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Reisen bildet oder Eine Auswärtsfahrt mit den Ultras

Dass Reisen bildet, ist allgemein bekannt. Dass eine simple Auswärtsfahrt nach Hannover mit einer Gruppe Hertha-Ultras aber so viele neue und interessante Erkenntnisse auf den verschiedensten Gebieten des Lebens vermitteln würde, konnte man vorher beim besten Willen nicht erwarten. Sehen wir uns die Sparten der Erkenntnisgewinnung an:

Genussmittel:

Natürlich wird auf Auswärtsfahrten bei Fußballern (wahrscheinlich auch bei Volleyballern, in jedem Fall auch bei Eishockeyfans) mal ein Bier getrunken. Und seien wir ehrlich: Meist wird ziemlich viel gesoffen. Und zwar so viel, dass bei etwas intensiverer Kontrolle kein einziger Fan ins Stadion gelassen werden dürfte, wenn die Vereine ihre Hausordnungen ernst nehmen würden. Überraschend war aber, dass noch mehr, schneller und intensiver getrunken wurde, als es nach den althergebrachten bürgerlichen Sitten und Gebräuchen überhaupt vorstellbar ist. Schon in Dreilinden wurde die erste Pinkelpause gefordert, denn was rein fließt muss auch irgendwann wieder raus fließen. Die Kurve der Druckbetankungsgeschwindigkeit flachte aber mit fortdauernder Zeit nicht etwa ab, sondern blieb auf hohem Level, wenn sie nicht sogar langsam anstieg. Das wirklich Überraschende war aber, dass mehr als ein Mitreisender den Alkoholkonsum bei weitem für nicht ausreichend ansah und sich, sowohl vor der Abfahrt als auch auf dem ersten Rastplatz, für eine interessante Assamblage aus Bier, Schnaps und THC-haltigen rauchbaren Genussmitteln entschied. Die Wirkung dieser Zusammenballung von Drogen verschiedenen Kalibers ist wissenschaftlich zwar noch nicht beschrieben, geschweige denn erforscht, konnte aber auf der Busfahrt recht gut empirisch wahrgenommen werden. Besonders der Gesang wurde in allen seinen Facetten nachhaltig gefördert.

Musik:

Die oben genannte Stimulation hatte zur Folge, dass das Liedgut („Niedersachsen-hässlich und verwachsen“ oder auch das beliebte „Wir sind die Hauptstädter-asoziale Hauptstädter“) zwar mit äußerster Intensität und Ausdauer (4 Stunden Hinfahrt, 2 Stunden Stadionaufenthalt, 4 Stunden Rückfahrt) dargeboten wurde, durch die leichten Koordinationsmängel des gesamten limbischen Systems aber nicht eine einzige Note auf den Punkt getroffen wurde und zwar was sowohl die Tonhöhe als auch rhythmische Genauigkeit angeht. In einiger Entfernung im Stadion selber relativierten sich die Ungenauigkeiten in der Darbietung des Liedguts im übrigen und schätzungsweise in einer Entfernung Erde-Mond würden die Lieder als Gesang durchzugehen eine gewisse Chance haben.

Neurologie:

Dass Menschen, die alle ihre Sinne durch Zufügung externer Präparate intensiv unter Spannung setzen, in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit gewisse Ausfälle haben, ist verständlich. Erstaunlich, dass die meisten Probanden trotzdem verstanden, dass sie ein Fußballspiel gesehen hatten, bzw. im Stadion, in dem ein Fußballspiel stattgefunden hatte, anwesend gewesen waren. Außerdem wussten viele, wer gegen wen gespielt hatte und einige der Härtesten hatten sogar das Ergebnis in seiner ganzen Pracht mitbekommen. Einzelheiten konnte man natürlich nicht erwarten. Dass die Nachwirkungen der sich zugefügten Betäubungen dazu führten, Zeit und Raum zu vergessen, ist auch jedem Nichtwissenschaftler klar. Einige Mitreisende waren insofern auf der Rückfahrt nicht mehr Mitreisende, da sie vergaßen, dass eine Rückfahrt auch irgendwann einmal einen Anfang haben muss. Und da dieser Anfang zu einer Zeit stattfand, als sie noch im Stadion feierten, wobei hier unklar bleiben muss, was dieses harmlose Wort in diesem Falle wohl bedeuten mag, mussten sie sich eine andere Möglichkeit der Heimfahrt ausdenken.

