So schlimm, wie ich’s vor den beiden Testländerspielen erwartet hatte, ist es nicht geworden. Im Gegenteil: Ein rasantes Spiel gegen Spanien, die als absolutes Weltklasseteam auftraten und eine mittelschlechte Partie gegen Brasilien war immerhin mehr, als man nach jahrzehntelanger Quälerei mit solchen Ansetzungen erwarten durfte. Allerdings: Was sich im Brasilienspiel vor allem die sich doch zeigen müssenden Supertechniker Gündogan und Sané an technischen Fehlern und Fehlpässen leisteten ging nicht mehr auf die berühmte Kuhhaut. Da muss schon, wenn wir schon bei Brasilien sind, eine ganze Elefantenhaut her, auch wenn es in Brasilien gar keine Elefanten gibt. Unerklärlich! Die Südamerikaner spielten hingegen äußerst konzentriert, mit einem überragenden Marcelo, der zwar wieder vor dem Spiel die Finger in die Steckdose gesteckt hat, um brilliant frisiert zu sein (zählt das eigentlich als Doping?), nichtsdestotrotz aber bester Mann auf dem Platz war. Gönnen wir es den brasilianischen Fußballfreunden, dass sie dieses Freundschaftstestspiel gewonnen haben, nach dem sie, nach Aussagen ihrer Anhängerschar, endlich wieder erhobenen Hauptes in den Spiegel sehen können. Hoffentlich bekommen sie keinen Schock, nachdem sie dreidreiviertel Jahre gealtert sind. Und außerdem: Wenn wir die gute alte Europapokalregel anwenden, nach der laut Eberhard Stanjek, Werner Schneider und Ernst Huberty „die Auswärtstore doppelt zählen“, steht es, das WM Halbfinale von Belo Horizonte eingerechnet, immerhin noch 14:3 für die deutsche Mannschaft. Ob das ein Grund zur Freude und des Stolzes ist, sei mal dahingestellt…
Erwartet eigentlich jemand spannende Länderspiele?
Früher waren Länderspiele ein Fest. Es gab davon vier oder fünf im Jahr und wenn eine Weltmeisterschaft anstand vielleicht auch mal zehn bis zwölf, je nach Erfolg der deutschen Mannschaft. Heutzutage, wo ja nicht alles schlechter, sondern im Gegenteil manches besser ist als früher, spielt die Nationalmannschaft dreizehn- bis achtzehn mal pro Saison, was heißt, dass die Übersättigung auch hier fröhlich Einstand gehalten hat, wie ja fast jeder Lebensbereich von Viel-zu-viel-von-allem geprägt ist. Dies soll keine philosophische Abhandlung über die Krise der globalisierten Gesellschaften werden, sondern erklären, warum wohl die meisten Fußballfans zwar verstehen, dass man vor einer Weltmeisterschaft Spiele gegen starke Gegner, wie jetzt Spanien und Brasilien, durchführen muss, die richtige Vorfreude aber nicht so recht aufkommen will. Eventuell liegt dies neben dem Vollstopfen mit der täglichen Portion Fußball auch an der Erfahrung, die man mit solchen Spielen, die nicht selten zu langweiligsten Grottenkicks ausarteten, gemacht hat. Dagegen spricht zwar, dass sich jeder Profi eigentlich zerreißen müsste, wenn er sich um die Fahrkarte nach Russland bewerben will. Aber ein Sandro Wagner oder ein Marvin Plattenhardt können, und wenn sie sich noch so anstrengen, einem gelangweilten Toni Kroos oder einem gewohnt arrogant rüber kommenden Mesut Özil, nicht das Spiel aus der Hand nehmen und an sich reißen. Weil sie es einfach nicht können (und auch nicht ihre Aufgabe ist). Und dass die Torhüter, bei denen es ja um die Nummer 1 geht, da Manuel Neuer nicht mehr rechtzeitig fit werden wird, das Spiel vorantreiben können, ist auch mit der modernsten Auffassung vom Torhüterspiel nicht zu befürchten.
