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Lusti geht

So ganz nebenbei und kaum wahrnehmbar wurde die Meldung veröffentlicht, dass Fabian Lustenberger Hertha im Sommer verlassen wird. Es wäre nicht mal den Stromverbrauch für den Computer wert, um über einen der vielen Spieler, die außer ihrer Karriere und dem Bankkonto nur wenig im Sinn haben, zu schreiben, wenn er einen Verein verlässt oder zu ihm kommt. Aber Lusti ist ja nicht irgendein Spieler. Er spielt momentan seine zwölfte Saison bei Hertha, und weil diese Zahl so ungewöhnlich ist, stellt man sie lieber in Buchstaben statt in Ziffern dar. Wie viele Spieler haben mehr Spielzeiten bei Hertha verbracht (wir zählen die Jahre in den Jugendmannschaften nicht mit) als Fabian Lustenberger? In der 56-jährigen Hertha-Geschichte seit Bundesliga-Gründung waren es genau DREI Spieler, die länger das blau-weiße Trikot getragen haben, nämlich Andreas Schmidt (15 Jahre), Christian Fiedler (14 Jahre), beides Berliner Jungs, die immer bei ihrem Verein blieben (und Andreas Schmidt, Lieblingsspieler von Trainer Röber, ist es im Aufsichtsrat ja noch heute) und Pal Dardai (14 Jahre). Wenn Lusti also von den 440 Spielern, die bis zum Beginn der laufenden Saison eingesetzt wurden, auch knapp die Bronzemedaille verfehlt hat, wird er im Olympiastadion eine Lücke hinterlassen und sei es nur beim Rufen des Namens, das mit „Lu-sten-ber-ger“ immer gerne viersilbig holprig zelebriert wurde. Wenn Lusti jetzt in die Schweiz zurückgeht, so ist das seine gute und weise Entscheidung, denn man sollte noch aus freien Stücken gehen und nicht warten, bis man vom Hof gejagt wird. Aber auch in der Schweiz, wenn er einstmals wieder ohne Gewissensbisse Skifahren kann, wird er immer ein Berliner bleiben, ob er das will oder nicht…

Wie schlägt man die Bayern?

Seit Jahren gehört sie ins Pflichtenheft für jeden Erst- und Zweitligisten: Die Rasenheizung! Gut bespielbare Plätze, unabhängig von der Jahreszeit, war die Idee, die zum verpflichtenden Einbau dieses Hilfsmittels gehörte. Dass das ein frommes Wunschdenken praxisferner Funktionäre blieb, liegt natürlich daran, dass gleichzeitig eine annähernde Komplettüberdachung der Stadien verpflichtend wurde, welche wegen der Verschattung das Wachstum des Rasens beeinträchtigt und so oftmals schon nach drei Regenspielen einen schlammähnlichen, seifigen Untergrund entstehen lässt, auf dem sich eher Rugbyspieler oder Wrestlingkämpfer*Innen wohlfühlen würden, als sensible Fußballtechniker.

Nürnberg hat am vergangenen Wochenende angedeutet, dass man, wie so oft im Leben, aus der Not auch eine Tugend machen kann. Der eine Strafraum war im Spiel Nürnberg gegen Hertha, wohl durch den Ausfall der Rasenheizung in diesem Bereich, ordentlich mit Raureif überzogen, sodass alle Spieler dort Standprobleme hatten. Zwar fielen auf der grünen Seite drei von vier Toren, aber gerade das könnte ja ein Hinweis auf die Schwierigkeiten aller Spieler, also sowohl der Angreifer als auch der Abwehrspieler sein.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob ein Spiel auch stattfinden kann, wenn ein Spielfeld ganz oder teilweise nicht mehr den heute üblichen Ansprüchen genügt? Wenn die Rasenheizung einfach mal kurz vor Spielbeginn ausfällt. Z.B. am Tag vor dem Pokalspiel von Hertha gegen Bayern München? Wenn der Boden zu hart sein sollte, könnte man ja vorsichtshalber einige Schneekanonen, die in Tirol in diesem Winter wohl nicht mehr gebraucht werden, in den Katakomben des Olympiastadions deponieren, das Spielfeld am Vortag (oder besser in der Nacht, wenn niemand zusehen kann) mit einer schönen, zehn Zentimeter hohen Schneedecke verzaubern und den Bayern ihre spielerische Überlegenheit zwar beim Schneemannbauen gönnen, ansonsten aber mit Kampf und Einsatz die Roten bremsen, wenn die Schneeschicht den Ball nicht genug bremst.