Politik:

Spät in der Nacht, gegen zwei Uhr, waren zwar die meisten naturwissenschaftlichen Experimente mit dem eigenen Körper abgeschlossen, die sozialwissenschaftliche Komponente sollte aber auch nicht zu kurz kommen: Eine interessante Diskussion über Freundschaften im Milieu der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, gipfelte in der Feststellung, dass man RTL-Fernsehen doch nicht ansehen dürfe. Allerdings habe dies nichts mit der Qualität der angebotenen Sendungen zu tun, sondern mit den Besitzverhältnissen des Senders. RTL gehöre doch Bertelsmann, sei also ein Judensender. Ob dies allein ein Qualitätsmaßstab sei und ob die Behauptung überhaupt stimme und wenn ja, welche Bedeutung dies habe, wurde in der Kleingruppe des Seminars nicht mehr diskutiert. Es sei hier betont, dass nicht behauptet werden soll, dass dies die Meinung aller Mitreisenden sei. Sie schien aber auch nicht gerade Widerspruch der wenigen noch wachen Zuhörer herauszufordern.

Fazit: Der Erkenntnisgewinn der Reise auf naturwissenschaftlichem und sozialpolitischem Gebiet erwies sich als außerordentlich hoch. Außerdem hat Hertha 3:1 gewonnen und ist nach dem 12. Spieltag Vierter! Alles andere ist eigentlich zweitrangig…

Karneval und Strafe für Andreasen: Der liebe Gott muss Kölner sein…

Die Kölner selber wissen es ja schon lange, aber dem unbedeutenden Rest der Welt ist es erst jetzt klargeworden: Der liebe Gott muss wirklich ein Kölner sein. Relativ pünktlich zum Beginn der närrischen Zeit zeigt Gott (vielleicht auch nur sein kleiner Bruder, der Fußballgott), dass es noch so etwas wie Gerechtigkeit in der ungerechtesten aller Sportarten, dem Fußball, gibt.

Leon Andreasen, dänischer Profi in Diensten von Hannover 96, erzielte vor einigen Wochen das unverschämteste Handtor seit Maradonas Geniestreich 1986 gegen unsere englischen Freunde. Und was tut der Fußballgott? Sieht sich das eine Weile an, tut so, als wenn alles in Ordnung wäre, und schlägt dann hart aber gerecht zu: Leon Andreasen kann an den entscheidenden Play-off-Spielen zwischen Dänemark und Schweden nicht teilnehmen, weil er sich an eben jener bösen Hand, die den Kölnern eine bittere Niederlage bescherte, eine „erhebliche Schnittverletzung“ zwischen Daumen und Zeigefinger, die operativ versorgt werden musste, selbst zugefügt hat!

Selber Schuld, wer nicht an göttliche Fügung glaubt. Und obwohl „Ira“ = Zorn (Wut, Rachsucht) bei Katholiken zu den sieben Todsünden gehört, feiern die Kölner ihren Karneval jetzt noch ein bisschen ausgelassener…

Ibisevic und der gnädige DFB…

Das ist ja mal eine gute Nachricht: Der Sportgerichtsvorsitzende Hans E. Lorenz sperrt Ibisevic nur für vier Spiele und setzt nach Herthas Einspruch nicht noch einen drauf! Das aber freundlicherweise nur deshalb, weil Ibisevics Foul als „rohes Spiel“ gewertet wurde.

„Rohes Spiel“? Es gab in der Bundesligageschichte so einige Male „rohes Spiel“: Siegmann gegen Lienen, Augenthaler gegen Völler, Kölns Springer gegen Rehmer, alles brutale Fouls, die halbjährliche Verletzungen der Gegner zur Folge hatten. Und zuletzt die Kniezertrümmerung des Schalkers Johannes Geis an André Hahn, die mit einer lächerlichen 5-Spiele-Sperre belohnt wurde.

