Hertha und die zwei Halbzeiten

1207 Spiele hat Hertha seit der Saison 1963/64 in der 1. Fußball-Bundesliga mal mehr, mal weniger erfolgreich absolviert. Davon gab es vielleicht ein Dutzend Spiele, in denen die Mannschaft von der ersten bis zur 90. Minuten begeisternden Fußball gespielt hat. Die Normalität des grauen Bundesliga-Alltags sieht anders aus: Hertha spielt eine Halbzeit grottenschlecht oder langweilig und eine Halbzeit passablen bis guten oder manchmal auch sehr guten Fußball. Nicht immer weiß man von vorneherein, ob die gerade gesehene sportliche Übung der blau-weiß-gestreiften Fußballer schon zur guten oder noch zur schlechteren Kategorie zählte. Die erste Halbzeit gegen Mainz war so ein Rätsel. Das uninspirierte Gekicke war kaum mit anzusehen, aber manchmal kommt es trotzdem noch schlimmer. Nicht so in diesem Spiel: Nach dem Eigentor unmittelbar nach der Pause ging doch noch so was wie ein Ruck durch die Mannschaft und auch ohne Weltklasseleistung gewann man noch, sodass der regelmäßig das kalte Olympiastadion Besuchende zufrieden den Heimweg antreten konnte, auch wenn er noch vor kurzem singend versprochen hatte, keinesfalls nach Hause zu gehen.

Ähnlicher Ablauf gegen Freiburg. Auch wenn die Breisgauer im Dreisamstadion schwer zu bespielen sind, ist es doch keine Übermannschaft und wenn man von vorneherein weiß, dass die Freiburger wie gedopt über den Platz rennen und pressen werden, müsste es möglich sein, dagegen ein Mittel zu entwickeln. Nichts davon in der ersten Hälfte. Dann aber, wie üblich, sah man die andere Seite von Hertha: Ansehnliches Offensivspiel, zwar kein überragendes Tempo, was auch schwer ist, wenn sich 21 Spieler in einer Spielfeldhälfte herumtreiben, aber folgerichtig das Ausgleichstor. Eigentlich hätte man nur bis zum Ende so weiterspielen müssen, um einen weiteren Auswärtssieg einzufahren, leider kam mal wieder ein Eigentor dazwischen. Pech!

In den nächsten beiden Spielen wird die Mannschaft mit nur einer guten Halbzeit nicht bestehen, denn Dortmund und Leipzig haben noch ein Ziel in dieser Saison, was man von Hertha eigentlich nicht behaupten kann. Es sei denn, der von Manager Preetz gewünschte einstellige (also neunte) Tabellenplatz wird als solches angesehen. Immerhin: Wenn man sich jedes Jahr um einen Platz steigern würde, könnten wir im Mai 2027 mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor flanieren…

Die Pressekonferenz, eine Zeitvernichtungsmaschine

Zeit, insbesondere die kurze Lebenszeit von uns Menschen, vergeht auch ohne große Anstrengung. Man kann die geringe Zeitspanne, die den Menschen schon bei der Geburt von seinem Tode trennt, sinnvoll verbringen (z.B. schlafen, essen, Quizduell spielen oder Fußballspiele ansehen) oder sinnlos vergeuden, z.B. sich Pressekonferenzen von Bundesligisten ansehen. Noch nie, seit die DFL in irgendeinem Kleingedruckten den Vereinen vorschrieb Pressekonferenzen durchzuführen, wurde auf einer solchen Veranstaltung auch nur ansatzweise eine vorher nicht bekannte Tatsache bekanntgegeben, mit Ausnahme vielleicht, dass ein Herr Struuunz eine leere Flasche sei, aber auch das wussten nicht nur Insider schon vorher. Für Fragen nach verletzten Spielern, der erwarteten Zuschauerzahl, ob die Mannschaft das Spiel eigentlich gewinnen wolle und ähnlichen geistvollen Ausbrüchen, benötigte man eigentlich keine Pressekonferenz, zumal die Antworten auf der Hand liegen: Der Kreuzbandriss ist nach drei Wochen noch nicht verheilt, es kommen so viele Zuschauer wie immer und das Spiel will man keinesfalls gewinnen, ein Unentschieden wäre das höchste der Gefühle. Auch die Frage nach der Taktik wird jedes Mal mit der alten Sepp-Herberger-Floskel beantwortet, dass der Journalist/die Journalistin (auch wenn keine Frau im Raum/der Räumin ist) doch bitte nach dem Spiel kommen solle, dann würde sie der Trainer gerne erklären.