Die Frage nach der Fairness solchen Handelns stellt sich insofern nicht, als Herr Hoeneß auch noch nie durch besondere Rücksichtnahme aufgefallen ist, wenn es galt, konkurrierenden Vereinen die besten Spieler wegzukaufen, um sie anschließend auf der Ersatzbank versauern zu lassen.

Vor dem Pokalspiel sollte allerdings geklärt sein, ob ein grüner Rasen, d.h., eine funktionierende Rasenheizung, heutzutage Pflicht ist. Ansonsten geht es den Herthanern mit Sicherheit so, wie im frühen Winter 1971 im Pokalspiel gegen Gelsenkirchen, als sie sich auch im Recht wähnten (und es auch vor ordentlichen Gerichten, nicht aber vor dem DFB-Sportgericht waren), und das Spiel am grünen Tisch verloren, weil sie einen angeblich nicht spielberechtigten Spieler, Zoltan Varga, einsetzten. Damals fand der 3:0-Sieg Herthas übrigens, wenn die Erinnerung nicht täuscht, auch auf Schneeboden statt. Ganz ohne Kanonen…

Macht eine Schwalbe schon den Sommer?

Endlich startet Hertha furios in eine Rückrunde, denken viele Fans nach dem souveränen Sieg beim 1. FC Nürnberg. Aber abgesehen davon, dass Hertha wieder den alten, oft gesehenen Fehler machte, sich nach einer Führung ausruhen zu wollen und den Gegner aufzubauen, muss man berücksichtigen, dass der Club keinesfalls Erstligaformat besaß. Selbst ein Zweit- und Drittligist kämpft im Pokal wenigstens und versucht das Spiel der technisch überlegenen Mannschaft zu zerstören. Davon war beim Club, für den jedes Spiel ja eine Art Pokalspiel mit k.o.-Charakter ist, nichts zu sehen. Man sollte sich also davor hüten, diesen Sieg überzubewerten. Erst wenn aus den nächsten drei Spielen gegen Gelsenkirchen, Wolfsburg und Mönchengladbach wenigstens vier Punkte geholt werden (im Vorjahr war es nur einer gegen diese Mannschaften) könnte man von einem gelungenen Rückrundenstart sprechen.

In der Saison 14/15 holte Hertha ganze 18 Punkte in der Hinrunde und dann 3 Zähler in den ersten vier Spielen der Rückserie, wovon zwei Spiele unter Dardai als Cheftrainer (der auf Luhukay  mit dem Auswärtssieg in Mainz folgte) stattfanden. 15/16 hatte Hertha 32 Punkte nach der Hinrunde, aus den ersten vier Rückrundenspieltagen wurden aber nur 3 Punkte geholt. 16/17 war das Verhältnis 30 Punkte und vier, 17/18 waren es 24 Punkte und drei. Wenn es in diesem Jahr sieben Punkte aus den ersten vier Spielen wären, könnte man davon ausgehen, dass die Rückrunde besser wird als in den bisherigen vier Serien unter Dardais Regentschaft. Auch wenn die Zahlen beim Blick in die Vergangenheit weniger wert sind, als die Prozentergebnisse der SPD unter Willy Brandt in den Sechziger- und Siebzigerjahren bei der Vorausschau auf die kommenden Landtagswahlen, kann ein gelungener Start doch so viel Selbstvertrauen freisetzen, dass eine Rückrunde mit 24 Punkten nicht unmöglich sein muss. Wenn dann nicht wieder der halbe Kader verletzt sein wird, könnte Hertha durchaus auf einen Platz in der Europa-League spekulieren. Auf die nächsten drei Spiele kommt es also an…

Wie wird Herthas Rückrunde diesmal?

