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Endlich Winterpause

Nach dem Spiel gegen Bayern München, das eine selten gesehene Leistungsdifferenz zwischen beiden Mannschaften offenbarte (immerhin hatte Hertha zwischen Februar 2017 und September 2018 vier Spiele hintereinander gegen Bayern nicht verloren und war danach viermal nur mit einem Tor Differenz teilweise äußerst unglücklich unterlegen), kann sich die Mannschaft in einer Mini-Winterpause von 12 Tagen mental ausruhen sowie körperlich und taktisch auf den Abstiegskampf vorbereiten. Dass gegen Bochum und Fürth in den beiden nächsten Spielen Siege benötigt werden, mindestens jedoch vier Punkte, müsste eigentlich jeder nachvollziehen können. Selbst die Spieler, die das ja auf dem Rasen umzusetzen haben, was ihnen der Trainer so beizubringen versucht. Und der Trainer müsste auch verstehen, dass es nicht reicht, in der Pressekonferenz ein aktives, dominantes Spiel anzukündigen, sondern dass die Auf- und Einstellung der Mannschaft dem entsprechen müssen. Ein Stürmer, wie gegen Union, reicht da nicht.

Die Hoffnung vieler Herthaner ruht auf der Rückkehr von Jovetic, einem Unterschiedsspieler, wie man neuerdings zu sagen pflegt. Ob es noch Neuverpflichtungen gibt? Egal, der Kader ist breit genug aufgestellt, und der Weggang von Zeefuik stellt schon mal eine nicht unbeträchtliche Verstärkung des Kaders dar.

Die ersten Minuten, die der neue Linksverteidiger Björkan gegen München spielte, stimmten zuversichtlich, lief er doch sogar den Bayern-Spielern ein paar Mal weg. Man kann nur hoffen, dass er nicht den gleichen traurigen Weg so vieler Hertha-Neuverpflichtungen geht, die stark beginnen und dann kontinuierlich abbauen, also jeden Tag ein Stückchen schlechter werden, das Gegenteil des Anspruchs vieler Trainer. Ein gewisser Lucien Favre war übrigens vor mittlerweile 13 Jahren der letzte Übungsleiter bei Hertha, der wirklich viele Spieler besser machen konnte. Danach kamen und gingen Funkel, Babbel, Skibbe, Rehhagel, Luhukay, Dardai, Covic, Klinsmann, Nouri, Labbadia, wieder Dardai und jetzt Korkut. Es war nicht alles schlecht, was in dieser Zeit geschah: Nach unglücklichen Abstiegen folgte zweimal der sofortige Wiederaufstieg, was nicht so selbstverständlich ist, wie viele meinen. Frag nach beim HSV. Zweimal erreichte Dardai Plätze für die internationalen Wettbewerbe, und zwar ohne Geld für Neuverpflichtungen ausgeben zu können.

Der zweite Neue ist Marc Oliver Kempf, 27 Jahre alt, der in der vorigen Saison 32 Spiele für den VfB Stuttgart absolvierte und sogar zwei Tore schoss. Er war auch schon bei Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg unter Vertrag, was nicht gegen ihn spricht. Ob er allerdings so herausragend spielt, dass er der Mannschaft „helfen kann“, was in letzter Zeit der größte Wunsch aller Profis ist (vom Millionen verdienen ist nie die Rede), werden die nächsten Spiele zeigen. Immerhin ist er mit Sicherheit ein solider Bundesligaspieler, aber davon haben wir eigentlich ca. 25…

Mentalität und Angsthasenfußball

Man muss vor allem positiv denken: Hertha kann sich nach der 2:3-Niederlage gegen Union im Pokal voll auf den Abstiegskampf in der Liga konzentrieren. Und da am Sonntag Bayern Münchens Überkicker in Berlin antreten, müssen sie sich wahrscheinlich mehr konzentrieren, als ihnen lieb ist, um eine hohe Niederlage zu verhindern. Eine sehr hohe, wenn die Abwehr wieder solche Fehler wie gegen nicht mal besonders überragende Unioner machen wird.

Effektiv waren die Köpenicker allerdings: Aus vier gefährlichen Angriffen der zweiten Hälfte resultierten mit freundlicher Hertha-Unterstützung zwei Tore. Und obwohl Hertha im zweiten Abschnitt, nachdem mit Maolida ein zweiter Stürmer eingewechselt wurde, offensiv durchaus gefällig spielte und so viele Flanken wie selten in den Strafraum des Gegners gebracht wurden, reichte es nicht für ein offenes Spiel, weil eine Minute nach dem Anschlusstor sofort nach kollektivem Tiefschlaf aller Abwehrspieler der Zwei-Tore-Vorsprung für Union wieder hergestellt wurde.

