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Wie gut ist Piatek wirklich?

Machen wir mal was ganz modernes: Wir führen einen Faktencheck zum Thema Piatek durch, seines Zeichens mit ca. 25 Millionen Euro teuerster Einkauf von Hertha BSC ever. Teurer als ein gewisser Haaland, aber den hätte man nicht bekommen, und wenn sich Manager Preetz noch so bemüht und im gemütlichen Zelt auf dem norwegischen Fjell bei Punsch und Popcorn aus dem Märchenbuch vom Big-City-Club vorgelesen hätte.
Gefühlt ist Krzysztof Piatek, den man witziger Weise wie den ehemaligen Werder-Spieler Piontek ausspricht, ein Fehleinkauf. Bis auf seinen affigen Ballerei-Torjubel ist er bisher (und das geht nun schon fast ein Jahr) noch kaum positiv aufgefallen. Das Spiel, wenn er mal auf dem Rasen steht und nicht auf der Ersatzbank sitzt, läuft meist an ihm vorbei, er hat kaum Ballbesitz und kann die Bälle noch weniger festmachen als Davie Selke, und das will schon was heißen.
Aber ein Stürmer wird nun mal an seinen Toren gemessen und was müssen wir erkennen?
Piatek hat in der letzten Saison in 15 Spielen (911 Minuten) 4 Tore erzielt. In dieser Saison in 10 Spielen bei 390 Einsatzminuten 3 Tore. Macht zusammen: In 25 Spielen, in denen er 1301 Minuten eingesetzt war (das entspräche etwa 15 ganzen Spielen) erzielte er 7 Tore. Um das richtig würdigen zu können rechnen wir mal hoch: Diese Quote entspräche in einer kompletten Saison (34 Spiele à 90 Minuten gleich 3060 Minuten) 16,5 Toren. Damit wäre Piatek in der letzten Saison Vierter in der Torschützenliste geworden.
Wenn man ein bisschen genauer hinschaut, kann man also nur zu einem Schluss kommen: Lasst den Polen mal machen, egal wie sein Spiel aussieht, die Quote stimmt. Und nur darauf kommt es an. Und wenn man ihm im Strafraum, oder im Neusprech „in der Box“, die entsprechenden Eingaben macht (flach, ca. acht bis zehn Meter zentral vors Tor), kann sich der Mann auch noch steigern. Wo soll das noch alles hinführen…?

Derbyzeit – schöne Zeit

Nun gut, die von der Boulevardpresse unter gütiger Mithilfe vom einen oder anderen Vereinsvertreter gepushten Fans fiebern dem Derby entgegen. Alle sind glücklich, dass man, anstatt sich im eisigen Olympiastadion sonstwas abzufrieren, bequem in der heimischen Kuschelecke sitzen und das eine oder andere gut gekühlte Gerstengetränk zu sich nehmen kann und nicht in einer überfüllten, coronaverseuchten S-Bahn nach Hause fahren muss. Natürlich traut sich niemand das zu sagen. Die Stimmung fehlt ja. Ogottogott.

Auf einmal geht es um Fußball und nicht um die Rivalität zweier gegeneinander aufgehetzter Stadthälften. Das kann mir alles nur recht sein, Corona sei Dank. Wenn es einen dann im Frühling wieder in die aufblühende Natur zieht, bin ich auch gerne wieder im Stadion. Dass ich in den letzten 57 Jahren Wind und Wetter trotzte und auch in den menschenverachtenden Jahreszeiten Spätherbst und Winter die Spiele stets vor Ort im Freien verfolgte, kann ich im Nachhinein nur als großen Irrtum betrachten, obwohl: Erstens gab es bis vor 25 Jahren keine Übertragungen der Bundesligaspiele und zweitens werde ich, entgegen jeglicher Logik, sofort wieder ins Stadion pilgern, wenn es denn möglich ist.

