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Zehn kleine Spieltäglein

Das alte Kinderlied von den zehn kleinen N.lein, darf man ja heute aus nachvollziehbaren Gründen weder singen noch zitieren. Aber das Runterzählen von 10 bis null, also einen Countdown machen, ist noch erlaubt und aus Hertha-Sicht notwendig, wenn man die Restsaison nicht nur „von Spiel zu Spiel“ angehen, sondern, zumindest grob, planen will. Zehn Spiele gilt es also noch zu bestreiten, bis…, ja was eigentlich? Bis zum direkten Abstieg? Bis zur Relegation? Oder bis zur Rettung, von der ja eigentlich jeder Herthaner im Stillen ausgeht?

Wer sind denn die Gegner? Im unteren Tabellendrittel, also von den Kräfteverhältnissen scheinbar schlagbar, wären Mönchengladbach, Augsburg, Stuttgart und Bielefeld. Man muss kein Prophet sein oder auch nur ein klein wenig Ahnung vom Fußball haben, um sicher sagen zu können, dass Hertha nicht alle dieser vier Spiele gewinnen wird. Aus dem mittleren Tabellendrittel (Platz 7 bis 12) stammen Union, Frankfurt und Mainz. Nicht einfach, aber auch ein blindes Huhn findet ja manchmal einen Punkt. Und das wird auch nötig sein! Ganz oben stehen Leverkusen, Hoffenheim und Dortmund. In Leverkusen hat Hertha schon manchmal zählbares erobert und Dortmund in der Hinrunde sogar geschlagen. Von Hoffenheim wollen wir lieber schweigen.

Tatsache ist, dass Hertha vor dem letzten Spieltag, wenn es in Dortmund gilt, bereits vier Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz haben sollte, da mit einer Niederlage dort bei dem schlechten Torverhältnis und einem Sieg von…vielleicht Augsburg der 16. Platz sicher wäre.

Man kann zusammenfassen: Wenn Hertha höchstens drei Punkte weniger als Stuttgart holt (und höchstens acht weniger als Fürth) steigen sie nicht direkt ab. Im Vergleich mit Augsburg muss man schon ein Punkt besser sein, im Vergleich mit Bielefeld gar drei. Alles nicht unmöglich, aber es ist wie bei obengenanntem Lied: Mit jedem Spieltag kommt das Grauen einen Schritt näher…wenn man nicht gewinnt. Wie wäre es denn da zur Abwechslung mal mit einem Sieg gegen Frankfurt?

Aufgabe nicht lösbar

Es gibt ja manchmal in Mathe-Abiturprüfungen Aufgaben, bei denen die gesamte Expertenschar geschludert und nicht erkannt hat, dass die Aufgabenstellung falsch und insofern eine Lösung der Aufgabe unmöglich war.

Beim Spiel Freiburg gegen Hertha hat zwar niemand geschludert, außer vielleicht der eine oder andere Spieler, der die Coronabeschränkungen nicht allzu penibel eingehalten hat, wie dazumal unser Freund Salomon Kalou. Aber das ist nicht sicher, das Virus macht ja was es will. Unmöglich ist ein Punkt in Freiburg zwar nicht (von drei Punkten will man nicht reden, um nicht als größenwahnsinnig bezeichnet zu werden), aber Tatsache ist, dass Hertha heute keinen Bundesligatorwart zur Verfügung hat, da Schwolow infiziert ist, Jarstein wohl nicht mehr Leistungssport betreiben wird (wobei man, wenn man zynisch wäre, behaupten könnte, dass das ja die gesunde Mannschaft auch nicht kann) und die anderen Keeper im Kader Oliver Christensen und Nils Körber sich nach Corona oder Verletzungen im Aufbautraining befinden. Wenn Körber nicht spielen kann, stehen noch die U23-Keeper Leon Cuk, Nikolai Kemlein, Marcel Lotka und Florian Palmowski zur Verfügung. Quantität ist also eine ganze Menge da, ob genügend Qualität dabei ist, um einen Petersen in Schach zu halten wird man sehen. Vielleicht kommt ja einer der Nachwuchsleute groß raus, wie der 20-jährige Volkmar Groß anno 1968, als er im ersten Aufstiegsspiel bei Rot-Weiß-Essen deren Stürmer zur Verzweiflung brachte und mit einem 2:2 den Grundstein zum folgenden Aufstieg, zum Klassenerhalt 1969, zu zwei dritten Plätzen 1970 und 1971 legte, dann aber leider mit dem Skandalspiel gegen Bielefeld die geplante Meisterschaft 1972 vergeigte…

