Herthas Talentflut und die Fritz-Walter-Medaille

Die Jugendarbeit des Berliner Bundesligisten Hertha BSC bringt eine Vielzahl hochkarätiger Talente hervor. Neulich wurde die Zahl von 48 aktuellen Erst- oder Zweitligaspielern genannt, die in der Fußballakademie ausgebildet wurden. Das war nicht immer so. Man erinnert sich teils mit Wehmut, teils mit Gruseln an die Baracke, die nahe der S-Bahngleise des Bahnhofs Gesundbrunnen in einer Senke neben Schrotthändlern und versifften Autoreparaturwerkstätten angesiedelt war und über deren Eingang in blauer Schrift „Jugendabteilung Hertha BSC“ geschrieben stand. Den muffigen Holzgeruch, den das Ambiente ausdünstete, kann sich jeder selber ausmalen, der schon einmal eine Gartenlaube nach halbjährigem Winterschlaf zum Auslüften aufsuchte. Heute ist an dieser unseligen Stelle das Gesundbrunnencenter angesiedelt und die Fußballakademie befindet sich mit allem Schnickschnack auf dem Olympiagelände, wo auch die Profis trainieren. Die Frage, die sich der verwunderte Zeitgenosse stellt, ist: Warum spielen in Herthas Profiteam nur immer ein, zwei Alibinachwuchskräfte? Es gibt eine Reihe von Antworten, alle sind gleichermaßen stimmig und doch unbefriedigend.
1) Trainer und Manager reden zwar seit 15 Jahren von nichts anderem als der bevorzugten Behandlung von eigenen Talenten, doch wenn es darauf ankommt, werden trotzdem die von Auswärts verpflichteten fertigen Spieler vorgezogen.
2) Die Ablenkung durch Großstadtnachtleben und falsche Freunde dieser jungen und doch schon „reichen“ Achtzehnjährigen ist offensichtlich so groß, dass nur Ausnahmecharaktere ihr entgehen. Ein Sead Salihovic konnte nach eigenen Aussagen nur in der Provinz zum Klassespieler werden.
3) Selbst die Klassenbesten im Jugendbereich schaffen nicht immer den Sprung zum Erwachsenenbereich, eine schlüssige Erklärung gibt es für dieses Phänomen nicht.

Warten wir also mit Spannung ab, was aus Damir Bektic von Hertha BSC (U17) wird, der gerade die Fritz-Walter-Medaille in Silber erhalten hat. Diese bekommen die besten deutschen Nachwuchsspieler und eine kleine Auswahl vorheriger Preisträger zeigt nicht mehr und nicht weniger als eine Weltmeistermannschaft: Manuel Neuer, Mario Götze, Jérome Boateng, Benedikt Höwedes, Toni Kroos, André Schürrle, Julian Draxler aber auch Kevin-Prince Boateng, Lars Bender, Sven Bender, Marko Marin, oder Kevin Volland.
Mal sehen, ob der Damir Bektic in zwei Jahren einen Profivertrag bekommt und in vier Jahren in der Nationalmannschaft spielt oder ob er, wie so viele andere, in der Versenkung verschwindet und sein Name sonnabends kurz nach 18 Uhr beim Drittligaspielbericht Chemnitzer FC gegen Jahn Regensburg als Torvorbereiter genannt wird…

Ein Gedanke zu „Herthas Talentflut und die Fritz-Walter-Medaille

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.