Also wird man sich die Spiele mit mittelmäßiger Begeisterung ansehen und wenn es wider Erwarten doch ein oder zwei ansehnliche Spiele gibt, dann liegt das sicher daran, dass die Bayern, die ja quasi schon Meister sind, frei aufspielen können – es sei denn, sie scheuen das Verletzungsrisiko, weil sie in der Champions League noch was vorhaben. Womit wir wieder beim Thema Übersättigung wären…
Das bayerische Murmeltier grüßt mal wieder…
Wann wird es Frühling? Nein, nicht wenn irgendeine Bisamratte ihren Bau verlässt oder ein Murmeltier zur ach so beliebten Fettpaste verarbeitet wird. Frühling wird’s, wenn die Bayern die Meisterschaft feiern! Im Mai wird zwar erst der Salatteller überreicht, im April aber bereits uneinholbar davon gezogen. Und diesmal ist doch auch der März noch in Reichweite: Wenn Schalke und Dortmund verlieren und Bayern am Wochenende gewinnt, heißt der alte und neue Deutsche Fußballmeister am 18. März: „Bayern München“! Und wenn beide gewinnen, verzögert sich die Chose auf das Osterwochenende und reicht nur deshalb in den April hinein, weil der internationale Spielkalender eine Länderspielpause angesetzt hat.
Die Frage bleibt trotzdem unausgesprochen im Raum: Welches wäre eigentlich der theoretisch frühestmögliche Termin, um die wohlverdiente Meisterschaft zu feiern? Wenn nicht Ostern, wie dieses Jahr, vielleicht zu Purim, dem jüdischen Laubfest am 8. März (bzw. dem Internationalen Frauentag zum selben Termin), Rosenmontag oder Aschermittwoch („Alles vorbei“ – für die anderen Vereine) im Februar scheinen auch gute Tage zu sein. Die Heiligen Drei Könige ( Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge) am 6. Jänner böten sich an, aber ginge es nicht auch schon zu Weihnachten, um den Silvesterabend krachend feiern zu können? Wenn Bayern in der Hinrunde alle Spiele gewönne und alle anderen Vereine alle Spiele verlören, wären die Bayern schon im Dezember verdientermaßen Meister. Leider spielt die kleine Schar der restlichen 17 nicht nur gegen Bayern sondern auch gegeneinander, sodass der Zweite zumindest den einen oder anderen Punkt holen muss. Bei völliger Ausgeglichenheit hätte der Zweite nur 16 Punkte auf seinem Konto (nämlich 16 Unentschieden und eine Niederlage gegen Bayern) und also 35 Punkte Rückstand auf die Roten. Also wird’s nichts mit der Silvesterparty, ein Weißbier und ab ins Bett, am 1. Januar geht’s um 9 Uhr zum Trainingsplatz. Um dann am 21. Spieltag (also doch zum Fasching) mit 63 Punkten gegenüber 20 der Konkurrenz bei noch 13 Spielen (also 39 möglichen Punkten) endlich die Meisterschaft zu feiern. Es gibt also noch einiges zu tun an der Säbener Straße. Ein Rekord ist schließlich dazu da, gebrochen zu werden.
Und dann wird die Champions League ins Auge gefasst: Es müsste doch möglich sein, dass auch der Silberpott schon nach dem Viertelfinale nach München geht…
Hat Hertha gegen Freiburg eine Chance?
Grundsätzlich muss man natürlich zugeben, dass Hertha in einem Heimspiel gegen die Tannenzäpfletrinker eine Chance hat, wenn auch eine sehr kleine, da es sich um ein Heimspiel handelt! Auswärts hat Hertha in dieser Saison das gemacht, was Trainer Dardai seit drei Jahren predigt: Gelernt. Während in den letzten Jahren Auswärtsspiele beinahe grundsätzlich nicht gewonnen wurden, wird in dieser Saison ebenso selbstverständlich kaum verloren, und wenn doch, so äußerst unglücklich: Nur vier von 13 Auswärtspartien hat Hertha verloren (bei drei Siegen und sechs Unentschieden), nämlich in Dortmund (als diese zu Saisonbeginn jede Mannschaft vom Platz fegte), in Mainz durch einen umstrittenen Elfmeter, in Stuttgart nach starker Leistung durch ein Eigentor und jetzt auf Gelsenkirchen nach ebenfalls überzeugendem Spiel.
