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Trainer – der überschätzte Beruf

In der Steinzeit des Fußballspiels gab es keine Trainer. Die deutsche Nationalmannschaft hatte bis in die Zwanzigerjahre keinen Trainer, die Mannschaft wurde vom Verband berufen und aufgestellt. Später kamen Otto Nerz, Sepp Herberger und wie sie bis zu Julian Nagelsmanns Inthronisierung alle hießen.

Wenn die Mannschaft zwei Spiele nachdem ein neuer Trainer das Amt angetreten hat im alten Schlendrian spielt und gegen die Türkei und Österreich verliert (Bilanz gegen die Türkei bis dato 14 Siege – 4 Unentschieden – 3 Niederlagen und gegen Österreich 25 Siege – 6 Unentschieden – 9 Niederlagen) dann bedeutet das nur, dass die Tätigkeit des Trainers im Allgemeinen maßlos überschätzt wird. Es gibt natürlich die tägliche Arbeit auf und neben dem Fußballplatz. Die wird aber heutzutage von einem Team von Co-Trainern, jeweils speziell für Torhüter, Abwehr und Angriff, Physiotherapeuten, Sportmedizinern, Athletik- und Fitnesstrainern, Köchen und Ernährungsberatern sowie Sportpsychologen durchgeführt. Der Trainer ist nur noch die letzte Instanz, verantwortlich für die Aufstellung und die Motivation, falls diese wegen des in Aussicht stehenden Millionenverdiensts im Erfolgsfalle überhaupt nötig ist.

Wenn Spieler nicht motiviert sind, wie das bei den Länderspielen oftmals der Fall ist und immer schon war (Herberger: 1:2 gegen die Türkei, Schön: 0:1 gegen die DDR, Derwall: Algerien 1:2, Klinsmann: 1:4 gegen Italien, Völler: Island 0:0, Löw: Spanien 0:6, Flick: Japan 1:4, Nagelsmann: s.o.), kann sich der Trainer abmühen wie er will: Er erreicht die „Seelen“ der Spieler nicht, zumindest nicht immer. Deshalb sollte man auch mit dem Jammern über den Niedergang des deutschen Fußballs aufhören: Gute Spieler gibt es nach wie vor, auch wenn auf bestimmten Positionen derzeit ein gewisser Nachholbedarf zu bestehen scheint. Außenverteidiger, Innenverteidiger und Mittelstürmer sind etwas knapp besetzt. Trotzdem ist die Qualität der Einzelspieler ausreichend, um bei jedem Turnier zumindest das Viertelfinale zu erreichen. Und ab dem Halbfinale ist sowieso alles Lotterie. Also: Panik im Hinblick auf die EM ist unangebracht, vielleicht gibt es nächstes Jahr die eine oder andere positive Überraschung.

Überraschend kam das Aus für Unions Urs Fischer nicht. Das Dumme nach der Trennung von einem Übungsleiter ist, dass man meist in absehbarer Zeit einen Nachfolger finden muss. Mit Hilfe der allgegenwärtigen Künstlichen Intelligenz (oder einer handschriftlichen Liste) kann man die möglichen Kandidaten, also die arbeitslosen, bei anderen Vereinen wegen Erfolglosigkeit entlassenen Sportkameraden, schnell bestimmen. Die Liste ist natürlich global angelegt, das Sprachproblem wird seit Trappatonis Wirken sowieso als sekundär angesehen. Unions suchen in Spanien und anderswo wird früher oder später zum Erfolg führen. Ob die Ära Unions als Erfolgsmodell weitergeführt werden kann, wird sich zeigen. Sieben Punkte nach zwölf Spielen sind wenig. 33 Punkte aus noch 22 Spielen, bis zum Erreichen der legendären 40-Punkte-Marke, sind viel. 11 Siege müssten her. Eine Relegation gegen Hertha scheint nicht ausgeschlossen, wenn die Blauweißen in der Rückrunde durchstarten…

Letzter Gedanke zum Thema Trainer: Sebastian Hoeneß rettete Stuttgart in der vorigen Saison vor dem Abstieg. In dieser Saison führt er sie momentan auf einen Championsleague-Platz. Ich könnte mir gut vorstellen, dass nach einem erfolgten Einbruch der Ergebnisse in der Rückrunde (Hoeneß ist schließlich gelernter Herthaner) eine Entlassung „unvermeidlich“ sein könnte…

