Immer Pech ist auch Unfähigkeit

Es ist schon zum Verzweifeln: Hertha hat den Aufstieg nicht wegen des holprigen Saisonstarts verfehlt. Auch nicht wegen der Schwächephase um den Jahreswechsel (5 Unentschieden bei teils sehr überlegenen Spielen) und erst recht nicht bei den Einbrüchen gegen Hannover (2:3) und in Paderborn (2:5).

Nein: Allein in den letzten drei Spielen, die Hertha allesamt mit einer Vielzahl von herausgespielten Chancen teils hoch überlegen geführt hatte, verschenkte das Team von Stefan Leitl acht Punkte. ACHT PUNKTE! Wo man stehen würde, wenn die acht Punkte auf der Habenseite stünden, kann sich jeder selbst ausmalen.

Natürlich hätte man die Heimspiele gegen Kaiserslautern und Kiel gewinnen können und müssen und auch in Braunschweig hätte man zur Pause hoch führen können. Hat man aber nicht. Und um den Spruch der Seriensieger Bayern München („Immer Glück ist auch Können“) mal von den Füßen auf den Kopf zu stellen, heißt es bei Hertha: „Immer Pech ist auch Unfähigkeit“! Denn wenn man aus drei, bzw. einem Meter vor dem Tor neben selbiges köpft (gegen Kiel in der Schlussphase), ist das nicht mit Pech zu erklären. Und auch die beiden absurden Knappseits-Entscheidungen des VAR mit 10-cm und 3-cm-Offside (bei einer wissenschaftlich festgestellten Fehlerquote von 40 cm), waren ja nicht entscheidend, sondern dass bei 15:1 Chancen (nicht Torschüssen!) der Gegner Kiel 1:0 gewann! Kein Pech.

Woran liegt Herthas jetziger enttäuschender Tabellenplatz 6, der am Saisonende zwischen 7 und 5 liegen wird? Die spielerische Leistung, die vielfach (z.T. mit Recht) kritisiert wird, ist es nicht. Dazu hat Hertha zu viele Spiele klar dominiert, wenn auch manchmal nur eine Halbzeit. Beispielhaft sei das Spiel gegen Aufsteiger Gelsenkirchen genannt, als Hertha hoch überlegen war und nur Torwart Karius einen Herthasieg verhinderte.

Auch die taktische Grundeinstellung, die eher auf Umschalt- als auf Ballbesitzfußball setzte, war nicht entscheidend. Wohin Ballbesitzfußball führen kann, haben wir leidvoll unter Trainer Fiél erfahren müssen. Und wie berauschend Umschaltfußball sein kann, zeigte der 5:2-Auswärtssieg in Düsseldorf.

Zwei Faktoren gaben wohl den Ausschlag, der in dieser Saison Großes verhinderte. Zuerst ist die mangelnde Chancenverwertung zu nennen. Ein echter Knipser, wie es Tabakovic in der Spielzeit 2023/24 war, fehlte. Aber auch die Flanken, die in jenem Jahr von Reese traumhaft sicher geschlagen wurden, gab es zu selten. Weder Schuler, noch Kownacki oder Grönning konnten die Rolle des Torjägers ausfüllen, obwohl alle drei keine schlechten Stürmer sind. Aber ihr Potential schöpften sie selber nicht immer aus.

Noch entscheidender als die Misere im Angriff erweist sich aber die mentale Anfälligkeit einiger Spieler, die sich oft auf die Mannschaft insgesamt überträgt. In den entscheidenden Spielen kann Hertha nicht gewinnen. Eine Tendenz, die sich allerdings schon seit Jahren und Jahrzehnten durch die Hertha-Historie zieht, wenn man von der erfolgreichen Relegation gegen den HSV 2022 mal absieht. In diesem Sinne ist der angekündigte Umbruch im Kader auch eine Chance. Selbst wenn „Qualität“ verloren gehen sollte (Ernst, Reese, Cuisance, Eichhorn), könnte mit neuen Spielern, die billiger sind und in anderen Vereinen vielleicht den Durchbruch nicht geschafft haben, aber vor Motivation nur so strotzen, mehr erreicht werden, als in den vergangenen drei Jahren. Dazu bedarf es allerdings eines glücklichen Händchens von Benni Weber, die er in der letzten Zeit nicht immer hatte. Ein Spieler wie einstmals Benni Wendt von Tennis Borussia, der in Köln nur auf der Ersatzbank saß, bei TeBe aber, trotz einiger Verletzungen in der 1. Liga 20 Tore erzielte, wäre ein schönes Vorbild für die Hertha-Verantwortlichen.

Aber ob sie einen Benni Wendt überhaupt noch kennen…?

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