Die einstige Hochburg Olympiastadion dagegen wurde von den Gastmannschaften nicht geschliffen, wie es manchmal falsch heißt, wohl aber geschleift, wie man es mit einer Festung zu tun pflegt, wenn man die Mittel hat. Und die hat fast jeder Verein, wenn der Trainer seine Mannschaft taktisch vorbereitet und nicht nur „Spuilts halt Fußball“ sagt. Hertha kann das Spiel nicht „machen“, was man zuhause aber können sollte, weil die Kreativkräfte fehlen. Arne Meier ist noch nicht ganz so weit und Duda, der gestalten könnte, scheint sich nicht durchzusetzen (war aber häufig verletzt, vielleicht wird’s noch was). Und da Freiburg bei Hertha sowieso oft gut ausgesehen hat (voriges Jahr Herthas Siegtor erst glücklich in der Nachnachspielzeit), sollte man Herthas Sponsor unterstützen und 50 € auf Freiburg setzen. Was ihm allerdings auch schaden wird, da er einen Gewinn auszahlen muss.
Da auf Hertha aber in letzter Zeit kein Verlass mehr ist, was die Voraussagen betrifft, kommt diesmal vielleicht alles ganz anders. Und die alte Dame schlägt Freiburg. Und baut danach den HSV auf. Und…
Die Regelauslegung des passiven Abseits‘
Pech für Hertha: Der Videoassistent entschied im Spiel gegen Hoffenheim, dass Nico Schulz im passiven Abseits stand, als ein Flankenschuss in seine Richtung abgegeben wurde, weil er das Spielfeld verlassen hatte. So weit, so eindeutig. Als Niclas Stark den Ball stoppte (hätte er ihn ins Aus durchrutschen lassen, hätte es Einwurf für Hertha gegeben) ergab sich eine neue Spielsituation, sodass Schulz wieder ins Spiel eingreifen konnte. Entscheidend ist, ob er das Spielfeld wieder betrat, bevor Stark den Ball berührte (dann wäre aus seinem passiven nämlich ein aktives Abseits geworden) oder erst danach. Wenn man das Fernsehbild im Einzelbildmodus laufen lässt, erkennt man, dass beide Vorgänge (also Starks Ballberührung und Schulz’ Platzbetreten) gleichzeitig ablaufen, also eine Hundertstelsekundenentscheidung. Insofern lagen Schiedsrichter und Videoassistent nicht falsch. Fraglich ist nur, ob der Sinn der Regel richtig angewandt wurde. Nico Schulz hat sich, als er sich von hinten aus dem Aus in Starks Rücken an ihn heranschlich, einen großen Vorteil verschafft. Stark konnte ihn ja erst im letzten Moment sehen und das Bein, das Schulz’ Schienbein traf, wollte eigentlich den Ball schlagen, den dieser aber Sekundenbruchteile vorher weggespitzelt hatte. Schulz hat also einen doppelten Vorteil gegenüber dem Herthaspieler gehabt: Zuerst wurde nicht Abseits gepfiffen und dann durfte er „hinterlistig“ denn Ball erobern. Das kann nicht der Sinn der Regel sein!
