Nach wie vielen Jahren beginnt Tradition?

Jetzt ist es endlich soweit: Die Bayern sind nicht mehr Tabellenführer! Und trotzdem ist es einigen Zeitgenossen wieder nicht recht. Zur derzeitigen Situation an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga wurden extra eine Reihe von Redensarten oder Sprichwörtern erfunden: „Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben“, „Vom Regen in die Traufe kommen“, „Die Wahl zwischen Pest und Cholera haben“ und was es dergleichen noch so gibt. „Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln“ passt hier wohl nur bedingt, und trifft auch die derzeitige Platzierung des HSV nur ansatzweise.

Letztlich kann es uns als Fußballanhänger egal sein, ob die Privatmannschaft eines Brausefabrikanten oder der Verein, der Hertha BSC 1932 als Deutschen Meister entthronte, die Liga dominiert. Gegen einen Verein Hass zu entwickeln und manchmal auch in Form von Angriffen umzusetzen, erscheint mir so unsinnig, wie gegen zu starken Regen zu demonstrieren. Das Klagen gegen Unabänderliches ist genauso überflüssig wie gegen eine entsprechende Empfindung („Wann wird es endlich wieder Sommer…“).

Natürlich ist eine Liga mit Werks- oder Werbevereinen nicht schön. Aber vermisst jemand ernsthaft „Traditionsvereine“ wie Arminia Bielefeld, den 1.FC Saarbrücken, Kickers Offenbach oder gar den 1. FC Kaiserslautern? Immerhin würde bei letzterem Verein die Redewendung vom Teufel und dem Beelzebub einen gewissen Sinn ergeben…

Hertha auf St. Pauli – „irgendwie“?

Hertha fährt in der zweiten Pokalrunde als Tabellenzweiter der Bundesliga zum Tabellenletzten der 2. Liga. Wenn dem anreisenden Herthafan und dem Leser der Boulevardpresse das Spiel wie ein Vergnügungsausflug vorkommt, bei dem nur die Höhe des Ergebnisses strittig ist, gruselt es den Anhänger mit jahrzehntelanger Erfahrung schon fünf Stunden vor Anpfiff. Erfolgstrainer Pal Dardai sagte, dass sie früher, also als er selbst noch Spieler war, „irgendwie“ zu den Pokalspielen gefahren sind, d.h., ohne spezielle Vorbereitung nach dem Motto: “Spuilts halt Fußball…“ Wenn das wirklich stimmt, und die Ergebnisse der meisten Pokalrunden der letzten zwanzig Jahre sprechen durchaus dafür, hätte der geneigte Anhänger noch im Nachhinein ein Anrecht auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Dieses wird nicht einklagbar sein, und so müssen wir unser Bier heute Abend schon selber bezahlen, auch wenn es eins mehr wird, weil es eine Verlängerung gibt und auch, wenn es noch ein Schnaps mehr wird, weil es Elfmeterschießen gibt. Aber, und das wird wirklich anders sein als früher: Die Herthaner haben bestimmt Elferschießen geübt, weil sie nicht „irgendwie“ ans Millerntor fahren, sondern gut vorbereitet sind und wissen, dass man gegen St.Pauli auch verlieren kann, weshalb eine Niederlage schon etwas weniger wahrscheinlich als früher ist…