Bei Pal Dardai und Michael Preetz verhält es sich nicht anders. Woche für Woche die gleiche Bekanntgabe von Bekanntem und Ausweichen bzw. Antwortverweigern bei echten Fragen.

Aber neulich gab es eine Abweichung von der großen Leerstelle: Pal Dardai antwortete noch ernsthaft auf die für einen Fußball-Bundesligisten wichtige Frage nach dem Karneval in Ungarn (nämlich dass er nicht so ausgeprägt sei wie im Rheinland, eher etwas für Schulkinder sei). Anschließend war er kurz davor zuzugestehen, in der nächsten Pressekonferenz mit einer etwas schlüpfrigen Verkleidung aufzutreten. Unter zwei Voraussetzungen: Erstens muss er noch Monika fragen, ob er das darf, was nicht allzu schwierig sein dürfte und außerdem müsste Hertha am Wochenende „richtig“ gewinnen, was ja wohl ein Sieg mit mindestens drei Toren Differenz bedeutet. Daran wird es also leider scheitern, wenn man sich die 16 Ergebnisse der Hertha gegen Mainz im Olympiastadion ansieht: Zwar stehen acht Siegen fünf Unentschieden und nur drei Niederlagen gegenüber, aber in den letzten vier Heimspielen siegte Hertha lediglich zweimal, verlor aber auch zwei Spiele. Demnach wäre jetzt ein Sieg an der Reihe, der aber erfahrungsgemäß nur mit einem oder höchstens zwei Toren Unterschied ausfällt. Der 5:0 Heimsieg von Hertha gegen Mainz datiert aus dem Jahr 1994, da war wohl Eberhard Diepgen noch regierender Bürgermeister, auch wenn es zwischen beiden Tatsachen keinerlei kausalen Zusammenhang geben dürfte.

Fazit: Pal Dardai als Piroschka auf der nächsten Pressekonferenz dürfte ein heimlicher Wunschtraum bleiben…

Großzügige Hertha

Weihnachten ist schon lange vorbei und Ostern noch nicht annähernd in Sicht: Trotzdem meint man bei Hertha BSC, dass man sich Freunde schaffen kann, wenn man auch zwischendurch das eine oder andere Geschenk darreicht. Im Spiel gegen Werder Bremen waren es mal eben zwei Zähler, die in der 96. Minute verschenkt wurden. Erst ein überflüssiger Freistoß an der Strafraumlinie und dann ein Abfälschen von Lazaro, der wohl der einzige Mensch auf der Welt ist, der weiß, was er dort, fünf Meter vor dem eigenen Tor, gesucht hat. Im Interview erzählt er noch wutentbrannt, dass man beim Freistoß auch mal die Eier hinhalten muss, auch wenn’s weh tut. Was Eier auf dem Boden zu suchen hatten, wo der Ball lang flog, ist unklar, vielleicht dachte er doch schon an Ostern…

Die Geschenkeliste der Herthaner in dieser Saison ist lang:

In Wolfsburg am dritten Spieltag hat man kurz vor Schluss das 2:1 erzielt, um in der 90. Minute doch noch ein Tor mit Ansage zu kassieren: Zwei Punkte verschenkt.

In Düsseldorf hört man nach einem Platzverweis auf mitzuspielen, einen Punkt könnte man gegen einen damals so limitierten Gegner auch in Unterzahl holen.

In Stuttgart führt man und hat den Gegner so im Griff, dass beim Ringen längst abgebrochen worden wäre. Hertha verweigert die Arbeit im 2. Durchgang und verliert das Spiel noch: Drei weitere Pünktchen auf dem Silbertablett serviert. Dem Gegner hat’s geschmeckt.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, was Herthas sozial durchaus anerkennenswerte Spendierlaune angeht, sind das acht Punkte, die ohne Not weggeschenkt wurden. Bei also durchaus möglichen 40 Punkten (statt 32) stünde man einen Punkt hinter den Champions-League-Plätzen auf einem sicheren Euro-League-Platz an 5. Stelle.