Was in der Vorberichterstattung so alles erzählt wird, sollte der geneigt Fan mit größter Vorsicht genießen. Union wird allenthalben, mit meist nicht zu überhörender klammheimlicher Freude, als Favorit gesehen. Es kann natürlich objektiv nicht bestritten werden, dass Union, im Gegensatz zu Hertha, einen äußerst erfolgreichen Saisonbeginn abgeliefert hat. Erst eine Niederlage, wohingegen Hertha schon fünf von neun Spielen verloren hat. Was meist nicht gesagt wird, gegen welche Gegner diese Ergebnisse zustande kammen: Union spielte gegen den 7., 8., 9., 12., 14., 15., 16., 17., 18., während Hertha gegen den 1., 2., 3., 4., 5., 8., 9., 10., 11. spielte. Natürlich muss man wie Union in Schalke auch erst mal Unentschieden spielen, erst zwei andere Mannschaften haben dieses Kunststück auch fertig gebracht (während alle anderen gewonnen haben) und Überkreuzvergleiche sind im Fußball nicht zulässig. Trotzdem hätten Hertha und Union beim Programm des jeweils anderen vielleicht auch den entsprechenden Punktestand des anderen. Lange Statistik, kurzer Sinn: So schlecht, wie Hertha gemacht wird, sind sie nicht, so gut wie Union gemacht wird, sind sie auch nicht, bei allem Respekt. Was Unions Trainer Fischer mit bemerkenswertem Realitätssinn gebetsmühlenartig wiederholt ist richtig. Union spielt erst mal gegen den Abstieg, alles weitere kommt später.

Eine andere Mär, um Herthas unbefriedigenden Saisonstart zu erklären, ist die von der nicht eingespielten Mannschaft, während Union ja ein kontinuierlich eingespieltes Team habe. Im letzten Spiel von Union gegen Frankfurt standen vier neue Akteure auf dem Platz, bei Hertha waren es gegen Leverkusen drei Neue.

Als Erklärung, wenn auch nicht als Entschuldigung für Hertha, würde schon eher der dritte Faktor gelten, nämlich dass in den drei Monaten seit Saisonbeginn sechs Wochen, d.h. die Hälfte der Zeit, durch Länderspielabstellungen die Hälfte der Mannschaft bei Hertha fehlte, während es bei Union nur zwei bis drei Spieler waren.

Alle Erklärungen werden das Spiel im Olympiastadion nicht entscheiden. Ein Tipp verbietet sich demnach von selbst.

P.S.: Ich tippe 3:1 für Hertha

Hertha, die Nationalmannschaft und Corona

Gibt es geheimnisvolle Verbindungen zwischen Hertha und der Nationalmannschaft? Tatsache ist, dass beide Mannschaften, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau und gegen verschiedene Gegner, sehr ähnlich spielen. Der Sturm macht seine Sache meist recht gut, die Abwehr ist, freundlich gesagt, ein Hühnerhaufen. Etwas klarer formuliert müsste man sagen, dass die Abwehr eigentlich nicht vorhanden ist, und wenn der Gegner nicht viel mehr Tore schießt, als es so schon der Fall ist, ist dies eher auf die Unfähigkeit oder das Pech gegnerischer Stürmer zurückzuführen, als auf aktives Einschreiten der National- oder Herthaspieler. Fünf Tore gegen Braunschweig, fünf Tore gegen Dortmund, vier gegen Bayern München, drei gegen Frankfurt und je (nur) zwei gegen Leipzig und Stuttgart. Das ist schon ganz schön starker Tobak. Und die Nationalelf? Sechs Tore gegen Spanien, drei gegen die Türkei: Das gab es früher nicht. Beim 0:6 gegen Spanien kramte der Reporter vorschnell bis ins Jahr 1954 zurück, als man gegen Ungarn in der Vorrunde mit einer Ersatzelf 3:8 verlor. Das waren aber nur fünf Tore Unterschied. Zu früh gefreut.1931 gab es ein 0:6 gegen Österreich und nur ein einziges Mal, am 13.3.1909 gab es in Oxford gegen England mit 0:9 eine höhere Niederlage. Da kam aber auch der Schiedsrichter aus England…Man müsste eigentlich T-Shirts mit der Aufschrift:  „17.11.2020: Spanien – Deutschland 6:0 – Ich war dabei“ auf den Markt werfen. Ein Jahrhundertspiel.