WM-Qualifikation: Richtung Russland nichts Neues

Richtige Überraschungen blieben am dritten Spieltag der neudeutsch sogenannten „european qualifiers“ aus, denn die Heimniederlage Hollands gegen Frankreich und das Auswärtsunentschieden Englands in Slowenien sind ja angesichts der Unbeständigkeit beider Nationalteams nicht außergewöhnlich zu nennen. Das beliebte deutsche Fußballlied „Ohne Holland – fahr’n wir nach Russland“ muss übrigens, damit Takt- und Versmaß stimmen, auf der letzten Silbe betont werden, was sich zwar sonderbar anhört, des übergeordneten Ziels wegen aber leider nicht zu ändern ist. Herr Blind (wenn er Schiedsrichter wäre, böten sich wunderbare Scherze mit seinem Namen an) wird wohl nicht mehr lange Bondscoach bleiben und in England müsste wohl Jürgen Klopp die Three Lions übernehmen, um auch nur in die Nähe von Erfolg zu kommen, aber der will ja irgendwann Jogi Löw ablösen, der spätestens nach einer eventuellen Titelverteidigung 2018 beifall- und tränenumrauscht abtreten wird (und im wesentlich wahrscheinlicheren Falle der Nicht-Titelverteidigung sowieso).

Ansonsten gilt das Gegenteil vom früheren Postulat des Kaisers, der ja die „Kleinen“ eine Vorqualifikation spielen lassen wollte: Es gibt kaum noch „Kleine“, fast alle Ergebnisse sind äußerst knapp, wie z.B. Mazedonien – Italien 2:3 (in der Nachspielzeit!), Israel- Liechtenstein 2:1, Andorra – Schweiz 1:2, Tschechien – Aserbaidschan gar 0:0, Polen – Armenien 2:1. Über Island – Türkei 2:0 wundern wir uns nach der EM sowieso nicht mehr. Einzig die Färöer und Gibraltar fallen mit jeweils 0:6 gegen Portugal bzw. Belgien etwas aus der Rolle. In den Tabellen spiegeln sich die knappen Ergebnisse natürlich nicht wider, und Aserbaidschans zweiter Platz in der deutschen Gruppe C dürfte auch nicht von allzu langer Dauer sein. Mal abwarten, wie sich Löws Truppe in Baku schlagen wird. Bisher gab es dort ein 2:0 und ein 3:1. Zumindest im nächsten Spiel, in San Marino, dürfte es keine Probleme geben. Dort gab es 2006 ein 13:0 mit 4 Toren von Lukas Podolski. Aber damals war die Chancenverwertung auch nicht das Problem der Nationalmannschaft. Rekordsieg ist übrigens immer noch das 16:0 gegen das im vorrevolutionären Koma liegende Russland am 1.7.1912. Ob die Russen dieses Spiel auch in ihrer Länderspielstatistik führen…?

Wieder mal ein neuer WM-Modus

Signore Infantino bereichert den Diskurs über die unendliche Geschichte der Veränderung der WM-Endrunden mit einem witzigen Einfall: Eine WM mit 48 Teilnehmern und vor der Gruppenphase eine k.o.-Runde. Das macht erstmal 24 Spiele, die das Fernsehen schön vermarkten kann. Leider haben wir danach die unselige Zahl von 24 Teilnehmern, die es auch früher schon mal gab, was bedeutet, dass sich auch Gruppendritte qualifizieren, mit all den Ungerechtigkeiten dieses Systems. Dann doch gleich eine Aufstockung auf 64 Teams und vor der 32-er Gruppenphase eine k.o.-Runde, womit 64 Mannschaften als WM-Teilnehmer gelten würden und das Fernsehen weitere 32 Spiele übertragen könnte. Bisher ist die Geschichte der WM-Endrunden eine Geschichte der Expansion. Waren 1930 gerade einmal 13 Mannschaften in Uruguay dabei, so sollte sich die Zahl 16 bald etablieren. Aber auch hier gab es viele Varianten der Organisation. Nach vier Vierergruppen das k.o.-System, teilweise zwei Gruppen der letzten acht, deren Sieger das Finale bestritten, 1950 eine Vierer-Finalrunde ohne Endspiel(!), 1954 zwar auch Vierergruppen in denen aber nicht jeder gegen jeden spielte, sondern dubiose Setzlisten zur Geltung kamen (Deutschland gegen die gesetzte Türkei und Ungarn, Südkorea ebenfalls gegen beide Gegner; wirres System mit dem Entscheidungsspiel gegen die Türken). Dann 24 Mannschaften (siehe oben) und zuletzt 32 Mannschaften in Vierergruppen und anschließend k.o.-Spiele. Dieses System hat sich als das beste, interessanteste und gerechteste erwiesen. Die jetzige Herumdoktorei ist entweder im Geltungsdrang der neuen FIFA-Führung zu sehen oder sie entspringt der Erkenntnis, dass immer mehr Spiele immer höheren Gewinn, teilweise vielleicht auch auf dem einen oder anderen Privatkonto eines Funktionärs, versprechen. Soll ja vorkommen so was…