Vielleicht sind die Hertha-Spieler ja von der Bibel-Losung überzeugt, dass Geben seliger denn Nehmen sei. Sehr ehrenhaft. Eventuell hoffen sie auch, dass gutes Beispiel Schule macht und sie in entscheidenden Saisonmomenten vom Gegner auch mal beschenkt werden. Und wenn einem nichts mehr einfällt, kann man immer noch Sepp Herberger selig zitieren: „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt!“  In Zeiten des annähernd geldfreien Sports ist das sicher auch so gewesen. Toll, wie auch junge, tätowierte Hertha-Spieler mit modischen Frisuren die Traditionen der Fünfzigerjahre hochhalten…

 

 

Lusti geht

So ganz nebenbei und kaum wahrnehmbar wurde die Meldung veröffentlicht, dass Fabian Lustenberger Hertha im Sommer verlassen wird. Es wäre nicht mal den Stromverbrauch für den Computer wert, um über einen der vielen Spieler, die außer ihrer Karriere und dem Bankkonto nur wenig im Sinn haben, zu schreiben, wenn er einen Verein verlässt oder zu ihm kommt. Aber Lusti ist ja nicht irgendein Spieler. Er spielt momentan seine zwölfte Saison bei Hertha, und weil diese Zahl so ungewöhnlich ist, stellt man sie lieber in Buchstaben statt in Ziffern dar. Wie viele Spieler haben mehr Spielzeiten bei Hertha verbracht (wir zählen die Jahre in den Jugendmannschaften nicht mit) als Fabian Lustenberger? In der 56-jährigen Hertha-Geschichte seit Bundesliga-Gründung waren es genau DREI Spieler, die länger das blau-weiße Trikot getragen haben, nämlich Andreas Schmidt (15 Jahre), Christian Fiedler (14 Jahre), beides Berliner Jungs, die immer bei ihrem Verein blieben (und Andreas Schmidt, Lieblingsspieler von Trainer Röber, ist es im Aufsichtsrat ja noch heute) und Pal Dardai (14 Jahre). Wenn Lusti also von den 440 Spielern, die bis zum Beginn der laufenden Saison eingesetzt wurden, auch knapp die Bronzemedaille verfehlt hat, wird er im Olympiastadion eine Lücke hinterlassen und sei es nur beim Rufen des Namens, das mit „Lu-sten-ber-ger“ immer gerne viersilbig holprig zelebriert wurde. Wenn Lusti jetzt in die Schweiz zurückgeht, so ist das seine gute und weise Entscheidung, denn man sollte noch aus freien Stücken gehen und nicht warten, bis man vom Hof gejagt wird. Aber auch in der Schweiz, wenn er einstmals wieder ohne Gewissensbisse Skifahren kann, wird er immer ein Berliner bleiben, ob er das will oder nicht…

Wie schlägt man die Bayern?

Seit Jahren gehört sie ins Pflichtenheft für jeden Erst- und Zweitligisten: Die Rasenheizung! Gut bespielbare Plätze, unabhängig von der Jahreszeit, war die Idee, die zum verpflichtenden Einbau dieses Hilfsmittels gehörte. Dass das ein frommes Wunschdenken praxisferner Funktionäre blieb, liegt natürlich daran, dass gleichzeitig eine annähernde Komplettüberdachung der Stadien verpflichtend wurde, welche wegen der Verschattung das Wachstum des Rasens beeinträchtigt und so oftmals schon nach drei Regenspielen einen schlammähnlichen, seifigen Untergrund entstehen lässt, auf dem sich eher Rugbyspieler oder Wrestlingkämpfer*Innen wohlfühlen würden, als sensible Fußballtechniker.

Nürnberg hat am vergangenen Wochenende angedeutet, dass man, wie so oft im Leben, aus der Not auch eine Tugend machen kann. Der eine Strafraum war im Spiel Nürnberg gegen Hertha, wohl durch den Ausfall der Rasenheizung in diesem Bereich, ordentlich mit Raureif überzogen, sodass alle Spieler dort Standprobleme hatten. Zwar fielen auf der grünen Seite drei von vier Toren, aber gerade das könnte ja ein Hinweis auf die Schwierigkeiten aller Spieler, also sowohl der Angreifer als auch der Abwehrspieler sein.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob ein Spiel auch stattfinden kann, wenn ein Spielfeld ganz oder teilweise nicht mehr den heute üblichen Ansprüchen genügt? Wenn die Rasenheizung einfach mal kurz vor Spielbeginn ausfällt. Z.B. am Tag vor dem Pokalspiel von Hertha gegen Bayern München? Wenn der Boden zu hart sein sollte, könnte man ja vorsichtshalber einige Schneekanonen, die in Tirol in diesem Winter wohl nicht mehr gebraucht werden, in den Katakomben des Olympiastadions deponieren, das Spielfeld am Vortag (oder besser in der Nacht, wenn niemand zusehen kann) mit einer schönen, zehn Zentimeter hohen Schneedecke verzaubern und den Bayern ihre spielerische Überlegenheit zwar beim Schneemannbauen gönnen, ansonsten aber mit Kampf und Einsatz die Roten bremsen, wenn die Schneeschicht den Ball nicht genug bremst.