Union – der etwas andere Verein

Das muss man ja zugeben: Die Unioner haben Nerven. Obwohl der Fußballweise Pal Dardai sagte, dass man nach fünf Niederlagen als Trainer „weg“ ist, hielt die Union-Führung durch und entließ Urs Fischer, den Erfolgstrainer, erst nach mehr als einem Dutzend Niederlagen in Folge. Spät, sehr spät, greifen also auch hier die Mechanismen des Geschäfts. Insofern ist Union auf dem Boden der Tatsachen angekommen und ist nur noch ein „etwas“ anderer Verein. Dass man notfalls mit Gentleman Fischer auch absteigen würde, wie es vor Jahren der SC Freiburg mit Christian Streich vormachte, um gestärkt wieder zurückzukommen: Soweit geht das Anderssein denn doch nicht. Auf der einen Seite verständlich, andererseits wäre es aus Union-Sicht schön gewesen, wenn man nicht nur im Erfolgsfall, also in den letzten fünf Jahren, das Mantra des stolzen Underdogs, der alles viel besser und menschlicher macht als die Konkurrenz (vor allem aus der eigenen Stadt) vor sich hertrüge, sondern auch wenn es wirklich wehtut, zu seinen Werten zu stehen.

Das ist also mit Urs Fischers Entlassung, die natürlich unter Freunden im gegenseitigen Einvernehmen, einige Tränen verdrückend, ablief, Schnee von gestern. Und so richtig verwundert es einen auch nicht. Denn so viel anders als andere Vereine (abgesehen von der überragenden Unterstützung durch die Fans, obwohl auch die nach dem 0:4 gegen Leverkusen laut Berichten merklich zurückhaltender war) war und ist Union nicht, da kann man sich so volksnah geben wie man will. Spieler wurden vor jeder Saison im Dutzend verpflichtet und abgegeben, der Etat wuchs auf 150 Millionen Euro jährlich an, der Kader ist mittlerweile extrem teuer und auch bei Union wimmelt es natürlich von Spieler-Millionären. Man kann nur hoffen, dass Union den Fehler eines anderen Berliner Vereins nicht wiederholt, und im Falle eines denkbaren Abstiegs Schulden wegen eines nicht mehr finanzierbaren Spielerkaders anhäuft. Noch macht man Überschüsse, aber das kann sich schnell ändern.

Mal sehen, wohin die Union-Reise geht. Der neue Trainer muss aus den Spielern wieder eine „Mannschaft“ machen, denn gute Einzelspieler sind nun mal keine Garantie für Erfolge. Keine Ahnung, wer auf dem Trainer-Markt verfügbar ist. Aber bisher hatte Union auch bei der Trainerwahl meist ein glückliches Händchen. Ein gewisser Joachim Löw soll ja gerade ohne Job sein…

Dardais Geheimrechnung

Auf der Pressekonferenz nach dem enttäuschenden Unentschieden gegen den Karlsruher SC sagte Dardai, dass seine Mannschaft jetzt bei „minus zwei“ angelangt sei. Was sich wie eine Wasserstandsmeldung anhört, soll den geplanten Punktestand nach der 13. Runde darstellen. Abgesehen davon, dass man Punkte nicht „planen“ kann, versucht natürlich jeder Trainer, Spieler oder Fan vor der Saison auszurechnen, wie viele Punkte man für welches Ziel erreichen muss und plant z.B. in der 1. Liga gegen Bayern München sinnvollerweise zwei Niederlagen ein. Wenn es besser kommen sollte: schön und gut, schlechter als zweimal null Punkte kann es zum Glück nicht werden.

