Falko Götz und die Laufleistung der BVG

Direkt nach dem Ende der unsäglichen Partie von Hertha gegen Hannover, bot der Stadionsprecher noch Restkartenkontingente für das Spiel gegen Borussia Dortmund an. Das war in etwa so geschickt, als wenn man einem verkatert Aufwachenden eine Flasche Korn unter die Nase hält. Nun gut, vielleicht war Hertha ja so elend schwach, weil der Gegner so gut war, wie Tayfun Korkut in der Pressekonferenz schwärmte. Tatsache ist, dass es die zweite Niederlage in Folge war, was ja selbst in den besten Dortmunder Familien vorkommt (gegen Bielefeld spielte man ja unentschieden!). Geradezu irrwitzig war aber die Reaktion einiger Fans, die auf dem Weg zur U-Bahn, noch naiv darauf hoffend ohne Schaden an Leib und Seele von dieser vom Stadion wegtransportiert zu werden, allen Ernstes über den Nachfolger von Jos Luhukay spekulierten. Als in diesem Zusammenhang der Name Falko Götz, einstmals nicht unerfolgreicher Trainer von Hertha, fiel, ahnte ich, dass sich Unheil über den Nachhausefahrenden zusammenbraut. Denn wenn man von offensichtlich Geisteskranken, und nur um solche kann es sich bei Trainer-Nachfolge-Diskutierern handeln, besonders wenn sie in diesem Zusammenhang an Herrn Götz denken, umgeben ist, sind schlimme Dinge vorprogrammiert. Tatsächlich hat es die BVG gewagt, entgegen ihrer großkotzigen Ankündigung, genug Kapazitäten für den Abtransport der Stadionbesucher bereitzustellen, nach dem Spiel im regulären 10-Minuten Takt zu fahren! Und das bei streikender S-Bahn und nicht wie früher vor dem Südtor wartender Doppeldeckerflotte. Der Bahnsteig war natürlich völlig überfüllt, obwohl die Abfahrt der nächsten Züge in 4 und in 14 Minuten angekündigt wurde. Menschen drängten unaufhörlich nach. Durch glückliche Fügung und asoziales Drängeln gelang es mir, in den ersten Zug zu gelangen. Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass jetzt zwei Japaner für Hertha zu spielen versuchen, dass die Verhältnisse der japanischen U-Bahn im stärksten Berufsverkehr simuliert werden sollten. Aber wenn in Tokio höfliche Studenten mit Glacéhandschuhen die Leute in den Zug stopfen, wird man in Berlin von einer Mitarbeiterin angebellt: „Nehm’ se den Rucksack ab, sonst kann de Tür nich schließn.“ Gut gesagt, wenn die Arme eingeklemmt sind und man bewegungsunfähig nach Luft ringt. Ich weiß nicht, welche Szenen sich nachfolgend auf dem Bahnsteig abgespielt haben, es würde mich nicht wundern, wenn es Verletzte und Tote gegeben hat. Aus Duisburger Love-Parade-Vorfällen offensichtlich genauso wenig gelernt wie Hertha-Fans, die Falko Götz als Luhukay-Nachfolger ins Spiel bringen…

Und jährlich grüßt das Murmeltier

Ende Oktober beginnen überall auf der nördlichen Halbkugel die Murmeltiere mit der Suche nach Winterquartieren, um alsbald in einem süßen, halbjährigen Murmeltier-Schlummer zu versinken. Wenn die zweite DFB-Pokalrunde angesagt ist, scheint das Frühjahr angebrochen, denn genauso, wie die Murmeltiere ihren Bau verlassen, um den Frühling zu begrüßen, wiederholt sich in einer scheinbaren Endlosschleife, was man gemeinhin mit den „eigenen Gesetzen des Pokals“ bezeichnet: Wie im Film, in dem Tag für Tag das gleiche Geschehen abläuft, verliert Hertha (und übrigens nicht nur Hertha) gegen eine ein bis drei Klassen tiefer spielende Mannschaft. Dem im nächsten Jahr die Spielvorbereitung durchführenden Trainer, der hoffentlich noch Jos Luhukay heißen wird, sei empfohlen
a) nicht mit der zweiten Mannschaft anzutreten (Ausscheiden 2013 gegen Kaiserslautern) und
b) die gesamte Woche vor dem Pokalspiel täglich 30 Minuten Elfmeterschießen zu üben, damit die Spieler verstehen, dass das Spiel wirklich nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist und die Betreuer auch wissen, wer im Zweifelsfalle die besten Schützen sind. Dass man eingewechselte Spieler sowieso nur im äußersten Notfall schießen lässt (es sei denn, sie heißen Ronny und sind todsichere Schützen), sollte sich eigentlich im Profibereich herumgesprochen haben.
Mal abwarten, was auf der Mitgliederversammlung von Hertha BSC am 10.11. als Zielvorgabe für den Pokal 2016 vorgegeben wird…

Ist denn schon wieder Weihnachten?