In der letzten Fußball-Woche ist ein schönes Foto abgedruckt, das Salomon Kalou in einem Luftduell mit einem Gegenspieler zeigt. Wer das Spiel, aufgrund eines gehässigen Hinweises eines Freundes, am Fernsehapparat verfolgen musste, kann sich nicht erinnern, dass auch nur irgendein Herthaner einen einzigen Zweikampf in der 45-minütigen Spielzeit absolviert hat. War die erste Garnitur im sogenannten Telekom-Cup noch knapp gegen Gladbach unterlegen, so zeigte niemand, der im zweiten Spiel gegen Düsseldorf auf dem Platz stand, dass er ernsthafte Ambitionen hat, in der zweiten Saisonhälfte professionell Fußball zu spielen. Man kann nur spekulieren, woran es liegt, wenn Spieler, die doch so gerne Stunk wegen zu geringer Einsatzzeiten machen, nicht das Geringste dafür tun, um diesen Zustand zu ändern. Man kann doch nicht nur auf entsprechende Verletzungen von Mitspielern hoffen, oder, wie es Darida vorgemacht hat, durch robuste Zweikampfführung im Training, aktiv dazu beitragen. Vielleicht liegt die Nichtleistung auch am zu harten oder am zu laschen Vorbereitungstraining, wer weiß? Eventuell war das Trainingslager in der kalten Heimat Schuld. In früheren Jahren lag es allerdings an der Hitze in der Türkei, dass die Umstellung auf den deutschen Winter nicht gelang. Man kann nur hoffen, dass sich die alte Theaterweisheit von der schlechten Generalprobe und der guten Premiere bewahrheitet. So schlecht wie die Generalprobe war, müsste Hertha in Nürnberg allerdings schon zweistellig gewinnen, um die Redewendung zu verifizieren.

Wie sieht denn nun die ernsthafte Kaffeesatzleserei in Bezug auf die Rückrunde aus?

Wenn man die Vorsaison betrachtet, liegt Hertha gegen die gleichen Gegner (Absteiger gegen Aufsteiger ausgetauscht) mit acht Punkten im Plus. Würde Hertha die Ergebnisse der letzten Spielzeit wiederholen, müssten die Blau-weißen 30 Punkte holen, was dann 54 Zähler ergäbe und in jedem Fall einen Euro-League-Startplatz, im günstigsten Falle sogar ein Schnuppern an den Champions-League-Plätzen ermöglichte. Aber ist das realistisch? Dazu müsste erstmal in Nürnberg gewonnen werden, was bei aller fairen Aufbauhilfe Herthas für minderbefähigte Vereine in der Hinrunde nicht selbstverständlich wäre. Dortmund müsste zuhause geschlagen werden, Leipzig auswärts. Und in Frankfurt und heimwärts gegen Leverkusen gewinnt man auch nicht nebenbei. Es sieht also, nach objektivem Ermessen, eher nach 20 als nach 30 Punkten für die Rückrunde aus. Ein Glück nur, dass Fußball mit objektiven Maßstäben nicht zu fassen ist. Einigen wir uns gütlich in der Mitte, Hertha holt 25 Punkte und ist mit dann 49 Zählern am Ende deutlich besser als letztes Jahr. Und was will man mehr…

