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Lügt die Tabelle wirklich?

Zeigt die Tabelle nach dem ersten Spieltag schon eine gewisse Wahrheit oder lügt sie, wie immer wieder unreflektiert übernommen wird? Hertha auf Platz 9, Union am Tabellenende und Dortmund auf dem Schalenplatz. Könnte sein, dass es wirklich so kommt, aber wer will darauf wetten? Am wenigsten wahrscheinlich scheint mir der 18. Platz von Union, obwohl die Köpenicker ja gerade abgewatscht wurden. Aber wurde das Hertha von Leipzig nicht auch regelmäßig ohne deshalb an Abstieg zu denken? Leipzig ist wahrlich nicht der Maßstab, an dem man Union messen sollte. Im Auswärtsspiel gegen Augsburg können die Rot-weißen zeigen, ob sie in der Liga ernst genommen werden müssen. Tennis Borussia startete einst mit einem 0:5 in Braunschweig, um am zweiten Spieltag Werder Bremen mit 4:0 nach Hause zu schicken. Allerdings stiegen die Veilchen damals am Ende trotz Karl-Heinz Schnellinger ab. Das muss kein Vorbild sein.

Vorbildlich in der Einstellung ist Hertha in München aufgetreten. Die Herthaner haben  zwar Glück gehabt, ganz unverdient war der Punkt aber nicht. Interessant, und in der heutigen Zeit eigentlich gar nicht mehr möglich, ist die Tatsache, dass in der Anfangsformation kein einziger neuer Spieler stand. Das zeigt den seit Jahren festzustellenden Trend zur Kontinuität bei Hertha, was ja den großen Vorteil einer eingespielten Mannschaft zur Folge hat. Andererseits ist die Handschrift des neuen Trainers schon in Ansätzen sichtbar: Zumindest im Pokal wurde wirklich schnell nach vorne gespielt und dies nicht nur angekündigt. Bei den Bayern gibt es leider nicht so viele Möglichkeiten dem Willen auch Taten folgen zu lassen. Lustig übrigens die taktische Anweisung aus dem Herberger-Fundus der Fünfzigerjahre an Stark, dem Gegenspieler zu folgen, „auch wenn er auf die Toilette geht“. Lewandowski musste zwar leider nicht auf den Pott, aber wenn er sich in die eigene Hälfte zurückfallen ließ, ging Stark hinterher. Dass er vor dem 0:1 der Gelackmeierte war, weil er Lewandowski beim 60-Meter-Rückweg aus den Augen verlor, schmälert seine großartige Leistung ein wenig, lässt aber auf weitere lustige Experimente von Ante Covic hoffen. Vielleicht wird gegen Wolfsburg der gute alte Doppelstopper, mit dem Hertha 1963 in der Bundesliga begann (der Mittelstürmer Harald Beyer verfügte sich nach dem Anstoß Richtung eigenes Tor und spielte dort eine Art Libero-Vorläufer) aus der Versenkung geholt. Ibisevic gäbe sicher einen interessanten Abwehrspieler ab, andererseits hat er schon vier Platzverweise auf seinem Konto, das er in diesem Falle sicher alsbald aufstocken würde. Also lassen wir ihn lieber weiter Tore schießen, notfalls wieder mit dem Rücken.

Wenn gegen Wolfsburg gewonnen wird, was keineswegs sicher ist, kann die Saison einen ungeahnt positiven Verlauf nehmen, aber wie oft haben wir das bei Hertha schon gedacht…