Natürlich kann man wieder hadern, wenn man die blauweiße Brille aufsetzt: Von 100 Versuchen trifft Vogelsamer nur ein einziges Mal den Ball so genial wie beim 0:1. Vorher war Kruse genau fünf Zentimeter nicht im Abseits, als er die Flanke auflegte. In Köpenick, beim ersten Derby der Saison, war es genau umgekehrt: Piatek stand vor seiner Flanke zum vermeintlichen 1:2 direkt vor der Pause exakt fünf Zentimeter im Abseits, weshalb das Tor zu Recht nicht zählte. Abgesehen davon, dass diese Zentimeter-Entscheidungen Unsinn sind, da zehn Zentimeter in einer hundertstel Sekunde zurückgelegt werden, der Mann im Keller aber das Bild gar nicht so genau anhalten kann, sondern höchstens im Zehntelsekunden-Bereich agiert (1 Meter Raum !!!), entscheiden solche Nuancen eben ein Spiel und, Phrase: Im Laufe der Saison gleicht sich alles wieder aus…gähn…

Entscheidend für Unions verdienten Sieg, war die Einstellung der Herthaner. Einerseits merkte man den unbedingten Willen zum Sieg nur während kurzer Phasen der zweiten Hälfte, als fast alles schon verloren war. Andererseits ist es unverständlich, dass Trainer Korkut zwar immer davon spricht, dass agiert und nicht reagiert werden soll, die Aufstellung mit einem Stürmer und drei defensiven Mittelfeldspielern (Ascacibar, Tousart und z.T. auch Darida) genau das Gegenteil zeigt. Da muss sich niemand wundern, dass das Spiel genau so läuft. Der unerträglich langsame Aufbau mit ewigem Quergeschiebe ist in keinster Weise der von Manager Bobic attestierte Fortschritt. Im Gegenteil. Als Dardai so spielen ließ, war das anfangs nötig, um Sicherheit in eine völlig verunsicherte Mannschaft zu bringen. Jetzt ist es einfach nur ein Armutszeugnis. Wir reden von einer Mannschaft, deren Personaletat immerhin 90 Millionen Euro beträgt, was, abzüglich der Trainerstabs-Gehälter, ein durchschnittliches Salär von zwei bis drei Millionen Euro bedeutet. Pro Spieler!! Wofür? Für Angsthasenfußball!

Bleibt Korkut? Geht Zeefuik?

Trainer mit kurzen Laufzeiten hat es bei Hertha ja schon so einige gegeben. Ein Alexander Nouri und ein Michael Skibbe mit jeweils vier Spielen sind zwar Ausnahmen, aber auch ein Pal Csernai wurde nur für sechs Begegnungen geduldet, ein gewisser Jürgen Klinsmann ging nach neun Spielen freiwillig und auch Peter Neururer und Uwe Reinders schafften mit je 11 Spielen nicht mal eine Halbserie.

Tayfun Korkut hat die Mannschaft jetzt bereits in fünf Spielen betreut. Hertha spielte zweimal gut (gegen Dortmund und Bielefeld), einmal mittel (gegen Stuttgart) und zweimal schlecht (gegen Köln und vor allem Mainz). Sieben Punkte aus fünf Spielen ergäbe über die Saison gerechnet 48 Punkte, wäre also im Vergleich zu den letzten Jahren überdurchschnittlich. Ob Korkut das aber auch zeigen kann, ist fraglich, wenn die Mannschaft in Wolfsburg (möglich), im Pokal gegen Union (wahrscheinlich) und dann im ausverkauften Olympiastadion (vor 3000 Besuchern) gegen Bayern (sicher) verlieren sollte. Denn jetzt steht mit Nico Kovac der Wunschtrainer fast aller Herthaner bereit, nachdem er in Monaco grußlos entlassen wurde. Eine Chance, die sich Fredi Bobic kaum entgehen lassen wird. Wenn Kovac, der sich bisher immer etwas zierte, wenn der Name Hertha fiel, das Wagnis überhaupt eingehen will.

Bobics Spezi Korkut würde es ihm wahrscheinlich nicht mal übelnehmen, erspart er sich doch viel Stress in den nächsten Monaten und welcher Arbeitnehmer kann nach dreijähriger Arbeitslosigkeit nach wenigen Wochen Beschäftigung eine Million mehr auf seinem Konto finden? Das müsste für die nächsten Jahre eigentlich reichen, wenn nicht der neue Ferrari bestellt ist.

