache zu verdanken, dass die Frankfurter Eintracht in dieser Saison im schwarz-weißen Gefängnisgitterlook spielen muss. Die Verwechslung mit den ebenfalls überwiegend weißen Hertha-Trikots ließ dem Schiedsrichter keine andere Wahl.

Den spätgeborenen Herthafans sei aber bei aller Berechtigung ihrer Kommerzkritik noch gesagt, dass es seit Beginn der Bundesliga 1963 beileibe nicht immer nur blau-weiß-gestreifte Trikots bei unserer Hertha gab. Auch damals spielte man manchmal in blauen, in weißen oder in den „richtigen“ längsgestreiften Jerseys. Schon in den späten Sechzigerjahren spielte Hertha aber des Öfteren in schwarz-rot-gestreift. Ungern erinnern wir uns an die Achtziger mit den babyblauen Sparkassentrikots oder die mit amerikanischen Sternen versehenen Hemden der Auf- und Abstiegssaison 1991/92. Mit dem Wiederaufstieg 1997 gab es als Erinnerung an die Gründerzeit Anfang des 20.Jahrhunderts die quergestreiften Hemden, die man heute noch manchmal stolze Anhänger tragen sieht. Es gab aber auch die grauen, roten (mit Berliner Bären!) und gelben Auswärtstrikots. Außer grün war also alles schon mal dagewesen. Vielleicht sollten wir uns nach dem Bremer Abstieg in Gedanken schon mal an die kommende Ausweichtrikotfarbe gewöhnen…

Ausverkauftes Stadion gegen Schalke? Von wegen…

Aus der Not eine Tugend machen: Diesen Wahlspruch hat Herthas Sportvorstand Michael Preetz offenbar perfekt verinnerlicht. Die Finanzlage des Vereins ist immer noch schwierig. Während zu Hoeness’ Zeiten mit waghalsigen Finanzierungsmodellen bzw. mit dem Verkaufen der Zukunft, indem die noch gar nicht generierten möglichen Gewinne  der Zukunft schon mal in der Gegenwart verbraten wurden, Spieler auf gut Glück verpflichtet wurden (was natürlich langfristig schief ging und den Verein fast in den Ruin getrieben hätte) hält sich Preetz auf dem aus den Fugen gehenden Transfermarkt wohltuend zurück. Drei Spieler wurden verpflichtet, keiner davon war bisher in der Startelf. Duda noch verletzt, Allan Souza noch nicht soweit, Lustenberger, Stark oder Skjelbred ersetzen zu können und Esswein nur zweimal als Joker eingewechselt. Das ist zwar vielleicht schon etwas zuviel der Kontinuität, die sich die Anhänger in einer Zeit wünschen, in der bei nicht wenigen Vereinen bis hinab in die unteren Amateurligen jede Saison 15 neue Spieler kommen und siebzehn gehen, aber es ist offensichtlich erfolgreich. Von fünf Pflichtspielen wurden vier gewonnen (nur das verdammte eine Gegentor zuviel gegen Bröndby stört in dieser Bilanz) und Hertha hat den historischen Zwei-Siege-Bundesligastart wahrgemacht. Wer von leichten Gegnern spricht: Freiburg hat Champions-League-Teilnehmer Gladbach immerhin gerade aus dem Dreisamstadion gefegt und Ingolstadt hatte 2016 zuhause bisher nur gegen Bayern verloren.  Früher wäre die BZ am Montag blau-weiß-gestreift erschienen und beim nächsten Spiel gegen die Gelsenkirchener Freunde wären ins Olympiastadion 85.000 Zuschauer gekommen (um sich dann todsicher eine vernichtende Niederlage anzusehen). Ob heute irgendein noch schlafender Hund hinter dem Ofen hervorgelockt wird, um den Tabellenzweiten Hertha gegen den Tabellenletzten oder -vorletzten Schalke zu sehen, wird man sehen. Die üblichen 50.000 plusminus 10 % werden sicher im Stadion sein… Preetz überbot sich auf der letzten Pressekonferenz leider wie so oft im Absondern von Binsenweisheiten („Es ist wichtig, in welche Richtung der Ball rollt“, „Die Rahmenbedingungen für ambitionierte Ziele müssen verbessert werden“ oder „Die Fehlerkultur muss bei Hertha gelebt werden“) ohne jedoch konkret zu benennen, wie er den von ihm angestrebten Zuschauerschnitt von 60.000 denn nun erreichen will. Man kann die Menschen, die aus Deutschland und aller Welt nach Berlin ziehen ja nicht ins Stadion prügeln. Und der sportliche Erfolg (siehe Vorjahr) scheint keine Rolle mehr zu spielen. Wenn Preetz’ Maßnahmen die Zuschauerzahl betreffend zum Erfolg führen, kann er nach jetzt 20 Jahren bei Hertha getrost sein 30-jähriges Jubiläum anpeilen…