Ende der Sommerpause – der Stress geht wieder los

Ante Covic beklagte sich nicht, er stellte nur fest: Ungünstig, dass von den ersten vier Spielen drei auswärts stattfinden werden. Um dann sofort hinterherzuschieben, dass es dementsprechend in der Rückrunde drei Heimspiele geben wird. Ob da der Ansetzer ein sogenanntes Näschen hatte, um Herthas Rückrundenfluch auf diese Weise vielleicht den Garaus zu machen?  Aber wer weiß: Es kann durchaus sein, dass die neue Hertha in dieser Saison, in der ja alles neu sein wird, auswärts stärker als im Olympiastadion, das seit einiger Zeit systematisch schlechtgeredet wird, ist und demnach wieder einen Nachteil im neuen Jahr haben wird. Man weiß es nicht, wie man überhaupt nichts weiß. Wir kennen die Stammformation nicht, wir kennen die Taktik nicht, wir kennen die Spielphilosophie nicht (na ja, nicht ganz, Covic sagte mal nebenbei, er wolle mit den jungen Wilden schnell spielen lassen, was immer das bedeutet. Hat schon mal ein Trainer behauptet, er wolle langsam spielen lassen?). Also müssen wir abwarten und sehen, ob Hertha im Pokal gegen Eichstätt, einen Gegner, gegen den man früher auch gerne mal gestolpert wäre, einen sauberen Sieg hinlegt, um dann in Bayern eine Woche später Fußballdeutschland im Saisoneröffnungsspiel zu verzücken…Immerhin gibt es deutschlandweit vielleicht zum ersten Mal eine ganze Menge Daumendrücker für die Alte Dame. Da heißt es, die Situation ausnutzen und Sympathiepunkte sammeln. Am Besten, indem man einen oder drei Punkte aus München mitbringt. Und wenn nicht? Das wäre der Normalfall, weshalb es ja auch nicht, wie Covic sagte, das schwerste, sondern das leichteste Saisonspiel ist. Eine Niederlage würde einem niemand übelnehmen. Nur allzu heftig sollte es nicht werden, junge Wilde hin oder her. Wenn nämlich dann im ersten Heimspiel nicht gewonnen werden sollte, ginge sofort die „Trainerdiskussion“ los. Wette gefällig?

Eisern Union – Urlaub von Liga 2?

Tatsächlich haben die „Eisernen“, die sich so nennen dürfen, auch wenn von den Spielern kein einziger jemals eine Schlosserwerkstatt von innen gesehen hat, den VfB Stuttgart in die 2. Liga geschickt. Sie selber haben jetzt, wie Präsident Dirk Zingler unlängst anmerkte, ein Jahr Urlaub von der 2. Liga. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Mit dem ekstatischen Publikum spielt Union praktisch immer mit zwölf gegen elf und warum sollten die Köpenicker nicht zuhause acht Spiele gewinnen? Wenn dann noch drei Heimunentschieden, zwei überraschende Auswärtssiege und drei Unentschieden auf fremden Plätzen dazukommen, steht man am Saisonende bei 36 Punkten, was für den Klassenerhalt durchaus ausreichen könnte. Allerdings wird man nicht immer, wie im Rückspiel gegen Stuttgart, im Pokalmodus spielen und 120 % Energie abrufen können. Die spielerischen Mittel sind doch teilweise, was Erstliganiveau angeht, ausbaufähig und die Zahl der Fehlpässe lag in der Relegation in der Nähe der 50-Prozent-Marke. Aber Union hat alle Zeit der Welt, um sich punktuell, vor allem was die Spielkultur angeht, zu verstärken. Den Fehler, die Aufstiegsmannschaft zu zerpflücken und Neuverpflichtungen gleich im Dutzend zu tätigen, haben vor Union schon andere Mannschaften gemacht und meist bitter bereuen müssen. Obwohl die Fernsehgelder reichlich sprudeln werden und Union sowieso nicht der völlig andere Club ist, als der er sich gerne darstellt, sollten die Verantwortlichen, wenn der erste Aufstiegskater auskuriert ist, auf dem Boden der Tatsachen bleiben und solide und bodenständig planen. Dann kann aus dem Urlaubsjahr vielleicht auch ein Lebensabschnitt werden. Berlin wird zwei Erstligisten auf jeden Fall gut verkraften können.

Saisonfazit unter Vorbehalt

Nur nicht wieder 2:6! Darauf scheint es im letzten Spiel der Saison 2018/19, die für Hertha so vielversprechend begann und zwischenzeitlich so enttäuschend war, hinauszulaufen. 19 Punkte hat Hertha in der Rückrunde bisher geholt, damit steigt man normalerweise nicht ab, kann aber auch nicht an Europas Türen klopfen. Und wenn es wider Erwarten 20 oder gar 22 Punkte werden, dann war das die beste Rückrunde unter Pal Dardai:

14/15   Hin 18             Rück 17          = 35 P.            13. Platz

15/16   Hin 32             Rück 18          = 50 P.                7. Platz

16/17   Hin 30             Rück 19          = 49 P.                6. Platz

17/18   Hin 24             Rück 19          = 43 P.              10. Platz

18/19   Hin 24             Rück 19-22     = 43-46           10-11.Platz

Dass die Ablösung Dardais (von Entlassung will ja niemand reden) nach seiner besten Rückrunde und der spielerisch besten Vorrunde erfolgt,  ist natürlich eine bizarre Ironie des Schicksals.