Dardais lächerliches Angebot

Pal Dardai, seit fast vier Jahren insgesamt erfolgreicher Hertha-Trainer, wollte aus den letzten drei Spielen vier Punkte holen, was die Mannschaft in einer Art „jüdischem Poker“ (frei nach Ephraim Kishon) auf sieben Punkte erhöhte. Zum Glück war wenigstens Manager Preetz vernünftig und setzte nicht die magische Zahl „zehn“ in die Welt. Wahrscheinlich war der Mannschaft aber ein popeliges Essen aber zu wenig, um einen bedingungslosen Einsatz aus den Restreserven  hervorzuzaubern. Da sollte sich der gute Pal doch mal ein Beispiel an Salomon Kalou nehmen: Da geht es wenigstens gleich um protzige Uhren, aber der weiß halt aus Erfahrung, worauf Fußballer so abfahren. Es kam wie es kommen musste: Für eine lumpige Pizza sich kurz vor dem Weihnachtsurlaub noch ein Bein ausreißen? Nachdem man das Spiel in Stuttgart verschenkt hatte, brauchte man sich auch gegen Augsburg nicht mehr über Gebühr konzentrieren, und dass man aus Leverkusen etwas mitnehmen könnte, wäre sowieso nur mit den fünf verletzten Stammspielern möglich gewesen. Für die Werkself-Spieler ging es schließlich schon um die Stammplätze unter dem neuen Trainer, der das Spiel sicher am Fernseher verfolgte. Ob er in Zukunft immer den Strafraum aufhacken lässt, um Platzfehler bei Rückgaben zu provozieren, entzieht sich unserer Kenntnis, auf jeden Fall sollte Hertha das schmierige Geläuf im Olympiastadion erst nach dem Pokalspiel gegen die Bayern durch einen bespielbaren Rasen ersetzen, mit Kampf lässt sich gegen Technik durchaus etwas ausrichten. Nun gut.

Ein Punkt statt vier bzw. sieben aus den letzten drei Spielen ist zwar etwas dürftig, aber mit 24 Punkten steht Hertha immer noch glänzend da und man mag sich gar nicht vorstellen, wo man jetzt ohne die Verletzungsseuche stünde, die aber nicht auf falsches Training zurückzuführen ist, da es sich in der Hauptsache nicht um muskuläre Probleme handelt. Es gilt für die Rückrunde die richtigen Schlüsse aus den Vorjahren zu ziehen, um noch mal Richtung Tabellen-Norden anzugreifen: Eine solide, akribische Vorbereitung hat in den letzten Jahren stets zum Einbruch nach der Winterpause geführt. Warum kopiert man nicht Danish Dynamite von 1992, wo das Team ohne Vorbereitung aus dem Strandurlaub zurückgeholt und Europameister wurde? Mein Vorschlag: Lasst die Spieler in den Süden fliegen oder zum Skilaufen (Helm erwünscht, aber keine Pflicht) in die Alpen fahren. Am Vorabend des Spiels gegen Nürnberg, also am 19. Januar, trifft man sich zur Vorbesprechung im Hofbräuhaus in München, um einen Tag später die Nürnberger vom Platz zu fegen und mit übervollem Akku werden in der Rückrunde 30 Punkte akquiriert, was auf jeden Fall für die Europa-League reichen wird. Das Thema „übertrainiert“, das schon vor vierzig Jahren im DDR-Fußball große Erfolge verhinderte, würde endlich wieder in den deutschen Fußballdiskurs einfließen. Jetzt muss nur noch der Weihnachtsmann Pal Dardai von der Idee überzeugen…