Irgendjemand wird sicher im Tor stehen und da Stuttgart wieder verloren hat und Fürth noch weit hinten liegt, wird Hertha auch zehn Spieltage vor Schluss nicht auf einem direkten Abstiegsplatz liegen. Aber irgendwann wird auch Stuttgart wieder punkten, weshalb auch Hertha noch ein paar Mal zählbares nach Hause bringen muss. Gegen Leipzig hätte es ja fast geklappt, wenn der Schiedsrichter beim Stande von 1:1 abgepfiffen und nicht noch 25 Minuten Nachspielzeit drangehängt hätte. Da kann man schon mal noch fünf Tore kassieren. Das Torverhältnis darf am Ende also keine Rolle spielen.

Vier Siege sind aus den letzten 11 Spielen Pflicht und ob 35 Punkte dann reichen werden, ist noch längst nicht sicher. Die Zeichen stehen auf Relegation und wir wissen aus den Spielen gegen Düsseldorf von vor zehn Jahren noch genau, dass das keineswegs Herthas Stärke ist. Also am besten wäre es, heute schon mal mit dem Siegen anzufangen. Allein mir fehlt der Glaube…

Erster Heimpunkt gegen Leipzig?

Gegen die „Messestädter“, wie man die Leipziger vor 33 Jahren noch genannt hätte, hat Hertha eine absolut makellose Heimbilanz: Fünf Spiele – fünf Siege…allerdings für Leipzig. Und das bei einem Gesamttorverhältnis von 5:20. Im Durchschnitt ein glattes 1:4. So ungefähr in dieser Größenordnung dürfte es sich auch heute wieder abspielen, wenn RB im Olympiastadion antritt, um seine gute Form unter Beweis zu stellen. Bei der derzeitigen Verfassung von Hertha BSC weist nichts darauf hin, dass es diesmal anders sein könnte. Außer, dass es vielleicht angesichts katastrophaler Abwehr“leistungen“ auch durchaus ein über dem Durchschnitt liegendes Resultat geben könnte. Andererseits heißt es ja: „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.“ Warum sollte es nicht, wie am letzten Spieltag der Hinrunde, als Hertha überraschend die Dortmunder Borussia mit 3:2 niederkämpfte, möglich sein, ein Unentschieden oder gar einen Sieg zu erringen? Gerade, weil niemand daran glaubt.

Und niemand soll etwas von RB als Kunstprodukt mit unendlich viel Geld von Herrn Mateschitz schwätzen. Kunstprodukt ja, aber viel Geld zum Verbrennen hatten auch andere: Der HSV und Schalke 04 können ein Lied davon singen, was man mit hunderten von Millionen alles nicht machen kann. Und Hertha ist ja ebenfalls in die Liga der großen Geldverbrenner aufgestiegen. Geld allein genügt eben nicht, man muss auch wissen, was man damit machen muss. Und bei RB, aller Kritik zum Trotz, hat man die Millionen gut angelegt und ein Spitzenteam daraus gezaubert. Hertha ist das nicht gelungen, und man steht schlechter da, als man noch eine arme graue Maus war, die zehn Jahre lang dem unseriösen Finanzierungsgebaren eines Dieter Hoeness nacharbeiten musste.

Da das Geld aber nun weg ist, wie das Wasser aus dem Topf, der ein Loch hat, sollten sich Herthas Verantwortliche vielleicht an den Vereinen orientieren, die es seit Jahren besser machen und mit geringeren Mitteln durchaus erfolgreich sind: Freiburg an erster Stelle, aber auch Mainz und, ja, auch wenn es dem einen oder anderen Herthaner schwer fällt, das anzuerkennen, auch Union. Meister werden diese drei sicher nicht, aber der HSV, Schalke und Hertha ja auch nicht!

Der Abstiegskampf ist eingeläutet und Hertha hat einige Erfahrung damit. Seit Jahren war es immer relativ eng gegen Ende der Saison, erst in den letzten beiden Jahren unter Dardai, dann unter Covic/Klinsmann/Nouri/Labbadia, wieder unter Labbadia/Dardai und nun mit Dardai/Korkut als Trainer. Dass Dardai den Abstiegskampf beherrscht, hat er zur Genüge bewiesen, Korkut noch nicht…

