Derbyzeit – schöne Zeit

Nun gut, die von der Boulevardpresse unter gütiger Mithilfe vom einen oder anderen Vereinsvertreter gepushten Fans fiebern dem Derby entgegen. Alle sind glücklich, dass man, anstatt sich im eisigen Olympiastadion sonstwas abzufrieren, bequem in der heimischen Kuschelecke sitzen und das eine oder andere gut gekühlte Gerstengetränk zu sich nehmen kann und nicht in einer überfüllten, coronaverseuchten S-Bahn nach Hause fahren muss. Natürlich traut sich niemand das zu sagen. Die Stimmung fehlt ja. Ogottogott.

Auf einmal geht es um Fußball und nicht um die Rivalität zweier gegeneinander aufgehetzter Stadthälften. Das kann mir alles nur recht sein, Corona sei Dank. Wenn es einen dann im Frühling wieder in die aufblühende Natur zieht, bin ich auch gerne wieder im Stadion. Dass ich in den letzten 57 Jahren Wind und Wetter trotzte und auch in den menschenverachtenden Jahreszeiten Spätherbst und Winter die Spiele stets vor Ort im Freien verfolgte, kann ich im Nachhinein nur als großen Irrtum betrachten, obwohl: Erstens gab es bis vor 25 Jahren keine Übertragungen der Bundesligaspiele und zweitens werde ich, entgegen jeglicher Logik, sofort wieder ins Stadion pilgern, wenn es denn möglich ist.

Was in der Vorberichterstattung so alles erzählt wird, sollte der geneigt Fan mit größter Vorsicht genießen. Union wird allenthalben, mit meist nicht zu überhörender klammheimlicher Freude, als Favorit gesehen. Es kann natürlich objektiv nicht bestritten werden, dass Union, im Gegensatz zu Hertha, einen äußerst erfolgreichen Saisonbeginn abgeliefert hat. Erst eine Niederlage, wohingegen Hertha schon fünf von neun Spielen verloren hat. Was meist nicht gesagt wird, gegen welche Gegner diese Ergebnisse zustande kammen: Union spielte gegen den 7., 8., 9., 12., 14., 15., 16., 17., 18., während Hertha gegen den 1., 2., 3., 4., 5., 8., 9., 10., 11. spielte. Natürlich muss man wie Union in Schalke auch erst mal Unentschieden spielen, erst zwei andere Mannschaften haben dieses Kunststück auch fertig gebracht (während alle anderen gewonnen haben) und Überkreuzvergleiche sind im Fußball nicht zulässig. Trotzdem hätten Hertha und Union beim Programm des jeweils anderen vielleicht auch den entsprechenden Punktestand des anderen. Lange Statistik, kurzer Sinn: So schlecht, wie Hertha gemacht wird, sind sie nicht, so gut wie Union gemacht wird, sind sie auch nicht, bei allem Respekt. Was Unions Trainer Fischer mit bemerkenswertem Realitätssinn gebetsmühlenartig wiederholt ist richtig. Union spielt erst mal gegen den Abstieg, alles weitere kommt später.

Eine andere Mär, um Herthas unbefriedigenden Saisonstart zu erklären, ist die von der nicht eingespielten Mannschaft, während Union ja ein kontinuierlich eingespieltes Team habe. Im letzten Spiel von Union gegen Frankfurt standen vier neue Akteure auf dem Platz, bei Hertha waren es gegen Leverkusen drei Neue.

Als Erklärung, wenn auch nicht als Entschuldigung für Hertha, würde schon eher der dritte Faktor gelten, nämlich dass in den drei Monaten seit Saisonbeginn sechs Wochen, d.h. die Hälfte der Zeit, durch Länderspielabstellungen die Hälfte der Mannschaft bei Hertha fehlte, während es bei Union nur zwei bis drei Spieler waren.

Alle Erklärungen werden das Spiel im Olympiastadion nicht entscheiden. Ein Tipp verbietet sich demnach von selbst.

P.S.: Ich tippe 3:1 für Hertha

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