Nur zur Erinnerung: Als Hertha im Frühjahr 2010 die Aufholjagd gegen den Abstieg startete (und am vorletzten Spieltag verlor) wurde im Heimspiel gegen Borussia Dortmund ein Tor von Theofanis Gekas nicht anerkannt, weil er bei einer Flanke, die in den Strafraum kam, im Abseits stand, passiv wohlgemerkt, weil er an den Ball nicht herankam. Nachdem ein Dortmunder Spieler den Ball berührt hatte, schoss Gekas den Ball ins Tor, das nicht gegeben wurde, weil angeblich aus dem passiven ein aktives Abseits wurde. Entsprechend dem “Fall“ Schulz hätte man sagen müssen: „Neue Spielsituation!“ Hertha spielte 0:0 gegen Dortmund und verlor zwei wichtige Punkte im Abstiegskampf. So ändern sich die Zeiten! Oder soll man sagen: So ändern sich die Regeln? Oder soll man sagen: Es kommt drauf an, gegen wen eine bestimmte Regel ausgelegt wird…?
Das viele Geld im Markt und Herthas Transferpolitik
Die Winterpause ist vorbei und Hertha verliert. Eigentlich ist alles wie immer! Oder sagen wir nicht immer, sondern wie so häufig in den letzten Jahren. Trotzdem hat Hertha in Stuttgart zufriedenstellend gespielt und hätte niemals als Verlierer vom Platz gehen dürfen. Sollte vielleicht doch noch auf dem Spielermarkt nach Verstärkungen geforscht und gegebenenfalls zugeschlagen werden? Bloß nicht! Herthas Kader ist mit 28 Spielern (nach Stockers Abgang) zwar nicht aufgebläht, wohl aber groß genug um die Europa- und DFB-pokalfreie Rückrunde absolvieren zu können. Und wenn mich nicht alles täuscht, wird diesmal alles ganz anders kommen…
Hertha hat in den vergangenen Jahren im großen und ganzen eine vernünftige und meist erfolgreiche Transferpolitik betrieben. Nicht zehn bis vierzehn Zu- und Abgänge vor Saisonbeginn sondern drei, vier Spieler, die das gewachsene Gefüge ergänzen sollten, was sehr oft gelungen ist. Ob Jarstein, Weiser, Rekik, Stark, Plattenhardt und viele andere: alles Volltreffer. Das gelingt nicht jedem Manager.
Ein Grund für die hohe Transferzahl bei vielen Vereinen, die ja auch von den Spielern, die sich finanziell verbessern wollen, bestimmt wird, ist natürlich das viele Geld im Markt, wie Fredi Bobic in einem Interview erklärte. Interessant seine Äußerung, dass Spieler heute nur durchschnittlich ein bis zwei Jahre bei einem Verein bleiben. Gefühlt ist das bei Hertha anders. Untersuchen wir mal die Fakten:
Wenn man die vereinseigenen Daten aus der Hertha Homepage zugrunde legt, erhält man eine durchschnittliche Vereinszugehörigkeitsdauer von 2,5 Jahren. Die Zahlen bewegen sich zwischen einem halben Jahr (Leckie, Selke, Lazaro, Rekik, Klinsmann) und den zehneinhalb Jahren von Fabian Lustenberger. Bei den jungen Spielern (Mittelstädt, Baak, Meier, Kade und Torunarigha) wird der Erhalt eines Profivertrages gewertet. Rechnet man jedoch mit der wahren Zugehörigkeitsdauer dieser Spieler (Meier: 10 Jahre, Torunarigha 11,5 Jahre u.s.w.), kommt man auf 4,1 Jahre durchschnittlicher Zugehörigkeit zum Verein. Das kann man doch gewiss, wenn man es mit Bobics Aussage vergleicht, als Zeichen von Kontinuität werten.