Mit Piatek geht auch der vierte Stürmer der Geldverbrennungszeit der kurzen gemeinsamen Ära Klinsmann/Preetz. Cunha, Cordoba und Lukebakio haben ja schon das Weite gesucht, nun kehrt auch Piatek nach Italien zurück. Ob Belfodil, Selke, Ekkelenkamp, Jovetic und Maolida besser sind, müssen sie noch langfristig beweisen. Zumindest könnten sie etwas preiswerter in der Haltung sein, wenn es stimmt, dass Piatek fünf Millionen (Euro, nicht Lire oder Zloty) pro Jahr erhalten haben soll.

Ich bin ja eigentlich Gegner der Winter-Transferperiode. Das ständige Austauschen des Personals verhindert die Identifikation der Anhänger mit dem Verein und man muss sich nicht wundern, wenn von „Söldnern“ und „Scheiß-Millionären“ die Rede ist – natürlich nur im Fall der Niederlage, beim Sieg sind alle „unsere Jungs“, die sich mit Tränen in den Augen auf das Wappen schlagen. Wenn es aber stimmt, dass ein Herr Zeefuik an einen englischen Zweitligisten abgegeben werden sollte (hoffentlich verkauft und nicht nur ausgeliehen), ein Spieler, der den Anforderungen der Bundesliga in keinster Weise gewachsen ist, sehe ich die Wintertransfers in Zukunft als Geschenk des Himmels an…

Neues Jahr – alte Hertha?

Wenn die Tante Omikron nicht anderer Meinung ist, startet am kommenden Wochenende die Bundesliga in ihre zweite Saisonhälfte. Bei Herthas Anhängern ist die Erwartungshaltung nach dem sensationellen Sieg gegen Dortmund naturgemäß groß, ein Europapokalplatz müsste doch drin sein…Darin unterscheidet sich der blauweiße Fan nur unwesentlich von den Kölner Jecken, die auch schon heimlich nachsehen, wo 2023 das Endspiel der Europa-League stattfinden soll, wenn sie ein Auswärtsspiel nicht allzu hoch verlieren. Das sollte am Sonntag gegen die Alte Dame Hertha im Bereich des Möglichen liegen, spielen die Domstädter doch seit Steffen Baumgardt dort Trainer ist, einen ansehnlichen Ball. Allerdings lebt die Mannschaft in erster Linie von der Mentalität und den Toren von Anthony Modeste. Wenn ich nicht geträumt hätte, dass Modeste, um von Herthas Abwehrspielern nicht erkannt zu werden, sich mit einer Ruud-Gullit-Perücke unkenntlich gemacht hatte, würde ich bei Herthas wackeliger Innenverteidigung Angst vor einem Mehrfachpack haben. Aber das war ja gegen Dortmund mit Haaland nicht anders und der hat gegen Stark und vor allem Torunarigha keinen Stich gesehen. Dass Kölns stärkster Abwehrspieler Rafael Czichos die Rindfleischtöpfe Amerikas dem Hungerlohn der Bundesliga vorzieht, kann man ihm nicht vorwerfen, dürfte für Hertha aber ein kleiner Vorteil sein. Andererseits würde es schon einem Wunder gleichkommen, wenn Hertha zwei überdurchschnittliche Spiele hintereinander absolviert. Gleichmäßig kann jeder! Immerhin fehlen Hertha vier Verteidiger wegen Corona und täglich werden es mehr. So schnell kann Bobic an der Transferfront gar keinen Ersatz beschaffen, wie sich die Spieler aus eigener Dummheit (um die halbe Welt jetten) oder Pech (Impfung vergessen) in die Quarantäne katapultieren. Leider ist die Karnevalszeit noch ein paar Wochen entfernt, dann hätten wir gegen eine Kölner Junioren-/Regionalligamannschaft antreten können. So aber muss man froh sein, wenn die Berliner wenigstens elf Spieler auf den Rasen bekommen. Abwarten, wie es weitergeht. Dass Bobic bisher erst einen Coronakranken verpflichtet hat, ist mir ganz sympathisch: Soll doch die Mannschaft der Vorrunde den Karren aus dem gar nicht mehr so tiefen Dreck ziehen. Und es soll ja Trainer geben, die bereits vorhandene Spieler besser machen wollen.

