Archiv der Kategorie: Hertha

Herthas Saisonstart macht Appetit auf mehr

Nach sechs Spieltagen in der Fußball-Bundesliga kann man getrost von einem gelungenen Saisonstart von Hertha BSC sprechen. Zwei mitreißende Spiele gegen Gladbach und Bayern, zwei gute Partien in Gelsenkirchen und Wolfsburg und zwei mittelmäßige Leistungen gegen Nürnberg und in Bremen ergeben immerhin 13 Punkte und den dritten Tabellenplatz.

Die Leistungsexplosion bei Duda, die Zuverlässigkeit und Abgeklärtheit eines alten Hasen beim 19-jährigen Maier und die Ballsicherheit und körperliche Robustheit eines Grujic (obwohl auf diese seit Hermanns Körperverletzung eine ganze Weile verzichtet werden muss) ergeben erstmals seit Jahren oder gar Jahrzehnten (Championleague-Saison 1999/2000 mit Wosz, Beinlich und Deisler) ein Mittelfeld, das sich spielerisch hinter keinem in der gesamten Liga verstecken muss. Dazu kommt das rasante Tempo und die Durchsetzungsfähigkeit eines Dilrosun, der schon fast erschreckend an Superstar Mbappé erinnert. Zusätzlich gibt es mit Jarstein einen der besten Torhüter der Liga und mit Rekik einen der sichersten Innenverteidiger. Und fällt der aus, tritt Torunarigha an seine Stelle. Und muss auch der pausieren, ersetzt ihn Lustenberger mit einer 100 %-Zweikampfquote gegen Mönchengladbach. Alles passt momentan zusammen und der verletzte Darida ist noch eine weitere Option für die Zukunft.

Wie vor der Saison prognostiziert, ist die eingespielte Elf ein großer Vorteil und sicher wird die Mannschaft nicht, wie ein Nürnberger Anhänger nach dem etwas holprigen ersten Saisonspiel voraussagte, um den Ligaverbleib zu kämpfen haben. Ob es aber für die Europapokalplätze, Championsleague oder gar Pokalsieg oder Meisterschaft reichen könnte, wird die Zukunft zeigen und hängt natürlich auch von Glück (laut Dardai ein 30%-Faktor), der Verletztensituation und dem möglichen Schwächeln eigentlicher Favoriten ab.

Gegen Mainz, dem schwersten Spiel der Saison, weil jeder nach einem Sieg gegen die Bayern drei Punkte gegen Mainz voraussetzt, wird man sehen, ob Hertha Konstanz in die Leistung bekommt. Das Potenzial, das haben die ersten sechs Spiele gezeigt, hat Hertha in diesem Jahr auf jeden Fall. Also: Wann, wenn nicht jetzt…

Wundertüte Hertha

Gibt es eigentlich noch diese Wundertüten, die wir älteren Menschen noch aus ihrer Kinderzeit kennen? Man wusste nicht, was in der Tüte war, riss sie auf und war immer enttäuscht, weil man den Schrott entweder schon kannte oder ihn sowieso nicht gebrauchen konnte. Manchmal war eine kleine Süßigkeit drin, dann war wenigstens nicht alles umsonst.

Die Hertha der Saison 2018/19 kommt mir wie eine Wundertüte vor: Niemand weiß, was das wohl werden wird. Ob Radio, „Fußballwoche“ oder das Magazin „11 Freunde“, keiner traut sich auch nur den Versuch einer Saisonprognose abzugeben. Wie auch? Die Neuverpflichtungen mit dem Ersatzspieler eines Absteigers als Rechtsverteidiger, einem aufstrebenden Zweitligastürmer, einem Stürmertalent aus der zweiten Mannschaft eines englischen Erstligisten und diversen Jungspunden aus dem eigenen Nachwuchs lassen die Fans nicht zu tausenden für Autogrammwünsche anstehen. Es erscheint schwierig, sich vorzustellen, dass sich die Mannschaft mit dieser Art von „Verstärkungen“ in der Tabelle Richtung Nordpol bewegen könnte. Andererseits spricht die Kontinuität, die Trainer und Manager seit Jahren praktizieren (auch wenn diese eher der Not geschuldet als innere Überzeugung ist) für eine eingespielte Mannschaft, was gerade zu Beginn der Saison ein entscheidender Vorteil sein kann. Nicht von ungefähr schnitt Hertha in der ersten Saisonhälfte in den letzten Jahren stets gut ab, um nach der Winterpause immer gnadenlos einzubrechen. Kurz und gut: Man kann nichts sagen, schon gar nicht voraussagen. Unter diesen Umständen wäre die Verbesserung um einen Tabellenplatz, der gleichzeitig in der Sportschau die zuerst gezeigte Tabellenhälfte bedeuten würde, schon ein Erfolg.