Und da sich diese gute, den Wünschen der meisten Anhänger entsprechende, Politik irgendwann auszahlen müsste, wird diese Rückrunde auch ganz anders als die letzten werden. Aber so gut und erfolgreich sie vielleicht auch sein mag, eins ist leider totsicher: Deutscher Meister wird nur der ÄffZehBee…
Herthas Kampf in Leipzig und die Erfolgsbilanz von Pal Dardai
Ein denkwürdiges Spiel. Nicht nur, dass man im „Kugelblitz“ im Wedding für jedes Auswärtstor ein blau-weißes Getränk offeriert bekommt (Bols Blau mit Sahnehaube!), was auch fast in ein komatöses Trinken ausgeartet wäre – nein, ein Spiel, das sowohl 6 : 3 für Leipzig als auch 5 : 0 für die dezimierte Hertha hätte ausgehen können, ohne dass irgendjemand etwas dagegen hätte einwenden können, sieht man wirklich nicht alle Tage. Leicht untertrieben: Ein Spiel, das bestimmt in die Top 20 von 1165 Hertha-Spielen seit 1963 einzuordnen ist! Alle diese Schubladenbegriffe: Aufopferungsvoller Kampf, einer für den anderen da, David gegen Goliath, unmögliches möglich machen, Sensation. Hört sich meist blöd an, trifft hier aber zu. Wie sich Lustenberger und Stark in die Zweikämpfe warfen (immer fair!), wie Selke die Konter ausspielte, wie Lazaro in der zweiten Hälfte verteidigte – all das war einfach unglaublich. Und wenn Selke wirklich frei aufs Tor zulaufend nicht an den Pfosten geschossen hätte und Arne Meier nicht frei vor dem leeren Tor ausgerutscht wäre…nicht zu glauben!
Und was sagen eigentlich alle die Besserwisser, die sich schon nach einem Nachfolger für Pal Dardai umgehört haben und mit Namen jonglierten? Hoffentlich ruhig gestellt nach einer der längsten Auswärts-ungeschlagen-Serien in Herthas Bundesligageschichte: Freiburg 1:1, Wolfsburg 3:3, Köln 2:0, Augsburg 1:1 und nun als Krönung Leipzig 3:2.
Überhaupt Dardai: Natürlich ist Herthas Fußball nicht immer brilliant anzusehen, aber er und Widmaier fordern taktisch genau das, was die Mannschaft kann. Aus einer meist soliden Abwehr heraus mit einem kampfstarken Mittelfeld (Skjelbred!) Ballbesitz haben und zu Torchancen kommen. Das funktioniert mal gut, mal schlechter, entsprechend Herthas finanziellen Möglichkeiten. Leipzig hat vor der Saison mal eben 35 Millionen investiert (nach 60 Mio. im Vorjahr), Hertha 14 Millionen.
Dardai hat gegen Leipzig sein hundertstes Spiel als verantwortlicher Cheftrainer absolviert und seine Bilanz kann sich sehen lassen: 39 Siege, 23 Unentschieden und 38 Niederlagen bei 123 : 128 Toren, was 140 Punkte ergibt. Das macht nach Adam Riese 1,40 Punkte pro Spiel und ist damit besser als der Gesamtschnitt aller 34-einhalb Bundesligajahre (1571 Punkte in 1165 Spielen = 1,35 Punkte pro Spiel). Natürlich nur eine Zahlenspielerei, aber immerhin. Außerdem ist Pal Dardai jetzt schon der Trainer mit den fünftmeisten Spielen in Herthas Bundesligageschichte. Nach zwei Spielen hat er Georg Kessler (102) und nach fünf Spielen Falko Götz (105) eingeholt. Nur die Ikonen Jürgen Röber (206) und Fiffi Kronsbein (311) stehen dann noch vor ihm! Interessant vielleicht noch für Statistik-Fetischisten: Unter Dardai gab es durchschnittlich 1,23 : 1,28 Tore pro Spiel. Wenn man alle 1165 Spiele betrachtet gab es bei Hertha 1,42 : 1,52 Tore. Heißt: Stabile Defensive, aber auch ausbaufähige Offensive. Wobei zu berücksichtigen ist, dass in den Siebziger- und Achtzigerjahren insgesamt deutlich mehr Tore erzielt wurden (im Tausenderbereich pro Saison, heute im oberen Achthunderterbereich).
24 Punkte nach der Hinrunde hören sich wie ein Rückschritt an, nach 32 und 30 Punkten in den beiden Vorjahren. Wenn man aber die Spiele gegen die gleichen Gegner einzeln nach Heim- und Auswärtsspielen untersucht, stellt man fest, dass Hertha im Vorjahr genau bei 24 Punkten stand. Wenn jetzt mal eine gute Rückrunde folgt, ist nach oben hin, bei vier Punkten Rückstand auf die Champions-League, alles drin…
Unwichtiges Spiel gegen Östersund?