Konstanz nach Bobic-Art

Neulich sagte Fredi Bobic in einem Interview die Wahrheit: Zecke Neuendorfs Wunsch, einmal eine Hertha-Mannschaft zu sehen, in der nur Berliner spielten, sei unrealistisch im modernen Profifußball. Nun ja, fast, denn in dem Team, das 1999/2000 in der Champions-League spielte und dort Chelsea und Milan schlug, kam man annähernd an Zeckes Ideal heran: Fiedler, Beinlich, Rehmer, Hartmann, Zecke, Andi Schmidt, Thom aus Berlin, dazu die aus der „Umgebung“ (DDR) stammenden Herzog, Tretschok, Veit und Wosz ergeben schon eine regional verankerte Mannschaft, und eine gute noch dazu. Aber auch das ist zwanzig Jahre her und wahrscheinlich nicht zu wiederholen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie leichtfertig manchmal eigene Talente abgegeben werden, um sie durch teurere, auswärtige Spieler zu ersetzen, die noch dazu oftmals nicht unerhebliche Eingewöhnungsschwierigkeiten haben.

Zugegeben: Der Sprung von der Jugend in den Erwachsenenbereich muss schwer sein und noch niemand konnte so richtig erklären, warum es bei höchst talentierten Junioren mit 18 oder 19 Jahren einen Bruch in der Entwicklung gibt:

Vor acht Jahren schrieb ich in einem Blog über Herthas Nachwuchsarbeit über den Gewinn der Fritz-Walter-Medaille in Silber von Damir Bektic. Eine Ehrung, die zuvor auch die Herren Jerome Boateng, Manuel Neuer, Toni Kroos und einige andere nicht unbekannte Spieler erhielten. Und wo spielt Herr Bektic mit Mitte Zwanzig jetzt? Wenn er Bundesliga-Profi geworden wäre, wüsste man es. Also in der 2. oder 3. Liga? Weit gefehlt. Er kickt in der Regionalliga bei Tasmania! Sicher muss man als Regionalligaspieler überdurchschnittlich viel können, wenn man die eineinhalb Millionen aktive Fußballer betrachtet. Aber der ganz große Wurf sieht anders aus.

Wenn es also nicht gelingt, jedes Jahr wenigstens EINEN Spieler aus einer der besten Jugendabteilungen Deutschlands ins Profiteam zu holen (was bei Hertha schon ansatzweise verwirklicht wird (siehe Mittelstädt, Torunarigha, Dardai und zuletzt Gechter) mussen also Transfers realisiert werden. Und wie es bei Schiller so schön heißt: „Mit weiser Hand, zur rechten Zeit“. Aber da geht es ja nur ums Glockengießen! Und bei Hertha hat man seit vielen Jahren (Ausnahmen bestätigen die Regel) keine weise Hand und der Zeitpunkt ist oft alles andere als richtig.

Wie wäre es sonst möglich, dass die sportliche Leitung einerseits „Kontinuität“ bzw. „Konstanz“ predigt, und das Gegenteil macht? Oder ist es Kontinuität, wenn in zwei Transferperioden (Sommer 21 und Winter 22) 18 (achtzehn!) Spieler abgegeben und 13 (dreizehn!) verpflichtet werden ?

Abgänge: Cunha, Cordoba, Netz, Jastrzembski, Leckie (Verkäufe), Torunarigha, Maier, Lukebakio, Piatek, Dilrosun, Alderete, Zeefuik, Löwen, Redan, Ngankam (Leihen), Khedira (Karriereende), Guendouzi, Radonjic (Leihe beendet).

Zugänge: Serdar, Richter, Maolida, Ekkelenkamp, Christensen, Belfodil, Jovetic, Selke, Björkan, Kempf, Lee, Nsoma und Michelbrink (eigene Jugend!).

Entweder weiß Bobic nicht, was er tut oder er hat einen genialen Spürsinn (was man bis zum Spieltag 20 noch nicht erkennen konnte) oder er ist wirtschaftlich gezwungen so zu handeln, da Herthas alter Kader 90 Millionen im Jahr kostete (und im Geschäftsjahr 2021 ca. 90 Millionen Defizit bei knapp 200 Millionen Umsatz auflief). Denn dass eine Mannschaft nicht besser wird, wenn sie Spieler im „Wert“ (erinnert zwar an Klinsmanns „Mehrwert“, ist aber in Tabellen so aufgelistet) von 138 Millionen € abgibt und für 56 Millionen € verpflichtet, ist eigentlich sonnenklar. Trotz aller wirtschaftlichen Zwänge, ein System kann man bei Bobics Transferaktivitäten bisher nicht erkennen. Aber wenn der Abstieg vermieden wird, wird spätestens in der nächsten Saison alles viel besser…