Klar ist, dass Infantinos Vorschlag nicht das Ende der Fahnenstange ist. So wie bei Computerchips das Ende der Entwicklung (wahrscheinlich) erst dann erreicht ist, wenn Leiterbahnen Molekülgröße erreicht haben, ist das Ende der WM-Endrunden-Teilnehmerzahl erst dann erreicht, wenn alle Länder der Erde daran teilnehmen (durch Stückelung, wie es ja historischer Weise mit Großbritannien in England, Nordirland, Wales und Schottland schon der Fall ist, könnte man die Zahl natürlich locker von 200 Staaten in 400 oder 800 Teilstaaten erhöhen). Bei 200 Staaten (einige der 211-FIFA-Mitglieder müssten allerdings eine Qualifikationsrunde durchstehen) hätte man dann 50 Vierergruppen, das ergibt schon mal 300 Spiele, bis die letzten 100 ermittelt sind. 25 weitere Vierergruppen bedeuten weitere 150 spannende Begegnungen. Wenn nur der Sieger weiterkommt, haben wir 25 Qualifikanten, die wir mit den sieben besten Dritten auffüllen, um wieder zur jetzigen 32-er Anzahl zu kommen. Eine WM-Endrunde würde ungefähr zwei Jahre dauern, was kein Problem darstellt, da der Großteil der Qualifikationsspiele ja wegfallen würde. Es gibt dann eben kein Sommermärchen mehr, sondern die „Märchenjahre“… Unrealistisch erscheint mir das nicht. Und auch Gibraltar oder die Malediven können sich im Briefkopf „WM-Teilnehmer“ bzw. natürlich „FIFA-WM-Teilnehmer“ nennen.

Ob ich allerdings bei meiner Tradition bleibe, mir jedes Endrundenspiel anzusehen, weiß ich noch nicht. Vielleicht schwänze ich die zweite Halbzeit von Nepal gegen Guayana…

Wer hat Angst vor gepinktem Magenta?

„Herthas Farben bleiben blau-weiß“ sagen uns die Banner in der Ostkurve. Wahrscheinlich gibt es niemand im weiten Erdenrund, der das bestreiten würde, selbst die Satzung wurde auf einer der letzten Mitgliederversammlungen in diesem Sinne geändert bzw. erweitert. In Frankfurt spielte Hertha nach dem Pokalspiel in Regensburg zum zweiten Mal in dieser Saison in einem absurden angepinkten Magenta, nicht lila, violett aber auch nicht das süße rosa, das die HSV-Spieler und Tim Wiese einst trugen, als dieser noch scheinbar ein ernstzunehmender Sportler war. Die Trikotfarbe, in der die Herthaner in Frankfurt auflaufen mussten, gibt es eigentlich nicht, sie entspringt wahrscheinlich den bizarren Gedankengängen eines egozentrischen Farbdesigners, der nach dem dritten Cocktail und einer gesnifften Linie genau diese Farbvision hatte und sie mit Hilfe seines Rechners am nächsten Morgen entsprechend hinbastelte. Dass der Fortschritt der  chemischen Industrie die Realisierung dieses Wahnsinns ermöglicht, ist zwar traurig, aber nicht zu ändern.

Übrigens: Dass Hertha in Frankfurt weder im traditionellen blau-weiß-gestreift noch im weißen Auswärtstrikot spielen konnte, ist der Tatsache zu verdanken, dass die Frankfurter Eintracht in dieser Saison im schwarz-weißen Gefängnisgitterlook spielen muss. Die Verwechslung mit den ebenfalls überwiegend weißen Hertha-Trikots ließ dem Schiedsrichter keine andere Wahl.