Kommen wir zu obiger Frage zurück: Sind denn die Abwehrspieler Deutschlands oder Herthas alles unfähige Deppen, die keinen Ball stoppen können? Keineswegs. Sowohl Herthas Boyata, Alderete und Torunarigha als auch die Nationalspieler Koch, Süle, Rüdiger, Ginter und selbst Tah sind doch gute bis überdurchschnittliche Spieler. Wenn diese also die gegnerischen Stürmer regelmäßig zum Toreschießen einladen, muss dies an der mangelhaften Einstellung liegen. Und zwar sowohl der inneren der Spieler selbst, als auch der äußeren durch den Trainer. Natürlich werden Löw genauso wie Labbadia klagen, dass sich das Zusammenwirken der Spieler erst finden müsse, es gebe zu wenig Trainingsmöglichkeiten und so weiter. Alles richtig, aber: Für andere gilt das doch auch und die machen es besser. Oder ist doch (wir ahnten es schon) Corona an allem Schuld? Irgendwas haben die Spieler beim Thema „Kontaktbeschränkung“ und „Abstand halten“ wohl falsch verstanden…

Es lebe die Nations-League

Alle schimpfen auf die Nations-League. Reflexartig. Weil alles, was von FIFA oder UEFA oder dem DFB als Neuerung auf den Markt geworfen wird, grundsätzlich schlecht sein muss. Natürlich ist ein Hintergedanke bei diesem neuen Wettbewerb auch, Mehreinnahmen durch Fernsehgelder zu akquirieren. Aber im Prinzip ist nichts dagegen zu sagen, dass ein Wettbewerb, bei dem es sogar etwas zu gewinnen gibt (EM- oder WM-Qualifikation, bzw. ein wunderschöner Pokal für die Vitrine des Verbandes für den Gesamtsieger) die unsäglichen Freundschaftsspiele früherer Jahrzehnte ablöst. Es war noch ein Ereignis, als Brasilien mit Pelé 1963 in Hamburg 2:1 gegen die deutsche Nationalmannschaft gewann. Da gab es aber im gesamten Jahr nur 4 Länderspiele, obwohl es keinen Corona-Lockdown gab. 2009 gab es dagegen beispielsweise elf Länderspiele und ein 0:1 im Heimspiel gegen Norwegen war genauso trostlos wie ein 4:0-Heimsieg gegen den Giganten Liechtenstein. Aber richtig interessiert hat es eigentlich niemanden, auch wenn man sich die Spiele im Fernsehen aus Gewohnheit meist ansah, wenn man nicht den Fehler machte und sich ab der 60. Minute auf dem Sofa ausstreckte, um in der 61. Minute sanft eingeschlafen zu sein. Diese Freundschaftsspiele gehören durch den neuen Wettbewerb jetzt größtenteils der Vergangenheit an, was nicht automatisch für beste Fußballqualität sorgt, insgesamt aber, besonders durch die Einstufung in die Gruppen A bis D, das Niveau deutlich anhebt. Und ein bisschen Spannung, wie das bei einem Wettbewerb nun mal der Fall ist, hat auch noch nie geschadet, zumal die Gefahr einem Herzinfarkt infolge der Aufregung zu erliegen, gegen Null strebt.

Fazit: Nicht alles, was Bürokratenhirnen entspringt, muss zwingend schwachsinnig sein. Die Nations-League ist es auf jeden Fall nicht, es sei denn, die Verbände setzen den Wettbewerb zusätzlich auf den Terminkalender. Der DFB hat mit den „Freundschaftsspielen“ gegen die Türkei und Tschechien schon mal einen gewichtigen Schritt in die falsche Richtung getan…  

Neue Serie starten

Unter Pal Dardai ging Hertha meist mit einem Erfolgserlebnis in eine Länderspielpause. Was auch dringend notwendig war, da Hertha schon damals (es ist noch keine zwei Jahre her!) eine Vielzahl an Nationalspielern in ihren Reihen hatte. Wenn auch nicht die aus der allerersten Reihe, aber in Tschechien, Norwegen oder den diversen U-Mannschaften kann man ja auch einen Fußball geradeaus schießen. Zielorientiertes Training ist in dieser Zeit kaum möglich, weshalb das Spiel nach der Pause immer eine Wundertüte war, wobei Hertha insgesamt schon eine ebensolche war, also zwei Wundertüten an einem Spieltag, was ja rein mathematisch, wie minus mal minus, plus ergeben kann.