Herthas grundsolide Saisonplanung

Bei Hertha geht man für die Saison 2016/17 von 49.950 Zuschauern im Durchschnitt aus, man erwartet 45 Punkte und hofft auf das Erreichen der dritten Pokalrunde. Immerhin sind, anders als in vielen früheren Jahren, als man häufig in der ersten Runde ausschied, noch alle Ziele erreichbar (für die Europa-League wurde glücklicherweise kein offizielles Saisonziel ausgegeben). Die Ziele im Einzelnen lassen durchaus auf einen gewissen Sinn für Humor bei den verantwortlich Handelnden schließen: Bei der Zahl von 49.950 als erhofftem Zuschauerschnitt, kann man sich vor dem geistigen Auge die hitzige Diskussion zu später Stunde nach dem einen oder anderen Getränk vorstellen, als Protest gegen die 50.000 eingelegt wurde, die 48.256 vom Vorjahr aber doch übertroffen werden sollten. Für die Mitte, nämlich 49.128, ergab sich wegen der krummen Optik auch keine Mehrheit („noch `n bissken wat drufflejen“), sodass sich schließlich die Optimisten durchsetzten.

Das sportliche Ziel mit 45 Punkten und der dritten Pokalrunde ist insofern sympathisch, weil hier ganz bescheiden ein deutlicher Rückschritt quasi amtlich eingeplant wird. Durchaus realistisch, aber wenn der Saisonstart gelingt, und die erwartete Heimniederlage gegen Aufsteiger Freiburg vermieden wird, kann man mit einer 15-Siege-Serie bereits eine Woche vor Weihnachten das Plansoll erfüllt haben und über die Feiertage auf Malle die Getränkevorräte prüfen. Zur Erwartung des Erreichens der dritten Pokalrunde erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Nebenbei: Die Fußball-Woche-Redaktion lässt sich nicht lumpen, vor jeder Saison eine Prognose quer durch die Ligen, von der Bundesliga bis zur 11.-klassigen Kreisliga C zu veröffentlichen. Die Herren Bläsig, Doneck, Fritzsche und Metzel lassen uns an ihrem geballten Fußballsachverstand teilhaben. Alle vier tippen Darmstadt 98 als Tabellenletzten und immerhin drei Kollegen sehen Bayern München als kommenden Meister.

Im großen und ganzen ist die Prognose, wie immer in den letzten Jahren, ein fast getreues Spiegelbild der letzten Abschlusstabelle, was soll man sonst auch sagen, wenn man nicht ausgelacht werden will? Dass es meistens anders kommt, als man denkt, ist klar. Was ich schon immer machen wollte, jedes Mal aber vergessen habe: Am Saisonende werde ich die Prognose mal auf ihre Stimmigkeit untersuchen, der Artikel wird fein säuberlich abgeheftet und als Zur Wiedervorlage deklariert.