Auch die minimalen Steigerungen in den Rückrunden können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht recht aufwärts geht mit der blauweißen Hertha. Ob es nur am knappen Geld oder der angeblich mäßigen Stimmung im zu zweidrittel besetzten Stadion liegt, wer kann das schon mit Gewissheit sagen. Vielleicht wird man sich noch mit Sehnsucht an die Qualitäten des Duos Dardai/Widmeyer erinnern. Aber eventuell wird Ante Covic auch wieder etwas Schwung in den zuletzt doch arg stotternden Hertha-Motor bringen. Andererseits hätte man auch das Pokalfinale bis zur Benennung eines neuen Trainers abwarten können, denn wenn Bayern sowohl Meisterschaft als auch Pokal nicht gewinnt, wäre mit Nico Kovac ein Trainer mit echtem Hertha-Gen auf dem Markt im Sonderangebot zu haben gewesen. Kovac hat von 1991 bis 1996 und später von 2003 bis 2006 insgesamt 225 Spiele für Hertha bestritten, davon 75 in der 1. Liga. Aber was jetzt nicht ist, kann ja noch werden. Hoffen wir erstmal auf einige Jahre offensiven Covic-Fußball mit vielen jungen Berliner Spielern…

Saisonendspurt im Joggingtempo

Immerhin: Hertha hat sich nicht, wie von vielen befürchtet, bis zum Saisonende hängen lassen, sondern in Frankfurt einen Punkt der Extraklasse erkämpft. Betonung auf „erkämpft“, was ja bedeutet, dass die Einstellung der Mannschaft stimmt, allen voran der bis zum Umfallen fightende Wikinger Skjelbred. Man könnte zwar mäkeln, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn Per Skjelbred seit einigen Spielen stets (auch spielerisch!!) bester Herthaner ist. Aber er kann halt nicht anders, genauso wie früher ein kleiner Kämpfer namens Pal Dardai. Hoffentlich wird der Vertrag mit dem Norweger verlängert, kann man da nur dem Manager zurufen. Aber im Großen und Ganzen weiß ja der Preetzer, was er zu tun hat.

Das Spiel gegen Stuttgart wird sicher das schwerste der drei noch ausstehenden Partien, danach muss man nach Augsburg, das wird wahrscheinlich auch das Schwerste und gegen Leverkusen, im letzten Heimspiel der Saison, kommt natürlich das schwerste Match, denn man will die 2:6-Heimniederlagenserie der letzten beiden Jahre auf jeden Fall verhindern (eine knappe Niederlage wäre da schon als Erfolg zu werten). Drei jeweils schwerste Spiele und zum Glück hat Stuttgart bereits das letzte Spiel gewonnen, sonst wären sie mit Sicherheit gegen Hertha dran. So ist ein Unentschieden wahrscheinlich, mit endlich mal wieder etwas Glück, das gegen Bremen, in Freiburg, gegen Dortmund und auch in Frankfurt fehlte, könnte auch ein Sieg für die Blauweißen verbucht werden. Leider spielt Berthold bei Stuttgart nicht mehr: Der stets in Berlin erfolgte Platzverweis garantierte vor vielen Jahren immer einen Hertha-Sieg…

Saisonziel nicht erreicht – wer ist schuld?

Nicht sechs Niederlagen, wie es Pal Dardai erwartete, sondern „nur“ fünf reichten, um den viereinhalb Jahre lang erfolgreich ausgeübten Job als Trainer bei Hertha BSC zu verlieren. Immerhin wahrte man den Schein des versöhnlichen Endes, indem man Dardai bis zum Saisonende weitermachen lässt, aber was eine lame duck ist, weiß man nicht nur aus der Politik. Zum Glück kann Hertha nichts mehr passieren, weil in dieser sonderbaren Saison drei Teams völlig aus dem Raster fallen. Normalerweise wäre man vier Spieltage vor Schluss mit 36 Punkten noch längst nicht gerettet, da ja eigentlich erst die magische 40-Punkte-Grenze den Abstieg ausschließt. Und das nach dem fulminanten Start von Hertha, der spielerisch sogar von  mehr als nur der Champions-League-Teilnahme träumen ließ. Aber, und das liebt ja der gemeine Hertha-Anhänger, bisher hat es Hertha noch immer geschafft, Träumer auf den harten Boden der Realität zurückzuholen. Und irgendwie wäre es auch schade, wenn irgendeine unglaubliche Konstellation das schon mit langfristiger Vorfreude erwartete 100-Jahr-Jubiläum der ersten deutschen Meisterschaft im Jahre 2030 verhindern würde. Nein, im Leiden liegt die wahre Natur des Fußballfans, kurzzeitige Erfolgserlebnisse, wie Siegesserien von drei Spielen oder fünf nicht verlorene Spiele gegen Bayern München hintereinander (das kann nicht einmal Real Madrid für sich beanspruchen!) sind nur die Ausnahmen von der traurigen Regel. Wie schon Marcel Proust wusste: „Man gelangt nicht dazu, glücklich zu sein, aber man macht Feststellungen über die Gründe, die uns daran hindern es zu sein.“  Fest steht: Es ist nicht Pal Dardai, es sind auch nicht Söldner wie Valentino Lazaro, die keine Lust mehr haben, ihr Millionengehalt zu rechtfertigen, wenn ihre Karawane weiterzieht, es ist auch nicht Michael Preetz, der jetzt die schwere Aufgabe hat, einen neuen, passenden Trainer zu finden (David Wagner könnte ein geeigneter Kandidat sein, aber selbst ein Jürgen Klopp oder ein Pep Guardiola würden Hertha nicht zum Meister machen können), nein, es ist ganz einfach die Tatsache, dass Geld eben sowohl Tore schießt als auch Tore verhindert..