Endlich Winterpause

Nach dem Spiel gegen Bayern München, das eine selten gesehene Leistungsdifferenz zwischen beiden Mannschaften offenbarte (immerhin hatte Hertha zwischen Februar 2017 und September 2018 vier Spiele hintereinander gegen Bayern nicht verloren und war danach viermal nur mit einem Tor Differenz teilweise äußerst unglücklich unterlegen), kann sich die Mannschaft in einer Mini-Winterpause von 12 Tagen mental ausruhen sowie körperlich und taktisch auf den Abstiegskampf vorbereiten. Dass gegen Bochum und Fürth in den beiden nächsten Spielen Siege benötigt werden, mindestens jedoch vier Punkte, müsste eigentlich jeder nachvollziehen können. Selbst die Spieler, die das ja auf dem Rasen umzusetzen haben, was ihnen der Trainer so beizubringen versucht. Und der Trainer müsste auch verstehen, dass es nicht reicht, in der Pressekonferenz ein aktives, dominantes Spiel anzukündigen, sondern dass die Auf- und Einstellung der Mannschaft dem entsprechen müssen. Ein Stürmer, wie gegen Union, reicht da nicht.

Die Hoffnung vieler Herthaner ruht auf der Rückkehr von Jovetic, einem Unterschiedsspieler, wie man neuerdings zu sagen pflegt. Ob es noch Neuverpflichtungen gibt? Egal, der Kader ist breit genug aufgestellt, und der Weggang von Zeefuik stellt schon mal eine nicht unbeträchtliche Verstärkung des Kaders dar.

Die ersten Minuten, die der neue Linksverteidiger Björkan gegen München spielte, stimmten zuversichtlich, lief er doch sogar den Bayern-Spielern ein paar Mal weg. Man kann nur hoffen, dass er nicht den gleichen traurigen Weg so vieler Hertha-Neuverpflichtungen geht, die stark beginnen und dann kontinuierlich abbauen, also jeden Tag ein Stückchen schlechter werden, das Gegenteil des Anspruchs vieler Trainer. Ein gewisser Lucien Favre war übrigens vor mittlerweile 13 Jahren der letzte Übungsleiter bei Hertha, der wirklich viele Spieler besser machen konnte. Danach kamen und gingen Funkel, Babbel, Skibbe, Rehhagel, Luhukay, Dardai, Covic, Klinsmann, Nouri, Labbadia, wieder Dardai und jetzt Korkut. Es war nicht alles schlecht, was in dieser Zeit geschah: Nach unglücklichen Abstiegen folgte zweimal der sofortige Wiederaufstieg, was nicht so selbstverständlich ist, wie viele meinen. Frag nach beim HSV. Zweimal erreichte Dardai Plätze für die internationalen Wettbewerbe, und zwar ohne Geld für Neuverpflichtungen ausgeben zu können.

Der zweite Neue ist Marc Oliver Kempf, 27 Jahre alt, der in der vorigen Saison 32 Spiele für den VfB Stuttgart absolvierte und sogar zwei Tore schoss. Er war auch schon bei Eintracht Frankfurt und dem SC Freiburg unter Vertrag, was nicht gegen ihn spricht. Ob er allerdings so herausragend spielt, dass er der Mannschaft „helfen kann“, was in letzter Zeit der größte Wunsch aller Profis ist (vom Millionen verdienen ist nie die Rede), werden die nächsten Spiele zeigen. Immerhin ist er mit Sicherheit ein solider Bundesligaspieler, aber davon haben wir eigentlich ca. 25…

Mentalität und Angsthasenfußball

Man muss vor allem positiv denken: Hertha kann sich nach der 2:3-Niederlage gegen Union im Pokal voll auf den Abstiegskampf in der Liga konzentrieren. Und da am Sonntag Bayern Münchens Überkicker in Berlin antreten, müssen sie sich wahrscheinlich mehr konzentrieren, als ihnen lieb ist, um eine hohe Niederlage zu verhindern. Eine sehr hohe, wenn die Abwehr wieder solche Fehler wie gegen nicht mal besonders überragende Unioner machen wird.

Effektiv waren die Köpenicker allerdings: Aus vier gefährlichen Angriffen der zweiten Hälfte resultierten mit freundlicher Hertha-Unterstützung zwei Tore. Und obwohl Hertha im zweiten Abschnitt, nachdem mit Maolida ein zweiter Stürmer eingewechselt wurde, offensiv durchaus gefällig spielte und so viele Flanken wie selten in den Strafraum des Gegners gebracht wurden, reichte es nicht für ein offenes Spiel, weil eine Minute nach dem Anschlusstor sofort nach kollektivem Tiefschlaf aller Abwehrspieler der Zwei-Tore-Vorsprung für Union wieder hergestellt wurde.

