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Kurzarbeit Null und die Großzügigkeit der Profis

Die Spieler von Juventus Turin aus Italiens Serie A haben gerade wegen der Corona-Krise auf vier Monatsgehälter verzichtet, was 90 Millionen Euro ausmacht. Wer die Grundschule länger als bis zur dritten Klasse besucht hat erkennt glasklar, dass die Spieler somit 270 Millionen Euro im Jahr verdienen, bzw. erhalten. Bei angenommenen 27 Spielern im Kader ergäbe das ein Durchschnittsgehalt von 10 Millionen per anno. Auch wenn es bei vielen finanziell etwas eng werden sollte, müssen die meisten Spieler nicht sofort ihre Lebensmittel bei der Tafel abholen. Wenn es doch nötig werden sollte, kann man sich durch die Schutzmaske zum Glück relativ gut tarnen. Trotzdem: Wenn die 90 Millionen für die Gehälter der Club-Bediensteten bereitstehen würden, könnten sich einige Familien weiter abends eine Flasche Rotwein leisten.

Gehen wir nach Deutschland: Dortmunds Kader verdient nach mehr oder minder offiziellen Angaben 150 Millionen Euro pro Jahr, d.h., diese (aus Juventus-Sicht) Hungerleider erhalten nur ca. fünf Millionen im Durchschnitt. Auch wenn man davon nicht wirklich gut leben kann, müssten die Spieler entsprechend dem italienischem Vorbild immerhin 50 Millionen in den Topf werfen. Davon könnten 50 Angestellte je eine Million im Jahr erhalten oder 500 Bedienstete je 100.000 Euro. Dann bekämen auch der Ticketverkäufer oder der Ordner am Eingang mal etwas mehr als den Mindestlohn. Und da man ja die Leute nicht verwöhnen soll, könnten überschüssige Beträge auch für soziale Zwecke oder den Amateurfußball verwendet werden. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Die Sache hat nur den kleinen Haken, dass zwar von vielen Spielern (zuerst von Borussia Mönchengladbach und Unions Torwart Giekiewicz) die Bereitschaft zum Gehaltsverzicht kundgetan wurde, bisher aber von niemandem auch nur ansatzweise eine Zahl (in Prozent oder absoluter Höhe) genannt wurde. Die 2,5 Millionen Euro der Nationalspieler lassen da Schlimmes befürchten. 100.000 Euro je Spieler ist zwar für den Normalverdiener fast wie ein Sechser im Lotto, für die Profis aber gerade mal ein Wochengehalt.

Glaubwürdigkeit bekämen alle Großverdiener in der Bundesliga (also auch Trainer und Manager) erst, wenn sie das Gehalt für die gesamte Dauer der spielfreien Zeit spenden würden, denn dass man für Trimm-dich-Radfahren in der eigenen Villa Geld bekommen soll, ist ja wohl kaum einem Fan zu vermitteln.

Dann, und nur dann, könnte der Dauerkartenbesitzer aus Solidarität mit seinem Verein auch darauf verzichten, den Geldanteil für die nicht im Stadion gesehenen Spiele zurück zu erhalten.

 

Noble Bayern in der Corona-Krise?

Alle Dinge haben zwei Seiten: Das Bier schmeckt am Abend so gut, der Kater am nächsten Morgen fühlt sich so schlecht an. Alles blüht in der Natur, der Allergiker verdammt die Pollen und bekommt keine Luft mehr.