Hertha ist nach dem 2:3 in Bilbao aus der Europa-League ausgeschieden. Der geneigte Hertha-Fan, der natürlich die Eintrittskarten für alle Gruppenspiele im Dreierpack erworben hat, gruselt sich schon jetzt vor der abschließenden Begegnung gegen Östersund vor 12.000 Zuschauern im nasskalten, zugigen Olympiastadion, dessen Atmosphäre doch sehr an 20 Jahre zurückliegende Zweitligazeiten erinnern wird (2010/11 und 2012/13 gab es in der 2. Liga ja Erstligastimmung). Für Hertha geht es um nichts mehr, es wird sicher eine Art Nachwuchsmannschaft antreten – was nicht das Schlechteste sein muss, spielten die jungen Arne Meier, Mittelstädt, Torunarigha, Selke u.a., wenn sie denn eingesetzt wurden, souverän und spielerisch teilweise besser als die sogenannten Stammspieler. Aber geht es wirklich um nichts?
Zuerst mal wären da 360.000 € Siegprämie (120.000 € für einen Punkt) zu nennen, die zwar im Gesamtetat von über 100 Millionen € wie von einem trockenen Schwamm aufgesogen werden, aber wer den Cent nicht ehrt…Es gab Zeiten, da hätte Hertha so eine Summe vor dem drohenden Lizenzentzug bewahrt! Außerdem, und das erscheint mir oft unterbewertet, zählt jeder Punkt in der UEFA-5-Jahres-Wertung, die für die Startplätze in Champions- und Europa-League entscheidend ist. Drei Punkte machen immerhin 0,428 Endpunkte aus, können also im Zweifelsfall darüber entscheiden, ob Deutschland oder die nachdrängenden Franzosen (oder sollte man sagen Ölscheichs?) einen dritten Champions-League Direktqualifikanten stellt. Dafür lohnt es sich doch zu arbeiten.
Zu guter Letzt wäre noch der „Team-Koeffizient“ in der UEFA zu nennen, wo Hertha momentan auf Platz 114 steht, welcher für die Setzliste bei künftigen Auslosungen eine Rolle spielt. Nebenbei können sich natürlich junge Spieler aus der zweiten Reihe für weitere Einsätze in der Stammformation empfehlen, was eigentlich Motivation genug für eine Höchstleistung sein sollte.
So gesehen geht es also am 7. Dezember beim Spiel Hertha gegen Östersund um mehr als die bronzene Ananas, für Östersund sowieso, denn der 1. Tabellenplatz vermeidet in der nächsten Runde ein Spiel gegen einen Champions-League-„Absteiger“.
So schön auch ein echtes „Endspiel“ gegen Östersund, das sich Hertha nach den Leistungen in der Gruppenphase allemal verdient hätte, gewesen wäre, es könnte ein interessantes Spiel werden. Hoffentlich ist das den Spielern auch klar. Aber die werden sich eher von der eigenen Siegprämie als von Länderpunkten oder Koeffizienten beeindrucken lassen…
Herthas Woche der Wahrheit
Bei der Mitgliederversammlung am Montag schlenderte die Mannschaft zwar lässig durch die Messehalle (der eine oder andere Spieler musste ein Autogramm geben, Lustenberger trödelte weit hinterher, weil er mit jedem plauschte, der nicht schnell genug wegsah, Kalou hatte auch in der warmen Halle noch eine pelzbesetzte Jacke über dem schwarzen Anzug), wurde aber nicht, wie unter Hoeneß` (un-)seligen Zeiten noch üblich, auf die Bühne gebeten. Trotzdem gab es beim Abmarsch überraschend anhaltenden, freundlichen Applaus, was zeigt, dass zumindest die aktiven Mitglieder verstanden haben: Die Mannschaft ist, trotz der Niederlage gegen Mönchengladbach nach hinreißendem Kampf, nicht so schlecht, wie es der 14. Tabellenplatz vermuten lässt – genau, wie sie im vorigen Jahr nicht so gut war, wie viele wegen des sechsten Platzes zu glauben meinten.