Den spätgeborenen Herthafans sei aber bei aller Berechtigung ihrer Kommerzkritik noch gesagt, dass es seit Beginn der Bundesliga 1963 beileibe nicht immer nur blau-weiß-gestreifte Trikots bei unserer Hertha gab. Auch damals spielte man manchmal in blauen, in weißen oder in den „richtigen“ längsgestreiften Jerseys. Schon in den späten Sechzigerjahren spielte Hertha aber des Öfteren in schwarz-rot-gestreift. Ungern erinnern wir uns an die Achtziger mit den babyblauen Sparkassentrikots oder die mit amerikanischen Sternen versehenen Hemden der Auf- und Abstiegssaison 1991/92. Mit dem Wiederaufstieg 1997 gab es als Erinnerung an die Gründerzeit Anfang des 20.Jahrhunderts die quergestreiften Hemden, die man heute noch manchmal stolze Anhänger tragen sieht. Es gab aber auch die grauen, roten (mit Berliner Bären!) und gelben Auswärtstrikots. Außer grün war also alles schon mal dagewesen. Vielleicht sollten wir uns nach dem Bremer Abstieg in Gedanken schon mal an die kommende Ausweichtrikotfarbe gewöhnen…

Ausverkauftes Stadion gegen Schalke? Von wegen…

Aus der Not eine Tugend machen: Diesen Wahlspruch hat Herthas Sportvorstand Michael Preetz offenbar perfekt verinnerlicht. Die Finanzlage des Vereins ist immer noch schwierig. Während zu Hoeness’ Zeiten mit waghalsigen Finanzierungsmodellen bzw. mit dem Verkaufen der Zukunft, indem die noch gar nicht generierten möglichen Gewinne  der Zukunft schon mal in der Gegenwart verbraten wurden, Spieler auf gut Glück verpflichtet wurden (was natürlich langfristig schief ging und den Verein fast in den Ruin getrieben hätte) hält sich Preetz auf dem aus den Fugen gehenden Transfermarkt wohltuend zurück. Drei Spieler wurden verpflichtet, keiner davon war bisher in der Startelf. Duda noch verletzt, Allan Souza noch nicht soweit, Lustenberger, Stark oder Skjelbred ersetzen zu können und Esswein nur zweimal als Joker eingewechselt. Das ist zwar vielleicht schon etwas zuviel der Kontinuität, die sich die Anhänger in einer Zeit wünschen, in der bei nicht wenigen Vereinen bis hinab in die unteren Amateurligen jede Saison 15 neue Spieler kommen und siebzehn gehen, aber es ist offensichtlich erfolgreich. Von fünf Pflichtspielen wurden vier gewonnen (nur das verdammte eine Gegentor zuviel gegen Bröndby stört in dieser Bilanz) und Hertha hat den historischen Zwei-Siege-Bundesligastart wahrgemacht. Wer von leichten Gegnern spricht: Freiburg hat Champions-League-Teilnehmer Gladbach immerhin gerade aus dem Dreisamstadion gefegt und Ingolstadt hatte 2016 zuhause bisher nur gegen Bayern verloren.  Früher wäre die BZ am Montag blau-weiß-gestreift erschienen und beim nächsten Spiel gegen die Gelsenkirchener Freunde wären ins Olympiastadion 85.000 Zuschauer gekommen (um sich dann todsicher eine vernichtende Niederlage anzusehen). Ob heute irgendein noch schlafender Hund hinter dem Ofen hervorgelockt wird, um den Tabellenzweiten Hertha gegen den Tabellenletzten oder -vorletzten Schalke zu sehen, wird man sehen. Die üblichen 50.000 plusminus 10 % werden sicher im Stadion sein… Preetz überbot sich auf der letzten Pressekonferenz leider wie so oft im Absondern von Binsenweisheiten („Es ist wichtig, in welche Richtung der Ball rollt“, „Die Rahmenbedingungen für ambitionierte Ziele müssen verbessert werden“ oder „Die Fehlerkultur muss bei Hertha gelebt werden“) ohne jedoch konkret zu benennen, wie er den von ihm angestrebten Zuschauerschnitt von 60.000 denn nun erreichen will. Man kann die Menschen, die aus Deutschland und aller Welt nach Berlin ziehen ja nicht ins Stadion prügeln. Und der sportliche Erfolg (siehe Vorjahr) scheint keine Rolle mehr zu spielen. Wenn Preetz’ Maßnahmen die Zuschauerzahl betreffend zum Erfolg führen, kann er nach jetzt 20 Jahren bei Hertha getrost sein 30-jähriges Jubiläum anpeilen…