Die Pressekonferenz, eine Zeitvernichtungsmaschine

Zeit, insbesondere die kurze Lebenszeit von uns Menschen, vergeht auch ohne große Anstrengung. Man kann die geringe Zeitspanne, die den Menschen schon bei der Geburt von seinem Tode trennt, sinnvoll verbringen (z.B. schlafen, essen, Quizduell spielen oder Fußballspiele ansehen) oder sinnlos vergeuden, z.B. sich Pressekonferenzen von Bundesligisten ansehen. Noch nie, seit die DFL in irgendeinem Kleingedruckten den Vereinen vorschrieb Pressekonferenzen durchzuführen, wurde auf einer solchen Veranstaltung auch nur ansatzweise eine vorher nicht bekannte Tatsache bekanntgegeben, mit Ausnahme vielleicht, dass ein Herr Struuunz eine leere Flasche sei, aber auch das wussten nicht nur Insider schon vorher. Für Fragen nach verletzten Spielern, der erwarteten Zuschauerzahl, ob die Mannschaft das Spiel eigentlich gewinnen wolle und ähnlichen geistvollen Ausbrüchen, benötigte man eigentlich keine Pressekonferenz, zumal die Antworten auf der Hand liegen: Der Kreuzbandriss ist nach drei Wochen noch nicht verheilt, es kommen so viele Zuschauer wie immer und das Spiel will man keinesfalls gewinnen, ein Unentschieden wäre das höchste der Gefühle. Auch die Frage nach der Taktik wird jedes Mal mit der alten Sepp-Herberger-Floskel beantwortet, dass der Journalist/die Journalistin (auch wenn keine Frau im Raum/der Räumin ist) doch bitte nach dem Spiel kommen solle, dann würde sie der Trainer gerne erklären.

Bei Pal Dardai und Michael Preetz verhält es sich nicht anders. Woche für Woche die gleiche Bekanntgabe von Bekanntem und Ausweichen bzw. Antwortverweigern bei echten Fragen.

Aber neulich gab es eine Abweichung von der großen Leerstelle: Pal Dardai antwortete noch ernsthaft auf die für einen Fußball-Bundesligisten wichtige Frage nach dem Karneval in Ungarn (nämlich dass er nicht so ausgeprägt sei wie im Rheinland, eher etwas für Schulkinder sei). Anschließend war er kurz davor zuzugestehen, in der nächsten Pressekonferenz mit einer etwas schlüpfrigen Verkleidung aufzutreten. Unter zwei Voraussetzungen: Erstens muss er noch Monika fragen, ob er das darf, was nicht allzu schwierig sein dürfte und außerdem müsste Hertha am Wochenende „richtig“ gewinnen, was ja wohl ein Sieg mit mindestens drei Toren Differenz bedeutet. Daran wird es also leider scheitern, wenn man sich die 16 Ergebnisse der Hertha gegen Mainz im Olympiastadion ansieht: Zwar stehen acht Siegen fünf Unentschieden und nur drei Niederlagen gegenüber, aber in den letzten vier Heimspielen siegte Hertha lediglich zweimal, verlor aber auch zwei Spiele. Demnach wäre jetzt ein Sieg an der Reihe, der aber erfahrungsgemäß nur mit einem oder höchstens zwei Toren Unterschied ausfällt. Der 5:0 Heimsieg von Hertha gegen Mainz datiert aus dem Jahr 1994, da war wohl Eberhard Diepgen noch regierender Bürgermeister, auch wenn es zwischen beiden Tatsachen keinerlei kausalen Zusammenhang geben dürfte.