Hier muss mal mit einem gängigen Vorurteil aufgeräumt werden. Jedes Jahr jammert die halbe Nation, dass die Weihnachtsartikel immer früher in den Regalen stehen. Das stimmt nicht! Da ich mit meiner Frau eine Dauerwette zu laufen habe, nach der derjenige gewinnt, der die ersten Spekulatius des Jahres kauft, wissen wir, dass die Supermärkte immer Anfang September von Sommer auf Winter umschalten. Vor ein paar Jahren gab es das erste Weihnachtsgebäck mal in der letzten Augustwoche, was aber eine bedauerliche Singularität blieb.
Was hat das alles mit Fußball zu tun? Franz Beckenbauer erfreute uns und sein Bankkonto vor einigen Jahren in einem Werbespot mit der rhetorischen Frage „Jo, is’ denn schon wieder Weihnachten?“ Und Pep Guardiola meinte unlängst, dass es bis Weihnachten dauern würde, bis der Bayern-Motor nach der Belastung vieler Spieler durch die Weltmeisterschaft stotterfrei laufen würde. Bayern schlägt am Wochenende Bremen mit 6:0 und siegt in Rom beim Tabellenzweiten der Serie A mit 7:1! Nun freuet euch, denn nach Pep-Rechnung ist die Weihnachtszeit da. Oder wir sind doch noch im Herbst und bis Dezember geht’s noch besser? Dann gruselt’s mich schon jetzt vor dem 29. November, wenn die Bayern im Olympiastadion bei Hertha aufkreuzen. Ein zweistelliges Ergebnis scheint unter dieser Voraussetzung eine Option zu sein. Oder die Bayern geraten nach ihrer vorweihnachtlichen „Frühform“ in die erste Motivationskrise. Schön wär’s…

Interessanter Qualifikationsspieltag

Dass die deutsche Nationalmannschaft gegen Irland in der letzten Viertelstunde um ein Unentschieden gebettelt und es letztendlich auch bekommen hat, ist bei weitem nicht das Erwähnenswerteste dieses Spieltages. Nein, es geht um das vom RTL-Moderator genüsslich angekündigte „Skandalspiel“, das später, nach drei weiteren Werbeblöcken à 20 Minuten, noch zu sehen sei. Ich weiß auch nicht warum, aber spontan, ohne groß darüber nachzudenken, schoss mir das Wort „Serbien“ in den Kopf, ohne zu wissen, ob Serbien an diesem Tag überhaupt spielte. Rassismus und Volksverhetzung liegen mir fern, gewisse Erfahrungen mit Fußballspielern, deren Namen auf –ic enden, hat man im Laufe des Lebens aber gemacht. Ein gewisser Radakovic schoss Deutschland 1962 in Chile kurz vor Schluss mit einem 18-m-Hammer, den auch der reaktionsschnelle Fahrian im deutschen Tor erst sah, als er wieder ins Feld zurücksprang, aus dem Halbfinaltraum. Ein Petar Radenkovic leistete als Torwart bei den Münchner Löwen, Schlagersänger und Slivovitz-Werbeträger in den ersten Bundesligajahren bemerkenswertes. Ein Josip Simunic kam eine Saison fast ohne Fouls aus, um im nächsten Jahr reihenweise rote Karten zu provozieren. Wenn man für dreckige Fouls gleich zwei rote Karten geben dürfte, hätte Simunic in dieser Kategorie in vorderster Front gestanden. Was hat das alles mit dem Skandal von Belgrad zu tun? Nichts, aber es ist sicher kein bösartiges Vorurteil, wenn man feststellt, dass Menschen des Balkans im Durchschnitt über ein ausgeprägteres Temperament verfügen als Herr Olafsson von den Schafsinseln.
Als ich Ende der Siebzigerjahre über Split in die Heimat reiste, war es mir vergönnt, bevor mein Zug der Heimat entgegendampfte (ich saß mit fünf ketterauchenden, um die Wette hustenden, jungen jugoslawischen Menschen in einem Abteil), ein Fußballspiel zwischen Hajduk Split und einem offenbar unterklassigen Gegner zu sehen. Wahrscheinlich war es ein Pokalspiel der ersten Runde, das Zuschauerinteresse war mäßig und das Spiel fand nicht im großen Hajduk-Stadion statt, sondern in einer innerstädtischen Arena, die den Charme eines antiken Theaters hatte. Den Sound, den die vielleicht zweitausend Menschen hervorbrachten, die Sonnenblumenkerne kauend und deren Schalen ausspuckend auf den Steinterrassen saßen, werde ich mein Lebtag nicht vergessen: Bei jeder noch so unwichtigen Aktion der eigenen Mannschaft gab es ein sirenenartig an- und abschwellendes Rufen, Schimpfen, Heulen, Vorwärtspeitschen. Ich dachte nur, was geschieht eigentlich, wenn es um etwas Wichtiges geht, hebt dann der ganze Bau ab?
Nun, in Belgrad ging es am 15.10.2014 offensichtlich um etwas Wichtiges, denn was kann es Bedeutenderes geben, als bunte Stofffetzen, die vom Himmel schweben? Die albanischen Spieler trauten sich nach der Unterbrechung angeblich nicht mehr auf den Platz, weil Zuschauer auf den Platz gestürmt waren und sie Angst hatten. Da könnte doch der DFB den weisen Herren von der UEFA bei der Beurteilung der Sachlage sicher helfen: Der Platzsturm in der Relegation von Düsseldorf ist noch gar nicht so lange her…