Herthas grundsolide Saisonplanung

Bei Hertha geht man für die Saison 2016/17 von 49.950 Zuschauern im Durchschnitt aus, man erwartet 45 Punkte und hofft auf das Erreichen der dritten Pokalrunde. Immerhin sind, anders als in vielen früheren Jahren, als man häufig in der ersten Runde ausschied, noch alle Ziele erreichbar (für die Europa-League wurde glücklicherweise kein offizielles Saisonziel ausgegeben). Die Ziele im Einzelnen lassen durchaus auf einen gewissen Sinn für Humor bei den verantwortlich Handelnden schließen: Bei der Zahl von 49.950 als erhofftem Zuschauerschnitt, kann man sich vor dem geistigen Auge die hitzige Diskussion zu später Stunde nach dem einen oder anderen Getränk vorstellen, als Protest gegen die 50.000 eingelegt wurde, die 48.256 vom Vorjahr aber doch übertroffen werden sollten. Für die Mitte, nämlich 49.128, ergab sich wegen der krummen Optik auch keine Mehrheit („noch `n bissken wat drufflejen“), sodass sich schließlich die Optimisten durchsetzten.

Das sportliche Ziel mit 45 Punkten und der dritten Pokalrunde ist insofern sympathisch, weil hier ganz bescheiden ein deutlicher Rückschritt quasi amtlich eingeplant wird. Durchaus realistisch, aber wenn der Saisonstart gelingt, und die erwartete Heimniederlage gegen Aufsteiger Freiburg vermieden wird, kann man mit einer 15-Siege-Serie bereits eine Woche vor Weihnachten das Plansoll erfüllt haben und über die Feiertage auf Malle die Getränkevorräte prüfen. Zur Erwartung des Erreichens der dritten Pokalrunde erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Nebenbei: Die Fußball-Woche-Redaktion lässt sich nicht lumpen, vor jeder Saison eine Prognose quer durch die Ligen, von der Bundesliga bis zur 11.-klassigen Kreisliga C zu veröffentlichen. Die Herren Bläsig, Doneck, Fritzsche und Metzel lassen uns an ihrem geballten Fußballsachverstand teilhaben. Alle vier tippen Darmstadt 98 als Tabellenletzten und immerhin drei Kollegen sehen Bayern München als kommenden Meister.

Im großen und ganzen ist die Prognose, wie immer in den letzten Jahren, ein fast getreues Spiegelbild der letzten Abschlusstabelle, was soll man sonst auch sagen, wenn man nicht ausgelacht werden will? Dass es meistens anders kommt, als man denkt, ist klar. Was ich schon immer machen wollte, jedes Mal aber vergessen habe: Am Saisonende werde ich die Prognose mal auf ihre Stimmigkeit untersuchen, der Artikel wird fein säuberlich abgeheftet und als Zur Wiedervorlage deklariert.