Echte Herthaner sind eben bescheiden…

Saison 2017/18: Gut oder schlecht für Hertha?

Fangen wir mal so an: Unter Kontinuität, oft gefordert was Trainer und Spieler angeht, stellen wir uns etwas anderes vor, als sich im letzten Heimspiel immer mit einer 2:6-Klatsche in die Sommerpause zu verabschieden. Voriges Jahr Leverkusen, diesmal Leipzig und nächstes Jahr? Zumindest nicht HSV- den schlug man früher auch schon mal mit 6:0 – schöne Zeiten, vier Tore von Bart Goor!

Die Saisonzahlen im Einzelnen:

Während im vorigen Jahr noch 49 Punkte geholt wurden, waren es diesmal nur 43. Das lag vor allem daran, dass viel häufiger Unentschieden gespielt wurde, nämlich 13 mal statt 4 mal in der vorigen Saison. Denn insgesamt ist die Bilanz auch wieder (fast) ausgeglichen: 10-13-11 (Sieg-Unent-Niederl.) im Vergleich mit 15 – 4 – 15. Ulkigerweise ist das Torverhältnis annähernd identisch: 16/17 waren es 43:47 Tore und 17/18 43:46, also sogar eine Idee besser. Man kann also auf Saisonsicht nicht sagen, dass der Sturm schlechter oder die Abwehr besser war, nein es waren die engen Spiele, die man im vorigen Jahr noch positiv, meist mit einem Tor Unterschied, beendete. Auffällig ist natürlich, dass im Vorjahr noch 12 Heimspiele gewonnen wurden, dieses Jahr nur noch 5. Als kleinen Ausgleich dafür gab es in dieser Saison keinen Auswärtsfluch mehr: nur 6 Niederlagen (viele davon äußerst unglücklich und knapp) gegenüber 11 im letzten Jahr. Aber war für Siege! 3:2 in Unterzahl in Leipzig, 2:0 in Leverkusen  und dass der HSV den verdienten Gang in die 2. Liga antreten muss, liegt auch am 2:1-Sieg vor wenigen Wochen in Hamburg! Gut gemacht, Herthaner!

Was bleibt als erstes Fazit? Eine durchschnittliche Saison, in der das Ziel des Managers Preetz, ein Platz unter den Top 10, punktgenau erreicht wurde. Andere Mannschaften, die erstmals seit langer Zeit wieder europäisch aktiv waren, sind schließlich abgestiegen. Es hätte also schlimmer kommen können. Aber in der Zukunft, die ja Herthas Werbeexperten zufolge Berlin gehört, darf’s gerne wieder ein Achtel mehr sein. Und wenn Pal Dardai, wie man in dieser Spielzeit des Öfteren den Eindruck hatte, mit seinem Latein am Ende ist und keine neuen Ideen mehr hat, darf er sich auch nach dann viereinhalb recht erfolgreichen Jahren (Kontinuität!) nach der nächsten Saison mit ein paar Millionen mehr auf dem Konto wieder aus der ersten Reihe zurückziehen und seiner geliebten Jugendarbeit zuwenden. Voraussetzung wäre aber, dass man einen sehr guten Nachfolger fände! Vielleicht Nico Kovac nach seinem Bayern-Gastspiel. Oder doch Zecke Neuendorf? Langweilig wäre es mit ihm bestimmt nicht!

Einmal Herthaner – immer Herthaner

Obwohl sich die Überschrift wie der traditionsselige Slogan von Ostkurvenultras anhört, haben wir am vergangenen Sonnabend den Wahrheitsgehalt dieses Spruches hautnah erleben dürfen:

Christoph Janker, der es in sechs Spielzeiten zwischen 2010 und 2015 auf 38 Erstliga- und 9 Zweitligaeinsätze für Hertha brachte, schaffte es, seiner großen blauweißen Ex-Liebe innerhalb von 10 Einsatzminuten (einschließlich 2 Minuten Nachspielzeit) zwei Tore auf dem Silbertablett zu servieren. Schade, denkt da der Mathematiker, dass Augsburg Trainer nicht früher auf die Idee kam, die Defensive mit Janker zu stärken, es hätte einen hohen Sieg für Hertha geben können. Aber man soll nicht undankbar sein.