Was will Dardai, wenn er von minus zwei redet? Hertha hat jetzt 17 Punkte. Zwei Punkte mehr wären also 19 und wenn Dardai in den restlichen vier Spielen bis zur Winterpause Siege gegen Elversberg und Osnabrück sowie ein Unentschieden gegen Hannover oder Kaiserslautern eingeplant hat, also sieben Punkte, käme man auf 26 Punkte in der Hinrunde. Würde die Rückrunde genauso laufen, hätte Hertha am Saisonende 52 Punkte, bei etwas gefestigterer und eingespielterer Mannschaft möglicherweise 56 Punkte. Damit hätte man in früheren Jahren manchmal den Relegationsplatz drei erreicht. Das scheint also das Geheimziel des Trainers zu sein, der das Wort Aufstieg sinnvollerweise meidet und stattdessen von „etwas Schönem“ spricht, das möglich sein könnte.

Was wir schon immer wussten: Kluger Mann, dieser Dardai. Er nimmt den Druck von seinen und seiner Mannschaft Schultern, schließt aber insgeheim einen unerwarteten Erfolg (obere Tabellenhälfte, oberes Tabellendrittel, Relegationsplatz 3 oder gar direkter Aufstiegsplatz 2) nicht aus. Wenn da bloß nicht der Dardaische Rückrundenfluch wäre: In der ersten Liga holte das Team unter Trainer Dardai in der Rückrunde stets (teilweise deutlich) weniger Punkte als in der Hinrunde. Aber vielleicht ist diesmal ja alles anders…

Konstant inkonstant

Und wieder wurde (in Nürnberg) ein Sieg verspielt und wieder wurde das folgende Heimspiel (gegen Paderborn) gewonnen, wenn auch viele Werte gegen einen Sieg sprachen. 28 % Ballbesitz in einem gewonnenen Spiel sind zwar eigentlich kaum glaublich, zeugen aber auch von der hervorragenden Effizienz Herthas in dieser Zweitligasaison. Auf Dauer kann es natürlich nicht gutgehen, dass man dem Gegner, sei es mit Absicht oder aus anderen Gründen, das Spielgeschehen überlässt und selber nur reagiert. In Nürnberg ging es nicht gut. Gegen Paderborn hat man das Glück der Unfähigkeit des Gegners, gepaart mit der (Zweitliga-) Genialität des Duos Reese/Tabakovic, gehabt. Was vor allem Reese in den ersten zwanzig Minuten auf den Rasen zauberte, würde das Prädikat „Weltklasse“ verdienen, wenn es erstklassige Gegenspieler gegeben hätte. Unglaublich wie Reese, als ihn vier Paderborner umringten, den Ball über diese Meute wie einst Franz Beckenbauer hinweglupfte. Das sieht man selten und deshalb hat sich Reese schon nach wenigen Wochen den Titel „Lieblingsspieler“ redlich verdient.

Am Mittwochabend gegen Mainz im Pokal kann schon wieder alles ganz anders aussehen. Wenn die Abwehr wieder so wackelig agiert, ist nicht zu erwarten, dass die Mainzer ihre Chancen wie die Paderborner gleich reihenweise verdaddeln. Gegen einen Hertha-Sieg spricht auch die Tatsache, dass Mainz als Tabellenletzter ins Olympiastadion kommt. Gegen Tabellenletzte hat Hertha schon oft und gerne verloren. Im Gegneraufbauen verdient sich Hertha schon seit jeher jede Fairnessmedaille. Diesmal ist Mainz als Bundesligaverein natürlicherweise Favorit. Dazu kommt Herthas Pokalneurose, die ein Weiterkommen fast ausschließt, was die Reiseplanung für das Jahr 2024 allerdings erheblich erleichtert, da man sich den 25. Mai nicht freihalten muss. Ein Weiterkommen im Pokal, gar ins Finale, wie Trainer Dardai schmunzelnd in der Pressekonferenz äußerte, ist etwa so wahrscheinlich wie die Konstellation am Ende der Saison, dass die Relegation zwischen Union und Hertha ausgespielt werden wird…

Herthas interessante Pokalgeschichte seit Bundesligastart im Jahre 1963:

2 x Nicht teilgenommen

14 x 1. Runde ausgeschieden

17 x 2. Runde ausgeschieden

13 x 3. Runde ausgeschieden (wobei die 3. Runde meist 16 (= Achtelfinale), manchmal 32 und selten sogar nur 8 teilnehmende Mannschaften bedeutete, je nachdem ob 64, 32 oder 128 Mannschaften begannen)

9 x Viertelfinale

3 x Halbfinale

2 x Finale (1977 und 1979). Unvergessen natürlich die Hertha-Bubis 1993.