P.S.: Hertha landet in der Prognose auf den Plätzen 12, 10, 12 und 9. Macht im Durchschnitt Platz 11. Dafür waren in der vergangenen Saison 40 Punkte nötig. Das heißt also Abstiegskampf bis zum Abwinken. Hab’ ich eigentlich gar keinen Bock drauf…

Pal Dardai und die Körpersprache

Immerhin: Hertha hat nach durchwachsener Vorbereitung (u.a. 0:3 gegen AZ Alkmaar und 1:4 gegen SSC Neapel) und dem unnötigen Ausscheiden in der Europaleague-Qualifikation gegen Bröndby die erste Runde im DFB-Pokal überstanden, wenn auch traditionell mit Hängen und Würgen. Laut Sepp Herbergers Zitatefüllhorn spielt man immer so stark, wie es der Gegner zulässt und Regensburg spielte teilweise hervorragend, kein Wunder nach dem erfolgreichen Saisonstart als Tabellenführer der 3. Liga. Die Bayern spielen gutes Zweitliganiveau und Hertha spielt momentan leider nicht viel mehr. Die Mannschaft scheint da weiterzumachen, wo sie in der Rückrunde der vorigen Saison aufgehört hat: Mit vor allem in der Abwehr verunsichertem, teilweise uninspiriertem Fußball (nur 18 Punkte in der Rückrunde!). Es fehlt offensichtlich ein Impuls von außen, seien es ein oder zwei neue Spieler (wo sind Duda und Allan?) oder ein neues taktisches Grundgerüst. Nur ein neuer Kapitän scheint nicht zu reichen, obwohl Dardai wahrscheinlich genau den Impuls von außen setzen wollte, als er Lustenberger entmachtete. Wer Pal Dardai auf der Pressekonferenz vor dem Regensburg-Spiel gesehen hat, wird sich mit Wehmut an die Zeit vor einem Jahr erinnern, als Dardai frisch, unbekümmert, verschmitzt und stets gut gelaunt wirkte. Davon ist kaum noch etwas zu sehen. Dardai wirkt bedrückt, genervt, angefressen. Geht dem Ungarn der Tainerjob so an die Nieren? Man glaubt es eigentlich nicht, aber wenn die Mannschaft nicht kurzfristig in die Erfolgsspur zurückfindet (und das bedeutet nicht, dass sie um die Champions-League-Plätze mitspielen muss), erscheint ein Rücktritt von Pal Dardai noch in der Hinrunde nicht ausgeschlossen. Denn das merkt er sicher selber: Er ist nicht mehr der alte Dardai! Hoffentlich kommt es nicht dazu und die Mannschaft erzielt Ergebnisse, die einen Trainerwechsel überflüssig machen. Im schlimmsten Fall trainiert Dardai aber wieder eine Jugendmannschaft von Hertha. Mit Zecke Neuendorf steht der nächste Insider-Trainer schon bereit…

Herthas Pokalsaison nach dem Bröndby-Aus

Das Pokalspiel gegen Jahn Regensburg wurde von Sonnabend auf Sonntag verschoben, damit Hertha nach dem Rückspiel der 4. Qualifikationsrunde der Europaleague einen Tag mehr zum Verschnaufen habe. Erstaunlich daran ist nicht nur, dass der DFB überraschenderweise Herthas Gesuch stattgegeben hatte, sondern vor allem, dass man wie selbstverständlich davon ausging, dass Hertha die erste Runde überstehen werde. Wir und die Verantwortlichen wurden in Kopenhagen eines Besseren belehrt: Zwei individuelle Fehler  waren einer zu viel. Das Ergebnis täuscht etwas über die Leistung hinweg, denn nach dem schnellen 0:1 kam Hertha zurück, machte das Spiel und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleich. Auch nach dem 1:3 spielte nur noch Hertha und erarbeitete sich auch eine Reihe recht guter Chancen. Wenn eine davon zum Tor geführt hätte, würde niemand mehr ein Wort der Kritik über die Mannschaft verlieren. Aber so?