Niederlage gegen Polen – peinlich?

Es gibt zwei Arten von Fußballanhängern: Solche, die sich die Sportschau ansehen oder gar ins Stadion gehen, um mitreden zu können, weil der Fußball ja mittlerweile auch in der Gentrifiziererklasse als Thema angekommen ist. Und es gibt diejenigen, die aus irgendwelchen, ihnen meist selbst unverständlichen Gründen mit einem Verein ihr Leben lang verbandelt sind. Die zweite Gruppe (es gibt natürlich unendlich viele Schattierungen zwischen diesen beiden Fanlagern) ist durchaus in der Lage, ihrer Mannschaft auch nach einer Niederlage stehende Ovationen zu spenden, wenn denn die Art und Weise des Spiels, d.h., Kampf, Wille und Aufoferungsbereitschaft, gestimmt haben. Die Mitredefans wären zu einer solchen Geste niemals in der Lage, weil für sie nur das Ergebnis zählt, wie für einen Immobilienmakler auch nur der erfolgreiche Verkauf einer Wohnung etwas wert ist, und nicht der nette Plausch mit einem Kaufinteressenten.
Beim Spiel Polen gegen Deutschland hat die deutsche Mannschaft über 70 Minuten gut gespielt, den Gegner eindeutig dominiert, 27 Mal aufs Tor geschossen und mit viel Pech und etwas Konzentrationsschwäche kein Tor erzielt, während die Polen großartig effektiv zwei von vier Schüssen im Tor unterbrachten (beide nach vorangegangenen, nicht gepfiffenen Fouls) und so das Spiel gewannen. Ein völlig normaler Vorgang im Fußball, an jedem Bundesligaspieltag zu erleben. Was daran „peinlich“ sein soll, wie die Hälfte aller Medien dieses Ergebnis bezeichnet, erscheint mir völlig unklar und geradezu absurd. Selbst ein so zurückhaltender und in der Wortwahl sonst stets ausgewogener Zeitgenosse wie der FuWo-Journalist Günter Weise benutzt diese Bezeichnung. Peinlich wäre vielleicht eine zweistellige Niederlage gegen Gibraltar, peinlich wäre es auch, wenn man die Spieler am Vorabend des WM-Endspiels sturzbetrunken in einer Bar angetroffen hätte, aber eine Niederlage gegen Polen? Nichts daran ist peinlich.