Aber Ibisevics Foul soll „rohes Spiel“ gewesen sein? Es war zweifellos ein Foul, sogar ein schweres Foul, das mit gelb bis dunkelgelb korrekt bestraft worden wäre. Auch glatt Rot ist keine Fehlentscheidung, obwohl Ibisevic zwar schnell, aber von der Seite und nicht mit offener Sohle angriff. Nach anfänglichem Schmerzensschrei, der das Dach der Arena ins Wanken brachte, spielte der Gefoulte problemlos weiter. Ergo: zwei Spiele Sperre für Ibisevic und niemand würde ein Wort darüber verlieren. Wenn aber ein Geis fünf Spiele und ein Ibisevic vier Spiele Sperre erhält, obwohl ihre Vergehen soweit auseinander liegen wie eine Backpfeife und ein Atomkrieg, muss man achselzuckend erkennen, dass der ewigen Geschichte von der Schalker Bevorzugung und der Hertha-Benachteiligung durch den DFB ein weiteres Kapitel hinzugefügt wurde…

Ingo Schiller und seine Fähigkeiten als Seher…

Unter großem Gelächter verkündete Herthas Finanzvorstand Ingo Schiller auf der letzten Mitgliederversammlung, dass er in der Etatplanung das Erreichen der 3. Runde im DFB-Pokal angesetzt habe! „Der Mann hat Humor“, dachten viele oder „Er ist mutig“, wenn einem angesichts Herthas Pokalvergangenheit nicht nach Scherzen zumute war. Immerhin: Nach dem mühsamen, die Anhänger quälenden 2:1-nach-Verlängerungs-Sieg beim Zweitligisten FSV Frankfurt muss man Ingo Schillers (hell-)seherische Fähigkeiten bewundern, denn nichts, aber auch gar nichts, wies auf diese Pokalsensation hin. Umso besser und jetzt nur noch dreimal Losglück…warten wir’s ab. Die näherliegende Frage, nach dem Phrasenschwein-Motto „Von Spiel zu Spiel denken“, wäre, ob es ein Vor- oder Nachteil ist, dass Gladbach mit mehr Glück als Verstand gegen Schalke im Pokal gewonnen hat. Einerseits ist man ja nicht böse, dass die Königsblauen eine deprimierende Niederlage erleiden mussten, andererseits geht die Erfolgsserie der Gladbacher weiter. Aber vielleicht liegt gerade darin ja Herthas Chance: Wer jetzt sechsmal hintereinander in Meisterschaft und Pokal gewonnen hat, ist eigentlich reif für eine Niederlage oder zumindest ein Unentschieden. Und da am Sonnabend bei strahlendem Herbstwetter die Massen strömen werden (Erfolg: „Unsere Hertha…“, Misserfolg: „Die Pfeifen…“) wird man wohl ein Ende der Gladbacher Serie erleben dürfen. Soweit wie Bayern ist man ja schließlich auch mit neuem Wundertrainer noch nicht. Außerdem: Es war im Januar 2012 im bitterkalten Olympiastadion, da wurde Gladbach im Pokal von Schiedsrichter Dr. Felix Brych (übrigens: aus München) der Sieg gegen Hertha geschenkt, als er in der Verlängerung Hubnik vom Platz stellte und Elfmeter für Gladbach pfiff, statt Freistoß für Hertha nach De Camargos Foul an Hubnik mit anschließender Schauspieleinlage. Da ist doch noch eine kleine Rechnung offen…

Bayern München und die armen Kölner…

Wackelt Pep Guardiolas Stuhl? Grantelt Beckenbauer, falls er neben seinen Bestechungs-Dementis noch Zeit für Fußball hat? Muss jetzt Hoeneß sofort zurückkommen? Was ist geschehen?