Der Abstand zu einem Europapokalplatz beträgt sechs Punkte, der Relegationsplatz ist nur vier Punkte entfernt. Nur soviel zur Einnordung der Ansprüche. Aber: Alles ist möglich. Neu-Trainer Korkut hatte fast immer ein erfolgreiches halbes Jahr bei seinen bisherigen Trainerstationen. Und wenn es nicht zu erfolgreich werden wird, kommt im Sommer endlich Wunschtrainer Nico Kovac, der gerade in Monaco als Tabellensechster mit vier Punkten Rückstand auf den Zweiten entlassen wurde. Und dass Kovac mit Stars nicht immer klarkommt, ist bei Hertha ja mangels Masse kein Problem…

P.S.: Optimistisch wie immer, tippe ich gegen Köln auf ein Unentschieden, also einen erfolgreichen Start ins neue Jahr…

2. Liga – Hertha ist dabei

Dieses Schmählied sangen Mitte der zweiten Halbzeit die freudetrunkenen Mainzer Anhänger nach den von Hertha etwas vorfristig großzügig ausgeteilten Weihnachtsgeschenken. Warum es nach den ansehnlichen Spielen gegen Stuttgart und Bielefeld zu diesem Desaster kam (Hertha hätte auch, ohne sich beschweren zu dürfen, gut und gerne 8:0 verlieren können) ist nicht erklärlich. Genauso wenig, wie ein Sieg gegen Dortmund zu erklären wäre, aber dazu wird es sicher nicht kommen.

23 :1 Flanken für die Mainzer ist die Kurzanalyse des Spiels. Wer viel flankt findet auch mal das Tor und die ersten drei Tore fielen genau auf diese Art. Aufgabe der Außenverteidiger ist es in der Regel, diese Flanken zu verhindern oder wenigstens die gegnerischen Spieler bei dessen Ausführung zu stören. Nicht so bei Hertha. Ein gewisser Herr Zeefuik, mit der Nummer 42 auf dem breiten Rücken, duckt sich vor dem 1:0, statt die Hereingabe des Balles mit irgendeinem Teil seines athletischen Körpers aufzuhalten, notfalls mit dem Kopf, was sicher wehtut, der andererseits, außer zur Nahrungsaufnahme, sowieso keine Funktion hat. Beim 2:0, von der linken Strafraumkante aus erzielt, hielt sich Zeefuik im Fünfmeterraum, also ca. 30 m von seiner theoretisch einzuhaltenden Position entfernt auf. Warum auch immer! Der Trainer hat dies offensichtlich auch bemerkt und beendete den taktisch gesehen ungenügenden Auftritt des jungen Niederländers, der ansonsten immerhin wenige Fehler machte und sogar zwei Einwürfe nach vorne warf und nicht, wie sonst grundsätzlich, nach hinten.

Eine flügellahme Seite kann eine Mannschaft vielleicht noch durch Kampf, Leidenschaft und Charakter ausgleichen, wenn die andere Seite aber noch desaströser spielt, ist der Untergang unvermeidbar. Der Mainzer Rechtsaußen, um diesen altväterlichen Ausdruck zu gebrauchen, hatte einen Abend ohne Gegenspieler, was ungefähr so einfach ist, als wenn Kinder mit Luftballons jonglieren und stolz darauf sind, dass sie den Ball unbegrenzt in der Luft halten können. Gegenspieler Plattenhardt, der mal einen ganz feinen linken Fuß hatte und sogar Freistöße direkt verwandelte (lang ist`s her), hält sich grundsätzlich 15 bis 20 Meter von seinem Gegenspieler entfernt auf. Das ist natürlich dem modernen “Verschieben” geschuldet, d.h., dass sich die ganze Mannschaft zur Ballposition hin orientiert. Wenn aber, wie vor dem 1:0 der Ball von ganz links nach ganz rechts geschlagen wird, also 60 m fliegt, dauert das gut und gerne 1,5 bis 2 Sekunden. In dieser Zeit kann sich ein nicht verletzter oder in Corona-Quarantäne befindlicher Leistungssportler zehn bis fünfzehn Meter bewegen, wenn er antizipiert und sich bewegen will. Wer hinschiebt muss auch zurückschieben. Nicht so Plattenhardt. Er sieht der Flanke hinterher, setzt sich in Bewegung und hat, wenn der Gegenspieler den Ball ungestört kontrolliert, noch 5 Meter Abstand. Dann wird`s schwer. Der Gegner flankt, in der Mitte köpft ein Spieler unbedrängt ein. Vor dem 2:0 ebenfalls: Flanke, Gegner schießt gemeiner Weise ohne gestört zu werden ein. Beim 3:0 ist Plattenhardt nicht auf seinem Posten, sondern in der Mitte des Strafraums, was ihm aber immerhin die Möglichkeit gibt, den Ball wütend in Richtung Mittellinie zu dreschen, leider nachdem er aus dem Tornetz herausprallt.