Janker war stets ein zuverlässiger, solider Erstligaspieler, der sicher auf mehr Einsätze gekommen wäre, wenn er sich nicht häufig so schwer verletzt hätte. Dass sich soziales Verhalten auch auszahlen kann, zeigt jetzt Jankers Dankbarkeit, denn Herthas Geschäftsführung hatte lange an Janker festgehalten, als andere Vereine den Dauerverletzten längst nach Österreich oder Thailand abgeschoben hätten. Ein Festhalten im Strafraum gegen Selke, der wie immer mit seinem Arm nach hinten stieß und ein Angebot zum Tunneln, als Selke einen Übersteiger verstolperte und plötzlich frei vorm Tor stand. Das muss man in so kurzer Zeit auch wollen, damit es klappt. Und wenn nicht Spielverderber Heller in der 90. Minute den Hertha-Konter auf Kosten einer roten Karte unterbunden hätte, wäre Janker sicher etwas eingefallen, um den 3:2-Sieg in trockene Tücher zu wickeln.

Wenn der unerwartete (und letztlich auch unverdiente) Punkt wider Erwarten doch noch zum Erreichen des 7. Tabellenplatzes und damit zur Europa-League-Qualifikation reichen sollte, müsste man schon eine angemessene Punktprämie nach Augsburg schicken. Im Gegenzug müsste Janker aber auch verraten, an welcher Körperstelle er sein blau-weißes Fahnen-Tattoo versteckt hat…

P.S.: In der Rückrunde hat Hertha jetzt schon 19 Punkte geholt, so viel wie bisher in Dardais bester Amtszeit, im Vorjahr. Und noch ist die Saison nicht beendet. Frage: Spielen bei Hannover und Leipzig eigentlich auch irgendwelche Exherthaner?

P.P.S.: Für alle Freunde der Nationalelf: Schade, dass Gnabry und Stindl für die WM in Russland definitiv ausfallen. Die Frage aber ist: Wann verletzt sich eigentlich Marco Reus? Viel Zeit hat er nicht mehr…

 

Herthas Chance in Frankfurt und der Rückrundenfluch

Jetzt kommen doch die ersten Radioreporter tatsächlich mit der Frage heraus, ob Hertha, wenn sie denn in Frankfurt gewinnt, doch noch eine Europapokalchance hat. Gemeint ist zwar nicht der Gewinn eines Pokals, sondern lediglich die Möglichkeit einer Teilnahme an einer Qualifikation zur Europa-League, aber selbst diese Idee muss dem Hirn eines Phantasten entspringen. Wenn man in Gladbach gewonnen hätte…ja, dann sähe die Welt ganz anders aus. Bei sieben Punkten Rückstand auf den siebenten Platz, den netterweise die Frankfurter Eintracht innehat, und zwölf zu vergebenden Punkten, ein unwahrscheinliches Szenario. Nach einem Sieg in Frankfurt wären es natürlich nur noch vier Punkte Rückstand bei neun noch zu holenden Punkten. Aber eher steigt der HSV nicht ab, als dass Hertha diesen Rückstand aufholt.

Kann Hertha denn überhaupt in Frankfurt gewinnen? Je nachdem, wie lange die Hessen ihren Pokalendspieleinzug nach dem Sieg in Gelsenkirchen gefeiert haben… Und ob der „Fokus“ auf die schnöde Bundesliga überhaupt noch vorhanden ist… Und ob Kovac die Mannschaft nach seinem Abgang zu den Bayern überhaupt noch erreicht….So viele Fragen, so wenige Antworten, was ja das schöne beim Fußball ist. Herthas Auswärtsbilanz kann sich in dieser Saison auf jeden Fall sehen lassen. Mit 4 Siegen, 6 Unentschieden und 5 Niederlagen ist die Auswärtsbilanz fast so stark wie die Heimspielbilanz.