Natürlich kann man wieder hadern, wenn man die blauweiße Brille aufsetzt: Von 100 Versuchen trifft Vogelsamer nur ein einziges Mal den Ball so genial wie beim 0:1. Vorher war Kruse genau fünf Zentimeter nicht im Abseits, als er die Flanke auflegte. In Köpenick, beim ersten Derby der Saison, war es genau umgekehrt: Piatek stand vor seiner Flanke zum vermeintlichen 1:2 direkt vor der Pause exakt fünf Zentimeter im Abseits, weshalb das Tor zu Recht nicht zählte. Abgesehen davon, dass diese Zentimeter-Entscheidungen Unsinn sind, da zehn Zentimeter in einer hundertstel Sekunde zurückgelegt werden, der Mann im Keller aber das Bild gar nicht so genau anhalten kann, sondern höchstens im Zehntelsekunden-Bereich agiert (1 Meter Raum !!!), entscheiden solche Nuancen eben ein Spiel und, Phrase: Im Laufe der Saison gleicht sich alles wieder aus…gähn…

Entscheidend für Unions verdienten Sieg, war die Einstellung der Herthaner. Einerseits merkte man den unbedingten Willen zum Sieg nur während kurzer Phasen der zweiten Hälfte, als fast alles schon verloren war. Andererseits ist es unverständlich, dass Trainer Korkut zwar immer davon spricht, dass agiert und nicht reagiert werden soll, die Aufstellung mit einem Stürmer und drei defensiven Mittelfeldspielern (Ascacibar, Tousart und z.T. auch Darida) genau das Gegenteil zeigt. Da muss sich niemand wundern, dass das Spiel genau so läuft. Der unerträglich langsame Aufbau mit ewigem Quergeschiebe ist in keinster Weise der von Manager Bobic attestierte Fortschritt. Im Gegenteil. Als Dardai so spielen ließ, war das anfangs nötig, um Sicherheit in eine völlig verunsicherte Mannschaft zu bringen. Jetzt ist es einfach nur ein Armutszeugnis. Wir reden von einer Mannschaft, deren Personaletat immerhin 90 Millionen Euro beträgt, was, abzüglich der Trainerstabs-Gehälter, ein durchschnittliches Salär von zwei bis drei Millionen Euro bedeutet. Pro Spieler!! Wofür? Für Angsthasenfußball!

Bleibt Korkut? Geht Zeefuik?

Trainer mit kurzen Laufzeiten hat es bei Hertha ja schon so einige gegeben. Ein Alexander Nouri und ein Michael Skibbe mit jeweils vier Spielen sind zwar Ausnahmen, aber auch ein Pal Csernai wurde nur für sechs Begegnungen geduldet, ein gewisser Jürgen Klinsmann ging nach neun Spielen freiwillig und auch Peter Neururer und Uwe Reinders schafften mit je 11 Spielen nicht mal eine Halbserie.

Tayfun Korkut hat die Mannschaft jetzt bereits in fünf Spielen betreut. Hertha spielte zweimal gut (gegen Dortmund und Bielefeld), einmal mittel (gegen Stuttgart) und zweimal schlecht (gegen Köln und vor allem Mainz). Sieben Punkte aus fünf Spielen ergäbe über die Saison gerechnet 48 Punkte, wäre also im Vergleich zu den letzten Jahren überdurchschnittlich. Ob Korkut das aber auch zeigen kann, ist fraglich, wenn die Mannschaft in Wolfsburg (möglich), im Pokal gegen Union (wahrscheinlich) und dann im ausverkauften Olympiastadion (vor 3000 Besuchern) gegen Bayern (sicher) verlieren sollte. Denn jetzt steht mit Nico Kovac der Wunschtrainer fast aller Herthaner bereit, nachdem er in Monaco grußlos entlassen wurde. Eine Chance, die sich Fredi Bobic kaum entgehen lassen wird. Wenn Kovac, der sich bisher immer etwas zierte, wenn der Name Hertha fiel, das Wagnis überhaupt eingehen will.

Bobics Spezi Korkut würde es ihm wahrscheinlich nicht mal übelnehmen, erspart er sich doch viel Stress in den nächsten Monaten und welcher Arbeitnehmer kann nach dreijähriger Arbeitslosigkeit nach wenigen Wochen Beschäftigung eine Million mehr auf seinem Konto finden? Das müsste für die nächsten Jahre eigentlich reichen, wenn nicht der neue Ferrari bestellt ist.