Auch Corona hat nicht nur schlechte Seiten: Viele tausend Kranke und einige hunderttausende, die noch dazu kommen werden (von Toten mal ganz zu schweigen) und andererseits ein Sonnabend ohne Stress im Stadion und danach Gehetze zur Sportschau. Herrliche Entschleunigung. Jetzt genau säße ich im Stadion und würde dem hochgepushten Derby entgegensehen, von „fiebern“ wollen wir in diesen Zeiten nicht reden. Übersteht Hertha mal die ersten zehn Minuten ohne zwei bis drei Gegentore? Haben die Spieler Lust Stadtmeister zu werden oder haben sie die erbärmliche Nichtleistung aus dem Hinspiel in Köpenick schon verdrängt? Nein, ich kann auf diese Fragen gut verzichten. Von mir aus ist die Saison ab sofort beendet. Vorteile? Hertha steigt nicht ab. Und der HSV darf sich noch ein Jahr in der besten zweiten Liga der Welt ausruhen.

Ganz so absurd sind diese Gedankenspiele nicht, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Glaubt jemand ernsthaft, dass die Saison noch beendet werden kann? Man benötigte mindestens fünf Wochen, um in mehreren englischen Wochen die neun Spieltage zu absolvieren. In China gibt es jetzt nach mehr als drei Monaten keine Neuinfizierten mehr.  Auf Deutschland übertragen wäre das Anfang Juni. Aber wir sind nicht China. Bei uns gibt es noch Öffentlichen Nahverkehr als Hauptansteckungsquelle und die Partygänger sind auch noch am Feiern. Also dauert die eingeschränkte Zeit noch mindestens bis Anfang Juli. Dann könnte man die Saison verlängern, im Juli/August die Saison beenden und nach kurzer Pause Ende September wieder, vielleicht sogar mit Zuschauern, neu starten.

Aber sicher ist das alles nicht. Vielleicht gibt es im Jahre 2020 nach fast hundert Jahren wieder einmal keinen Deutschen Meister (von den Kriegs- und Nachkriegsjahren 1945 bis 1947 mal abgesehen): 1922 gab es nach zwei unentschieden endenden Endspielen zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg mit endlosen Verlängerungen bei mörderischer Hitze (Elfmeterschießen war unbekannt) keinen Meister, weil der HSV, dem der Titel zugesprochen wurde, letztlich auf die Meisterschaft verzichtete. Wie schön wäre es, wenn die Bayern nur einmal so nobel sein könnten…

Soll Preetz aus Uerdingen lernen?

Die Ultras zeigten im Spiel gegen Dortmund viele schöne Spruchbänder. Das schönste lautete zweifellos: „10 Jahre – 12 Trainer – 1 Verantwortlicher“

Abgesehen davon, dass es nicht zwölf Trainer sondern nur neun waren, sollten die Verfasser mal nach Uerdingen schauen: in 19 Monaten gab es dort acht verschiedene Trainer, weil der russische Investor offenbar etwas mehr Speed braucht als der grundsolide Preetz. Vielleicht sollte der Hertha-Manager noch ein bisschen am Geschwindigkeitshebel des Trainerkarussells drehen, damit die Ultras sehen, dass noch viel mehr geht. Das Blöde ist nur, dass das ständige Auswechseln des Trainers ja nicht im Entferntesten Erfolg hat, wie Uerdingen, der HSV oder auch Stuttgart oder Köln glanzvoll beweisen. Andererseits sind neun Trainer in 10 Jahren auch kein Pappenstiel, auch wenn, außer Freiburg, wohl jeder Bundesligist eine ähnliche Traineraustauschbilanz aufweist. Und viereinhalb Jahre Konstanz, wie zuletzt bei Dardai, zeigen ja, dass Trainer nicht aus Jux und Dollerei gewechselt werden, sondern dass es meist zwingend nötig war. Eine kleine Chronologie gefällig?

Favre war nach der verpassten Meisterschaft 2009 ausgebrannt und mental und körperlich am Ende.

Funkel wurde nach etlichen Niederlagen nicht entlassen, sondern durfte mit Hertha absteigen (nach teilweise großartigen Spielen in der „Aufholjäger-Rückrunde). Es waren vor allem die Fans der Ostkurve, die Funkel nicht in der zweiten Liga sehen wollten (wie sie ja überhaupt immer die ersten sind, die „Trainer raus“ schreien).