Und wie sieht’s überhaupt in der Rückrunde aus?  In 13 Spielen hat Hertha bislang 15 Punkte geholt.

In den Vorjahren sah es, seit Pal Dardai Trainer ist, folgendermaßen aus: Vom 18. bis zum 30. Spieltag der Saison 14/15 holte Hertha 16 Punkte, danach 17 Punkte, dann 19 Punkte und in dieser Saison 15 Punkte. Der Rückrundenfluch ist also auch in diesem Spieljahr Fakt, kann aber in den letzten vier Spielen noch gebrochen werden, denn in den vergangenen drei Jahren holte Hertha in den vier letzten Begegnungen nur noch 1 – 1 – 3 Punkte. Das kann diesmal gaaaanz anders werden, auch wenn es für einen Platz „in Europa“ nicht mehr reichen wird. Na und?

Die Statistik im Einzelnen:

14/15 Hinrunde: 18 P. – Rückrunde: 17 P.  Gesamt 35 P. Platz 15

Spieltag 18 bis 30: 16 P..

15/16 Hinrunde: 32 P. – Rückrunde: 18 P.  Gesamt 50 P. Platz 7

Spieltag 18 bis 30: 17 P.

16/17 Hinrunde: 30 P. – Rückrunde: 19 P.  Gesamt: 49 P. Platz 6

Spieltag 18 bis 30: 16 P.

17/18 Hinrunde: 24 P. –  Rückrunde:  ?         Gesamt:   ?    Platz ?

Spieltag 18 bis 30: 15 P.

 

Mal sehen, mit welchen Zahlen die Fragezeichen in drei Wochen ersetzt werden können…

Wer ist eigentlich Herthas Rekordtorschütze?

Natürlich, wird jeder sagen, dem blauweißes Blut durch die Adern rauscht und dem obige Frage gestellt wird, dass Michael Preetz mit 84 Treffern vor Denkmal Ete Beer mit 83 Toren in der internen Erstligatorschützenliste führt. Soweit so richtig. Dass Lorenz Horr (75), Marcelinho (65) und Marco Pantelic (45) in der Rangliste folgen, werden nicht alle wissen. Und eine lebenslang gültige Dauerkarte würde derjenige gewinnen (vorausgesetzt, es gäbe ein entsprechendes Preisrätsel), der wüsste, dass Erwin Hermandung, seines Zeichens eher kantiger Mittelfeldrecke in der Art Per Skjelbreds, 34 Tore erzielt hat und mit Karl-Heinz Granitza einen ehrenwerten 6. Platz einnimmt.

Ein anderes Bild erhält die Rangfolge, wenn man die Anzahl der erzielten Tore mit der Anzahl der Spiele in Beziehung setzt. Ein gewisser Pal Dardai ist immerhin 19. mit 17 erzielten Treffern, er benötigte dafür allerdings 276 Spiele, was einen eher unterdurchschnittlichen Koeffizienten von 0,06 ergibt.

And the winner is: Erwin Kostedde, der einen Gerd-Müller-ähnlichen Schnitt von 0,54 hat. Leider hat er aber nur 26 Spiele für Hertha absolviert; wenn er bei gleichem Torerfolg länger bei Hertha gespielt hätte, wäre eine Deutsche Meisterschaft in den Siebzigern möglich gewesen. Olle Kamellen. Wie ist die weitere Rangliste?

Zweiter ist Karl-Heinz Granitza (0,47) vor Michael Preetz (0,43), Christian Gimenez (0,43), den die Entscheidungsträger unverständlicher Weise nach einer Saison abgaben, Marcelinho (0,42), Andrej Voronin (0,41), Marco Pantelic (0,39), Vedad Ibisevic (0,38), Detlev Szymanek (0,38), Adrian Ramos (0,35) und Salomon Kalou (0,32) sowie (endlich) Ete Beer (0,32). Viele andere große Namen der Hertha-Bundesligageschichte wären noch zu nennen.  Lorenz Horr (0,31), Wolfgang „Mozart“ Gayer (0,31), Alex Alves (0,31), Kudi Müller (0,26), Helmut Faeder (0,25), Raffael (0,21) und viele andere mehr.

Ein Julian Schieber hat übrigens auch die erstaunliche Quote von 0,25. Über eine Vertragsverlängerung sollte man zumindest nachdenken…

Hat Hertha gegen Freiburg eine Chance?