Mit Piatek geht auch der vierte Stürmer der Geldverbrennungszeit der kurzen gemeinsamen Ära Klinsmann/Preetz. Cunha, Cordoba und Lukebakio haben ja schon das Weite gesucht, nun kehrt auch Piatek nach Italien zurück. Ob Belfodil, Selke, Ekkelenkamp, Jovetic und Maolida besser sind, müssen sie noch langfristig beweisen. Zumindest könnten sie etwas preiswerter in der Haltung sein, wenn es stimmt, dass Piatek fünf Millionen (Euro, nicht Lire oder Zloty) pro Jahr erhalten haben soll.

Ich bin ja eigentlich Gegner der Winter-Transferperiode. Das ständige Austauschen des Personals verhindert die Identifikation der Anhänger mit dem Verein und man muss sich nicht wundern, wenn von „Söldnern“ und „Scheiß-Millionären“ die Rede ist – natürlich nur im Fall der Niederlage, beim Sieg sind alle „unsere Jungs“, die sich mit Tränen in den Augen auf das Wappen schlagen. Wenn es aber stimmt, dass ein Herr Zeefuik an einen englischen Zweitligisten abgegeben werden sollte (hoffentlich verkauft und nicht nur ausgeliehen), ein Spieler, der den Anforderungen der Bundesliga in keinster Weise gewachsen ist, sehe ich die Wintertransfers in Zukunft als Geschenk des Himmels an…

Neues Jahr – alte Hertha?

Wenn die Tante Omikron nicht anderer Meinung ist, startet am kommenden Wochenende die Bundesliga in ihre zweite Saisonhälfte. Bei Herthas Anhängern ist die Erwartungshaltung nach dem sensationellen Sieg gegen Dortmund naturgemäß groß, ein Europapokalplatz müsste doch drin sein…Darin unterscheidet sich der blauweiße Fan nur unwesentlich von den Kölner Jecken, die auch schon heimlich nachsehen, wo 2023 das Endspiel der Europa-League stattfinden soll, wenn sie ein Auswärtsspiel nicht allzu hoch verlieren. Das sollte am Sonntag gegen die Alte Dame Hertha im Bereich des Möglichen liegen, spielen die Domstädter doch seit Steffen Baumgardt dort Trainer ist, einen ansehnlichen Ball. Allerdings lebt die Mannschaft in erster Linie von der Mentalität und den Toren von Anthony Modeste. Wenn ich nicht geträumt hätte, dass Modeste, um von Herthas Abwehrspielern nicht erkannt zu werden, sich mit einer Ruud-Gullit-Perücke unkenntlich gemacht hatte, würde ich bei Herthas wackeliger Innenverteidigung Angst vor einem Mehrfachpack haben. Aber das war ja gegen Dortmund mit Haaland nicht anders und der hat gegen Stark und vor allem Torunarigha keinen Stich gesehen. Dass Kölns stärkster Abwehrspieler Rafael Czichos die Rindfleischtöpfe Amerikas dem Hungerlohn der Bundesliga vorzieht, kann man ihm nicht vorwerfen, dürfte für Hertha aber ein kleiner Vorteil sein. Andererseits würde es schon einem Wunder gleichkommen, wenn Hertha zwei überdurchschnittliche Spiele hintereinander absolviert. Gleichmäßig kann jeder! Immerhin fehlen Hertha vier Verteidiger wegen Corona und täglich werden es mehr. So schnell kann Bobic an der Transferfront gar keinen Ersatz beschaffen, wie sich die Spieler aus eigener Dummheit (um die halbe Welt jetten) oder Pech (Impfung vergessen) in die Quarantäne katapultieren. Leider ist die Karnevalszeit noch ein paar Wochen entfernt, dann hätten wir gegen eine Kölner Junioren-/Regionalligamannschaft antreten können. So aber muss man froh sein, wenn die Berliner wenigstens elf Spieler auf den Rasen bekommen. Abwarten, wie es weitergeht. Dass Bobic bisher erst einen Coronakranken verpflichtet hat, ist mir ganz sympathisch: Soll doch die Mannschaft der Vorrunde den Karren aus dem gar nicht mehr so tiefen Dreck ziehen. Und es soll ja Trainer geben, die bereits vorhandene Spieler besser machen wollen.