P.S.: Hertha landet in der Prognose auf den Plätzen 12, 10, 12 und 9. Macht im Durchschnitt Platz 11. Dafür waren in der vergangenen Saison 40 Punkte nötig. Das heißt also Abstiegskampf bis zum Abwinken. Hab’ ich eigentlich gar keinen Bock drauf…

Pal Dardai und die Körpersprache

Immerhin: Hertha hat nach durchwachsener Vorbereitung (u.a. 0:3 gegen AZ Alkmaar und 1:4 gegen SSC Neapel) und dem unnötigen Ausscheiden in der Europaleague-Qualifikation gegen Bröndby die erste Runde im DFB-Pokal überstanden, wenn auch traditionell mit Hängen und Würgen. Laut Sepp Herbergers Zitatefüllhorn spielt man immer so stark, wie es der Gegner zulässt und Regensburg spielte teilweise hervorragend, kein Wunder nach dem erfolgreichen Saisonstart als Tabellenführer der 3. Liga. Die Bayern spielen gutes Zweitliganiveau und Hertha spielt momentan leider nicht viel mehr. Die Mannschaft scheint da weiterzumachen, wo sie in der Rückrunde der vorigen Saison aufgehört hat: Mit vor allem in der Abwehr verunsichertem, teilweise uninspiriertem Fußball (nur 18 Punkte in der Rückrunde!). Es fehlt offensichtlich ein Impuls von außen, seien es ein oder zwei neue Spieler (wo sind Duda und Allan?) oder ein neues taktisches Grundgerüst. Nur ein neuer Kapitän scheint nicht zu reichen, obwohl Dardai wahrscheinlich genau den Impuls von außen setzen wollte, als er Lustenberger entmachtete. Wer Pal Dardai auf der Pressekonferenz vor dem Regensburg-Spiel gesehen hat, wird sich mit Wehmut an die Zeit vor einem Jahr erinnern, als Dardai frisch, unbekümmert, verschmitzt und stets gut gelaunt wirkte. Davon ist kaum noch etwas zu sehen. Dardai wirkt bedrückt, genervt, angefressen. Geht dem Ungarn der Tainerjob so an die Nieren? Man glaubt es eigentlich nicht, aber wenn die Mannschaft nicht kurzfristig in die Erfolgsspur zurückfindet (und das bedeutet nicht, dass sie um die Champions-League-Plätze mitspielen muss), erscheint ein Rücktritt von Pal Dardai noch in der Hinrunde nicht ausgeschlossen. Denn das merkt er sicher selber: Er ist nicht mehr der alte Dardai! Hoffentlich kommt es nicht dazu und die Mannschaft erzielt Ergebnisse, die einen Trainerwechsel überflüssig machen. Im schlimmsten Fall trainiert Dardai aber wieder eine Jugendmannschaft von Hertha. Mit Zecke Neuendorf steht der nächste Insider-Trainer schon bereit…

Herthas Pokalsaison nach dem Bröndby-Aus

Das Pokalspiel gegen Jahn Regensburg wurde von Sonnabend auf Sonntag verschoben, damit Hertha nach dem Rückspiel der 4. Qualifikationsrunde der Europaleague einen Tag mehr zum Verschnaufen habe. Erstaunlich daran ist nicht nur, dass der DFB überraschenderweise Herthas Gesuch stattgegeben hatte, sondern vor allem, dass man wie selbstverständlich davon ausging, dass Hertha die erste Runde überstehen werde. Wir und die Verantwortlichen wurden in Kopenhagen eines Besseren belehrt: Zwei individuelle Fehler  waren einer zu viel. Das Ergebnis täuscht etwas über die Leistung hinweg, denn nach dem schnellen 0:1 kam Hertha zurück, machte das Spiel und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleich. Auch nach dem 1:3 spielte nur noch Hertha und erarbeitete sich auch eine Reihe recht guter Chancen. Wenn eine davon zum Tor geführt hätte, würde niemand mehr ein Wort der Kritik über die Mannschaft verlieren. Aber so?