Babbel musste nach eineinhalb Jahren gehen, weil es Probleme außerhalb des Fußballgeschehens gab, wie alle wissen.

Skibbe war der einzige Fehlgriff des Managers, wer kann aber schon sagen, ob es mit ein bisschen Geduld nicht doch besser gelaufen wäre. Nach vier Niederlagen und einem unglücklichen Pokal-Aus durfte Skibbe zum Arbeitsamt.

Das Ein-Spiel–Gespann Widmayer/Covic überspringen wir der Einfachheit halber.

Rehhagel war von vorneherein nur als Kurzzeit-Retter vorgesehen, was er auch fast geschafft hätte, wenn Herr Stark in der Düsseldorfer Relegation nach offiziellen Fußball-Regeln gepfiffen hätte und nicht nach Provinz-Stammtisch-Regelauslegung.

Luhukay durfte aufsteigen, nicht absteigen und noch 19 Spiele lang langweiligen Fußball zelebrieren lassen und auch die Ostkurve war damals nicht unzufrieden, als er gehen musste.

Dardai stabilisierte die Mannschaft, sein Fußball war nicht immer schön, aber im Rahmen der Möglichkeiten viereinhalb Jahre lang erfolgreich.

Covic sollte ein Nachfolger mit Hertha-Gen werden, der aber das nötige Glück nicht auf seiner Seite hatte. Der einzige Vorwurf, den man ihm machen kann: Fünf Punkte zu wenig und ein hergeschenktes Derby.

Klinsmann, der neunte in der Preetzschen Trainergalerie, soll mit seinem neuen Stab diese Punkte holen, Union im Rückspiel schlagen und nach der Saison Platz machen für Nico Kovac. Es gibt keine Garantie, dass das gelingt. Wenn doch, hat Preetz insgesamt nicht so viel falsch gemacht, was die Trainerfrage angeht. Dazulernen ist natürlich nicht verboten. Aber bitte nicht von Uerdingen…

Hertha und die DFB-Justiz

Selber Schuld: Wer in einem Stadtderby so desinteressiert spielt wie Hertha am Sonnabend in der Alten Försterei, muss sich nicht wundern, wenn er plötzlich statt der erhofften Europapokalplätze einen Abstiegsplatz in unmittelbarer Reichweite verspürt. Ob der Elfmeter nun berechtigt war oder nicht, Union hatte sich den Sieg als etwas bessere von zwei schlechten Mannschaften redlich verdient. Wie man mit dieser Einstellung auch nur ansatzweise eine Chance gegen RB Leipzig haben will, können nicht mal die Fußballgötter wissen.

Jeder weiß aber, dass es von Seiten des DFB Strafen gegen Union und vor allem gegen Hertha geben wird. Dabei geht es weniger um die Unterstützung des trüben Flutlichts im Köpenicker Stadion durch bunte Leuchtfeuer auf den Tribünen (sonderbarer Weise machten die Unioner mit bei diesem Unsinn der Selbstdarstellung, eigentlich zündelt man als korrekter Ultra nur Auswärts), als um das Schießen mit Signalmunition auf den Rasen und in die Zuschauerblöcke von Hertha-Seite und den vom großartigen Union-Torwart Gikiewicz fast im Alleingang zurückgeschlagenen Platzsturm etlicher vermummter Union-Ultras. Als es den letzten Platzsturm von 50 Chaoten im Olympiastadion 2010 nach dem verlorenen Abstiegsduell gegen Nürnberg gab (keine Verletzten, 50 € Sachschaden) musste Hertha im nächsten Heimspiel auf die Unterstützung der gesamten Ostkurve verzichten. Sippenhaft also, in der normalen Rechtsprechung verboten, vom DFB kalt lächelnd verhängt: Es ging ja gegen Hertha und nicht etwa gegen Schalke. Mal sehen, wie die Strafe gegen Union ausfällt. Eine Wette, dass es keinen Zuschauerausschluss gibt, nehme ich ab sofort an.