Die Frage nach der Fairness solchen Handelns stellt sich insofern nicht, als Herr Hoeneß auch noch nie durch besondere Rücksichtnahme aufgefallen ist, wenn es galt, konkurrierenden Vereinen die besten Spieler wegzukaufen, um sie anschließend auf der Ersatzbank versauern zu lassen.

Vor dem Pokalspiel sollte allerdings geklärt sein, ob ein grüner Rasen, d.h., eine funktionierende Rasenheizung, heutzutage Pflicht ist. Ansonsten geht es den Herthanern mit Sicherheit so, wie im frühen Winter 1971 im Pokalspiel gegen Gelsenkirchen, als sie sich auch im Recht wähnten (und es auch vor ordentlichen Gerichten, nicht aber vor dem DFB-Sportgericht waren), und das Spiel am grünen Tisch verloren, weil sie einen angeblich nicht spielberechtigten Spieler, Zoltan Varga, einsetzten. Damals fand der 3:0-Sieg Herthas übrigens, wenn die Erinnerung nicht täuscht, auch auf Schneeboden statt. Ganz ohne Kanonen…

Macht eine Schwalbe schon den Sommer?

Endlich startet Hertha furios in eine Rückrunde, denken viele Fans nach dem souveränen Sieg beim 1. FC Nürnberg. Aber abgesehen davon, dass Hertha wieder den alten, oft gesehenen Fehler machte, sich nach einer Führung ausruhen zu wollen und den Gegner aufzubauen, muss man berücksichtigen, dass der Club keinesfalls Erstligaformat besaß. Selbst ein Zweit- und Drittligist kämpft im Pokal wenigstens und versucht das Spiel der technisch überlegenen Mannschaft zu zerstören. Davon war beim Club, für den jedes Spiel ja eine Art Pokalspiel mit k.o.-Charakter ist, nichts zu sehen. Man sollte sich also davor hüten, diesen Sieg überzubewerten. Erst wenn aus den nächsten drei Spielen gegen Gelsenkirchen, Wolfsburg und Mönchengladbach wenigstens vier Punkte geholt werden (im Vorjahr war es nur einer gegen diese Mannschaften) könnte man von einem gelungenen Rückrundenstart sprechen.

In der Saison 14/15 holte Hertha ganze 18 Punkte in der Hinrunde und dann 3 Zähler in den ersten vier Spielen der Rückserie, wovon zwei Spiele unter Dardai als Cheftrainer (der auf Luhukay  mit dem Auswärtssieg in Mainz folgte) stattfanden. 15/16 hatte Hertha 32 Punkte nach der Hinrunde, aus den ersten vier Rückrundenspieltagen wurden aber nur 3 Punkte geholt. 16/17 war das Verhältnis 30 Punkte und vier, 17/18 waren es 24 Punkte und drei. Wenn es in diesem Jahr sieben Punkte aus den ersten vier Spielen wären, könnte man davon ausgehen, dass die Rückrunde besser wird als in den bisherigen vier Serien unter Dardais Regentschaft. Auch wenn die Zahlen beim Blick in die Vergangenheit weniger wert sind, als die Prozentergebnisse der SPD unter Willy Brandt in den Sechziger- und Siebzigerjahren bei der Vorausschau auf die kommenden Landtagswahlen, kann ein gelungener Start doch so viel Selbstvertrauen freisetzen, dass eine Rückrunde mit 24 Punkten nicht unmöglich sein muss. Wenn dann nicht wieder der halbe Kader verletzt sein wird, könnte Hertha durchaus auf einen Platz in der Europa-League spekulieren. Auf die nächsten drei Spiele kommt es also an…

Wie wird Herthas Rückrunde diesmal?