Im vorigen Jahr wurde die überaus erfolgreiche Hinrunde vor allem mit dem guten Start in die Saison begründet. Wenn jetzt nach dem deprimierenden Aus auf der geplanten Reise durch Europa auch in der ersten DFB-Pokalrunde in Regensburg verloren wird, was angesichts des Regensburger Saisonstarts mit zwei Siegen in der 3. Liga nicht unmöglich erscheint, muss man für die Bundesligasaison schwarzsehen. Was für Hertha spricht? Die eingespielte Mannschaft (erst zwei Neuverpflichtungen!), die letzte, erfolgreiche Pokalsaison, nach der die Spieler eigentlich auf den Geschmack gekommen sein müssten und nicht zuletzt: Hertha hat dank des klugen Managements einen Tag länger für die Vorbereitung…

Hertha und die Brasilianer

Ohne einen einzigen Neuzugang (Duda ist für die Europaleague-Qualifikation gesperrt) gewann Hertha am Donnerstag gegen Bröndby IF in erstaunlich flotter Art und Weise. Wenn man an quälende Saisoneröffnungen früherer Jahre denkt, muss man feststellen, dass offensichtlich in den vergangenen Wochen auf den Punkt genau hingearbeitet wurde. Was natürlich noch nicht bedeutet, dass Hertha im Schongang in die nächste Runde einziehen wird. Aber ein Unentschieden kann man Hertha in Kopenhagen durchaus zutrauen. Die Chancen aufs Weiterkommen sind von 55:45 auf 65:35 gestiegen, mehr nicht.

Aus heutiger Sicht erhebt sich aber nach dem Gesehenen die Frage, ob Hertha überhaupt Neuzugänge braucht? Duda ist da und wird die taktischen Variationsmöglichkeiten enorm vergrößern und ein kleiner Brasilianer namens Allan nahm am Probetraining teil. Wie bei Cottbus viele Rumänen unter Vertrag waren und Freiburg vor einigen Jahren eine Handvoll Wilis aus Georgien in den eigenen Reihen hatte, spielten für Hertha etliche Brasilianer in der Bundesliga, nicht zuletzt weil Dieter Hoeness gerne mal nach Brasilien jettete und neben Vertragsverhandlungen wohl auch das Drink- und Strandleben zu genießen wusste.

Herthas erfolgreichster Brasilianer ist natürlich Marcelinho, der von 2001 bis 2006 in 155 Spielen 65 Tore schoss, womit er 4. in der Hertha Torschützenliste ist. Raffael (2007 bis 2012) folgt mit 140 Spielen und 33 Toren, davon allerdings 30 Spiele und 10 Tore in der zweiten Liga. Bruder Ronny, der momentan seinen genialen 4-Jahres-Vertrag aussitzt, hat 112 Spiele und 27 Tore auf seinem Konto (55 Spiele/20 Tore in der 2. Liga).

Gilberto, von vielen schon fast vergessen, spielte zwischen 2004 und 2008 101 Mal für Hertha und erzielte dabei 14 Tore, während Alex Alves, unvergessen und zu früh verstorben, in 81 Spielen 25 Tore schoss. Und was für welche!

Außerdem gab es von 2008 bis 2010 einen Cicero (63/10), von 2006 bis 2008 Mineiro (36/2), 2002 bis 2004 Luizao (26/4), 2007/2008 André Lima (15/2), 2008 bis 2011 Kaka (15/1), 2002/03 Nene (10 Spiele) und der unglückliche Lucio, der sich so schwer verletzte (2007 bis 2009: 10 Spiele, 1 Tor). Weiterhin Rodnei 2008/09 (9 Spiele), Leandro Cufré (2008/09, 5 Spiele) und Cesar (2009/10, 3 Spiele).

Viel Masse aber auch große Klasse! Vielleicht wird sich das Talent Allan, wenn er nur zu einem Bruchteil an seinen großen Namensvetter Allan Simonsen (Europas Fußballer des Jahres 1977) anknüpft, in die Reihe der brasilianischen Herthaner einreihen können.