Und die Strafe für Hertha? Den Verein für die Verbrecher, die auf Menschen geschossen haben, verantwortlich zu machen, ist rechtlich sicher problematisch. Es handelt sich ja wahrscheinlich nur um zwei bis drei verrückte oder nichtzurechnungsfähige Menschen, die aus der Gruppe der 2500 heraus die zehn bis zwanzig Schüsse abgegeben haben. Zweifellos ein Fall für Polizei und Staatsanwaltschaft und weniger für die Amateurjuristen des DFB. Und für die große Anzahl der Anhänger einschließlich der Ultras, die erkennen müssen, dass es keine Denunziation ist, die Schützen zu benennen, sondern die Aufklärung einer Straftat, einer extrem vereinsschädigenden noch dazu. Das wäre doch mal was, wenn die Täter von den Herthanern selber ausgeliefert werden würden. Wahrscheinlich ist das aber nur naives Wunschdenken.

Eine Geldstrafe kommt in jedem Fall auf beide Vereine zu. Schade um das schöne Geld…Und bei Hertha, weil es eben Hertha ist, wird es noch ordentlich was obendrauf geben…

Alles neu bei Hertha

Spielt Hertha neuerdings Eishockey? Das fragt man sich doch unwillkürlich, wenn man das Ergebnis im Pokalspiel gegen Dresden liest, nämlich 8:7. Aber natürlich waren mal wieder die Ahnungslosen am Werk, die auch Jahrzehnte nach der Einführung des Elfmeterschießens (vorher wurde gelost!) nicht verstanden haben, dass die Elfmetertore nicht zum Spiel gehören, auch in keiner Torschützenstatistik auftauchen und NUR der Ermittlung des Siegers dienen (weil man in K.o.-Spielen eine Mannschaft feststellen muss, die die nächste Runde erreicht). Sogar in Statistiken wird so ein Spiel als Unentschieden gewertet! Also muss es korrekterweise heißen:

Hertha BSC – Dynamo Dresden 3:3 n.V. (5:4 im Elfmeterschießen).

Hertha tat sich also schwer, im Pyroabgasgeschwängerten Olympiastadion. Wenn es stimmt, dass ein Beobachter die Anzahl der Pyrofeuer zählt und der entsprechende Verein Geldstrafen pro Einzelfeuer zahlen muss, ist Dynamo Dresden ab sofort insolvent.

Hertha hingegen ist alles andere als pleite, sportlich hat man sich nach den Startschwierigkeiten berappelt und das Derby gegen Union wird richtungweisend für den weiteren Verlauf der Saison sein. Ob Hertha an der Alten Försterei gewinnen kann, steht in den Sternen, ein Unentschieden ist, auch wenn man die vier Zweitligapartien zwischen beiden Teams betrachtet, das wahrscheinlichste Ergebnis. Herthas Sturm ist mit 15 Toren nach neun Partien im Soll, die Abwehr schwächelt allerdings mit bereits 16 erhaltenen Toren. Im vorigen Jahr hatte Hertha zum gleichen Zeitpunkt auch 15 Tore erzielt, aber nur 10 bekommen! Mal sehen, ob Ante Covic seinen taktischen Schachzug der letzten Spiele, einen Sechser (Skjelbred, Grujic) als zentralen „Innenverteidiger“ spielen zu lassen, beibehält. Diese interessante Maßnahme bringt zwar mehr Kompaktheit im Mittelfeld, überfordert aber die entsprechenden Sechser, die lange Laufwege haben und dadurch nicht immer rechtzeitig eingreifen können. Sowohl gegen Hoffenheim als auch gegen Dresden war vor dem jeweiligen 0:1 die Mitte nicht geschlossen und der Weg für einen Konter gähnend weit geöffnet. Jetzt, da Stark wieder fit ist und außerdem Torunarigha bereit ist, sollten, wenn mit einer Dreierkette gespielt wird, auch drei gelernte Innenverteidiger auflaufen. Aber vielleicht muss das Ganze nur besser geübt und eingespielt sein, bevor es richtig funktioniert und die Abwehr stabil steht. Wie auch immer, der Derbytipp bleibt bei einem soliden 1:1.