Da haben die Großkopferten doch im 13. Pflichtspiel der Saison erstmals nicht gewonnen! Und sie wollen doch eigentlich immer gewinnen (wer will das nicht?). Aber glaubt eigentlich jemand daran, dass man alle Spiele einer Saison gewinnen, bzw. kein Spiel verlieren kann? In Deutschland ist dies zumindest noch nie geschehen. Denn das heißt ja, dass man Meister werden muss (ungeschlagen) und Pokalsieger (nur der Pokalsieger hat kein Spiel verloren) und gleichzeitig einen Europapokal, wenn wir diese altmodische Bezeichnung mal benutzen dürfen, um die vergangenen 59 Jahre mit einzuschließen, gewinnen oder in einer k.o.-Runde mit zwei Unentschieden ausscheiden. Das dürften demnach auch international nur sehr wenige Vereine sein, die dafür in Frage kommen. Außerdem spricht gegen eine Saison ohne Niederlagen, dass man, wenn man nicht verliert, schon frühzeitig als Meister feststeht, wie die Bayern in den letzten beiden Jahren. Und prompt die Spannung verliert (bzw. sich so die Hucke volllaufen lässt, dass man auch gegen Mannschaften aus der Kirchenliga verlieren würde) und wettbewerbsverzerrenderweise einige Niederlagen einfährt.

Allerdings: So früh in der Saison ist eine Niederlage für die Bayern ein Alarmzeichen und Weckruf! Der 1. FC Köln wird’s am 10. Spieltag ausbaden müssen. Arme Kölner…

Holland und die aufgeblähte EM

Was wurden Michel Platini und Konsorten kritisiert: Nicht wegen Korruption oder unangemessener Millionengehälter, nein, wegen der privatfernsehorientierten Aufblähung der EM 2016 in Frankreich. Wenn von 54 Verbänden 24, d.h. fast die Hälfte, teilnehmen, wird natürlich die Qualität verwässert. Auf die FIFA-WM übertragen hieße das, dass in Quatar ca. 100 Mannschaften teilnehmen müssten, da die FIFA momentan 209 Mitglieder zählt. Zwar wären die Einschaltquoten des Fernsehens bei Spielen wie Äthiopien – Guatemala oder Brunei – Lettland überschaubar, Hauptsache ist aber, so ein Spiel findet überhaupt statt, wird übertragen und mit Werbung in halbstündigem Vor- und einstündigem Nachlauf zugekleistert.

Und jetzt? Albanien ist für die EM qualifiziert, Island auch und Wales, Nordirland (George Best wird sich im Grabe umdrehen) und vielleicht sogar nach Jahrzehnten unsere ungarischen Freunde können an der EM teilnehmen. Nur Holland darf nicht mitspielen. So ungerecht, so gemein! Wo sollen wir Deutschen dann mit unserer Häme hin, wenn Oranje wieder mal knapp am Titel vorbeigeschrammt ist?

Vorschlag zur Güte, um derartige Ungereimtheiten in Zukunft zu verhindern: Von 54 Verbänden nehmen ab der kommenden EM 53 teil. Den Nichtstartplatz spielen Gibraltar, die Färöer, San Marino, Andorra, Armenien und Holland in drei Doppelrunden mit Relegation für die vier Letzten (eventuell den HSV zur Relegation einladen) aus. Auf jeden Fall hätte Holland dann eine realistische Chance bei der nächsten EM, die ja in mehreren Ländern Europas stattfindet, dabei zu sein…

Thomas Tuchel und sein Spaghetti-Trauma

Urlaub soll normalerweise der Erholung dienen, was sich meist durch zwei bis drei Kilo unerwünschte Gewichtszunahme bemerkbar macht. Als Thomas Tuchel aus seinem immerhin einjährigen Urlaub auf die Bühne der Bundesligashow zurückkehrte, dachte man im besten Falle, dass er das Jahr bei Wassersuppe und Brot 18 Stunden täglich steineklopfend in einem chinesischen Provinzgefängnis verbracht habe. Im ungünstigeren Falle kam einem eine fortgeschrittene Krebserkrankung in den Sinn. So harmlos ist es aber offenbar nicht. Herr Tuchel scheint ein frühkindliches Spaghetti-und-Tomatensoße-Trauma bei einem indischen Yogi oder esoterisch angehauchtem Ernährungs“experten“ aufgearbeitet zu haben, mit dem Ergebnis, Kohlenhydrate als Gift zu betrachten.