Fazit: Pal Dardai als Piroschka auf der nächsten Pressekonferenz dürfte ein heimlicher Wunschtraum bleiben…

Macht eine Schwalbe schon den Sommer?

Endlich startet Hertha furios in eine Rückrunde, denken viele Fans nach dem souveränen Sieg beim 1. FC Nürnberg. Aber abgesehen davon, dass Hertha wieder den alten, oft gesehenen Fehler machte, sich nach einer Führung ausruhen zu wollen und den Gegner aufzubauen, muss man berücksichtigen, dass der Club keinesfalls Erstligaformat besaß. Selbst ein Zweit- und Drittligist kämpft im Pokal wenigstens und versucht das Spiel der technisch überlegenen Mannschaft zu zerstören. Davon war beim Club, für den jedes Spiel ja eine Art Pokalspiel mit k.o.-Charakter ist, nichts zu sehen. Man sollte sich also davor hüten, diesen Sieg überzubewerten. Erst wenn aus den nächsten drei Spielen gegen Gelsenkirchen, Wolfsburg und Mönchengladbach wenigstens vier Punkte geholt werden (im Vorjahr war es nur einer gegen diese Mannschaften) könnte man von einem gelungenen Rückrundenstart sprechen.

In der Saison 14/15 holte Hertha ganze 18 Punkte in der Hinrunde und dann 3 Zähler in den ersten vier Spielen der Rückserie, wovon zwei Spiele unter Dardai als Cheftrainer (der auf Luhukay  mit dem Auswärtssieg in Mainz folgte) stattfanden. 15/16 hatte Hertha 32 Punkte nach der Hinrunde, aus den ersten vier Rückrundenspieltagen wurden aber nur 3 Punkte geholt. 16/17 war das Verhältnis 30 Punkte und vier, 17/18 waren es 24 Punkte und drei. Wenn es in diesem Jahr sieben Punkte aus den ersten vier Spielen wären, könnte man davon ausgehen, dass die Rückrunde besser wird als in den bisherigen vier Serien unter Dardais Regentschaft. Auch wenn die Zahlen beim Blick in die Vergangenheit weniger wert sind, als die Prozentergebnisse der SPD unter Willy Brandt in den Sechziger- und Siebzigerjahren bei der Vorausschau auf die kommenden Landtagswahlen, kann ein gelungener Start doch so viel Selbstvertrauen freisetzen, dass eine Rückrunde mit 24 Punkten nicht unmöglich sein muss. Wenn dann nicht wieder der halbe Kader verletzt sein wird, könnte Hertha durchaus auf einen Platz in der Europa-League spekulieren. Auf die nächsten drei Spiele kommt es also an…

Wie wird Herthas Rückrunde diesmal?

In der letzten Fußball-Woche ist ein schönes Foto abgedruckt, das Salomon Kalou in einem Luftduell mit einem Gegenspieler zeigt. Wer das Spiel, aufgrund eines gehässigen Hinweises eines Freundes, am Fernsehapparat verfolgen musste, kann sich nicht erinnern, dass auch nur irgendein Herthaner einen einzigen Zweikampf in der 45-minütigen Spielzeit absolviert hat. War die erste Garnitur im sogenannten Telekom-Cup noch knapp gegen Gladbach unterlegen, so zeigte niemand, der im zweiten Spiel gegen Düsseldorf auf dem Platz stand, dass er ernsthafte Ambitionen hat, in der zweiten Saisonhälfte professionell Fußball zu spielen. Man kann nur spekulieren, woran es liegt, wenn Spieler, die doch so gerne Stunk wegen zu geringer Einsatzzeiten machen, nicht das Geringste dafür tun, um diesen Zustand zu ändern. Man kann doch nicht nur auf entsprechende Verletzungen von Mitspielern hoffen, oder, wie es Darida vorgemacht hat, durch robuste Zweikampfführung im Training, aktiv dazu beitragen. Vielleicht liegt die Nichtleistung auch am zu harten oder am zu laschen Vorbereitungstraining, wer weiß? Eventuell war das Trainingslager in der kalten Heimat Schuld. In früheren Jahren lag es allerdings an der Hitze in der Türkei, dass die Umstellung auf den deutschen Winter nicht gelang. Man kann nur hoffen, dass sich die alte Theaterweisheit von der schlechten Generalprobe und der guten Premiere bewahrheitet. So schlecht wie die Generalprobe war, müsste Hertha in Nürnberg allerdings schon zweistellig gewinnen, um die Redewendung zu verifizieren.