Endlich klar Schiff auf Schalke

Das wurde ja auch Zeit: Nachdem die Sportschau am Sonnabend feststellte, dass der erfolglose Trainer Jens Keller seit 21 Monaten (seit dem 15.12.2012) bei Schalke angestellt ist, war seine Kündigung wirklich fällig. Ein Trainer zwei Jahre bei Blau-Weiß? Das geht ja gar nicht. Und schließlich hat Keller die Mannschaft nur auf den 3. Tabellenplatz der Bundesliga geführt und die Champions-League hat er auch nicht gewonnen. Und jetzt vor dem alles entscheidenden Saisonspiel gegen Hertha nur wegen des minimal besseren Torverhältnisses vor den Berlinern stehend? Da muss die Reißleine gezogen werden. Ob Genosse Putin, über Gazprom sozusagen Hauptfinanzier der Schalker, Horst Heldt telefonisch angewiesen hat, endlich mal einen starken Trainer zu holen, um angemessene Erfolge feiern zu können, wissen wir nicht. Eines aber ist klar: Für Schalke kommt nur der beste Trainer in Frage. Insofern wäre José Mourinho die einzig mögliche Option. Mit Chelsea immer an der Spitze der Premier-League ist doch auf die Dauer langweilig. Außerdem könnte er seinen alten Kumpel Pep Guardiola mal wiedersehen. Schade, dass nichts draus wird. Denn nun kommt Roberto di Matteo. Hat immerhin auch bei Chelsea gespielt und war dort erfolgreicher Maurermeister-Trainer beim Finale dahoam. Wenn di Matteo dann in cirka einem halben Jahr das sinkende Schiff verlassen wird, könnte eigentlich nur einer helfen: Huub Stevens, der soll momentan ohne festen Job sein…

Herthas Talentflut und die Fritz-Walter-Medaille

Die Jugendarbeit des Berliner Bundesligisten Hertha BSC bringt eine Vielzahl hochkarätiger Talente hervor. Neulich wurde die Zahl von 48 aktuellen Erst- oder Zweitligaspielern genannt, die in der Fußballakademie ausgebildet wurden. Das war nicht immer so. Man erinnert sich teils mit Wehmut, teils mit Gruseln an die Baracke, die nahe der S-Bahngleise des Bahnhofs Gesundbrunnen in einer Senke neben Schrotthändlern und versifften Autoreparaturwerkstätten angesiedelt war und über deren Eingang in blauer Schrift „Jugendabteilung Hertha BSC“ geschrieben stand. Den muffigen Holzgeruch, den das Ambiente ausdünstete, kann sich jeder selber ausmalen, der schon einmal eine Gartenlaube nach halbjährigem Winterschlaf zum Auslüften aufsuchte. Heute ist an dieser unseligen Stelle das Gesundbrunnencenter angesiedelt und die Fußballakademie befindet sich mit allem Schnickschnack auf dem Olympiagelände, wo auch die Profis trainieren. Die Frage, die sich der verwunderte Zeitgenosse stellt, ist: Warum spielen in Herthas Profiteam nur immer ein, zwei Alibinachwuchskräfte? Es gibt eine Reihe von Antworten, alle sind gleichermaßen stimmig und doch unbefriedigend.
1) Trainer und Manager reden zwar seit 15 Jahren von nichts anderem als der bevorzugten Behandlung von eigenen Talenten, doch wenn es darauf ankommt, werden trotzdem die von Auswärts verpflichteten fertigen Spieler vorgezogen.
2) Die Ablenkung durch Großstadtnachtleben und falsche Freunde dieser jungen und doch schon „reichen“ Achtzehnjährigen ist offensichtlich so groß, dass nur Ausnahmecharaktere ihr entgehen. Ein Sead Salihovic konnte nach eigenen Aussagen nur in der Provinz zum Klassespieler werden.
3) Selbst die Klassenbesten im Jugendbereich schaffen nicht immer den Sprung zum Erwachsenenbereich, eine schlüssige Erklärung gibt es für dieses Phänomen nicht.