In der letzten Fußball-Woche ist ein schönes Foto abgedruckt, das Salomon Kalou in einem Luftduell mit einem Gegenspieler zeigt. Wer das Spiel, aufgrund eines gehässigen Hinweises eines Freundes, am Fernsehapparat verfolgen musste, kann sich nicht erinnern, dass auch nur irgendein Herthaner einen einzigen Zweikampf in der 45-minütigen Spielzeit absolviert hat. War die erste Garnitur im sogenannten Telekom-Cup noch knapp gegen Gladbach unterlegen, so zeigte niemand, der im zweiten Spiel gegen Düsseldorf auf dem Platz stand, dass er ernsthafte Ambitionen hat, in der zweiten Saisonhälfte professionell Fußball zu spielen. Man kann nur spekulieren, woran es liegt, wenn Spieler, die doch so gerne Stunk wegen zu geringer Einsatzzeiten machen, nicht das Geringste dafür tun, um diesen Zustand zu ändern. Man kann doch nicht nur auf entsprechende Verletzungen von Mitspielern hoffen, oder, wie es Darida vorgemacht hat, durch robuste Zweikampfführung im Training, aktiv dazu beitragen. Vielleicht liegt die Nichtleistung auch am zu harten oder am zu laschen Vorbereitungstraining, wer weiß? Eventuell war das Trainingslager in der kalten Heimat Schuld. In früheren Jahren lag es allerdings an der Hitze in der Türkei, dass die Umstellung auf den deutschen Winter nicht gelang. Man kann nur hoffen, dass sich die alte Theaterweisheit von der schlechten Generalprobe und der guten Premiere bewahrheitet. So schlecht wie die Generalprobe war, müsste Hertha in Nürnberg allerdings schon zweistellig gewinnen, um die Redewendung zu verifizieren.

Wie sieht denn nun die ernsthafte Kaffeesatzleserei in Bezug auf die Rückrunde aus?

Wenn man die Vorsaison betrachtet, liegt Hertha gegen die gleichen Gegner (Absteiger gegen Aufsteiger ausgetauscht) mit acht Punkten im Plus. Würde Hertha die Ergebnisse der letzten Spielzeit wiederholen, müssten die Blau-weißen 30 Punkte holen, was dann 54 Zähler ergäbe und in jedem Fall einen Euro-League-Startplatz, im günstigsten Falle sogar ein Schnuppern an den Champions-League-Plätzen ermöglichte. Aber ist das realistisch? Dazu müsste erstmal in Nürnberg gewonnen werden, was bei aller fairen Aufbauhilfe Herthas für minderbefähigte Vereine in der Hinrunde nicht selbstverständlich wäre. Dortmund müsste zuhause geschlagen werden, Leipzig auswärts. Und in Frankfurt und heimwärts gegen Leverkusen gewinnt man auch nicht nebenbei. Es sieht also, nach objektivem Ermessen, eher nach 20 als nach 30 Punkten für die Rückrunde aus. Ein Glück nur, dass Fußball mit objektiven Maßstäben nicht zu fassen ist. Einigen wir uns gütlich in der Mitte, Hertha holt 25 Punkte und ist mit dann 49 Zählern am Ende deutlich besser als letztes Jahr. Und was will man mehr…

Die Pause geht – der Winter kommt

So sicher, wie einst das rhythmische Parteitagsklatschen nach der Rede des 1. Vorsitzenden in der DDR, nimmt auch diesmal Ende Januar, Anfang Februar mit dem Ende der Winterpause in der Fußball-Bundesliga, General Winter das Land in seinen Schwitzkasten, wobei „schwitzen“ zwar ein falsches Bild ist, die Tatsache aber trotzdem richtig beschreibt. Jeder, der sich auch nur ein kleines Bisschen in der meteorologischen Pseudowissenschaft auskennt oder auch nur das Wetter halbwegs bewusst zu verfolgen in der Lage ist, weiß, dass der Dezember in der Regel relativ mild ist (in sieben von zehn Jahren gibt es „Grüne Weihnachten“). Erst Ende Januar, Anfang Februar, wenn der Winter laut Kalender kurz vor seinem traurigen Abgesang steht, wird es so richtig kalt und eklig. Just dann, wenn wir wieder ins Stadion gehen müssen und auch dicke Socken, lange Männer und mehrere Lagen Pullover vor einem gehörigen Durchfrieren nicht schützen können, beginnt die Bundesliga mit der Rückrunde. Tendenziell hat es die 2. Liga besser gemacht: Sie beginnt eine Woche später, da sie schon ein Rückrundenspiel im Dezember absolviert hat, weil sie im schönen August bereits vor der 1. Liga gestartet ist.