Der Rest war 40 Minuten Arbeitsverweigerung, mit Darida als Rechtsverteidiger. Warum dafür nicht die Verteidiger Mittelstädt oder Torunarigha eingesetzt wurden, kann der Trainer vielleicht beantworten. Eventuell wollte er das 0:2 aufholen und Darida sollte neben der ungewohnten Abwehrarbeit noch die lustlosen Mitspieler antreiben. Auf jeden Fall gelang dieser taktische Schachzug nicht.

Was kann man besser machen? Vielleicht eine Videoanalyse mit den Außenverteidiger-Fehlern machen! Das kann ja in den letzten Jahren nicht geschehen sein, sonst würden sie nicht regelmäßig so spielen. Oder sie sind nicht lernfähig oder -bereit. Wollte Dardai nicht neue Außenverteidiger haben? Er wusste offenbar warum. Statt dessen bekam er als Ersatz für drei gute Stürmer ohne Hertha-Fahne-Treueschwüre drei mittelmäßige Stürmer ohne Hertha-Fahne-Treueschwüre…

Man kann momentan nur hoffen, dass die Niederlage gegen Dortmund nicht allzu hoch ausfällt. Wenn Hertha aber gewinnen würde, hätten sie ihr Halbjahresziel von 22 Punkten sogar fast erreicht. Zum Totlachen, wenn es nicht so zum Heulen wäre…

Was zählt

Das war ja mal ein erfolgreicher Auftakt der Ära Korkut. Nach zwanzig Minuten lag die verunsicherte blauweiße Truppe nach zwei haarsträubenden Fehlern mit 0:2 zurück. Man könnte meinen, dass Spieler wie Boyata oder Torunarigha das Wort Taktik mit einem digitalen Filmchendienst verwechseln oder eventuell mit einem Pfefferminzdragee. Aber was soll`s. Die Mannschaft zeigte Charakter und hätte durchaus als Sieger vom Platz gehen können, weil Stuttgart das machte, was sonst eigentlich Hertha vorbehalten bleibt, nämlich zu glauben, dass der Spruch von den 90 Minuten, die ein Spiel dauere, Opagesülze von Anno dünnemals sei und dass im schnelllebigen Heute 20 Minuten für ein Fußballspiel ausreichend seien.

Herr Korkut hat ja in seinen bisherigen Trainerstationen bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, ein Team über eine halbe Saison gut zu führen. Das würde im Falle Hertha also bis zum 30. Spieltag dauern, und wenn die Alte Dame dann nicht mehr in Abstiegsgefahr sein sollte (oder sogar, was punktemäßig noch nicht völlig unmöglich ist – es sind nur sechs Punkte Abstand zum “Conference-League-Platz- nach mehr schielt) ist die Mission “Kontinuität” erfüllt.

Zu spekulieren, wer dann in der neuen Saison Trainer werden wird, verbietet sich jetzt. Bleigießen zu Silvester ergibt deutlich mehr Hinweise als irgendwelche Namen, die durch den Blätterwald rauschen (das Netz macht ja leider keine Geräusche, die einen ähnlich schönen Allgemeinplatz ermöglichen würden).

Damit es soweit kommt, ist jetzt erstmal ein Sieg gegen Bielefeld nötig, ohne wenn und aber. Ob Union den neuen Rasen wieder umgepflügt hat, ob der Schnee den empfindlichen Grashalmen zugesetzt hat oder ob es Bielefeld eigentlich gar nicht gibt: Es gibt keine Ausreden. Hertha muss gewinnen. Und Hertha wird gewinnen, wenn sich die Spieler auf die leicht abgewandelte Forderung ungeduldiger Fans besinnen: “Kämpfen UND spielen”. Dass sie kämpfen können, haben sie in Stuttgart gezeigt, dass sie spielen können in Frankfurt. Eine Mischung aus beidem und Hertha wäre zwar nicht unschlagbar aber für einen Sieg gegen Bielefeld und ein Remis in Mainz am Dienstag würde es allemal reichen. Und siehe da: Schon wären die von Ex-Trainer Dardai geforderten sechs Punkte aus den vier Spielen gegen Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz im Sack. Und als Zugabe kommt Dortmund und muss sich anhören, was im Lande immer häufiger zu hören ist: “Wir schenken dieses Jahr gar nichts…”

Kontinuität auf Bobic-Art

Das ist doch mal ein Wort, dachte man, als der neue starke Mann bei Hertha, Fredi Bobic, in einer seiner ersten Pressekonferenzen davon sprach, dass Kontinuität auf dem Trainerposten oberstes Gebot sei. Fünf Trainer in zwei Jahren seien viel zu viel, da kann eine Mannschaft keine Linie erkennen…Und was der weisen Sprüche mehr waren.