Hertha und die zwei Halbzeiten

1207 Spiele hat Hertha seit der Saison 1963/64 in der 1. Fußball-Bundesliga mal mehr, mal weniger erfolgreich absolviert. Davon gab es vielleicht ein Dutzend Spiele, in denen die Mannschaft von der ersten bis zur 90. Minuten begeisternden Fußball gespielt hat. Die Normalität des grauen Bundesliga-Alltags sieht anders aus: Hertha spielt eine Halbzeit grottenschlecht oder langweilig und eine Halbzeit passablen bis guten oder manchmal auch sehr guten Fußball. Nicht immer weiß man von vorneherein, ob die gerade gesehene sportliche Übung der blau-weiß-gestreiften Fußballer schon zur guten oder noch zur schlechteren Kategorie zählte. Die erste Halbzeit gegen Mainz war so ein Rätsel. Das uninspirierte Gekicke war kaum mit anzusehen, aber manchmal kommt es trotzdem noch schlimmer. Nicht so in diesem Spiel: Nach dem Eigentor unmittelbar nach der Pause ging doch noch so was wie ein Ruck durch die Mannschaft und auch ohne Weltklasseleistung gewann man noch, sodass der regelmäßig das kalte Olympiastadion Besuchende zufrieden den Heimweg antreten konnte, auch wenn er noch vor kurzem singend versprochen hatte, keinesfalls nach Hause zu gehen.

Ähnlicher Ablauf gegen Freiburg. Auch wenn die Breisgauer im Dreisamstadion schwer zu bespielen sind, ist es doch keine Übermannschaft und wenn man von vorneherein weiß, dass die Freiburger wie gedopt über den Platz rennen und pressen werden, müsste es möglich sein, dagegen ein Mittel zu entwickeln. Nichts davon in der ersten Hälfte. Dann aber, wie üblich, sah man die andere Seite von Hertha: Ansehnliches Offensivspiel, zwar kein überragendes Tempo, was auch schwer ist, wenn sich 21 Spieler in einer Spielfeldhälfte herumtreiben, aber folgerichtig das Ausgleichstor. Eigentlich hätte man nur bis zum Ende so weiterspielen müssen, um einen weiteren Auswärtssieg einzufahren, leider kam mal wieder ein Eigentor dazwischen. Pech!

In den nächsten beiden Spielen wird die Mannschaft mit nur einer guten Halbzeit nicht bestehen, denn Dortmund und Leipzig haben noch ein Ziel in dieser Saison, was man von Hertha eigentlich nicht behaupten kann. Es sei denn, der von Manager Preetz gewünschte einstellige (also neunte) Tabellenplatz wird als solches angesehen. Immerhin: Wenn man sich jedes Jahr um einen Platz steigern würde, könnten wir im Mai 2027 mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor flanieren…

Großzügige Hertha

Weihnachten ist schon lange vorbei und Ostern noch nicht annähernd in Sicht: Trotzdem meint man bei Hertha BSC, dass man sich Freunde schaffen kann, wenn man auch zwischendurch das eine oder andere Geschenk darreicht. Im Spiel gegen Werder Bremen waren es mal eben zwei Zähler, die in der 96. Minute verschenkt wurden. Erst ein überflüssiger Freistoß an der Strafraumlinie und dann ein Abfälschen von Lazaro, der wohl der einzige Mensch auf der Welt ist, der weiß, was er dort, fünf Meter vor dem eigenen Tor, gesucht hat. Im Interview erzählt er noch wutentbrannt, dass man beim Freistoß auch mal die Eier hinhalten muss, auch wenn’s weh tut. Was Eier auf dem Boden zu suchen hatten, wo der Ball lang flog, ist unklar, vielleicht dachte er doch schon an Ostern…