Am sinnvollsten wäre es natürlich, die Saison ans Kalenderjahr anzupassen, d.h., die Saison würde im Frühjahr, Ende März beginnen, im Sommer an heißen Tagen weitgehend unter Flutlicht abends spielen und spätestens im November den Meister küren (was Bayern München ja auch mit dem aktuellen Spielplan schon fast geschafft hätte). Dieses fortschrittliche Modell hatte die verblichene DDR in den Fünfzigerjahren für einige Zeit vom großen Bruder Sowjetunion übernommen, aber nicht immer setzt sich die Vernunft durch. Das Kalendersaisonmodell würde natürlich nur funktionieren, wenn sich weltweit alle Länder anschließen würden, weil ansonsten die Wettbewerbsfähigkeit bei internationalen Meisterschaften nicht gegeben wäre. Ein Schritt in die richtige Richtung hat die FIFA aber schon vor Jahren gemacht: Die kommende Winter-WM in Katar böte geradezu an, die Saison vorher beendet zu haben und sich in aller Ruhe auf das Turnier zu freuen. Und wenn die deutsche Mannschaft ihre Leistung aus Russland wiederholen würde, könnten die Spieler trotzdem in Ruhe in der Heimat Weihnachten feiern…

Dardais lächerliches Angebot

Pal Dardai, seit fast vier Jahren insgesamt erfolgreicher Hertha-Trainer, wollte aus den letzten drei Spielen vier Punkte holen, was die Mannschaft in einer Art „jüdischem Poker“ (frei nach Ephraim Kishon) auf sieben Punkte erhöhte. Zum Glück war wenigstens Manager Preetz vernünftig und setzte nicht die magische Zahl „zehn“ in die Welt. Wahrscheinlich war der Mannschaft aber ein popeliges Essen aber zu wenig, um einen bedingungslosen Einsatz aus den Restreserven  hervorzuzaubern. Da sollte sich der gute Pal doch mal ein Beispiel an Salomon Kalou nehmen: Da geht es wenigstens gleich um protzige Uhren, aber der weiß halt aus Erfahrung, worauf Fußballer so abfahren. Es kam wie es kommen musste: Für eine lumpige Pizza sich kurz vor dem Weihnachtsurlaub noch ein Bein ausreißen? Nachdem man das Spiel in Stuttgart verschenkt hatte, brauchte man sich auch gegen Augsburg nicht mehr über Gebühr konzentrieren, und dass man aus Leverkusen etwas mitnehmen könnte, wäre sowieso nur mit den fünf verletzten Stammspielern möglich gewesen. Für die Werkself-Spieler ging es schließlich schon um die Stammplätze unter dem neuen Trainer, der das Spiel sicher am Fernseher verfolgte. Ob er in Zukunft immer den Strafraum aufhacken lässt, um Platzfehler bei Rückgaben zu provozieren, entzieht sich unserer Kenntnis, auf jeden Fall sollte Hertha das schmierige Geläuf im Olympiastadion erst nach dem Pokalspiel gegen die Bayern durch einen bespielbaren Rasen ersetzen, mit Kampf lässt sich gegen Technik durchaus etwas ausrichten. Nun gut.

Ein Punkt statt vier bzw. sieben aus den letzten drei Spielen ist zwar etwas dürftig, aber mit 24 Punkten steht Hertha immer noch glänzend da und man mag sich gar nicht vorstellen, wo man jetzt ohne die Verletzungsseuche stünde, die aber nicht auf falsches Training zurückzuführen ist, da es sich in der Hauptsache nicht um muskuläre Probleme handelt. Es gilt für die Rückrunde die richtigen Schlüsse aus den Vorjahren zu ziehen, um noch mal Richtung Tabellen-Norden anzugreifen: Eine solide, akribische Vorbereitung hat in den letzten Jahren stets zum Einbruch nach der Winterpause geführt. Warum kopiert man nicht Danish Dynamite von 1992, wo das Team ohne Vorbereitung aus dem Strandurlaub zurückgeholt und Europameister wurde? Mein Vorschlag: Lasst die Spieler in den Süden fliegen oder zum Skilaufen (Helm erwünscht, aber keine Pflicht) in die Alpen fahren. Am Vorabend des Spiels gegen Nürnberg, also am 19. Januar, trifft man sich zur Vorbesprechung im Hofbräuhaus in München, um einen Tag später die Nürnberger vom Platz zu fegen und mit übervollem Akku werden in der Rückrunde 30 Punkte akquiriert, was auf jeden Fall für die Europa-League reichen wird. Das Thema „übertrainiert“, das schon vor vierzig Jahren im DDR-Fußball große Erfolge verhinderte, würde endlich wieder in den deutschen Fußballdiskurs einfließen. Jetzt muss nur noch der Weihnachtsmann Pal Dardai von der Idee überzeugen…