Hertha und der „Europapokal“

Natürlich hat der Begriff „Europapokal“ längst ausgedient, er stammt aus einer Zeit, als man Dauerlauf betrieb und noch nicht joggte und als noch sechs Schraubstollen unter dem Fußballschuh statt einer Batterie von Plastikklötzchen Kreuzbandrisse den Skiläufern überließen. Nun gut, es kann nicht alles schlechter werden. Champions-League und Europa-League sind auch eindeutiger als EC I, II und III, wie es in der verblichenen DDR so schön buchhaltermäßig klang.

Weil Hertha am Ende der vorigen Saison etwas schwächelte, bzw. wieder im Normalmodus der letzten Jahre werkelte, muss man in die Doppelqualifikation, um in die Gruppenphase der Europa-League einzugreifen. Bröndby IF ist weiß Gott keine Altherrentruppe, sondern eine international erfahrene Mannschaft. Als Hertha 2009  im letzten Spiel beim Absteiger KSC mit einem 0:4 die Champions-League-Qualifikation verpasst hatte und in die Europa-League Quali musste, verlor Hertha in Kopenhagen 1:2. Im Rückspiel lief man im Jahn-Sportpark lange einem 0:1 hinterher, bis nach dem Ausgleich 10 Minuten vor Schluss ein gewisser Pal Dardai einen abgewehrten Eckball volley entgegen seine sonstige Gewohnheit zum 2:1 ins Netz schmetterte. Die Verlängerung blieb der zahlenden Kundschaft durch ein Tor von Gojko Kacar kurz vor Schluss erspart. Ob die Hertha des Jahres 2016 schon genug Klasse hat, diesen Gegner zu bezwingen? Viel mehr als 3,50 € würde ich nicht verwetten!

Immerhin hat sich das ruhige Zurücklehnen im Liegestuhl aus der vorigen Woche gelohnt: Mit Ondrej Duda kommt der erste Neuzugang zu Hertha und es sollte uns wundern, wenn es der Slowake nicht, wie Landsmann Pekarik und Fast-Landsmann Darida, auf Anhieb in die Startformation schaffen würde. Einen echten Zehner hat Hertha ja seit Raffaels seligen Zeiten nicht mehr, von Ronny in der zweiten Liga mal abgesehen. Das Vertrauen zu Baumjohann ist aus unbekannten Gründen trotz Vertragsverlängerung (vielleicht um eine höhere Ablösesumme zu generieren?) offensichtlich nicht vorhanden. Umso wichtiger die Verpflichtung von Duda. Da kann man sich freuen. Und eventuell hilft er ja doch, die Dänen zu besiegen und den Traum vom „Europapokal“ aufrecht zu erhalten…

Nach der Europameisterschaft ist vor der Saison

Nachdem die französische Nationalmannschaft die deutsche unverdientermaßen in den vorfristigen Sommerurlaub geschickt hat (die „Mannschaft“ hat wahrscheinlich ihr bestes Europameisterschafts-Turnier seit 1972 gespielt), hat sie das Finale gegen Portugal verloren, obwohl Payet den Befehl seines Trainers, Ronaldo in jedem Falle auszuschalten, gewissenhaft erfüllte. Was nach 1984, als Frankreich in Frankreich Europameister wurde, keiner Mannschaft mehr gelang, nämlich im eigenen Land den Titel zu holen, war, die Serie fortsetzend, auch den Franzosen nicht vergönnt. Da die nächste EM allerdings in fast ganz Europa ausgetragen werden wird, bleibt Island als einer der wenigen Favoriten für das Turnier 2020 übrig…

Während die Nationalspieler noch im Urlaub ihre Wunden lecken, schwitzen die Spieler von Hertha BSC schon bei der Saisonvorbereitung. Einziger „Neuzugang“ ist bisher der ausgeliehene Torhüter Gersbeck, der sofort weiterverliehen wurde. Was auf dem  Immobilienmarkt der Hauptstadt vorgelebt wird, übernimmt der Profifußball, als wenn es die natürlichste Sache der Welt wäre, Menschen zu mieten und zu vermieten.