Rein statistisch ist ein Ausscheiden in der 2. Pokalrunde also die wahrscheinlichste aller Möglichkeiten…

Der neue Nagelsmann-Besen

“Neue Besen kehren gut” ist ein bekanntes Sprichwort, das ich mir mal zu Herzen nehmen müsste, wenn ich auf das verfilzte Etwas von Besen in unserer Kammer sehe. Dass auch neue Trainer „gut kehren“, das heißt, einen Aufbruch bewirken können, ist statistisch, was die Bundesliga angeht, längst widerlegt worden. Kurzfristig vielleicht, aber mittel- und langfristig gibt es nur in Ausnahmefällen einen Turnaround (Lucien Favre war so ein Trainer, der auch langfristig völlig Neues schaffen konnte), weil die Spieler, die auf dem Rasen stehen, ja die selben sind.

Womit wir beim Thema Nationalmannschaft wären: Ein Süle ist kein Außenverteidiger, ein Gosens hat, bei aller Offensivpower, die er an guten Tagen einbringt, defensive Schwächen. Um die Hauptbaustellen nur kurz anzureißen. Und was man mit einem Kimmich und einem Neuer machen soll, wenn sie gesundheitlich wieder zur Verfügung stehen, bleibt rätselhaft.

Insgesamt hat sich die Nationalmannschaft auf ihrer USA-Reise gut geschlagen. Der Einsatz stimmte, die Spiele waren temporeich und es wurden ausreichend Torchancen kreiert. Denn es ist ja nicht so, wie einige Spieler, z.B. Kapitän Gündogan, nach der vernichtenden Niederlage gegen Fußballgroßmacht Japan in falscher Demut andeuteten, dass deutschen Spielern die Qualität fehle. Die Qualität, vor allem im Mittelfeld (Gündogan, Kimmich, Groß, Goretzka, Wirtz, Brandt…) und im Angriff (Füllkrug, Sané, Musiala…) ist natürlich da, sie muss nur auf den Platz gebracht werden. Und das wird in Zukunft, wenn der erste Neuer-Trainer-Effekt verraucht ist, nicht immer geschehen, wie auch in den letzten Jahren nach der WM in Brasilien. Und wie übrigens auch in früheren Jahrzehnten. Auch Herberger wurde stark kritisiert, als es nach der WM 1954 Niederlagen in Serie gab. Helmut Schön musste sogar beim WM-Gewinn 1974 viel Schelte einstecken, und auch unter allen folgenden Trainern (Derwall, Vogts, Beckenbauer, Ribbeck, Völler, Klinsmann und Löw) gab es stets Phasen, in denen das Spiel unansehnlich war. Zu Heute ( seit der Russland-WM) gab es einen Unterschied: Die Ergebnisse stimmten meist und bis auf 1978, wo man knapp am Spiel um den dritten Platz vorbeischrammte (Krankl sei Dank) war man bei Welt- und Europameisterschaften regelmäßig zumindest im Viertel- oder Halbfinale vertreten.

Ob das bei der Heim-EM 2024 unter Trainer Nagelsmann auch wieder so sein wird, ist fraglich. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde jedenfalls getan. Ob das alles nachhaltig sein wird, werden wir in ca. neun Monaten wissen…

Gelsenkirchen und die Hertha-Familie

Das war nicht unbedingt zu erwarten: Nach dem erschreckenden Leistungsabstand zum Spitzenreiter St. Pauli gewinnt Hertha in Gelsenkirchen und kommt nur in der letzten Viertelstunde unter Druck. Jetzt könnte man mit Blick auf die angeblich nie lügende Tabelle sagen, dass es sich um einen Auswärtssieg bei einem potentiellen Absteiger handelt, also eigentlich für ein ambitioniertes Team eine Selbstverständlichkeit. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Denn erstens hat Hertha beim Lieblingsgegner Gelsenkirchen, dessen Vereinsname in Anhängerkreisen seit Jahrzehnten tabu ist (eine absolut kindische Angewohnheit, die aber, auch in diesen Texten, mit großer Ernsthaftigkeit betrieben wird) schon viel zu oft verloren (31 Gelsenkirchener Siegen stehen 9 Unentschieden und 10 Hertha-Siege gegenüber), zweitens hat G. gerade den Trainer gefeuert, was bekanntlich für den Gegner sehr gefährlich sein kann und drittens ist Hertha bekannt dafür, angeschlagene Gegner aufzubauen, indem man ihm gnädig die zu vergebenden Punkte überlässt.