Der Abstand zu einem Europapokalplatz beträgt sechs Punkte, der Relegationsplatz ist nur vier Punkte entfernt. Nur soviel zur Einnordung der Ansprüche. Aber: Alles ist möglich. Neu-Trainer Korkut hatte fast immer ein erfolgreiches halbes Jahr bei seinen bisherigen Trainerstationen. Und wenn es nicht zu erfolgreich werden wird, kommt im Sommer endlich Wunschtrainer Nico Kovac, der gerade in Monaco als Tabellensechster mit vier Punkten Rückstand auf den Zweiten entlassen wurde. Und dass Kovac mit Stars nicht immer klarkommt, ist bei Hertha ja mangels Masse kein Problem…

P.S.: Optimistisch wie immer, tippe ich gegen Köln auf ein Unentschieden, also einen erfolgreichen Start ins neue Jahr…

2. Liga – Hertha ist dabei

Dieses Schmählied sangen Mitte der zweiten Halbzeit die freudetrunkenen Mainzer Anhänger nach den von Hertha etwas vorfristig großzügig ausgeteilten Weihnachtsgeschenken. Warum es nach den ansehnlichen Spielen gegen Stuttgart und Bielefeld zu diesem Desaster kam (Hertha hätte auch, ohne sich beschweren zu dürfen, gut und gerne 8:0 verlieren können) ist nicht erklärlich. Genauso wenig, wie ein Sieg gegen Dortmund zu erklären wäre, aber dazu wird es sicher nicht kommen.

23 :1 Flanken für die Mainzer ist die Kurzanalyse des Spiels. Wer viel flankt findet auch mal das Tor und die ersten drei Tore fielen genau auf diese Art. Aufgabe der Außenverteidiger ist es in der Regel, diese Flanken zu verhindern oder wenigstens die gegnerischen Spieler bei dessen Ausführung zu stören. Nicht so bei Hertha. Ein gewisser Herr Zeefuik, mit der Nummer 42 auf dem breiten Rücken, duckt sich vor dem 1:0, statt die Hereingabe des Balles mit irgendeinem Teil seines athletischen Körpers aufzuhalten, notfalls mit dem Kopf, was sicher wehtut, der andererseits, außer zur Nahrungsaufnahme, sowieso keine Funktion hat. Beim 2:0, von der linken Strafraumkante aus erzielt, hielt sich Zeefuik im Fünfmeterraum, also ca. 30 m von seiner theoretisch einzuhaltenden Position entfernt auf. Warum auch immer! Der Trainer hat dies offensichtlich auch bemerkt und beendete den taktisch gesehen ungenügenden Auftritt des jungen Niederländers, der ansonsten immerhin wenige Fehler machte und sogar zwei Einwürfe nach vorne warf und nicht, wie sonst grundsätzlich, nach hinten.

Eine flügellahme Seite kann eine Mannschaft vielleicht noch durch Kampf, Leidenschaft und Charakter ausgleichen, wenn die andere Seite aber noch desaströser spielt, ist der Untergang unvermeidbar. Der Mainzer Rechtsaußen, um diesen altväterlichen Ausdruck zu gebrauchen, hatte einen Abend ohne Gegenspieler, was ungefähr so einfach ist, als wenn Kinder mit Luftballons jonglieren und stolz darauf sind, dass sie den Ball unbegrenzt in der Luft halten können. Gegenspieler Plattenhardt, der mal einen ganz feinen linken Fuß hatte und sogar Freistöße direkt verwandelte (lang ist`s her), hält sich grundsätzlich 15 bis 20 Meter von seinem Gegenspieler entfernt auf. Das ist natürlich dem modernen “Verschieben” geschuldet, d.h., dass sich die ganze Mannschaft zur Ballposition hin orientiert. Wenn aber, wie vor dem 1:0 der Ball von ganz links nach ganz rechts geschlagen wird, also 60 m fliegt, dauert das gut und gerne 1,5 bis 2 Sekunden. In dieser Zeit kann sich ein nicht verletzter oder in Corona-Quarantäne befindlicher Leistungssportler zehn bis fünfzehn Meter bewegen, wenn er antizipiert und sich bewegen will. Wer hinschiebt muss auch zurückschieben. Nicht so Plattenhardt. Er sieht der Flanke hinterher, setzt sich in Bewegung und hat, wenn der Gegenspieler den Ball ungestört kontrolliert, noch 5 Meter Abstand. Dann wird`s schwer. Der Gegner flankt, in der Mitte köpft ein Spieler unbedrängt ein. Vor dem 2:0 ebenfalls: Flanke, Gegner schießt gemeiner Weise ohne gestört zu werden ein. Beim 3:0 ist Plattenhardt nicht auf seinem Posten, sondern in der Mitte des Strafraums, was ihm aber immerhin die Möglichkeit gibt, den Ball wütend in Richtung Mittellinie zu dreschen, leider nachdem er aus dem Tornetz herausprallt.