Vielleicht wird Hertha auch in Augsburg (alle bisherigen Auswärtsspiele gegen Werder, Bayern und Leipzig waren überdurchschnittlich gut) die Serie fortsetzen und den zweiten Saisonsieg einfahren, um dann nach der Pause Dortmund (die ja auch diverse Nationalspieler im Kader haben) ein gutes Ergebnis abzuringen, obwohl nach dem Gesetz der Serie nach einem guten Auswärtsspiel ein schlechtes Heimspiel zu folgen hat. Aber jede Serie geht einmal zu Ende und vielleicht gewinnt Schalke ja auch mal wieder ein Bundesligaspiel. Gegen einen Regionalligisten hat es im Pokal immerhin schon mal geklappt.

Überhaupt Serien: Noch nie hat Hertha ein Geisterspiel in Augsburg verloren! Es gab zwar noch keins (das grausame 0:4 im Vorjahr mit Jarsteins Platzverweis, das mit Covics Rausschmiss endete, fand ja vor Zuschauern statt), aber das muss ja nichts heißen. Keine Serie ist auch eine Serie. Und die heißt ab Sonnabend um 17.30 Uhr: Hertha gewinnt jedes Geisterspiel in Augsburg. Na denn: Hahohe.

Was hat Schalke mit Tasmania und Fritz Walter zu tun?

Mit dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart hat sich Schalke 04 souverän auf den zweiten Tabellenplatz der Mannschaften mit Nicht-Sieges-Serien gesetzt. Nach jetzt saisonübergreifend 22 Spielen ohne gewonnen zu haben, liegt nur noch Tasmania 1900 vor den Gelsenkirchenern, die damals, 1965/66 nach dem 2:0 Heimsieg gegen den Karlsruher SC erst im 32. Spiel Borussia Neunkirchen 2:1 bezwangen.  Da fehlen den Schalker Knappen, die so gar nichts knappenhaftes (Stolz, Ehre, Treue) an sich haben nur noch läppische neun Spiele um gleichzuziehen. Das müsste doch mit einem ambitionierten Trainer wie Manuel Baum zu machen sein. Der Bayer passt schon rein ausstrahlungsmäßig so gut ins Ruhrgebiet, dass man sich nicht zu wundern bräuchte, wenn der Rekord erst von seinem demnächst auftauchenden Nachfolger eingefahren wird. Ganz Fußballdeutschland drückt die Daumen, ganz besonders fest wird in Dortmund gedrückt, und die noch lebenden alten Rekordhalter der Tasmanen, die sich alljährlich zwecks erinnern an alte Zeiten treffen, drücken einerseits mit, würden andererseits ihren „Rekord für die Ewigkeit“ ganz gerne als Alleinstellungsmerkmal behalten.

Apropos Ewigkeit: Heute vor 100 Jahren wurde Fritz Walter geboren, der auch den einen oder anderen Rekord, allerdings stets positiver Art, sein Eigen nennen kann: Die gesamte Karriere bei einem Verein zu spielen (1.FC Kaiserslautern) erscheint heute als ein Relikt aus der Steinzeit. Das Angebot von Real Madrid auszuschlagen, die ihn für ein damals unmoralisches Millionengehalt verpflichten wollten, erscheint heute unvorstellbar. Kapitän der ersten deutschen Weltmeistermannschaft und erster deutscher Ehrenspielführer der Nationalmannschaft sind auch nicht die schlechtesten Referenzen. Und die Dauer seiner internationalen Karriere? Von 1940 bis zum Halbfinalspiel gegen Schweden bei der WM 1958 lagen 18 Jahre, ein Weltkrieg und 61 Länderspiele. Wenn man davon ausgeht, dass es damals nur 5 bis 7 Länderspiele pro Jahr  gab, heute aber z.T. mehr als doppelt soviel, wäre er heute sicher auf 120 Spiele gekommen, die acht Jahre Kriegspause von 1942 bis 1950 berücksichtigt, hätte er schon an der 200-er-Marke gekratzt. Fritz Walter: Ein Mann für die Ewigkeit. Von seinen menschlichen Qualitäten wie Kameradschaft, Bescheidenheit, Treue und absolute Loyalität gar nicht zu reden.