Jetzt herrscht Kontinuität nur insofern, dass der Trainer nach 13 Spielen gehen muss, obwohl, wie Bobic selber sagt, die Lage nicht allzu ernst, geschweige denn hoffnungslos sei. Und liegt es am Trainer, wenn die Mannschaft in vier Heimspielen in der Nachspielzeit, bzw. kurz vor Schluss, Punkte verschenkt (Wolfsburg, Freiburg, Leverkusen, Augsburg)? Vielleicht ja, Konzentration bis zum Schlusspfiff kann man eventuell üben, vielleicht auch nicht. Ist der Trainer auch für Pfostenschüsse verantwortlich? Oder für drei-cm-Abseitsstellungen? Oder für falsches (Nicht-)Eingreifen des Kölner Kellers? Die Fragen muss jeder ehrlich sich selber beantworten.

Tatsache ist, dass Hertha in dieser Saison oft langweiligen, uninspirierten, unstrukturierten Fußball spielte. Aber dass das nur am Trainer und nicht auch an der immer noch schlecht zusammengestellten Mannschaft liegt, ist unwahrscheinlich.

Dardais Verdienste sind wahrlich nicht klein. Als Nationaltrainer hat er Ungarn seit Menschengedenken erstmals wieder zu einem großen Turnier geführt. Er hat Hertha vor dem Abstieg gerettet und anschließend zwei Mal auf Europapokalplätze geführt, wenn auch einmal nur in die Qualifikation. Alles zu Zeiten, als Hertha immer noch den Schulden-Rucksack von Dieter Hoeness mit sich herumschleppte und Transfers nur eingeschränkt möglich waren. Er hat nach seiner Meditationspause am Plattensee die Mannschaft Anfang 2021 in einer aussichtslosen Situation, als sie wegen Corona gesperrt war und danach in wenigen Wochen ein Mammutprogramm zu absolvieren hatte, übernommen. Er behielt als einziger die Nerven und machte so wahnsinnige Sachen, wie gegen Freiburg zehn neue Spieler im Vergleich zum vorigen Spiel auf den Platz zu schicken, was es so in der Bundesliga noch nie gegeben hatte. Lohn: Ein grandioser 3:0-Sieg mit dieser Ib-Mannschaft und eine dicke Zigarre nach dem Nicht-Abstieg!

Dass er jetzt gehen muss und Bobic ihm in der Pressekonferenz nicht mal die Rückkehr zu seiner geliebten U-16-Mannschaft garantierte, ist einfach nur schäbig und zeigt, dass es offenbar persönliche Animositäten zwischen Bobic und Dardai gab. Genauso, wie es freundschaftliche Bindungen, die auch schwäbisch-landsmannschaftlicher Art sein können, zwische Bobic und dem neuen Übungsleiter Korkut zu geben scheint. Aber sind alte Freundschaften eine Qualifikation für einen Job, in dem Millionengehälter gezahlt werden?

Wenn Taifun Korkut, dessen bisherige Trainerkarriere eher von der Zensur “4 minus” beschrieben wird, den Umschwung schafft, das heißt, sowohl erfolgreichen als auch ansehnlichen Fußball spielen zu lassen, hat Bobic sein Pokerspiel gewonnen. Wenn nicht, d.h. wenn die Kontinuität in der Trainerfrage so fortgesetzt wird, dass nach dem 23. Spieltag ein nächster Fußballleher verpflichtet werden muss, sollte man vielleicht über eine Rückkehr von Michael Preetz nachdenken…

Einfache Rechenaufgabe

Pal Dardai ist ja der große Vereinfacher. Wenn er Saisonziele beschreiben soll, sagt er nicht, dass er einen Platz in der oberen Tabellenhälfte anstrebt oder gar auf die Europapokalplätze schielt, sondern er will immer nur von Schritt zu Schritt denken. Also teilt er die Saison in Kästchen mit je vier Spielen ein, aus denen je sechs Punkte geholt werden sollen. Das ergäbe am Saisonende bei acht Viererkästchen 8 x 6= 48 Punkte und drei Bonuspunkte aus den beiden letzten Spielen, also 51 Punkte. Damit wäre ein Platz in der Nähe des oberen Tabellendrittels zumindest in Reichweite.

Wie sieht die bittere Realität aus?