Die Geschenkeliste der Herthaner in dieser Saison ist lang:

In Wolfsburg am dritten Spieltag hat man kurz vor Schluss das 2:1 erzielt, um in der 90. Minute doch noch ein Tor mit Ansage zu kassieren: Zwei Punkte verschenkt.

In Düsseldorf hört man nach einem Platzverweis auf mitzuspielen, einen Punkt könnte man gegen einen damals so limitierten Gegner auch in Unterzahl holen.

In Stuttgart führt man und hat den Gegner so im Griff, dass beim Ringen längst abgebrochen worden wäre. Hertha verweigert die Arbeit im 2. Durchgang und verliert das Spiel noch: Drei weitere Pünktchen auf dem Silbertablett serviert. Dem Gegner hat’s geschmeckt.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, was Herthas sozial durchaus anerkennenswerte Spendierlaune angeht, sind das acht Punkte, die ohne Not weggeschenkt wurden. Bei also durchaus möglichen 40 Punkten (statt 32) stünde man einen Punkt hinter den Champions-League-Plätzen auf einem sicheren Euro-League-Platz an 5. Stelle.

Vielleicht sind die Hertha-Spieler ja von der Bibel-Losung überzeugt, dass Geben seliger denn Nehmen sei. Sehr ehrenhaft. Eventuell hoffen sie auch, dass gutes Beispiel Schule macht und sie in entscheidenden Saisonmomenten vom Gegner auch mal beschenkt werden. Und wenn einem nichts mehr einfällt, kann man immer noch Sepp Herberger selig zitieren: „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt!“  In Zeiten des annähernd geldfreien Sports ist das sicher auch so gewesen. Toll, wie auch junge, tätowierte Hertha-Spieler mit modischen Frisuren die Traditionen der Fünfzigerjahre hochhalten…

 

 

Wie schlägt man die Bayern?

Seit Jahren gehört sie ins Pflichtenheft für jeden Erst- und Zweitligisten: Die Rasenheizung! Gut bespielbare Plätze, unabhängig von der Jahreszeit, war die Idee, die zum verpflichtenden Einbau dieses Hilfsmittels gehörte. Dass das ein frommes Wunschdenken praxisferner Funktionäre blieb, liegt natürlich daran, dass gleichzeitig eine annähernde Komplettüberdachung der Stadien verpflichtend wurde, welche wegen der Verschattung das Wachstum des Rasens beeinträchtigt und so oftmals schon nach drei Regenspielen einen schlammähnlichen, seifigen Untergrund entstehen lässt, auf dem sich eher Rugbyspieler oder Wrestlingkämpfer*Innen wohlfühlen würden, als sensible Fußballtechniker.

Nürnberg hat am vergangenen Wochenende angedeutet, dass man, wie so oft im Leben, aus der Not auch eine Tugend machen kann. Der eine Strafraum war im Spiel Nürnberg gegen Hertha, wohl durch den Ausfall der Rasenheizung in diesem Bereich, ordentlich mit Raureif überzogen, sodass alle Spieler dort Standprobleme hatten. Zwar fielen auf der grünen Seite drei von vier Toren, aber gerade das könnte ja ein Hinweis auf die Schwierigkeiten aller Spieler, also sowohl der Angreifer als auch der Abwehrspieler sein.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob ein Spiel auch stattfinden kann, wenn ein Spielfeld ganz oder teilweise nicht mehr den heute üblichen Ansprüchen genügt? Wenn die Rasenheizung einfach mal kurz vor Spielbeginn ausfällt. Z.B. am Tag vor dem Pokalspiel von Hertha gegen Bayern München? Wenn der Boden zu hart sein sollte, könnte man ja vorsichtshalber einige Schneekanonen, die in Tirol in diesem Winter wohl nicht mehr gebraucht werden, in den Katakomben des Olympiastadions deponieren, das Spielfeld am Vortag (oder besser in der Nacht, wenn niemand zusehen kann) mit einer schönen, zehn Zentimeter hohen Schneedecke verzaubern und den Bayern ihre spielerische Überlegenheit zwar beim Schneemannbauen gönnen, ansonsten aber mit Kampf und Einsatz die Roten bremsen, wenn die Schneeschicht den Ball nicht genug bremst.