GIbt es heute noch Typen wie den großen Fritz Walter? 

Stürzt Hertha den Spitzenreiter?

„Nach einem schlechten Pass folgt ein schlechter“, ist eine der vielen den Punkt treffenden Sepp-Herberger-Weisheiten. Insofern wandelt Hertha ziemlich genau nicht auf den Spuren des legendären Bundestrainers, denn nach einem guten Spiel folgt meist eine Katastrophe und umgekehrt: wenn Hertha verliert (am besten zuhause) folgt oftmals ein gutes Auswärtsspiel, quasi Trotzreaktion. Man könnte Hertha auf ihrem Weg durchs Leben insofern auch eine gewisse Inkonstanz bescheinigen.

In dieser Saison stimmt dieses leicht von der Norm abweichende Sozialverhalten in jedem Saisonspiel. Nach der Pokalniederlage mit fünf Gegentreffern bei Zweitligaaufsteiger Braunschweig folgte ein souveräner Saisonstart in Bremen. Dann kam ein Angsthasenspiel mit einer Heimniederlage gegen Frankfurt, um danach dem Quadribelchampion Bayern fast ein großartiges Unentschieden abzuringen. Die Heimniederlage gegen Aufsteiger Stuttgart passt folgerichtig ins Bild (allerdings muss man hier die fast zweiwöchige Trainingspause der 13 abgestellten Nationalspieler berücksichtigen). Dem Gesetz der Serie entsprechend müsste in Leipzig eigentlich ein unerwartet gutes Spiel folgen. Weniger eine Rolle dürfte das Champions-League-Spiel von RB am Dienstag spielen, das sollten Profis zumindest am Anfang der Saison wegstecken. Eher schon könnte eine mögliche Überheblichkeit des Spitzenreiters zu einer denkbaren Überraschung beitragen, auch wenn Nagelsmann die ganze Woche statt Training zu veranstalten, seinen Spielern zweimal täglich 90 Minuten lang einzubläuen versucht, den Gegner ernst zu nehmen. Aber die hören ja nicht (wenn sie denn überhaupt deutsch verstehen). Also: Es gilt das gleiche wie vor dem Bayern-Spiel. Es würde mich nicht wundern, wenn Hertha unter diesen Umständen einen Punkt aus Leipzig mitbrächte. Aber auch diesmal würde ich keine hohe Wette ( d.h., mehr als 70 Cent) abschließen, dass das so kommt. Gesetzmäßigkeiten haben ja die dumme Eigenschaft nicht immer einzutreffen.

Sagen wir mal so: Wenn Hertha gewinnt oder unentschieden spielt, könnte es in diesem Winter mal wieder richtig viel Schnee geben…  

Doch noch meine Hertha

Nach dem 4:1-Saisonstartsieg in Bremen sangen viele der 4000 Zuschauer im prall gefüllten Olympiastadion das beliebte: „Wir hol’n die Meisterschaft…und den Europacup….und den Pokal – Scheißegal“. Das Scheißegal bezieht sich vielleicht auf die Tatsache, dass Hertha, zumindest in dieser Saison, den Pokal eher nicht holen wird. Wir wissen es nicht, können uns in die Seele des gemeinen Fans nicht so recht hineinversetzen. Schon während des Spiels wurde allerdings obiger Gassenhauer nach dem 0:2-Rückstand nicht mehr angestimmt, was überraschenderweise doch auf einen Rest Realitätssinn schließen lässt.