Aus dem ersten Viererkästchen mit Köln, Wolfsburg, Bayern und Bochum wurden drei Punkte erspielt (oder erarbeitet, erzittert, erkämpft…). Aus dem zweiten Viererblock mit Fürth, Leipzig, Freiburg und Frankfurt holte man die geplanten sechs Punkte. Der dritte Block mit Gladbach, Hoffenheim, Leverkusen und Union erbrachte nur vier Punkte, was ein Minus von insgesamt fünf Punkten im Vergleich zum angestrebten Soll ergibt. Fünf Punkte wohlgemerkt, die trotz der durchwachsenen Leistungen, besonders im Sturm, der Abwehr, dem Mittelfeld und auf der Torwartposition, durchaus drin waren, wenn man an die in den letzten Spielminuten jeweils verschenkten Heimpunkte gegen Wolfsburg, Freiburg und Leverkusen denkt.

Können die fünf Minuspunkte in der Hinrunde noch ausgeglichen werden? Nicht mehr ganz, aber einiges ist doch im Bereich des Möglichen:

Im anstehenden Kästchen mit Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz könnten durchaus sieben Punkte (also zwei Siege und ein Unentschieden) denkbar sein und wenn dann noch ein Überraschungssieg gegen Dortmund, am letzten Spieltag der Hinrunde, gelänge, wäre man fast im Soll.

Sehr viel Konjunktiv! Klar ist: Wenn der Abstiegskampf, der ja objektiv schon längst eingeläutet ist, noch vermieden werden soll, darf gegen Augsburg, Stuttgart und Bielefeld nicht verloren werden.

Ansonsten dürfte es auch für Pal Dardai recht eng werden. Vorteil? Wenn er wieder eine Jugendmannschaft von Hertha BSC betreute, hätte sich das Kästchenrechnen sowieso erledigt. Die Jungherthaner gewinnen schließlich fast jedes Spiel…

Hätten Sie`s gewusst?

Die Hertha-Niederlage in Hoffenheim, die wieder alles Schlechte der Hertha-Mannschaft der letzten Jahre offenbarte (kein Aufbäumen nach einem Rückstand, kein Erspielen von Chancen, kein systematischer Aufbau, unendlich viele Fehlpässe…) muss erst mal verdaut, um anschließend analysiert zu werden. Deshalb ein paar statistische Schmankerln aus dem unendlich großen Umfeld der Nationalmannschaft. Wer die Fragen richtig beantworten kann, darf sich Experte nennen und bekommt trotzdem nicht die Ehrenmitgliedschaft im Fanclub der „Mannschaft“.

Wer ist eigentlich der erfolgreichste Bundestrainer, wenn man sich den Punkteschnitt pro Spiel anschaut? Natürlich fallen einem die großen Weltmeistertrainer Sepp Herberger, Helmut Schön, Franz Beckenbauer (der ja Teamchef und kein Trainer war) und Jogi Löw ein, wobei sich die Voraussetzungen der Trainer selbstverständlich im Laufe der Jahrzehnte völlig geändert haben. Zu Herbergers Zeiten war Deutschland das einzige Land, in dem es keine Erste Liga gab, sondern eine Ansammlung von fünf Oberligen mit ca. 75 Vereinen. Dass das Niveau vor der Bundesligaeinführung 1963 darunter litt, ist offensichtlich. Die großen Turniererfolge (1954 Weltmeister, 1958 Vierter) waren also eher auf die deutschen Tugenden als auf die überragende Klasse der Spieler zurückzuführen, wenn auch ein Fritz Walter, ein Helmut Rahn oder ein Toni Turek durchaus zur Weltklasse gerechnet werden konnten. Der Schnitt Herbergers von 1,86 Punkten pro Spiel, der nur noch von Erich Ribbeck (1,50) und Rudi Völler (1,85) sowie Franz Beckenbauer (1,85) unterboten wird, ist also bei seinen miserablen Umständen aller Ehren wert.

Otto Nerz` 1,91 Punkte lassen wir mal außen vor, aber Jürgen Klinsmann (2,00), Joachim Löw (2,08) und Helmut Schön folgen mit guten Ergebnissen. Die Sieger der zehn bisherigen Bundes (oder Reichs-) trainer in den letzten 95Jahren (!!!) sind aber die vielfach geschmähten und dabei weit unterschätzten Jupp Derwall (2,15) und Berti Vogts mit 2,18 Punkten. Chapeau, Berti!

Mit weitem Abstand bei der Zahl der Spiele führt natürlich Jogi Löw, der 198 Spiele betreute, weil heute mindestens doppelt so viele Spiele pro Jahr ausgetragen werden als zu Herbergers Zeiten (der sonst statt bei 162 Spielen sicher bei über 300 verantwortlich gewesen wäre – in den 29 Jahren seiner Regentschaft).