Nun ist es sicher so, dass die abendliche Tüte Chips, bzw. die nachmittäglichen Schokoriegel für nicht sportaffine Menschen mit überwiegend sitzender Bürotätigkeit, dem Idealgewicht und der Gesundheit im Allgemeinen nicht unbedingt förderlich sind. Und auch für dauerhaft verletzte Fußballspieler (Gündogan), die sich zwangsweise nur wenig bewegen können, ist eine kohlenhydratarme Ernährung durchaus richtig und wichtig.

Aber Erstligafußballer sind in der Regel Leistungssportler! Auch wenn diese meist nur ein Trainingspensum absolvieren, das z.B. Leichtathleten, Turner, Gewichtheber, Radfahrer oder Ruderer eher zum Warmmachen vor dem eigentlichen Training durchführen und auch der Wettkampf bei aller Verausgabung nicht im Entferntesten mit einer Tour de France-Etappe von 250 km Länge zu vergleichen ist, verbrauchen selbst Fußballspieler ein gewisses Maß an Energie. Diese Energie hat die Form von Kohlenhydraten; wenn keine mehr im Körper abrufbar sind, schlägt das Gehirn, das auf ständige Kohlenhydratzufuhr angewiesen ist, Alarm und wandelt Fett in Zucker um.

Wenn Guru Tuchel den Spielern von Borussia Dortmund verbietet, Pasta zu essen, der einfachsten und leckersten Art der Kohlenhydratzufuhr, verhindert er zwar mit Sicherheit übergewichtige Spieler (wenn sie abends nicht nach Bochum fahren, um Currywurst zu essen), seine Mannschaft kann aber auf Dauer ein Kraftproblem bekommen. Mal sehen, ob Dortmund in Zukunft gegen Ende der 2. Halbzeit aufgrund fehlender Kraft und damit fehlender Konzentrationsfähigkeit mehr Tore kassiert, als der Durchschnitt der Spitzenmannschaften.

Thomas Tuchel kann sich das Aussehen eines Nagelbrettschläfers als private Marotte sicher leisten. Aus ideologischen Gründen seine Mannschaft dazu zu zwingen, wird aber im Misserfolg enden!

Hertha paradox

Mit Saisonprognosen soll man vorsichtig sein. Während die 11-Freunde Spaßredaktion Hertha im Mai 2016 vor Darmstadt auf dem 17. Tabellenplatz sieht, sind 52.637 Kicker-Leser im Durchschnitt der Meinung, dass Hertha immerhin 15. wird. Andererseits meinen 21,9%, dass Hertha in die Relegation muss. Egal: Nach dem noch nicht ganz beendeten achten Spieltag ist Hertha Tabellenvierter, spielt ansehnlichen Fußball und lockt endlich wieder mehr als die üblichen 45.000 ins Stadion. Sonderbarerweise geschieht dies alles mit einer Verletztenliste, die lang und länger wird. Nach 20 Minuten musste im Spiel gegen den HSV der fehlerlose Ersatz für Langkamp, Niklas Stark, durch den Ersatz-Ersatzspieler Hegeler vertreten werden. Dieser erledigte die Aufgabe mit einer sprachlos machenden Selbstverständlichkeit. Vielleicht war der HSV ja wirklich so schwach, aber Angreifer wie Lasogga, Müller, Holtby und später Olic sind ja kein faules Obst.

Unter dem Strich bleibt: Je mehr Spieler im Kader von Hertha wegen Verletzung fehlen (mittlerweile sind es 12 von 28), desto sicherer und erfolgreicher spielt die Mannschaft. Es wäre also gar nicht so schlecht, wenn sich noch vier, fünf Stammspieler verletzen würden. Vielleicht gäbe es dann mit einigen U23- und ein paar A-oder B-Jugendlichen einen neuen Bayern-Jäger? Die Münchener haben schließlich erst zehn Punkte Vorsprung…

Herthas Verletztenmisere und die Ersatzspieler

Nach der Saisonvorbereitung sagte Trainer Dardai, dass er vor allem hoffe, dass es diesmal nicht so viele Verletzte wie in der verflossenen Saison gebe. Die Hoffnung stirbt zwar laut Fußballerfloskel zuletzt, bei Hertha ist sie aber schon nach fünf Spieltagen wie eine Seifenblase zerplatzt: Von 28 Kaderspielern sind momentan 10 (zehn!) Spieler verletzt und zwei sind Rekonvaleszenten, die nach ihren langen Verletzungen nur teilweise einsatzfähig sind (Baumjohann, Cigerci). Nicht fit, bzw. leichter oder schwerer angeschlagen, sind Ronny, Ben-Hatira, Allagui, Schieber, Pekarik, Brooks, Beerens, Weiser (der fahrlässigerweise trotz Zehenbruchs spielt, hoffentlich hat das keine Spätfolgen) und neuerdings noch Langkamp und Kraft.