Wenn in Bilbao und Köln nicht verloren wird, kann es noch eine relativ erfolgreiche Hinrunde geben: Ein Unentschieden in Bilbao kann ja, ein Sieg im letzten Spiel gegen Östersund vorausgesetzt, zum Überwintern in der Europa-League reichen und ein Remis oder gar ein Sieg in Köln würde die Mannschaft fast das Soll der vorigen Saison erreichen lassen. Wobei der Punkt in Köln den ungleich schwierigeren Part der Wochenarbeit darstellt, wie wir nach dem Pokal-Aus wissen: Köln ist viel besser als sein Tabellenstand vorgaukelt und Hertha ist seit Jahrzehnten spezialisiert darauf, angeschlagene Mannschaften großzügig wieder aufzubauen. Sollte Hertha doch beide Spiele verlieren, wird es im Blätterwald der Hauptstadt und in den Chat-Foren zwar gewaltig rauschen, trotzdem täte der Verein gut daran, Dardai nicht so bald als Trainer zur A-Jugend zurückzuschicken. Der gute Pal ist zwar seit fast drei Jahren Cheftrainer und mit jetzt 95 Bundesligaspielen liegt er nach Georg Kessler (102) und vor Jos Luhukay (87) schon auf dem fünften Rang der „ewigen“ Hertha-Trainer-Tabelle. Bis zu Helmut Kronsbein mit 311 Spielen ist es aber noch ein weiter Weg…
P.S.: Wenn alle Stränge reißen und Dardai aufgibt oder zur Aufgabe überredet wird, ist ein Trainertausch schon vorprogrammiert: Dardai geht zu seiner geliebten Jugend und von dort kommt Zecke Neuendorf als nächster Cheftrainer! Wetten dass!!!
Herthas gute Chancen in der Europa-League
Machen wir es mal mathematisch: Es gibt in der Gruppe von Luhansk, Bilbao, Östersund und Hertha noch vier Spiele. Hört sich wenig an, lässt aber eine Unzahl von Tabellenkonstellationen zu, da jedes Spiel drei verschiedene Ergebnismöglichkeiten hat, nämlich Heimsieg, Unentschieden oder Auswärtssieg. Dementsprechend gibt es 3x3x3x3=81 verschiedene Endtabellen. Allerdings, wie beim Fahrrad die Gänge einer Schaltung mit drei Kettenblättern und 9 Ritzeln, überschneiden sich einzelne Möglichkeiten. Machen wir es uns einfacher: Hertha spielt in Bilbao unentschieden (bei einer Niederlage ist man unweigerlich raus) und schlägt im „Endspiel“ Östersund. Dann gibt es nur noch neun verschiedene Endtabellen, wobei Hertha bei sechs Konstellationen weiter wäre. Im Idealfall spielt Östersund gegen Luhansk unentschieden, dann ist Hertha immer weiter (Voraussetzung siehe oben), aber auch wenn Luhansk oder Östersund gewinnen, ist noch nichts verloren, allerdings müsste dann Bilbao…Wir merken, es gibt wie immer viele Wege, die nach Rom bzw. ins beschauliche Nyon am Genfer See führen, wo die Auslosung für die Runde der letzten 32 vorgenommen werden wird. Bei zwei Siegen, wenn Östersund mit zwei Toren Differenz geschlagen wird, ist Hertha sowieso immer weiter. Wir sehen: Es wird wider Erwarten doch noch spannend und sollte Hertha in Bilbao wirklich nicht verlieren, dann sollten am 7. Dezember gegen Östersund trotz später Anstoßzeit und nasser Kälte doch etwas mehr als 12.000 Zuschauer ins Olympiastadion kommen. Es muss ja nicht gleich ausverkauft sein…