Weitere Verpflichtungen? Fehlanzeige. Aber Herthas Manager Preetz ist gut beraten, wenn er Klasse statt Masse verpflichtet und gut Ding will auch hier Weile haben. Es sind sowieso nur punktuelle Ergänzungen nötig, vielleicht auf den Außenbahnen als Alternative zu Haraguchi und Stocker. Mit Allagui und Schieber und vielleicht auch Baumjohann kommen drei Spieler, die aufgrund ihrer Verletzungen in der letzten Saison kaum zum Zuge kamen, wieder als vollwertige Kräfte in den Kader zurück. Da wenige den Verein verlassen (van den Bergh, Beerens, Ronny(?)), benötigt man auch wenige Ergänzungen. Es geht wenig über ein eingespieltes Team, besonders zum wichtigen Beginn der Saison. Insofern: Ruhe bewahren und gemütlich unterm Sonnenschirm beim eiskalten Getränk zurücklehnen und entspannen…

Hat das deutsche Rumpfteam eine Chance gegen Frankreich?

„Ein Blümchen der Ewigkeit mit zitternden Tränen – das zu seinem Gott betet und stirbt!“ Zarte und reine Poesie in der isländischen Nationalhymne. Die Franzosen hingegen wollen mit unserem unreinen Blut ihre Ackerfurchen tränken! Insofern schade, dass Horst-Dieter Höttges, Karl-Heinz Förster oder Stefan Effenberg nicht mehr spielen, die hätten ihnen gerne mal am praktischen Beispiel gezeigt, wie man Boden mit Blut tränkt, so wie es einstmals in vorbildlicher Weise Toni Schumacher gezeigt hat. In der Hoffnung, dass wir trotz der blutrünstigen Marseillaise ein faires Spiel erleben werden, sehen wir mal, wie vor dem Italien-Spiel, in der amtlichen Statistik nach: In 27 Spielen gab es 9 Siege, 6 Unentschieden und 12 Niederlagen bei 43:43 Toren. Bei Europameisterschaften gingen sich beide Mannschaften bisher brav aus dem Wege, bei Weltmeisterschaften gelang das nicht immer: 1958, im Spiel um Platz 3 gab’s ein 3:6 von Deutschlands Reserve, 1982 ein 3:3 n.V. im Halbfinale nach Schumachers Amoklauf gegen Battiston (5:4 im Elfmeterschießen), 1986 im Halbfinale ein 2:0 und 2014 im Viertelfinale ein 1:0! Wenn es drauf ankam, hat die deutsche Mannschaft also stets gewonnen, auch wenn die Franzosen meist überlegen waren. Da die deutsche Mannschaft ohne sechs Stammspieler auskommen muss (Gomez, Khedira, Schweinsteiger, Hummels sowie Gündogan und Reus), ist natürlich kluges taktisches Verhalten gefragt. Jogi Löw sollte dementsprechend vor dem Spiel auf keinen Fall versäumen, Mehmet Scholl anzurufen, der ja, wenn auch erst nach dem Spiel gegen Italien, seine 1,5 Millionen Jahresverdienst als Experte zu rechtfertigen wusste. Und als ehemaliger Drittligatrainer weiß er auch genau, wie Frankreich zu schlagen ist. Schließlich hat er selber zweimal gegen die Franzosen gespielt, wenn auch mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass beide Spiele 0:1 verloren gingen. Aber da war Scholl ja nur Spieler, konnte also nichts gegen die Niederlagen tun und außerdem kann man ja aus Fehlern lernen. Schön wär’s, wenn das auch Mehmet könnte und uns in Zukunft mit seinem besserwisserischen Geschwafel verschont…