Und was macht Hertha? Gewinnt mal eben gegen Köln und ist nach sechs Spieltagen sensationell Tabellenfünfter! Offenbar ist der Kader vom oft geschmähten Sportdirektor Preetz doch so gut zusammengestellt worden, dass er auch massenhafte Ausfälle verkraften kann: Jarstein war kein Deut schlechter als Kraft (wenn nicht sogar besser), der 20-jährige Stark ersetzte Langkamp fehlerfrei und erhielt ein Sonderlob von Dardai. Starker Auftritt! Schieber wird von Ibisevic gut vertreten, Haraguchi ist konstanter als Ben-Hatira, dass Lustenberger Brooks in der Innenverteidigung ersetzen kann, wissen wir seit langem, Weiser macht seine Sache an Pekariks Stelle gut, schlägt sogar die besseren Flanken.

Da müssen sich die jetzt außer Gefecht gesetzten Spieler ganz schon abstrampeln, um wieder in den Kader und die Startformation zu kommen. Uns Anhängern kann es recht sein, der Konkurrenzkampf, wenn er vom Trainerstab richtig genutzt wird und nicht zu Streit in der Mannschaft führt, kann die Leistung ja nur verbessern.

Obwohl: Ein fünfter Platz am Saisonende würde eigentlich reichen…

Phantom-Mannschaft der Hertha-Legionäre

Beim aufmerksamen Konsum der guten alten Sonnabend-Sportschau hat man oft den Eindruck, dass in jedem Verein mindestens drei alte Herthaner spielen. Der Eindruck täuscht, nur bei zehn Vereinen sind ein oder mehrere Ex-Herthaner unter Vertrag. Trotzdem ergäbe sich eine recht feine Mannschaft, wenn man alle diese 19 Spieler zu einem Team zusammenfassen könnte. Die Aufstellung:

Tor: Jaroslav Drobny (HSV),

Abwehr: Lukasz Piszcek (Dortmund) – Jerome Boateng (Bayern) – Christoph Janker (Augsburg) – Nico Schulz (Gladbach),

Mittelfeld: Ibrahima Traoré (Gladbach) – Gojko Kacar (HSV) – Peter Niemeyer (Darmstadt) – Raffael (Gladbach) – Manuel Schmiedebach (Hannover),

Angriff: Pierre-Michel Lasogga (HSV).

Gerade im Angriff hätte ein fiktiver Trainer durchaus die Qual der Wahl: Adrian Ramos (Dortmund), Ivica Olic (HSV), Elias Kachunga (Ingolstadt) und der unverwüstliche Sandro Wagner (Darmstadt) wären, bis auf letzteren, beachtliche Alternativen. Außerdem stünden noch Alfredo Morales (Ingolstadt), Jerome Kiesewetter (Stuttgart) und Fabian Holland (Darmstadt) bereit. Nicht zu vergessen für hauptamtliche Experten: Leon Balogun, der bei Mainz die Bank drückt und vor 2007 in Herthas Jugend spielte.

Wenn man in Abwehr und defensivem Mittelfeld noch etwas nachlegte, eine durchaus konkurrenzfähige Mannschaft. Es komme aber niemand und sage: „Wat der Preetz da wieder allet vakooft hat…“ Etliche wollten weg, einige gingen schon unter Hoeneß und bei wenigen hat man das Potenzial nicht erkannt (Olic, Kachunga…). Aber das kommt bei jedem Verein vor. Selbst die Bayern haben ja damals die Fähigkeiten von Lell und Ottl gnadenlos unterschätzt…