Hertha hat in den drei ersten Pflichtspielen, wenn man das 4:5 in Braunschweig dazurechnet, ein Torverhältnis von 9:9 kreiert. Alle Achtung. Auf die Saison hochgerechnet müsste Hertha bei ungefähr 100:100 Toren landen. Da scheint die Balance in der Abstimmung der Mannschaftsteile noch nicht hundertprozentig austariert zu sein. Sturm hui, Abwehr pfui. Und das, obwohl laut Analytiker Klinsmann mit Boyata, den sein Kumpel Preetz an die Spree geholt hatte, einer der besten Innenverteidiger Europas zur gefälligen Verfügung stand. Und mit Torunarigha ist  ja auch eines der größten deutschen Talente auf dem Platz gewesen. Trotzdem läuft es noch nicht rund. Wir sollten aber nicht angsterfüllt auf die Saison 1986/87 sehen, als Eintracht Braunschweig aus der 2. Liga mit einem positiven (!) Torverhältnis abstieg. Soweit wird es schon nicht kommen. Mittlerweile hat Hertha immerhin das Saisonziel, nämlich besser als im Vorjahr abzuschneiden, mit dem neunten Tabellenplatz schon fast erreicht.

Da Hertha am 3. Spieltag leider bei Bayern München antreten muss, ist zwar davon auszugehen, dass die Mannschaft danach einen Tabellenplatz in der unteren Hälfte einnehmen wird, aber Hoffenheim hat ja gezeigt, dass alles möglich ist. Andererseits ist zu befürchten, dass Hertha für die Niederlage der Bayern bitter büßen wird. Obwohl: Hertha spielt eigentlich fast immer so, wie man es nicht erwarten kann. Wenn man nach einem Auswärtssieg ganz nach oben kommen kann, wird garantiert das nächste Heimspiel verloren. Wenn niemand einen Pfifferling auf einen Punkt gibt, ist oftmals eine Überraschung gelungen. Nach der Niederlage gegen Frankfurt habe ich meine Hertha wiedererkannt. Wenn sie ein Pünktchen in München holen würden, wäre das in diesem Sinne nur stimmig. Aber wetten sollte man nicht darauf…

Wieder mit Zuschauern

Nun also doch! Das konnte Manager Preetz nicht auf sich sitzen lassen: Union spielt vor Zuschauern in der Alten Försterei und Hertha hat weiterhin nur Geisterspiele im Angebot. Obwohl der Verein draufzahlt, weil sich die Öffnung des Stadions für Fans und Anhänger erst ab 15.000 Zuschauern lohnt, muss Hertha, um einem Shitstorm ohne Beispiel zu entgehen, Fans ins Stadion lassen. Da man optimistischer Weise mit mehr als 4000 Zahlenden rechnet, werden die begehrten Karten verlost. Leider ist nicht bekannt, wie viele der ca. 20.000 Dauerkartenbesitzer aus der letzten Saison auch gleichzeitig Mitglieder sind. Denn nur diese können sich bei der Verlosung anmelden. 10.000 bis 12.000 werden das sicher sein, deshalb liegt die Chance mit 1:3 ungefähr auf dem Niveau der Rummellosbude, bei der „jedes Los gewinnt“ (Hauptgewinn „Charlottenburg“: Toaster, Riesen-Stoffbär oder Spielesammlung).

Allerdings gibt es schon jetzt wieder die Mäkler und Meckerer, denen man es nie recht machen kann. Sie reden von schlechter Stimmung im öden, leeren Stadion. Das sind offenbar Leute, die glauben, dass Hertha erst um die Jahrtausendwende gegründet wurde. Der Herthaner im gesetzteren Alter kennt die Zuschauerzahlen im Vierstelligen Bereich aus eigener Erfahrung, wobei damals keine Pandemie den Besuch im Stadion verhinderte, sondern die Leistung der Hertha-Mannschaft.