Eine andere interessante Frage ist die der Bilanz der Nationalmannschaft gegen die Konkurrenten. Gegen wie viele der „großen“ Fußballnationen hat Deutschland eine positive Länderspielbilanz? Zu den „Großen“ zählen wir mal Brasilien und Argentinien aus Südamerika und England, Italien, Spanien, Frankreich und die Niederlande aus Europa. Und siehe da: Gegen fast alle Gegner ist die Länderspielbilanz negativ. Im Einzelnen (in der Reihenfolge Sieg – Unentschieden – Niederlage) ergibt sich:

Brasilien 5 – 5 – 13

Argentinien 7 – 6 – 10

England 13 – 7 – 17

Frankreich 9 – 8 – 15

Italien 8 – 12 – 15

Nur gegen die etwas später in die Weltspitze aufgerückten Holländer und die Spanier kann Deutschland knapp positive Bilanzen aufweisen:

Niederlande 16 – 16 – 12

Spanien 9 – 8 – 8

Nun gut, genug der Zahlenspielerei. Immerhin gibt es Schlimmeres, wie z.B. die vernichtenden Bilanzen gegen Länder, gegen die die Nationalmannschaft noch nie einen Punkt holen konnte, wie Ägypten (kann sich noch ändern) oder die DDR (kann sich nicht mehr ändern). Dem stehen aber andererseits makellose Bilanzen u.a. gegen Oman und das Saarland zu Buche.

Im Leben gleicht sich eben alles irgendwann wieder aus…

Was stimmt im Hertha-Spiel noch nicht?

Die rührige Fußball-Woche aus Berlin veröffentlicht seit einiger Zeit die Spieldaten, vorzugsweise von den Spielen der Berliner Erstligisten. Vor der Begegnung gegen Eintracht Frankfurt hatte Hertha in den ersten sieben Saisonspielen eine durchschnittliche Passquote von 75 %, was wohl bedeutet, dass jeder vierte Ball nicht den Mitspieler erreicht wie geplant. Und wenn man den Hertha-Spielaufbau, falls man ihn denn als Aufbau bezeichnen will, kennt, weiß man, dass der Ball, bevor er vertikal die gegnerische Hälfte erreicht, mindestens fünf mal von Innenverteidiger zu Innenverteidiger und manchmal auch von diesen zum Torwart gespielt wird. Seit mit drei statt mit zwei Innenverteidigern gespielt wird, hat diese Spielweise geradezu inflationär zugenommen, weil ja jeder mal den Ball haben möchte. Der beschriebene Vorgang dauert gefühlte drei Minuten und umfasst mindestens ein Drittel der 75 % angekommenen Pässe, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet, dass bei halbwegs konstruktivem Spiel nur jeder zweite Ball seinen Adressaten erreicht.

Eine Leistung, die Fußballprofis unwürdig ist und mit der man in der Bundesliga nur bestehen kann, wenn es noch ein paar schlechtere Mannschaften gibt. Neben der miserablen Passquote fällt auf, dass die blauweiße Hertha in fünf von sieben Spielen weniger gelaufen ist als der Gegner, und zwar im Durchschnitt aller sieben Spiele jeweils 1,7 km weniger. Dass es dann schwierig wird, Spiele zu gewinnen, ist offensichtlich, wo doch das Pressing, einst von Trainern wie Lobanowski und Happel „erfunden“ seit vierzig Jahren der Schlüssel zum Sieg sein kann, und wer „presst“ muss eben viel laufen.

Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt, dessen 1. Hälfte aus Hertha-Sicht laut Trainer Pal Dardai „perfekt“ war, einer Aussage, der man angesichts von sechs herausgespielten (!) Großchancen nur zustimmen kann, liefen die Herthaner 2,5 km mehr als die Frankfurter. Das sah man von der ersten Minute an, der Sieg war folgerichtig und hochverdient. Was an der Statistik allerdings irritiert, ist die mit 71 % unterirdische Passquote, aber vielleicht ist das ja ein Druckfehler, weil seit langer Zeit nicht mehr ein so konstruktives Aufbauspiel der Hertha zu sehen war. Aber Zahlen lügen vielleicht doch und sind nicht alles im Fußball. Glück und ein aufmerksamer Kölner Keller gehören auch dazu…

P.S.: Fredi Bobic hat mit Cordoba (7), Cunha (7) und Lukebakio (5) neunzehn der 41 Tore der vorigen Saison verkauft, nur Piatek (7) bleibt im Lande. Wenn er damit erfolgreich ist, kann man Bobic den größten Zocker aller Zeiten nennen, oder auch einfach nur einen hervorragenden Fußballkenner. Wenn nicht, muss er schon mal nach Erklärungen suchen…

P.P.S.: Unions Laufleistung ist in JEDEM Spiel drei bis fünf Kilometer besser als die des Gegners. Zahlen scheinen doch was auszusagen…