Endlich – Hertha in bekannten Tabellen-Gefilden

Das muss Hertha erst mal jemand nachmachen: Gegen einen Verein, der in zehn Spielen ganze sechs Tore erzielt, in einer Halbzeit deren vier zu kassieren – Hut ab. Nur Statistiker könnten sagen, ob es das überhaupt schon mal in der langen Geschichte der Bundesliga gab! An den Fans kann es diesmal nicht gelegen haben, die unterstützten die Blau-weißen nach Kräften. Wie es zu dieser verpatzten Revanche für 2012 kommen konnte, ist natürlich schnell erzählt. Mit einer in kürzester Zeit atomisierten Abwehr ( Ausfall von Plattenhardt kurz vor dem Spiel wegen Krankheit, von Stark nach 20 Minuten wegen Verletzung und von Mittelstädt noch vor der Halbzeitpause wegen Dummheit und folgender gelb-roter Karte) ist es schwer, die Kontrolle zu behalten. Aber die Ersatzspieler, auch wenn sie wie Torunarigha auf ungewohnter Position spielen müssen, sind ja keine C-Junioren, sondern haben sich alle schon in der Liga bewährt. Nein, es war die Spielauffassung insgesamt, die zum Desaster führte. Mit 10 Meter Abstand zum ballführenden Gegner verliert man heutzutage jedes Spiel. Nur mit konsequentem Pressing könnte man ein Spiel auch in Unterzahl siegreich gestalten, wie voriges Jahr von Hertha in Leipzig genial bewiesen wurde.

Jetzt steht Hertha wieder dort, womit man vor der Saison eigentlich zufrieden gewesen wäre, nämlich etwas besser als in der vorigen Spielzeit auf einem einstelligen Tabellenplatz. Wenn da nicht einige berauschende Spiele zu Saisonbeginn den Blick für die Realitäten vernebelt hätten. Die Ursachen für den Sensationsstart waren ein überragendes Mittelfeld und ein Dilrosun, dessen Leistung explodierte. Davon ist momentan nichts übrig geblieben: Duda hat die Form seiner ersten beiden Herthajahre, Maier wirkt überspielt und benötigt dringend eine Pause und Grujic ist noch verletzt. Dilrosun bekommt seit einigen Spielen keinen Ball, bei dem er seine Stärken ausspielen kann, nämlich steil an der linken Außenbahn. Im hängenden Mittelfeld ist er praktisch nicht anwesend.

Hoffen wir, dass die Länderspielpause einigen Akteuren gut tut. Im direkten Vergleich mit dem Vorjahr (Spiele gegen die gleichen Gegner) liegt Hertha noch sechs Punkte im Plus. Gegen Hoffenheim müsste demnach ein Punkt (wie im Vorjahr) geholt werden. Gar nicht so einfach, die haben jetzt vier Spiele nacheinander gewonnen. Aber warum soll nur Hertha immer schwächelnde Gegner aufbauen…

Pokalfinale adieu?

Nach der Auslosung des DFB-Pokal-Achtelfinales stellt sich für den Herthaner folgende einfache Frage: „Kann man gegen Bayern München zweimal in einer Saison gewinnen?“ Eigentlich könnte man die Frage kurz und bündig mit „Nein!“ beantworten und diesen Beitrag beenden.

So leicht machen wir es uns aber nicht!

Selbst wenn die scheinbar überirdischen Bayern bald in einer irgendwie gearteten Superliga spielen und dafür mit noch mehr Geldern zugeschüttet werden und noch bessere (teurere) Spieler kaufen können: niemand ist unschlagbar, was in der Geschichte des Fußballs tausendfach bewiesen wurde und auch in Zukunft, wenn auch immer seltener, möglich sein wird. Geld schießt zwar Tore, aber nicht immer. Wenn also die Bayern ihre Krise bis dahin nicht überwunden haben werden (wenn also weder Heynkes noch Zidane Trainer sind) und sich auf die Verfolgung der Dortmunder konzentrieren müssen, kann, „an einem besonders guten Tag“, eine Überraschung möglich sein. Auch ein zweites Mal in einer Saison.