Wie sieht denn nun die ernsthafte Kaffeesatzleserei in Bezug auf die Rückrunde aus?

Wenn man die Vorsaison betrachtet, liegt Hertha gegen die gleichen Gegner (Absteiger gegen Aufsteiger ausgetauscht) mit acht Punkten im Plus. Würde Hertha die Ergebnisse der letzten Spielzeit wiederholen, müssten die Blau-weißen 30 Punkte holen, was dann 54 Zähler ergäbe und in jedem Fall einen Euro-League-Startplatz, im günstigsten Falle sogar ein Schnuppern an den Champions-League-Plätzen ermöglichte. Aber ist das realistisch? Dazu müsste erstmal in Nürnberg gewonnen werden, was bei aller fairen Aufbauhilfe Herthas für minderbefähigte Vereine in der Hinrunde nicht selbstverständlich wäre. Dortmund müsste zuhause geschlagen werden, Leipzig auswärts. Und in Frankfurt und heimwärts gegen Leverkusen gewinnt man auch nicht nebenbei. Es sieht also, nach objektivem Ermessen, eher nach 20 als nach 30 Punkten für die Rückrunde aus. Ein Glück nur, dass Fußball mit objektiven Maßstäben nicht zu fassen ist. Einigen wir uns gütlich in der Mitte, Hertha holt 25 Punkte und ist mit dann 49 Zählern am Ende deutlich besser als letztes Jahr. Und was will man mehr…

Die Pause geht – der Winter kommt

So sicher, wie einst das rhythmische Parteitagsklatschen nach der Rede des 1. Vorsitzenden in der DDR, nimmt auch diesmal Ende Januar, Anfang Februar mit dem Ende der Winterpause in der Fußball-Bundesliga, General Winter das Land in seinen Schwitzkasten, wobei „schwitzen“ zwar ein falsches Bild ist, die Tatsache aber trotzdem richtig beschreibt. Jeder, der sich auch nur ein kleines Bisschen in der meteorologischen Pseudowissenschaft auskennt oder auch nur das Wetter halbwegs bewusst zu verfolgen in der Lage ist, weiß, dass der Dezember in der Regel relativ mild ist (in sieben von zehn Jahren gibt es „Grüne Weihnachten“). Erst Ende Januar, Anfang Februar, wenn der Winter laut Kalender kurz vor seinem traurigen Abgesang steht, wird es so richtig kalt und eklig. Just dann, wenn wir wieder ins Stadion gehen müssen und auch dicke Socken, lange Männer und mehrere Lagen Pullover vor einem gehörigen Durchfrieren nicht schützen können, beginnt die Bundesliga mit der Rückrunde. Tendenziell hat es die 2. Liga besser gemacht: Sie beginnt eine Woche später, da sie schon ein Rückrundenspiel im Dezember absolviert hat, weil sie im schönen August bereits vor der 1. Liga gestartet ist.

Am sinnvollsten wäre es natürlich, die Saison ans Kalenderjahr anzupassen, d.h., die Saison würde im Frühjahr, Ende März beginnen, im Sommer an heißen Tagen weitgehend unter Flutlicht abends spielen und spätestens im November den Meister küren (was Bayern München ja auch mit dem aktuellen Spielplan schon fast geschafft hätte). Dieses fortschrittliche Modell hatte die verblichene DDR in den Fünfzigerjahren für einige Zeit vom großen Bruder Sowjetunion übernommen, aber nicht immer setzt sich die Vernunft durch. Das Kalendersaisonmodell würde natürlich nur funktionieren, wenn sich weltweit alle Länder anschließen würden, weil ansonsten die Wettbewerbsfähigkeit bei internationalen Meisterschaften nicht gegeben wäre. Ein Schritt in die richtige Richtung hat die FIFA aber schon vor Jahren gemacht: Die kommende Winter-WM in Katar böte geradezu an, die Saison vorher beendet zu haben und sich in aller Ruhe auf das Turnier zu freuen. Und wenn die deutsche Mannschaft ihre Leistung aus Russland wiederholen würde, könnten die Spieler trotzdem in Ruhe in der Heimat Weihnachten feiern…