Mit einem Sieg in die Länderspielpause zu gehen tut der malträtierten Herthaseele natürlich gut. Obwohl die Hochrechnung von Pal Dardai, der seine Mannschaft jetzt mit zwei Punkten über dem Soll sieht, keine Aufstiegsrechnung gewesen sein kann. Denn wenn man davon ausgeht, dass man seit Einführung der Drei-Punkte-Regel mit 66 Punkten immer aufgestiegen ist (manchmal reichten auch 56 Punkte), müsste man bis Weihnachten 33 Punkte erreichen. Da liegt Hertha jetzt mit fünf Punkten hinter dem Soll. Wenn man von den 24 noch zu vergebenden Punkten aber 21 holt (also sieben Siege bei einer Niederlage), wäre man wieder im Soll. Und wenn Hertha nach Ende der Hinrunde auf Platz 5 oder 4 liegen würde, wie es der gute Pal auf der Mitgliederversammlung am 15.10. ankündigte, reichten auch schon ein oder zwei Siege weniger. Ein Punkt am Wochenende in Nürnberg, dem ersten Bundesligagegner im August 1963, wäre nicht zu verachten und scheint möglich zu sein, wenn da nicht Herthas Probleme mit der Leistungskonstanz wären…

Apropos Mitgliederversammlung.

Die Atmosphäre in der Messehalle war so familiär friedlich wie beim Kindergottesdienst der neuapostolischen Kirche. Kein böses Wort, freundlicher Applaus für jeden Redner, auch Vizepräsident Drescher, der anfangs etwas aufgeregt, insgesamt aber wohltuend sachlich durch die Versammlung führte, wurde freundlich begleitet, wie auch der angenehme Rückblick seiner bisherigen Amtszeit von Präsident Bernstein per Video aus dem Krankenhausbett und die ewig lange Vorstellung der Kandidaten für die freien Vorstandsplätze: Alles wurde in vorweihnachtlicher Harmonie hingenommen, als wenn man dem Konkurrenten aus Köpenick nacheifern wollte. Wenn da nur die 100 Millionen Verlust aus der Spielzeit 2022/23 nicht gewesen wären…Aber auch hier stellte Tom Herrich sogleich Besserung in Form eines „annähernd“ ausgeglichenen Haushalts in der Saison 2023/24 in Aussicht. Die Verlegung des Patienten Hertha von der Intensivstation in ein normales Vierbettzimmer scheint gelungen.

Aber bis man sich wieder ein Einzelzimmer mit Chefarztbehandlung leisten kann (Aufstieg in die 1. Liga) geschweige denn aus dem Krankenhaus entlassen wird (d.h., ein Überschuss erwirtschaftet und Schulden abgebaut werden) kann es noch etwas dauern. Üben wir uns in Geduld…

Zahlen lügen doch!

St. Pauli schlägt Hertha 2 : 1 und ist neuer Spitzenreiter der 2. Liga. Hertha verliert ein Heimspiel knapp und steht in der Nachspielzeit, als selbst Torwart Ernst mitstürmt, kurz vor dem Unentschieden. Soweit alles normal. Wer das Spiel gesehen hat, weiß aber, dass St. Pauli so hoch überlegen war, dass ein 0 : 5 noch ein schmeichelhaftes Ergebnis gewesen wäre. Hertha rannte im ganzen Spiel (abgesehen von den letzten 10 Minuten) den Pauli-Spielern, die den Ball wunderbar sicher und schnell laufen ließen (getreu der alten Sepp-Herberger-Regel:“Der Ball ist schneller als die Spieler“) hinterher, ohne in die Zweikämpfe zu kommen, immer mit großem Abstand zum Gegner und mit sofortigem Ballverlust nach Fehlpass, wenn der Ball doch einmal erobert wurde.

Und was sagt die Statistik?