Im Februar 2016 stand Hertha gegen Dortmund im Halbfinale und hatte Angst vor der eigenen Courage. Wenn sich die Spieler mutig ins Getümmel werfen und die beleidigten Ostkurven-Fans wieder ausgeschnappt sind, kann in einem ausverkauften Olympiastadion mit weniger Bayern-Anhängern als sonst (man ist ja nicht Tabellenerster…) eine Sensation möglich werden. We will see…

Dortmunder Polizei – Meister der Eskalation

Wie provoziert man einen spätpubertierenden, angetrunkenen Ultra? Indem man ihn eine dreckige Schwuchtel schimpft und behauptet, dass seine Mutter das älteste Gewebe der Welt ausübt. Und wenn das nicht reicht, reißt man die aufgehängten Vereinsbanner herunter, was so ziemlich das Schlimmste auf der Welt ist, kurz vor einem Atomkrieg. Genau diese Strategie, die in etwa so deeskalierend wirkt, wie die Aussagen von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf einer Pressekonferenz, wenn ihr Verein vier Pflichtspiele in Reihe nicht gewonnen hat, ergriff geschickter Weise die Dortmunder Polizei, die in voller Kampfmontur den Hertha-Block stürmte. Natürlich zündelten Hertha-Ultras im Dortmunder Stadion. Nicht schön, kostet den Verein Geld und riecht giftig, wenn auch nicht vor dem Fernsehapparat. Aber wann hat z.B. die Berliner Polizei zum letzten Mal einen Gästeblock wegen des Abbrennens von Pyrotechnik, was ungefähr in jedem zweiten Spiel vorkommt, gestürmt? Zumindest seit 1945 nicht mehr, weil man weiß, dass man durchgeknallte Hooligans aus einem Fanblock nicht identifizieren kann, und das müsste man, wenn man ihnen den wohlverdienten Prozess machen wollte, denn Sippenhaft für 4000 Fans gibt es nicht, auch wenn dies die Dortmunder Polizeiführung zu glauben scheint. Abgesehen davon sollte man mal, was die sogenannte Gewaltorgie angeht, auf dem Teppich bleiben. Die wild aussehenden „Knüppel“, die da angeblich geschwungen wurden, sind gummiähnliche Fahnenstangen, über die behelmte Polizisten nur müde lächeln und „mehr davon“ sagen können. Die amüsierten Ordner und Sanitäter im Vordergrund des kurzen Fernsehausschnitts sprachen für sich. Von Verletzten ist nichts bekannt.

Es scheint sich in Dortmund übrigens nicht um eine vorgezogene Strafaktion gegen Hertha zu handeln, die doch wirklich so frech war, nach großem Kampf einen Punkt mitzunehmen. Letztes Jahr ging man gegen die 12.000 mitgereisten Union-Fans genauso unverhältnismäßig vor, als diese Einlass begehrten und den chaotischen Organisationstalenten zeigten, dass man auch ohne sie ins Stadion kommen kann. Also eher ein Anti-Berlin-Problem, das man da in Dortmund hat. Mal sehen, was in der Woche beim neuerlichen Pokalspiel gegen Union passiert!

Ach ja, gespielt wurde trotzdem noch. Wenn Hertha zwei Tore schießt (und außerdem eine Reihe von Chancen kreiert) und Atletico Madrid keines und wenn Hertha nur zwei Tore kassiert und Atletico Madrid vier, dann sagt das schon einiges über den neuen Stellenwert von Hertha. Auch wenn Überkreuzvergleiche im Fußball streng verboten sind. Sie machen aber doch sooo viel Spaß. Hoffentlich hört die Hinrunde niemals auf…

Herthas Saisonstart macht Appetit auf mehr

Nach sechs Spieltagen in der Fußball-Bundesliga kann man getrost von einem gelungenen Saisonstart von Hertha BSC sprechen. Zwei mitreißende Spiele gegen Gladbach und Bayern, zwei gute Partien in Gelsenkirchen und Wolfsburg und zwei mittelmäßige Leistungen gegen Nürnberg und in Bremen ergeben immerhin 13 Punkte und den dritten Tabellenplatz.