Im vorigen Jahr wurde die überaus erfolgreiche Hinrunde vor allem mit dem guten Start in die Saison begründet. Wenn jetzt nach dem deprimierenden Aus auf der geplanten Reise durch Europa auch in der ersten DFB-Pokalrunde in Regensburg verloren wird, was angesichts des Regensburger Saisonstarts mit zwei Siegen in der 3. Liga nicht unmöglich erscheint, muss man für die Bundesligasaison schwarzsehen. Was für Hertha spricht? Die eingespielte Mannschaft (erst zwei Neuverpflichtungen!), die letzte, erfolgreiche Pokalsaison, nach der die Spieler eigentlich auf den Geschmack gekommen sein müssten und nicht zuletzt: Hertha hat dank des klugen Managements einen Tag länger für die Vorbereitung…

Hertha und die Brasilianer

Ohne einen einzigen Neuzugang (Duda ist für die Europaleague-Qualifikation gesperrt) gewann Hertha am Donnerstag gegen Bröndby IF in erstaunlich flotter Art und Weise. Wenn man an quälende Saisoneröffnungen früherer Jahre denkt, muss man feststellen, dass offensichtlich in den vergangenen Wochen auf den Punkt genau hingearbeitet wurde. Was natürlich noch nicht bedeutet, dass Hertha im Schongang in die nächste Runde einziehen wird. Aber ein Unentschieden kann man Hertha in Kopenhagen durchaus zutrauen. Die Chancen aufs Weiterkommen sind von 55:45 auf 65:35 gestiegen, mehr nicht.

Aus heutiger Sicht erhebt sich aber nach dem Gesehenen die Frage, ob Hertha überhaupt Neuzugänge braucht? Duda ist da und wird die taktischen Variationsmöglichkeiten enorm vergrößern und ein kleiner Brasilianer namens Allan nahm am Probetraining teil. Wie bei Cottbus viele Rumänen unter Vertrag waren und Freiburg vor einigen Jahren eine Handvoll Wilis aus Georgien in den eigenen Reihen hatte, spielten für Hertha etliche Brasilianer in der Bundesliga, nicht zuletzt weil Dieter Hoeness gerne mal nach Brasilien jettete und neben Vertragsverhandlungen wohl auch das Drink- und Strandleben zu genießen wusste.

Herthas erfolgreichster Brasilianer ist natürlich Marcelinho, der von 2001 bis 2006 in 155 Spielen 65 Tore schoss, womit er 4. in der Hertha Torschützenliste ist. Raffael (2007 bis 2012) folgt mit 140 Spielen und 33 Toren, davon allerdings 30 Spiele und 10 Tore in der zweiten Liga. Bruder Ronny, der momentan seinen genialen 4-Jahres-Vertrag aussitzt, hat 112 Spiele und 27 Tore auf seinem Konto (55 Spiele/20 Tore in der 2. Liga).

Gilberto, von vielen schon fast vergessen, spielte zwischen 2004 und 2008 101 Mal für Hertha und erzielte dabei 14 Tore, während Alex Alves, unvergessen und zu früh verstorben, in 81 Spielen 25 Tore schoss. Und was für welche!

Außerdem gab es von 2008 bis 2010 einen Cicero (63/10), von 2006 bis 2008 Mineiro (36/2), 2002 bis 2004 Luizao (26/4), 2007/2008 André Lima (15/2), 2008 bis 2011 Kaka (15/1), 2002/03 Nene (10 Spiele) und der unglückliche Lucio, der sich so schwer verletzte (2007 bis 2009: 10 Spiele, 1 Tor). Weiterhin Rodnei 2008/09 (9 Spiele), Leandro Cufré (2008/09, 5 Spiele) und Cesar (2009/10, 3 Spiele).

Viel Masse aber auch große Klasse! Vielleicht wird sich das Talent Allan, wenn er nur zu einem Bruchteil an seinen großen Namensvetter Allan Simonsen (Europas Fußballer des Jahres 1977) anknüpft, in die Reihe der brasilianischen Herthaner einreihen können.