Zweikämpfe: 51 : 49 %, also fast ausgeglichen

Ballbesitz: 48 : 52 %, also fast ausgeglichen

angekommene Pässe: 80 : 83 %, also fast ausgeglichen

Laufleistung: 122 : 126 km, also mit leichten Vorteilen für St. Pauli

Flanken: 15 : 11, also war Hertha hier besser

Eckbälle: 7 : 3, Überlegenheit für Hertha

Torschüsse: 10 : 25, einziger Wert mit Vorteilen für St. Pauli.

Das bedarf der Interpretation: Dass die Zweikampfwerte fast ausgeglichen waren, liegt daran, dass es wenige Zweikämpfe gab, da die Hamburger sich durch schnelles Abspielen den Zweikämpfen weitgehend entzogen. Der fast ausgeglichene Ballbesitz ist durch den unglaublich langsamen Aufbau der Hertha-Abwehr, vor allem von Kempf und Leistner zu erklären, die den Ball nach jedem Abstoß mehrmals hin- und her spielten, was zwar keinen Raumgewinn, wohl aber Zeit einbrachte, in denen die Hamburger nicht am Ball waren. Insofern ein unsinniger statistischer Wert. Ebenso ist die Zahl der angekommenen Pässe zu erklären. Mindestens die Hälfte der Pässe bestand aus dem beschriebenen Hin- und her-Geschiebe der Innenverteidiger, manchmal unter Einbeziehung des Torwarts und der Außenverteidiger. Bei offensiven Spielsituationen betrug demnach die Zahl der angekommenen Pässe um die 50 %, ein katastrophaler Wert für Menschen, die Fußball angeblich beruflich betreiben. Der bessere Wert bei Flanken und Eckbällen ist einzig und allein auf die Schlussminuten und die Verlängerung zurückzuführen, als Hertha nach dem Anschlusstor Druck machte und St. Pauli wirklich noch wankte. Mehrere Ecken hintereinander und hohe Flanken in den Strafraum waren die Folge. Genauso mindestens 5 der 10 Hertha-Torschüsse, während St. Pauli neben den 25 Torschüssen mindestens genauso oft gefährlich im Strafraum war und Bälle in letzter Zehntelsekunde geblockt und von den Hamburgern leichtfertig vertändelt wurden. Eine richtig fette Klatsche für Hertha (wie in der ersten Liga in der Abstiegssaison gegen Wolfsburg und Bremen) hätte die Folge sein können.

Fazit: Die Spieldaten sagen nur dem etwas, der ein Spiel gesehen hat und es kritisch zu betrachten weiß.

Arme Hertha. Aus den beiden folgenden Auswärtsspielen gegen die gerne als Altmeister bezeichneten Gelsenkirchener und Nürnberger sollten mindestens vier Punkte geholt werden. Bei zwei Niederlagen wäre Hertha endgültig im Abstiegskampf angekommen.

Gersbecks zweite Chance

Schade, dass Mario Gersbeck kein sächsischer Neonazi ist. Dann könnte man bei seiner Gerichtsverhandlung wegen schwerer Körperverletzung auf Nachsicht des Richters hoffen, weil schließlich durchaus denkbar ist, dass er von seinem Gegner provoziert, vielleicht sogar angegriffen wurde und er sich nur verteidigt hat. Außerdem ist die Schuldfähigkeit durch übermäßigen Alkoholgenuss sowieso fraglich. Und mit der Polizei hatte er vorher nie etwas zu tun. Und dass jungen Leuten mal die Hand ausrutscht, hat es schließlich schon immer gegeben und, und, und. Aber leider ist Gersbeck kein Neonazi, der die volle Gnade eines einäugigen Gerichts zu spüren bekommt, sondern ein (in dieser Situation) dummer Fußballer, der sich im Vollsuff nicht kontrollieren konnte. Und deshalb gehört er auch bestraft. Und zwar sollte es eine empfindliche Geldstrafe geben (mit dem Geschädigten hat er sich ja wohl, wenn man Meldungen glauben darf, ebenfalls auf ein angemessenes Schmerzensgeld geeinigt). Alles andere erscheint, ohne den Fall bis ins Letzte zu kennen, unangemessen.