Grundsätzlich muss man natürlich zugeben, dass Hertha in einem Heimspiel gegen die Tannenzäpfletrinker eine Chance hat, wenn auch eine sehr kleine, da es sich um ein Heimspiel handelt! Auswärts hat Hertha in dieser Saison das gemacht, was Trainer Dardai seit drei Jahren predigt: Gelernt. Während in den letzten Jahren Auswärtsspiele beinahe grundsätzlich nicht gewonnen wurden, wird in dieser Saison ebenso selbstverständlich kaum verloren, und wenn doch, so äußerst unglücklich: Nur vier von 13 Auswärtspartien hat Hertha verloren (bei drei Siegen und sechs Unentschieden), nämlich in Dortmund (als diese zu Saisonbeginn jede Mannschaft vom Platz fegte), in Mainz durch einen umstrittenen Elfmeter, in Stuttgart nach starker Leistung durch ein Eigentor und jetzt auf Gelsenkirchen nach ebenfalls überzeugendem Spiel.

Die einstige Hochburg Olympiastadion dagegen wurde von den Gastmannschaften nicht geschliffen, wie es manchmal falsch heißt, wohl aber geschleift, wie man es mit einer Festung zu tun pflegt, wenn man die Mittel hat. Und die hat fast jeder Verein, wenn der Trainer seine Mannschaft taktisch vorbereitet und nicht nur „Spuilts halt Fußball“ sagt. Hertha kann das Spiel nicht „machen“, was man zuhause aber können sollte, weil die Kreativkräfte fehlen. Arne Meier ist noch nicht ganz so weit und Duda, der gestalten könnte, scheint sich nicht durchzusetzen (war aber häufig verletzt, vielleicht wird’s noch was). Und da Freiburg bei Hertha sowieso oft gut ausgesehen hat (voriges Jahr Herthas Siegtor erst glücklich in der Nachnachspielzeit), sollte man Herthas Sponsor unterstützen und 50 € auf Freiburg setzen. Was ihm allerdings auch schaden wird, da er einen Gewinn auszahlen muss.

Da auf Hertha aber in letzter Zeit kein Verlass mehr ist, was die Voraussagen betrifft, kommt diesmal vielleicht alles ganz anders. Und die alte Dame schlägt Freiburg. Und baut danach den HSV auf. Und…

Die Regelauslegung des passiven Abseits‘

Pech für Hertha: Der Videoassistent entschied im Spiel gegen Hoffenheim, dass Nico Schulz im passiven Abseits stand, als ein Flankenschuss in seine Richtung abgegeben wurde, weil er das Spielfeld verlassen hatte. So weit, so eindeutig. Als Niclas Stark den Ball stoppte (hätte er ihn ins Aus durchrutschen lassen, hätte es Einwurf für Hertha gegeben) ergab sich eine neue Spielsituation, sodass Schulz wieder ins Spiel eingreifen konnte. Entscheidend ist, ob er das Spielfeld wieder betrat, bevor Stark den Ball berührte (dann wäre aus seinem passiven nämlich ein aktives Abseits geworden) oder erst danach. Wenn man das Fernsehbild im Einzelbildmodus laufen lässt, erkennt man, dass beide Vorgänge (also Starks Ballberührung und Schulz’ Platzbetreten) gleichzeitig ablaufen, also eine Hundertstelsekundenentscheidung. Insofern lagen Schiedsrichter und Videoassistent nicht falsch. Fraglich ist nur, ob der Sinn der Regel richtig angewandt wurde. Nico Schulz hat sich, als er sich von hinten aus dem Aus in Starks Rücken an ihn heranschlich, einen großen Vorteil verschafft. Stark konnte ihn ja erst im letzten Moment sehen und das Bein, das Schulz’ Schienbein traf, wollte eigentlich den Ball schlagen, den dieser aber Sekundenbruchteile vorher weggespitzelt hatte. Schulz hat also einen doppelten Vorteil gegenüber dem Herthaspieler gehabt: Zuerst wurde nicht Abseits gepfiffen und dann durfte er „hinterlistig“ denn Ball erobern. Das kann nicht der Sinn der Regel sein!