Der Rest war 40 Minuten Arbeitsverweigerung, mit Darida als Rechtsverteidiger. Warum dafür nicht die Verteidiger Mittelstädt oder Torunarigha eingesetzt wurden, kann der Trainer vielleicht beantworten. Eventuell wollte er das 0:2 aufholen und Darida sollte neben der ungewohnten Abwehrarbeit noch die lustlosen Mitspieler antreiben. Auf jeden Fall gelang dieser taktische Schachzug nicht.

Was kann man besser machen? Vielleicht eine Videoanalyse mit den Außenverteidiger-Fehlern machen! Das kann ja in den letzten Jahren nicht geschehen sein, sonst würden sie nicht regelmäßig so spielen. Oder sie sind nicht lernfähig oder -bereit. Wollte Dardai nicht neue Außenverteidiger haben? Er wusste offenbar warum. Statt dessen bekam er als Ersatz für drei gute Stürmer ohne Hertha-Fahne-Treueschwüre drei mittelmäßige Stürmer ohne Hertha-Fahne-Treueschwüre…

Man kann momentan nur hoffen, dass die Niederlage gegen Dortmund nicht allzu hoch ausfällt. Wenn Hertha aber gewinnen würde, hätten sie ihr Halbjahresziel von 22 Punkten sogar fast erreicht. Zum Totlachen, wenn es nicht so zum Heulen wäre…

Was zählt

Das war ja mal ein erfolgreicher Auftakt der Ära Korkut. Nach zwanzig Minuten lag die verunsicherte blauweiße Truppe nach zwei haarsträubenden Fehlern mit 0:2 zurück. Man könnte meinen, dass Spieler wie Boyata oder Torunarigha das Wort Taktik mit einem digitalen Filmchendienst verwechseln oder eventuell mit einem Pfefferminzdragee. Aber was soll`s. Die Mannschaft zeigte Charakter und hätte durchaus als Sieger vom Platz gehen können, weil Stuttgart das machte, was sonst eigentlich Hertha vorbehalten bleibt, nämlich zu glauben, dass der Spruch von den 90 Minuten, die ein Spiel dauere, Opagesülze von Anno dünnemals sei und dass im schnelllebigen Heute 20 Minuten für ein Fußballspiel ausreichend seien.

Herr Korkut hat ja in seinen bisherigen Trainerstationen bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, ein Team über eine halbe Saison gut zu führen. Das würde im Falle Hertha also bis zum 30. Spieltag dauern, und wenn die Alte Dame dann nicht mehr in Abstiegsgefahr sein sollte (oder sogar, was punktemäßig noch nicht völlig unmöglich ist – es sind nur sechs Punkte Abstand zum “Conference-League-Platz- nach mehr schielt) ist die Mission “Kontinuität” erfüllt.

Zu spekulieren, wer dann in der neuen Saison Trainer werden wird, verbietet sich jetzt. Bleigießen zu Silvester ergibt deutlich mehr Hinweise als irgendwelche Namen, die durch den Blätterwald rauschen (das Netz macht ja leider keine Geräusche, die einen ähnlich schönen Allgemeinplatz ermöglichen würden).

Damit es soweit kommt, ist jetzt erstmal ein Sieg gegen Bielefeld nötig, ohne wenn und aber. Ob Union den neuen Rasen wieder umgepflügt hat, ob der Schnee den empfindlichen Grashalmen zugesetzt hat oder ob es Bielefeld eigentlich gar nicht gibt: Es gibt keine Ausreden. Hertha muss gewinnen. Und Hertha wird gewinnen, wenn sich die Spieler auf die leicht abgewandelte Forderung ungeduldiger Fans besinnen: “Kämpfen UND spielen”. Dass sie kämpfen können, haben sie in Stuttgart gezeigt, dass sie spielen können in Frankfurt. Eine Mischung aus beidem und Hertha wäre zwar nicht unschlagbar aber für einen Sieg gegen Bielefeld und ein Remis in Mainz am Dienstag würde es allemal reichen. Und siehe da: Schon wären die von Ex-Trainer Dardai geforderten sechs Punkte aus den vier Spielen gegen Augsburg, Stuttgart, Bielefeld und Mainz im Sack. Und als Zugabe kommt Dortmund und muss sich anhören, was im Lande immer häufiger zu hören ist: “Wir schenken dieses Jahr gar nichts…”