Und was macht Hertha? Präsident Bernstein ist, wie man hört, für eine baldige Begnadigung. Andere Vorstandsmitglieder sind für eine Kündigung, was natürlich sofort die nächste (fünfte?) Klage vor dem Arbeitsgericht gegen Hertha zur Folge hätte. Der gesunde Menschenverstand, auch wenn man bei diesem Begriff sehr vorsichtig sein sollte, sagt doch, dass ein immer noch junger Mann für einen einmaligen Ausrutscher nicht sein Leben lang büßen sollte. Und darum handelt es sich ja wohl, wenn ihm eine noch mehrjährige Profikarriere verwehrt wird.

Präzedenzfälle gab es einige in der Geschichte der Bundesliga. Weltmeister Helmut Rahn fuhr mit seinem Auto im Suff in eine Baugrube, leistete Widerstand gegen die Polizisten und wurde festgenommen, um trotzdem ein Jahr später unter dem ach so gestrengen Sepp Herberger bei der WM 1958 in Schweden zu brillieren. Später saß er als Wiederholungstäter vier Wochen im Gefängnis und durfte dennoch am Abend seiner großen Karriere noch zwei Bundesligaspielzeiten beim Meidericher SV (MSV Duisburg) spielen. 1860 Münchens Rudi Brunnenmeier saß wegen einer „zünftigen“ Wirtshausschlägerei zwei Wochen im Gefängnis, was ihn nicht daran hinderte, später im stolzen Dress der deutschen Nationalmannschaft unter dem moralisch untadeligen Helmut Schön aufzulaufen.

Der Vorstand von Hertha sollte nicht päpstlicher als der Papst sein und Gersbeck nach zeigen der vereinsinternen gelbroten Karte begnadigen, nicht ohne eine empfindliche Geldstrafe (im Idealfall für soziale Zwecke) auszusprechen. Das Schädigen des eigenen Vereins im Zuge des Skandals von 1971 ist bei den etwas gesetzteren Anhängern noch in allerschlechtester Erinnerung. Groß, Steffenhagen, Patzke und der Rest der Mannschaft, die gegen Bielefeld verlor, wurden nach ihren Sperren aussortiert. Kein anderer Verein hat das gemacht. Die negativen Folgen sind bis heute zu spüren…

Dardais Weihnachtswunsch

Fünf – vier- drei- drei. Das ist keine Telefonvorwahlnummer, sondern ist die Anzahl der geschossenen Tore von Hertha in den letzten vier Spielen. Nun gut, in Magdeburg hat man zwar vier Tore geschossen, aber ohne Abwehr auch sechs kassiert, in den drei anderen Spielen reichten die Tore aber, dank gefestigter (keineswegs fehlerfreier) Abwehrleistungen, jeweils zum Sieg. Dass in Kiel nach souveräner erster Halbzeit, die eines Aufstiegsanwärters würdig war, durch zehn Minuten Konzentrationsschwäche nach der Halbzeitpause der Sieg noch fast aus der Hand gegeben wurde, zeigt, dass die Mannschaft noch nicht vollständig gefestigt ist. Immerhin konnte sie das Spiel wieder an sich ziehen und zum Schluss verdient, wenn auch mit Hilfe von zwei Elfmetern (beide berechtigt), gewinnen. Unfassbar, dass ein junger Mann wie Scherhandt, der doch ein selbsternannter Erstligaspieler ist, den Ball bei einem Konter in der Nachspielzeit aus 20 Metern am leeren Tor vorbeischiebt. Die Fußhaltung zeigte eher in Richtung Eckfahne als mittig aufs Tor. Alles nochmal gut gegangen. In der vorigen Saison wäre nach diesem Blackout mit Sicherheit noch der Ausgleich gefallen.