Deutschlands „leichte Gruppe“

Wenige Monate nach dem doch etwas überraschenden Ausscheiden in der WM-Vorrunde in der „Todesgruppe“ gegen die Fußballgiganten Mexiko, Schweden und Südkorea jubeln alle selbsternannten Experten über die leichte Gruppe in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2020. Die Mannschaft hat es ja nur mit den Niederlanden, Nordirland, Estland und Weißrussland zu tun!

Nur?

Über die Stärke der Niederländer braucht man sich keine Illusionen zu machen. Die Länderspielbilanz gegen unsere Nachbarn ist immer noch positiv (15 Siege, 16 Unentschieden, 11 Niederlagen bei 79:69 Toren) und gerade gegen Holland haben die deutschen Spieler noch eine Rechnung offen, nachdem ihnen, trotz zweier guter Spiele, die Boulevardpresse vor allem das 0:3 um die Ohren schlug. Dabei war man, bis auf die letzten zehn Minuten, durchaus auf Augenhöhe, wenn nicht sogar überlegen und im Rückspiel wurde der höchst verdiente Sieg erst in den letzten Minuten verschenkt. Egal, ob die Revanche gelingt oder nicht, es nehmen ja zwei Mannschaften aus jeder Qualigruppe an der aufgeblähten Meisterschaft teil. Aber sind Nordirland, Weißrussland und Estland wirklich so ungefährlich, wie ihr Fifa-Ranglistenplatz uns glauben machen will?

Nordirland, als 35. der aktuellen Fifa-Rangliste war immer ein unbequemer Gegner für Deutschland. Das 2:2 bei der WM 1958 hat zwar schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber es gab z.B. auch noch 1996 bei der WM-Qualifikation nur ein 1:1. Und zuletzt bei der EM 2016 quälte sich das deutsche Team zu einem mühsamen 1:0-Sieg. Trotz der Gesamtbilanz von 11 Siegen, 4 Unentschieden und nur 2 Niederlagen bei 38:14 Toren gewinnt man gegen die Nordiren nicht im Vorbeigehen.

Gegen Weißrussland, auf Rang 76 gelistet, hat Deutschland die schlechteste Bilanz aller Gruppengegner: Noch nie wurde gegen diese Mannschaft gewonnen. Allerdings gab es gegen Belarus auch nur ein Spiel, welches Unentschieden endete. Aber wir sehen schon, dass auch die Weißrussen offensichtlich nicht nur Eishockey spielen können.

Die große Unbekannte scheint Estland zu sein, schnöder 96. in der Fifa-Computerliste. Für die makellose Bilanz der deutschen Nationalmannschaft von drei Siegen in drei Spielen bei 11:1 Toren kann sich Jogi Löw aber auch nichts kaufen, handelt es sich doch um drei Spiele aus den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts.

Fazit?

Alles machbar, aber wenn die Abwehr nicht stabilisiert wird, kann man auch gegen angeblich schwächere Mannschaften (wie gegen Österreich, Saudi-Arabien oder Südkorea) Tore kassieren. Der Absturz des deutschen Teams in der Weltrangliste von Platz 1 auf Rang 16 im Jahr 2018 ist ja kein Zufall. Ähnliches gab es zwar schon mal, als man von Platz 4 (2002) auf Platz 19 (2004) abstürzte, sollte aber nicht zur Regel werden.

Wenn man also nicht fahrlässig von einer „leichten Gruppe“ faselt und konzentriert zu Werke geht, müsste die verjüngte deutsche Mannschaft auch den ersten Platz erreichen können. Und bei der EM selber wären wir ja zum Glück seit langer Zeit erstmals nicht in der Favoritenschar dabei…