Die Frage nach der Fairness solchen Handelns stellt sich insofern nicht, als Herr Hoeneß auch noch nie durch besondere Rücksichtnahme aufgefallen ist, wenn es galt, konkurrierenden Vereinen die besten Spieler wegzukaufen, um sie anschließend auf der Ersatzbank versauern zu lassen.

Vor dem Pokalspiel sollte allerdings geklärt sein, ob ein grüner Rasen, d.h., eine funktionierende Rasenheizung, heutzutage Pflicht ist. Ansonsten geht es den Herthanern mit Sicherheit so, wie im frühen Winter 1971 im Pokalspiel gegen Gelsenkirchen, als sie sich auch im Recht wähnten (und es auch vor ordentlichen Gerichten, nicht aber vor dem DFB-Sportgericht waren), und das Spiel am grünen Tisch verloren, weil sie einen angeblich nicht spielberechtigten Spieler, Zoltan Varga, einsetzten. Damals fand der 3:0-Sieg Herthas übrigens, wenn die Erinnerung nicht täuscht, auch auf Schneeboden statt. Ganz ohne Kanonen…

Die Pause geht – der Winter kommt

So sicher, wie einst das rhythmische Parteitagsklatschen nach der Rede des 1. Vorsitzenden in der DDR, nimmt auch diesmal Ende Januar, Anfang Februar mit dem Ende der Winterpause in der Fußball-Bundesliga, General Winter das Land in seinen Schwitzkasten, wobei „schwitzen“ zwar ein falsches Bild ist, die Tatsache aber trotzdem richtig beschreibt. Jeder, der sich auch nur ein kleines Bisschen in der meteorologischen Pseudowissenschaft auskennt oder auch nur das Wetter halbwegs bewusst zu verfolgen in der Lage ist, weiß, dass der Dezember in der Regel relativ mild ist (in sieben von zehn Jahren gibt es „Grüne Weihnachten“). Erst Ende Januar, Anfang Februar, wenn der Winter laut Kalender kurz vor seinem traurigen Abgesang steht, wird es so richtig kalt und eklig. Just dann, wenn wir wieder ins Stadion gehen müssen und auch dicke Socken, lange Männer und mehrere Lagen Pullover vor einem gehörigen Durchfrieren nicht schützen können, beginnt die Bundesliga mit der Rückrunde. Tendenziell hat es die 2. Liga besser gemacht: Sie beginnt eine Woche später, da sie schon ein Rückrundenspiel im Dezember absolviert hat, weil sie im schönen August bereits vor der 1. Liga gestartet ist.