Die Leistungsexplosion bei Duda, die Zuverlässigkeit und Abgeklärtheit eines alten Hasen beim 19-jährigen Maier und die Ballsicherheit und körperliche Robustheit eines Grujic (obwohl auf diese seit Hermanns Körperverletzung eine ganze Weile verzichtet werden muss) ergeben erstmals seit Jahren oder gar Jahrzehnten (Championleague-Saison 1999/2000 mit Wosz, Beinlich und Deisler) ein Mittelfeld, das sich spielerisch hinter keinem in der gesamten Liga verstecken muss. Dazu kommt das rasante Tempo und die Durchsetzungsfähigkeit eines Dilrosun, der schon fast erschreckend an Superstar Mbappé erinnert. Zusätzlich gibt es mit Jarstein einen der besten Torhüter der Liga und mit Rekik einen der sichersten Innenverteidiger. Und fällt der aus, tritt Torunarigha an seine Stelle. Und muss auch der pausieren, ersetzt ihn Lustenberger mit einer 100 %-Zweikampfquote gegen Mönchengladbach. Alles passt momentan zusammen und der verletzte Darida ist noch eine weitere Option für die Zukunft.

Wie vor der Saison prognostiziert, ist die eingespielte Elf ein großer Vorteil und sicher wird die Mannschaft nicht, wie ein Nürnberger Anhänger nach dem etwas holprigen ersten Saisonspiel voraussagte, um den Ligaverbleib zu kämpfen haben. Ob es aber für die Europapokalplätze, Championsleague oder gar Pokalsieg oder Meisterschaft reichen könnte, wird die Zukunft zeigen und hängt natürlich auch von Glück (laut Dardai ein 30%-Faktor), der Verletztensituation und dem möglichen Schwächeln eigentlicher Favoriten ab.

Gegen Mainz, dem schwersten Spiel der Saison, weil jeder nach einem Sieg gegen die Bayern drei Punkte gegen Mainz voraussetzt, wird man sehen, ob Hertha Konstanz in die Leistung bekommt. Das Potenzial, das haben die ersten sechs Spiele gezeigt, hat Hertha in diesem Jahr auf jeden Fall. Also: Wann, wenn nicht jetzt…

Wundertüte Hertha

Gibt es eigentlich noch diese Wundertüten, die wir älteren Menschen noch aus ihrer Kinderzeit kennen? Man wusste nicht, was in der Tüte war, riss sie auf und war immer enttäuscht, weil man den Schrott entweder schon kannte oder ihn sowieso nicht gebrauchen konnte. Manchmal war eine kleine Süßigkeit drin, dann war wenigstens nicht alles umsonst.

Die Hertha der Saison 2018/19 kommt mir wie eine Wundertüte vor: Niemand weiß, was das wohl werden wird. Ob Radio, „Fußballwoche“ oder das Magazin „11 Freunde“, keiner traut sich auch nur den Versuch einer Saisonprognose abzugeben. Wie auch? Die Neuverpflichtungen mit dem Ersatzspieler eines Absteigers als Rechtsverteidiger, einem aufstrebenden Zweitligastürmer, einem Stürmertalent aus der zweiten Mannschaft eines englischen Erstligisten und diversen Jungspunden aus dem eigenen Nachwuchs lassen die Fans nicht zu tausenden für Autogrammwünsche anstehen. Es erscheint schwierig, sich vorzustellen, dass sich die Mannschaft mit dieser Art von „Verstärkungen“ in der Tabelle Richtung Nordpol bewegen könnte. Andererseits spricht die Kontinuität, die Trainer und Manager seit Jahren praktizieren (auch wenn diese eher der Not geschuldet als innere Überzeugung ist) für eine eingespielte Mannschaft, was gerade zu Beginn der Saison ein entscheidender Vorteil sein kann. Nicht von ungefähr schnitt Hertha in der ersten Saisonhälfte in den letzten Jahren stets gut ab, um nach der Winterpause immer gnadenlos einzubrechen. Kurz und gut: Man kann nichts sagen, schon gar nicht voraussagen. Unter diesen Umständen wäre die Verbesserung um einen Tabellenplatz, der gleichzeitig in der Sportschau die zuerst gezeigte Tabellenhälfte bedeuten würde, schon ein Erfolg.

Echte Herthaner sind eben bescheiden…