Nur zur Erinnerung: Als Hertha im Frühjahr 2010 die Aufholjagd gegen den Abstieg startete (und am vorletzten Spieltag verlor) wurde im Heimspiel gegen Borussia Dortmund ein Tor von Theofanis Gekas nicht anerkannt, weil er bei einer Flanke, die in den Strafraum kam, im Abseits stand, passiv wohlgemerkt, weil er an den Ball nicht herankam. Nachdem ein Dortmunder Spieler den Ball berührt hatte, schoss Gekas den Ball ins Tor, das nicht gegeben wurde, weil angeblich aus dem passiven ein aktives Abseits wurde. Entsprechend dem “Fall“ Schulz hätte man sagen müssen: „Neue Spielsituation!“  Hertha spielte 0:0 gegen Dortmund und verlor zwei wichtige Punkte im Abstiegskampf. So ändern sich die Zeiten! Oder soll man sagen: So ändern sich die Regeln? Oder soll man sagen: Es kommt drauf an, gegen wen eine bestimmte Regel ausgelegt wird…?

Das viele Geld im Markt und Herthas Transferpolitik

Die Winterpause ist vorbei und Hertha verliert. Eigentlich ist alles  wie immer! Oder sagen wir nicht immer, sondern wie so häufig in den letzten Jahren. Trotzdem hat Hertha in Stuttgart zufriedenstellend gespielt und hätte niemals als Verlierer vom Platz gehen dürfen. Sollte vielleicht doch noch auf dem Spielermarkt nach Verstärkungen geforscht und gegebenenfalls zugeschlagen werden? Bloß nicht! Herthas Kader ist mit 28 Spielern (nach Stockers Abgang) zwar nicht aufgebläht, wohl aber groß genug um die Europa- und DFB-pokalfreie Rückrunde absolvieren zu können. Und wenn mich nicht alles täuscht, wird diesmal alles ganz anders kommen…

Hertha hat in den vergangenen Jahren im großen und ganzen eine vernünftige und meist erfolgreiche Transferpolitik betrieben. Nicht zehn bis vierzehn Zu- und Abgänge vor Saisonbeginn sondern drei, vier Spieler, die das gewachsene Gefüge ergänzen sollten, was sehr oft gelungen ist. Ob Jarstein, Weiser, Rekik, Stark, Plattenhardt und viele andere: alles Volltreffer. Das gelingt nicht jedem Manager.

Ein Grund für die hohe Transferzahl bei vielen Vereinen, die ja auch von den Spielern, die sich finanziell verbessern wollen, bestimmt wird, ist natürlich das viele Geld im Markt, wie Fredi Bobic in einem Interview erklärte. Interessant seine Äußerung, dass Spieler heute nur durchschnittlich ein bis zwei Jahre bei einem Verein bleiben. Gefühlt ist das bei Hertha anders. Untersuchen wir mal die Fakten:

Wenn man die vereinseigenen Daten aus der Hertha Homepage zugrunde legt, erhält man eine durchschnittliche Vereinszugehörigkeitsdauer von 2,5 Jahren. Die Zahlen bewegen sich zwischen einem halben Jahr (Leckie, Selke, Lazaro, Rekik, Klinsmann) und den zehneinhalb Jahren von Fabian Lustenberger. Bei den jungen Spielern (Mittelstädt, Baak, Meier, Kade und Torunarigha) wird der Erhalt eines Profivertrages gewertet. Rechnet man jedoch mit der wahren Zugehörigkeitsdauer dieser Spieler (Meier: 10 Jahre, Torunarigha 11,5 Jahre u.s.w.), kommt man auf 4,1 Jahre durchschnittlicher Zugehörigkeit zum Verein. Das kann man doch gewiss, wenn man es mit Bobics Aussage vergleicht, als Zeichen von Kontinuität werten.