So könnte der Weihnachtswunsch von Trainer Dardai, nach der Hinrunde sich im Idealfall noch in Sichtweite der Aufstiegsplätze zu befinden, doch noch Wirklichkeit werden, liegt man doch momentan zehn Spieltage vor Ende der Hinrunde nur vier Punkte hinter dem Zweiten St. Pauli. Und eben diese St. Paulianer kommen am nächsten Sonnabend zum Flutlichtspiel ins Olympiastadion. Da könnte es, auch dank angekündigter großer Fanbegleitung aus Hamburg, mal wieder ein volles Haus geben. Wer hätte das nach dem 0:3 beim HSV, als Hertha auf dem letzten Platz lag, gedacht…

Herthas überflüssige Rekorde

Wenn Hertha BSC einen 36-jährigen Spieler verpflichtet hätte, würde die gesamte Fußballgemeinde samt dazugehöriger Presseschaffender nicht zu Unrecht von einem schlechten Witz reden. Bei Union dagegen wird über den Zugang von Bonucci, der bei Juventus wohl nicht mehr erste Wahl war, ehrfürchtig gestaunt. Allerdings muss man den Köpenickern zugute halten, dass ihre Transfers in den letzten fünf Jahren sich oft als Volltreffer erwiesen haben (nicht alle, siehe Öztunali etc.), was man von Hertha nun wahrlich nicht behaupten kann. Die meisten Zugänge aus der letzten Schaffensperiode von Michael Preetz und der unseligen Zeit des Kontinuitäts-Weltmeisters Bobic haben den Verein schon wieder verlassen, weil sie entweder zu teuer sind oder sich als unfähig erwiesen haben (Lee, Maolida, Boetius…). Folge der Misswirtschaft und des daraus resultierenden Abstiegs war ein nie dagewesener Umbau des Kaders, der den bei früheren Abstiegen bei weitem in den Schatten stellt.

21 (!!!) Spieler gingen (z.T. waren sie schon ausgeliehen): Ascacibar, Alderete, Jovetic, Ejuke, Mittelstädt, Sunjic, Boetius, Boateng, Ngangkam, Cigerci, Piatek, Tousart, Schwolow, Kanga, Plattenhardt, Christensen, Uremovic, Lukebakio, Serdar, Richter und Eitschberger.

Neu wurden 12 Spieler verpflichtet: Reese, Gersbeck, Gustav Christensen, Bouchalakis, Hussein, Karbownik, Dudziak, Leistner, Prevljak, Palko Dardai, Lucoqui und Tabakovic.

Dazu kamen 16 Spieler, die verliehen waren oder aus der U 23 bzw. der A-Jugend kommen: Gechter, Winkler, Maza, Klemens, Stange, Silva-Kiala, Zeefuik, Kwasigroch, Galler, Rölke, Strasner, Bence Dardai, Aksakal, Wollschläger und Kesik.

Aus dem Abstiegskader blieben nur Niederlechner, Scherhandt, Marton Dardai, Pekarik, Ernst, Kempf, Rogel, Kenny sowie Maolida und der Dauerverletzte Nsona, der noch nicht ein einziges Mal im Kader stand, jetzt aber, nach über einem Jahr, in der U 23 aufgebaut werden soll.

Wenn man konservativ rechnet (21 plus 12) schlagen 33 Spielerbewegungen zu Buche. Nimmt man die 16 Nachwuchs-/Leihspieler dazu hat es Hertha auf den sicher einmaligen Rekord von 49 Transfers gebracht.

Welche eine Arbeit, die vor allem Benjamin Weber da vollbracht hat. Mit Sicherheit werden durch die 21 Abgänge um die 40 Millionen € an Gehältern gespart, dazu kommen ca. 25 Millionen € Ablösesummen. Die neuen Spieler kosten hoffentlich nur um die 10 Millionen pro Jahr bei etwa 5 Millionen Gesamtablöse. Wirtschaftlich absolut nötig, ob es sportlich akzeptabel sein wird, steht in den Sternen. Man weiß noch nicht so recht, was man von der Mannschaft halten soll. Unglücklichen Niederlagen in Düsseldorf und gegen Wiesbaden folgte ein hoher Pokalsieg in Jena um danach gegen den HSV wieder einzubrechen. Nach dem souveränen 5:0 gegen Fürth verliert man in Magdeburg mit 4:6. Noch nie hat eine Mannschaft in der zweiten Liga ein Spiel verloren, nachdem sie viermal in Führung lag! Ein weiterer Rekord der Hertha, auf den man gut und gerne hätte verzichten können.

Aber wenn die Qualität sich als nicht ausreichend herausstellen sollte, kann man in der Wintertransferperiode ja noch das eine oder andere Dutzend Spieler verpflichten…