Beispiele gefällig? Im Januar 1984 spielt Hertha gegen Alemannia Aachen 2.2 (nach 0:2-Rückstand zur Pause) vor exakt 3432 Zuschauern.

1994 gewinnt Hertha im Olympiastadion gegen Meppen mit 5:1 und 3.871 sehen bei bestem Augustwetter zu. Kennt noch jemand die Spieler: Sejna – Oliver Schmidt, Rohde, Tanjga – Bremser, Ramelow, Andreas Schmidt, Richter, Hartmann- Deffke, Lünsmann (eingewechselt: Meyer und Klews).

Das ging 15 Jahre in den Achtziger und Neunzigerjahren so. Keine schöne Herthazeit, aber man ist ja gebürtiger Anhänger.

Wer nur der Stimmung wegen ins Stadion geht, kann auch gleich in die Sky-Kneipe gehen, da ist die Stimmung mit steigendem Alkoholpegel immer angemessen und im Fernseher sieht man sowieso besser als im Stadion. Wer sich für Fußball interessiert und nicht krank ist, geht ins Stadion, egal ob 4.000 oder 75.000 erwartet werden. Als Fan bleibt man nicht zuhause, wenn Hertha spielt…   

Herthas Rückrundenfluch

Das muss Hertha erst mal jemand nachmachen: Mit drei Niederlagen in Folge souverän den Abstieg verhindern, dazu müssen schon ein sehr guter Trainer, viel Glück und Unfähigkeit der anderen Vereine zusammenkommen. Hertha kann sich jetzt also entspannt zurücklehnen, eine dicke Zigarre paffen, die Beine aus der Hängematte baumelnd einen Drink schlürfen und zusehen, wie die anderen unglücklichen sich an den letzten beiden Spieltagen elend abstrampeln, um dem bösen Schicksal des Abstiegs noch zu entgehen.

Bremen und Düsseldorf werden wohl Direktabstieg und Relegation unter sich auswürfeln, aber auch Mainz ist noch nicht ganz gesichert und selbst Augsburg und Köln könnten noch, wenn alles ganz schief läuft, in die Relegation verbannt werden.

Hertha und Union spielen nur noch um die Stadtmeisterschaft, die eigentlich Hertha nach 0:1 und 4:0 gewonnen hat. Aber jetzt streiten die Neunmalklugen, ob am Ende nicht etwa der Tabellenplatz über diese erfundene Nichtmeisterschaft entscheidet. Und da dürfte Union die besseren Karten haben, denn aus den Spielen gegen Hoffenheim und Düsseldorf kann man mehr zählbares holen als gegen Leverkusen (Standardergebnis zu Hause 2:6) und Mönchengladbach. Mal sehen: Wenn Union am letzten Spieltag Herthas Feindbild Düsseldorf in die zweite Liga schickt, könnten einige Hertha-Fans vielleicht wieder Frieden mit den rot-weißen Köpenickern schließen. So wie es früher einmal war, bevor die beiden Lager durch Boulevardpresse und Hitzköpfe auf beiden Seiten in die „Feind“schaft getrieben wurden.

Immerhin: Holt Hertha auch nur einen Punkt aus den letzten beiden Spielen, haben sie erstmals seit Favres Zeiten 2009 mehr als 19 Punkte (wie in den letzten drei Spielzeiten) in der Rückrunde geholt.

Wäre das schon das Ende des Rückrunden-Fluchs? Und hat diesen eigentlich Favre selbst ausgesprochen, als er von Herthas damaligem und heutigen Manager Preetz als eine von dessen ersten Amtshandlungen entlassen wurde? Oder war Dieter Hoeneß vielleicht sogar der Übeltäter? Flüche gibt es ja so einige, sei es bei den Boston Red Sox oder Benfica Lissabon. Wer dran glauben will, ist sicher enttäuscht, wenn er denn durchbrochen wird. In diesem Sinne müsste Hertha gegen Leverkusen etwas reißen, um den Paranoikern und Verschwörungstheoretikern mal zu zeigen, was eine Berliner Harke ist. Aber richtig dran glauben kann man eigentlich nicht. Fluch ist schließlich Fluch…