Und da sich diese gute, den Wünschen der meisten Anhänger entsprechende, Politik irgendwann auszahlen müsste, wird diese Rückrunde auch ganz anders als die letzten werden. Aber so gut und erfolgreich sie vielleicht auch sein mag, eins ist leider totsicher: Deutscher Meister wird nur der ÄffZehBee…

Herthas Kampf in Leipzig und die Erfolgsbilanz von Pal Dardai

Ein denkwürdiges Spiel. Nicht nur, dass man im „Kugelblitz“ im Wedding für jedes Auswärtstor ein blau-weißes Getränk offeriert bekommt (Bols Blau mit Sahnehaube!), was auch fast in ein komatöses Trinken ausgeartet wäre – nein, ein Spiel, das sowohl 6 : 3 für Leipzig als auch 5 : 0 für die dezimierte Hertha hätte ausgehen können, ohne dass irgendjemand etwas dagegen hätte einwenden können, sieht man wirklich nicht alle Tage. Leicht untertrieben: Ein Spiel, das bestimmt in die Top 20 von 1165 Hertha-Spielen seit 1963 einzuordnen ist! Alle diese Schubladenbegriffe: Aufopferungsvoller Kampf, einer für den anderen da, David gegen Goliath, unmögliches möglich machen, Sensation. Hört sich meist blöd an, trifft hier aber zu. Wie sich Lustenberger und Stark in die Zweikämpfe warfen (immer fair!), wie Selke die Konter ausspielte, wie Lazaro in der zweiten Hälfte verteidigte – all das war einfach unglaublich. Und wenn Selke wirklich frei aufs Tor zulaufend nicht an den Pfosten geschossen hätte und Arne Meier nicht frei vor dem leeren Tor ausgerutscht wäre…nicht zu glauben!

Und was sagen eigentlich alle die Besserwisser, die sich schon nach einem Nachfolger für Pal Dardai umgehört haben und mit Namen jonglierten? Hoffentlich ruhig gestellt nach einer der längsten Auswärts-ungeschlagen-Serien in Herthas Bundesligageschichte: Freiburg 1:1, Wolfsburg 3:3, Köln 2:0, Augsburg 1:1 und nun als Krönung Leipzig 3:2.

Überhaupt Dardai: Natürlich ist Herthas Fußball nicht immer brilliant anzusehen, aber er und Widmaier fordern taktisch genau das, was die Mannschaft kann. Aus einer meist soliden Abwehr heraus mit einem kampfstarken Mittelfeld (Skjelbred!) Ballbesitz haben und zu Torchancen kommen. Das funktioniert mal gut, mal schlechter, entsprechend Herthas finanziellen Möglichkeiten. Leipzig hat vor der Saison mal eben 35 Millionen investiert (nach 60 Mio. im Vorjahr), Hertha 14 Millionen.

Dardai hat gegen Leipzig sein hundertstes Spiel als verantwortlicher Cheftrainer absolviert und seine Bilanz kann sich sehen lassen: 39 Siege, 23 Unentschieden und 38 Niederlagen bei 123 : 128 Toren, was 140 Punkte ergibt. Das macht nach Adam Riese 1,40 Punkte pro Spiel und ist damit besser als der Gesamtschnitt aller 34-einhalb Bundesligajahre (1571 Punkte in 1165 Spielen = 1,35 Punkte pro Spiel). Natürlich nur eine Zahlenspielerei, aber immerhin. Außerdem ist Pal Dardai jetzt schon der Trainer mit den fünftmeisten Spielen in Herthas Bundesligageschichte. Nach zwei Spielen hat er Georg Kessler (102) und nach fünf Spielen Falko Götz (105) eingeholt. Nur die Ikonen Jürgen Röber (206) und Fiffi Kronsbein (311) stehen dann noch vor ihm! Interessant vielleicht noch für Statistik-Fetischisten: Unter Dardai gab es durchschnittlich 1,23 : 1,28 Tore pro Spiel. Wenn man alle 1165 Spiele betrachtet gab es bei Hertha 1,42 : 1,52 Tore. Heißt: Stabile Defensive, aber auch ausbaufähige Offensive. Wobei zu berücksichtigen ist, dass in den Siebziger- und Achtzigerjahren insgesamt deutlich mehr Tore erzielt wurden (im Tausenderbereich pro Saison, heute im oberen Achthunderterbereich).

24 Punkte nach der Hinrunde hören sich wie ein Rückschritt an, nach 32 und 30 Punkten in den beiden Vorjahren. Wenn man aber die Spiele gegen die gleichen Gegner einzeln nach Heim- und Auswärtsspielen untersucht, stellt man fest, dass Hertha im Vorjahr genau bei 24 Punkten stand. Wenn jetzt mal eine gute Rückrunde folgt, ist nach oben hin, bei vier Punkten Rückstand auf die Champions-League, alles drin…