Am sinnvollsten wäre es natürlich, die Saison ans Kalenderjahr anzupassen, d.h., die Saison würde im Frühjahr, Ende März beginnen, im Sommer an heißen Tagen weitgehend unter Flutlicht abends spielen und spätestens im November den Meister küren (was Bayern München ja auch mit dem aktuellen Spielplan schon fast geschafft hätte). Dieses fortschrittliche Modell hatte die verblichene DDR in den Fünfzigerjahren für einige Zeit vom großen Bruder Sowjetunion übernommen, aber nicht immer setzt sich die Vernunft durch. Das Kalendersaisonmodell würde natürlich nur funktionieren, wenn sich weltweit alle Länder anschließen würden, weil ansonsten die Wettbewerbsfähigkeit bei internationalen Meisterschaften nicht gegeben wäre. Ein Schritt in die richtige Richtung hat die FIFA aber schon vor Jahren gemacht: Die kommende Winter-WM in Katar böte geradezu an, die Saison vorher beendet zu haben und sich in aller Ruhe auf das Turnier zu freuen. Und wenn die deutsche Mannschaft ihre Leistung aus Russland wiederholen würde, könnten die Spieler trotzdem in Ruhe in der Heimat Weihnachten feiern…

Lügen mit Zahlen

Von wegen! Die vereinte Meute der Fernsehjournalisten, Zeitungsschreiber, Radiomoderatoren, selbsternannten Experten und sogar die seriöse „Fußball-Woche“ behaupten es: Das Jahr 2018 sei das schlechteste in der Länderspielgeschichte. Das stimmt jedoch höchstens nach dem Motto, dass man nur an Statistiken nicht glaubt, die man selber nicht gefälscht hat. Oder so.

Fakt ist, dass die deutsche Nationalmannschaft sechs Spiele verloren hat, was es in der 99 Jahre währenden Länderspielgeschichte ( 111 Jahre seit 1908 abzüglich 12 Jahren Pause wegen der Weltkriege 1 und 2) wirklich noch nie gab. Aber wenn man nur ein Spiel macht, wie 1950, kann man auch nicht sechs verlieren. Selbst wenn man vier Spiele bestreitet, wie noch im Jahr 1963, ist es schwierig, sich sechs Niederlagen zu erarbeiten. Grundsätzlich gibt es heutzutage viel mehr Länderspiele pro Jahr als früher. In den ersten Jahrzehnten gab es durchschnittlich unter 5 Spiele im Jahr, in den Sechziger- und Siebzigerjahren nicht mal 10 und in den letzten dreißig Jahren ist der Schnitt auf 13 bis 14 Länderspiele pro Jahr gestiegen, was auch an der Aufblähung der internationalen Meisterschaften und deren Qualifikation liegt. Beispiel: Bei der Quali zur WM 66 benötigte die deutsche Mannschaft 4 Spiele gegen Schweden und Zypern, um sich für das Turnier in England zu qualifizieren. Heute wären dafür mindestens 10 Spiele nötig.

Aber zurück zu Jogi Löws verkorkstem Jahr 2018 (denn es ist nur Löws Seuchenjahr, nicht etwa das der Spieler, die das Tor nicht mehr treffen): Um gewissenhaft sagen zu können, ob es sich um ein schlechtes oder gutes Jahr handelt, muss man also die Zahl der Spiele im Verhältnis zur Zahl der Niederlagen betrachten. Denn wenn man 100 Spiele macht und davon nur sechs verliert, handelte es sich zweifellos um eine gute Bilanz. Und siehe da: Die Journaille hat dies auf ihrer Jagd nach Superlativen „vergessen“, weil man ja ein Ziel verfolgt, nämlich dem Bundestrainer ein möglichst schlechtes Zeugnis auszustellen. Ansonsten wüssten die Fußballexperten, dass es 11 Jahre in der Länderspielgeschichte gab, die schlechter waren als das Jahr 2018, mit sechs Niederlagen in 13 Spielen, was 46 % ausmacht. Die schlechtesten Jahre reichen von 100 % Niederlagen (1908: drei von drei Spielen) bis zu 50 % (1963: zwei von vier Spielen). 1985 war das letzte Jahr mit negativer Bilanz: 45 % Niederlagen waren nur geringfügig besser als 2018.

Das beste Jahr ihrer Länderspielgeschichte war übrigens 1950 mit 100 % Siegen. Allerdings gab es als einziges Länderspiel nur den 1:0-Sieg gegen die Schweiz…