Warten wir also mit Spannung ab, was aus Damir Bektic von Hertha BSC (U17) wird, der gerade die Fritz-Walter-Medaille in Silber erhalten hat. Diese bekommen die besten deutschen Nachwuchsspieler und eine kleine Auswahl vorheriger Preisträger zeigt nicht mehr und nicht weniger als eine Weltmeistermannschaft: Manuel Neuer, Mario Götze, Jérome Boateng, Benedikt Höwedes, Toni Kroos, André Schürrle, Julian Draxler aber auch Kevin-Prince Boateng, Lars Bender, Sven Bender, Marko Marin, oder Kevin Volland.
Mal sehen, ob der Damir Bektic in zwei Jahren einen Profivertrag bekommt und in vier Jahren in der Nationalmannschaft spielt oder ob er, wie so viele andere, in der Versenkung verschwindet und sein Name sonnabends kurz nach 18 Uhr beim Drittligaspielbericht Chemnitzer FC gegen Jahn Regensburg als Torvorbereiter genannt wird…

Das Krisengerede und die Karawane…

Wundert man sich wirklich? Selbstverständlich ist bei Hertha nach zwei recht guten Spielen und einer mittelschlechten Partie in Boulevardpresse (nicht nur in der) und Fernsehen von einer Krise die Rede. Sonderbar nur, dass noch niemand den Rauswurf des Trainers fordert, zumal er mit einigen, zugegebenermaßen erklärungsbedürftigen, Aufstellungen nicht immer ein glückliches Händchen hatte. Aber nach drei Spieltagen noch nicht im oberen Tabellendrittel – wie kann das angehen? Spätestens wenn Hertha am Freitagabend in Freiburg verliert, was bei der momentan schlecht eingespielten Abwehr durchaus passieren kann, wird der Trainer aber wirklich zur Disposition gestellt, zumindest wird Manager Preetz ernsthaft gefragt werden, wie lange er noch an Luhukay festzuhalten gedenke. Natürlich vergießen die Medien immer dann Krokodilstränen, wenn ein Trainer gekündigt wird, nachdem sie vorher durch ihr ständiges, nervtötendes Insistieren die Situation erst herbeigeredet haben. Mal sehen, ob diese angeblichen „Gesetzmäßigkeiten“ des Profifußballs am Freitagabend ins Rollen kommen. Auch wenn das einigen Giftspritzern, die die fette Schlagzeile schon formuliert haben, gar nicht recht wäre: Ein Sieg in Freiburg und das dumme Gerede hätte erstmal ein Ende. Und wenn nicht, sollte man bei Hertha nach dem Motto eines gewissen Erich Honecker handeln: „Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter…“

Paderborn und die Laufleistung

Bremen hat gestern Abend mit seinem nicht ganz unerwarteten 3:3 in Leverkusen den Weg für Paderborn an die Tabellenspitze freigemacht. Einen Heimsieg gegen Köln, deren Fans sich momentan nicht einig sind, ob als Saisonziel die Teilnahme an der Champions-League oder nur an der Europa-Liga ausgegeben werden soll, vorausgesetzt, und der höchst gewettete Abstiegskandidat SC Paderborn ist der 32. Tabellenführer in 52 Jahren Bundesliga. Nun gut, um im Fußballjargon zu sprechen: eine Momentaufnahme. So wird’s nicht bleiben, aber offensichtlich ist Paderborn doch konkurrenzfähig und nicht völlig chancenlos im Abstiegskampf. Spielerisch limitierte Möglichkeiten werden mit pokalartigem Kampf, Einsatzbereitschaft und „erhöhter Laufleistung“, wie es so schön wie falsch heißt, kompensiert.
Natürlich ist eine Mannschaft im Vorteil, wenn ihre Spieler statt 110 km, wie der Gegner, 120 km pro Spiel zurücklegen. Fehlerhaft ist nur der Begriff „Laufleistung“. Als auf die sechzig Lebensjahre zugehender Gelegenheitsjogger war es mir bis vor kurzem vergönnt, 10 km in weniger als einer Stunde zurückzulegen. Nichts Besonderes. Wenn Profis für eine ähnliche Strecke 90 Minuten benötigen, wäre das eine eher peinliche Leistung, die zum 400. Platz von 470 Teilnehmern bei Jedermann-Läufen reichen würde. Mindestens die Hälfte dieser 10 – 12 km wird aber im schnellen Tempo und bestimmt 3 km werden im schnellen Spurt zurückgelegt. 3000 m spurten heißt aber nichts anderes als 30 Hundertmeterläufe oder 60 Fünfzigmeterläufe oder 120 Fünfundzwanzigmeterläufe kurz hintereinander zu absolvieren! Leichtathletische Sprinter bewältigen einen oder vielleicht zwei Hundertmeterläufe pro Tag und pumpen danach eine Viertelstunde, bevor sie ein Statement ins Mikrofon hauchen können. Der Fußballer sprintet und hat dabei noch Körperkontakt, um es elegant auszudrücken und den Begriff „schlägt und tritt“ zu vermeiden. Also doch eine Leistung, die einem Profi zur Ehre gereicht. Man müsste nur den Begriff „Laufleistung“, der ja an Joggen denken lässt, durch das zwar nicht schönere aber genauere Wort „zurückgelegte Strecke/Entfernung“ ersetzen.
Aber egal, ob die Paderborner eine erhöhte Laufleistung absolvieren oder eine größere Strecke zurücklegen: Meister werden sie wahrscheinlich nicht werden…

Zahlen, nichts als Zahlen…

Aus der Serie „Überflüssige Statistiken, die niemand braucht“ stammt eine kleine Rubrik im unverzichtbaren Kicker-Sonderheft, das der Fußballfreund zur Saisonvorbereitung benötigt, wie der Radsportler sein Epo. Für jeden Bundesligisten wird die Bundesligaerfahrung und die Länderspielerfahrung seines spielenden Personals angegeben. Niemand wundert sich, dass Bayern Münchens Spieler 3005 Bundesligaspiele absolviert haben, wohingegen Paderborns Kicker es auf gerade 202 Spiele bringen. Insofern sind diese statistischen Angaben auch nur im Vergleich interessant und sogar in gewisser Weise aussagekräftig. Denn die Rangfolge der Gesamtspiele pro Verein oder, noch besser, der durchschnittlichen Anzahl der Bundesligaspiele pro Spieler liest sich fast wie die Tabelle. 1. Bayern: 137, 2. Dortmund: 118, 3. Schalke: 93, 4. Leverkusen: 98, 5. Wolfsburg: 98 u.s.w. Nur Eintracht Frankfurt hat es geschafft, mit 102 Spielen pro Spieler, dem dritthöchsten Wert, auf Rang 13 in der Saison 2013/14 aufzulaufen.
Dass Paderborn die Zahl 18 einbringt, hat sie nicht davon abgehalten, den HSV, dessen Spieler im Schnitt 87 Bundesligaspiele absolviert haben, mit 3:0 wegzuputzen. Erfahrung scheint nicht alles zu sein, was einem am Beispiel eines Heiko Westermann auch sofort einleuchtet.
Nicht allzu überraschend ist auch die Statistik zur Länderspielerfahrung, wobei hier die Gesamtländerspielzahl im Verein durch die Anzahl der Spieler des Kaders dividiert wurde. Bei Bayern hat jeder Spieler im Schnitt 34 Länderspiele absolviert, während es bei Paderborn leider nur 0,2 Spiele sind (Alban Meha hat 6 Länderspiele für Albanien absolviert. Kadergröße: 28 Spieler). Interessant auch hier, dass es der HSV auf den vierthöchsten Wert (15), weit vor Leverkusen (10) bringt, aber wie schon oben gesagt: Erfahrung ist nicht alles, oder auch, um mit Jos Luhukay zu sprechen: „Mentalität schlägt Qualität“.

Hier die vollständige Zahlenspielerei:

Durchschnittliche Anzahl der BL-Spiele
der Spieler mit BL-Erfahrung

1. München—————–137
2. Dortmund—————-118
3. Frankfurt—————102
4. Mönchengladbach———-99
5. Leverkusen————– 98
6. Wolfsburg————— 98
7. Schalke—————- 93
8. HSV——————– 87
9. Stuttgart————– 83
10. Hoffenheim————- 75
11. Hannover————— 68
12. Augsburg————— 66
13. Bremen—————– 62
14. Köln——————- 61
15. Freiburg————— 60
16. Hertha—————– 59
17. Mainz—————— 55
18. Paderborn————– 18

Durchschnittliche Anzahl von
Länderspielen aller Kaderspieler

1. München———–34
2. Dortmund———-21
3. Schalke———–16
4. Mainz————-15
5. HSV—————15
6. Stuttgart———13
7. Wolfsburg———11
8. Leverkusen——–10
9. Hertha————10
10.Frankfurt———-9
11.Augsburg———–9
12.Bremen————-8
13.Köln—————7
14.Mönchengladbach—-7
15.Hoffenheim———6
16.Freiburg———–3
17.Hannover———–3
18.Paderborn———-0,2

Die Angaben stammen aus dem Kicker Sonderheft 2014/15 mit dem Stichtag 5.8.2014.